26.09.2009

FOTOGRAFIECharme des Unperfekten

Ein Österreicher will dem Sofortbild der Siebziger zu einer Renaissance verhelfen. In einem alten Polaroid-Werk produziert er wieder Filme für die Kultkameras.
In der Warenwelt ist meist das Bessere des Guten Feind. Umso verblüffender also, wenn der angehende Fotofilm-Fabrikant Florian Kaps mit Blick auf das eigene Produkt bekennt: "Natürlich kann man mit anderen Filmen bessere Bilder machen."
Der Wiener produziert derzeit im niederländischen Enschede mit Methode Mangelhaftes - und das auf höchstem Niveau. Kaps arbeitet an der Rückkehr des Sofortbild-Films, wie ihn die Firma Polaroid jahrzehntelang hergestellt hat. Mitte der siebziger Jahre begann der Siegeszug dieser Technik in Deutschland - insbesondere nachdem sich Schauspieler Hansjörg Felmy in einer Werbekampagne für dieses noch fremde Verfahren ausgesprochen hatte.
Verblüffend und bis dahin völlig ungekannt erschien das Sofortbild-Prinzip seinen Nutzern: Nach Betätigen des Auslösers surrte ein rechteckiges Stück Fotopapier aus dem Schlitz der Kamera. Minuten später war das Foto entwickelt. Lange verdiente die Firma Polaroid sehr gut an dieser mirakulösen Apparatur. Dann kam die Digitalfotografie, und Polaroid geriet ins Schlingern.
Im Dezember 2008 meldete der Konzern Insolvenz an. Da hatte die Firma die Produktion der Sofortbild-Filme bereits eingestellt. Ein herber Schlag für die Fans der Marke. Zwar kauften ein paar findige Fotohändler riesige Restbestände des Materials auf. Dennoch herrschte rasch Knappheit und Mangel im Reich der Polaroid-Jünger.
Die schätzen insbesondere den Charme des Unperfekten an ihren Sofortbildern. Während sich Ästheten der Farbfotografie entsetzt abwendeten, delektierten sich die Polaroidianer an dem kruden Mix aus Technicolor und Überbelichtung. Viele Künstler schufen stark rot- und blaustichige Werke, indem sie ihre Bildchen im Backofen oder Kühlschrank lagerten. Beliebt war in der Szene auch die Manipulation des Schnappschusses durch Rubbeln mit dem Zeigefinger. Wieder andere klemmten sich die Aufnahme während des Entwickelns unter die Achsel.
Auch die Polizei lichtete Tatorte lange mit den Sofortbild-Knipsen ab - weil es vom Polaroid kein Negativ gibt, ist jedes einzelne Bild ein Unikat und unverfälschbar. Für die RAF mag das der Grund dafür gewesen sein, dass sie im Oktober 1977 ein Polaroid des entführten Hanns Martin Schleyer als Lebenszeichen schickte.
"Mit mehr Glück als Verstand" erwarb Kaps im vergangenen Jahr inmitten der Insolvenz-Tumulte bei Polaroid einen Teil jenes Werks, in dem bis Mitte 2008 die begehrten Filme vom Band liefen. Außerdem engagierte der Neu-Unternehmer zwölf Techniker und Chemiker aus der ehemaligen Polaroid-Crew, die im Zuge der Firmenpleite vorzeitig in Ruhestand gegangen waren.
Die Mittfünfziger schienen zunächst wenig geneigt, Kaps in seinem Treiben zu folgen. Doch der Polaroid-Fanatiker überredete die Veteranen mit einem kühnen Plan: An ihrer einstigen Wirkungsstätte sollten die Ruheständler eine Chemikalie zusammenrühren, welche die Qualität des Originals bewahrt und es gleichzeitig nicht wie ein bloßes Retroprodukt erscheinen lässt. Es war die Suche nach einer Art Wunderformel. Unter Verweis auf eine populäre Brause erläutert der Österreicher das Ziel: "Wir wollten eine besonders gereifte Cola."
Ab Januar 2010 will Florian Kaps mit der Filmproduktion beginnen. Kameras sind durchaus noch genügend verfügbar. Während insbesondere die Filme bis heute vergleichsweise teuer sind, waren die Apparate eher günstig zu haben. Häufig lagern die klobigen Geräte voll funktionsfähig in Kellern oder auf Dachböden, wie etwa die kaum verwüstliche "Land Camera 1000" mit dem charakteristischen Regenbogen und der schwarzweißen Hülle.
Konkurrent Fuji erkannte jüngst den neuen Trend und produzierte eine moderne Sofortbild-Kamera. Mit Programmen wie "Poladroid" können Freunde des Mythos ihren Bildbestand zudem mit jenem blässlich schrillen Farbschimmer überziehen, der einst das Original auszeichnete.
Von solchen digitalen Imitaten jedoch hält Kaps wenig. Er plant mit seinen Farbfilmen die ultimative Verneigung vor den Polaroid-Schöpfungen der Vergangenheit. "Von 1970 bis 1985 war diese Firma das, was Apple heute ist. Die Produkte waren unheimlich raffiniert und unglaublich schön, selbst die Verpackungen konnte man kaum wegschmeißen", schwärmt Kaps.
Umso erstaunlicher aus heutiger Sicht, dass die Verantwortlichen von Polaroid stets mit der Güte ihrer Erfindung haderten. Anfang der neunziger Jahre versuchte das Unternehmen verzweifelt, endlich jenen weißen Rahmen loszuwerden, der so typisch für Polaroid-Fotos ist. Dieses Ansinnen stellte freilich das gesamte Produkt in Frage, denn in dem dicken Balken am unteren Rand war die Entwicklungsflüssigkeit für die Sofortbilder untergebracht. "Nach zwei Jahren kam dann eine halbwegs findige Agentur darauf, dass gerade der weiße Rahmen den Erfolg des Produkts ausmacht", sagt Kaps.
Folglich wird die Neuauflage des Filmmaterials ihrem Vorgänger äußerlich weitgehend gleichen. Nur in einer Hinsicht soll sich der Wiedergänger von seinem Vorbild deutlich abheben: Anders als die zuletzt finanziell gestrandete Firma Polaroid wittert Kaps "ein extrem lukratives Geschäft". FRANK THADEUSZ
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 40/2009
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