26.09.2009

ARCHÄOLOGIERolling Stones im Indianerland

In den USA wurden Hunderte urtümlicher Steindiskusse entdeckt. Sie beweisen: Die Indianer waren Anhänger eines Massensports.
Die Muskeln eingeölt, kämpften die Boxer im antiken Olympia um Lorbeer und Ruhm. Held Siegfried war ein Meister des Weitsprungs. Den Briten, die Cricket und den modernen Fußball erfanden, galt die Körperertüchtigung als Schule des Lebens.
Doch auch die Ureinwohner Nordamerikas, sonst eher bekannt als kurzatmige Raucher von Friedenspfeifen, waren begeisterte Sportsfreunde.
Ethnologen, die im 17. Jahrhundert die Prärie bereisten, berichteten von Indianern, die "stickball" spielten, eine Art Rugby: Bis zu 1000 Leute schlugen eine mit Haaren gefüllte Lederkugel durchs Gelände. "Erlaubt", staunte ein früher Zuschauer, sei "alles bis auf Mord".
Weitaus größere Bedeutung aber hatte ein weiterer Indianersport, der nun unter Volkskundlern für eine Debatte sorgt. Für die Urvölker der Neuen Welt habe Chunkey, ein mit Scheibe und Speer ausgetragenes Spiel, einst eine gesellschaftliche Schlüsselrolle gespielt, meint Timothy Pauketat. In Massen, so der Anthropologe von der University of Illinois, traten die Uramerikaner bereits im 11. Jahrhundert zu athletischen Turnieren an.
Zentrum der Bewegung war demnach die von Palisaden umzäunte Stadt Cahokia am Oberlauf des Mississippi. Rund 15 000 Menschen wohnten in dem roten Megalopolis, fast so viele wie damals in Köln. Es gab 120 Erdpyramiden. Auf den abgeplatteten Spitzen standen Holzpaläste.
In einem der Hügel lag ein Häuptling, gebettet auf 20 000 Schneckenhäuser. Daneben fand man die Skelette von mehr als 50 jungen Frauen - allesamt erwürgt.
Obwohl sie keine Schrift kannten, betrieben die Bewohner Cahokias eine Sternwarte. Etwa ab 1050 nach Christus drängelte sich immer mehr Volk zwischen den Hütten. Der Grund: Die Leute hatten gelernt, Mais anzubauen.
Die Forscher sind sicher, dass es Kontakte zu den Maya und Azteken gab, die 2000 Kilometer weiter im Süden siedelten. Nur, wie sah die Verbindung aus? Trugen Läufer Botschaften durch den Urwald? Denkbar ist auch, dass man mit Kanus bis in die Karibik fuhr.
Auch beim Sport ist der Einfluss zu den Hochkulturen im Süden unübersehbar. Von den Maya weiß man, dass sie neben ihren Tempeln große Ballspielplätze errichteten. Dort trugen sie einen bis heute nicht entschlüsselten rituellen Wettkampf auf Leben und Tod aus.
Die Verwandten im Norden, Vorfahren von Sitting Bull und Crazy Horse, waren weniger blutrünstig - im Gegenteil. Bei ihnen diente der Sport dazu, Aggressionen abzubauen und Frieden zu stiften.
Die "neue Zivilisation" am Mississippi sei von kriegerischen Nomaden umzingelt gewesen, meint Pauketat. Deshalb hätten die Politiker eine "pax cahokiana" ersonnen: "Der Sport bildete dabei ein zentrales Element." "In der linken Hand den Speer, rechts die Chunkey-Scheibe", schreibt der Autor in einem neuen Buch, schwärmten die Gesandten bis tief ins Hinterland aus und forderten die Wilden aus den Grenzzonen zum edlen Kräftemessen auf*.
Das größte Chunkey-Spielfeld befand sich in Cahokia selbst. Es war rund 200 Meter lang und aus glattgestampftem Lehm. Auf dieser Piste drehte sich alles um den "rolling stone": einen knapp zehn Zentimeter großen Steindiskus.
Zuerst trat ein Werfer vor und rollte die Scheibe mit Wucht über die Ebene. Sie konnte bis zu 100 Meter weit kullern. Nun hatte die gegnerische Mannschaft, ausgerüstet mit Speeren, nur Bruchteile von Sekunden Zeit, um zu erahnen, wo der kleine Puck austrudeln würde. Dorthin schickten sie ihre Stöcke.
Zum Geschrei Tausender Zuschauer, die dichtgedrängt am Rand der Arena standen, sandten die Teams Wolken von Speeren durch die Luft. Wer dem Ziel am nächsten kam, erhielt den Punkt. Ledermarkierungen an den Wurfhölzern erleichterten das Ausmessen.
Völlig geklärt sind die Spielregeln allerdings nicht. Die Ureinwohner frönten zwar noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein diesem Wurfsport. Doch zu der Zeit war das Ganze bereits zur bloßen Zockerei herabgesunken.
"Die Indianer verspielen oft alles, was sie besitzen", heißt es in einem frühen Bericht: "Vom silbernen Brustschmuck bis zu den Nasen-, Finger- und Ohrringen." Manch ein Streiter verwettete seine Freiheit und endete als Sklave. Oder er beging Selbstmord.
Während der Hochblüte Cahokias im 11. bis 14. Jahrhundert dagegen ging alles noch feierlich und staatstragend zu. Die Stadtoberen hatten das ehemalige Kinderspiel gezielt zu einem völkerverständigenden Körperkult erhoben. "Chunkey wurde aggressiv zum offiziellen Sport aufgebaut", schreibt der Autor.
Grund für diese Annahme ist eine besondere Sorte von Spielsteinen. Die Forscher fanden sie im gesamten Südosten der USA. Sie sind besonders fein und schlank gearbeitet, glattpoliert und aus weißem oder honiggelbem Sandstein. Manche lagen über 600 Kilometer von Cahokia entfernt (siehe Grafik).
Und doch beweisen geologische Analysen, dass die Kuller allesamt aus Steinbrüchen nahe der Hauptstadt stammen. Dort saßen die Sportgerätehersteller, aber auch die Trainer und Funktionäre, die Chunkey zum Massenjux im Indianerland machten.
Aus fernsten Regionen rückten die Mannschaften an, um bei den großen Turnieren dabei zu sein. Eingeweiht wurden die Spiele wahrscheinlich vom König, der vom Gipfel der größten Pyramide aus das Startsignal gab.
Diese gigantische Erdkuppe, Mönchshügel genannt, ist bis heute erhalten. Die Grundfläche beträgt 300 mal 240 Meter und ist damit größer als die der Cheopspyramide.
Pauketat vergleicht die Chunkey-Meisterschaften mit "modernen Sportligen", vergleichbar denen im Fußball - es ist, als wäre damals ein FC Sioux gegen den TuS Schwarzfuß angetreten.
Der Plan, mit dem Speerspiel Feinde des Gemeinwesens zu integrieren und kulturell anzupassen, ging offenbar auf. Die erstaunlichen Städter vom Mississippiufer errichteten zwar einen Zaun aus 20 000 Baumstämmen, um ihren Ort zu schützen. Doch das hätten sie sich sparen können.
Niemand griff Cahokia je an.
MATTHIAS SCHULZ
* Timothy R. Pauketat: "Cahokia - Ancient America's Great City on the Mississippi". Viking-Adult, New York; 208 Seiten; 19,39 Euro.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 40/2009
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