26.09.2009

ARTENSCHUTZTödliche Ehre

Tiere unter Schutz zu stellen kann zur fatalen Gefahr werden. Zoologen warnen, dass eine geschützte Spezies für Wilderer nur umso interessanter werde.
Jahrtausende zog der Java-Adler ungestört über den Wipfeln des Regenwalds seine Kreise. Gänzlich unbehelligt vom Menschen jagte der Greifvogel mit der markanten Federhaube auf dem Kopf Schlangen, Echsen und Nagetiere.
"Bis in die neunziger Jahre existierten nicht mal ordentliche Fotos von dem Vogel", sagt der Biologe Vincent Nijman.
Doch dann wurde der Java-Adler plötzlich zur Berühmtheit: Zuerst erkor ihn Indonesiens Diktator Suharto zum seltenen Nationaltier, dann kam er auf die Rote Liste bedrohter Arten - "eine tödliche Ehre", sagt der niederländische Zoologe.
Denn nun muss Nijman zusehen, wie der Haubenadler immer öfter feilgeboten wird. Zoos stellen ihn aus, Sammler reißen sich um die rare Spezies, deren Bestand auf nur noch 600 bis 900 geschätzt wird.
Zwar ist jeglicher Handel mit dem Tier verboten, den Geschäftemachern drohen drakonische Strafen - "offiziell", wie Nijman lakonisch bemerkt. Aber dennoch begegnet der Forscher auf seinen vielen Reisen nach Java dem Vogel immer wieder auf den Tiermärkten. "Im Schnitt kostet ein Exemplar inzwischen 40 US-Dollar", sagt Nijman. Für einen Vogelhändler in diesem Land ist das eine hübsche Summe.
Im angesehenen Fachblatt "Oryx" kritisierte Nijman diese ungewollte Wirkung von Schutzlisten, und damit eine klassische Waffe der Naturhüter. Arten, deren Aussterben sie fürchten, setzen diese auf die Rote Liste der Weltnaturschutzunion IUCN oder, im Falle besonderer Gefährdung durch Handel, in die Anhänge des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (Cites). Doch genau diese Waffe kann sich als Bumerang erweisen. "Die Listung gilt im Kreis illegaler Händler fast wie eine offizielle Auszeichnung", klagt Nijman. Der Biologe der Oxford Brookes University fordert, ein Tier nur dann zu listen, wenn dann auch die Wilderei in jenem Land bekämpft werden kann.
Über 5000 Tierspezies finden sich mittlerweile auf den Cites-Anhängen. Diesen Oktober läuft die Frist für Artenschützer ab, neue Vorschläge für die Cites-Listung abzugeben. Im März wird darüber beschieden. In der Vergangenheit schoss in der Zeit zwischen dem Einreichen und der Konferenz der noch legale Handel hoch - um durchschnittlich 135 Prozent, so das Ergebnis einer französischen Studie.
Trotzdem brüsten sich Naturschutzverbände gern bei ihren Anhängern, wenn sie wieder einmal mit harten Kampagnen erreicht haben, dass einem Tier Schutzstatus gewährt wurde. Dass sie mitunter genau das Gegenteil bewirken, ist etwa dem World Wide Fund for Nature auch bewusst. "Für uns ist das ein Dilemma", sagt dessen Biodiversitäts-Experte Volker Homes. Und der IUCN-Biologe Jean-Christophe Vié erwidert: "Wilderer wissen doch eh besser als wir, welche Arten rar sind."
Die Schattenseite des Listens entdeckte Chris Shepherd von der Organisation Traffic auf einem Wochenendmarkt in Bangkok: Strahlenschildkröten, eine vom Aussterben bedrohte Art aus Madagaskar, waren dort ausgestellt. "Potentielle Käufer bekamen Informationen über den Rote-Liste-Status gleich mitgeliefert."
Der illegale Zehn-Milliarden-Dollar-Markt ähnelt dem Drogenhandel: Der Fänger in Madagaskar etwa erhält 1,30 Euro für eine Strahlenschildkröte, im Westen kostet sie bis zu 2000 Euro. Den Käufern gehe es um Status, so Shepherd: "Ein totales Ego-Ding eben."
Ähnliches konnte auch der Ökologe Franck Courchamp mit einem ungewöhnlichen Experiment zeigen: Er bot Menschen auf einer Web-Seite Fotos zum Anschauen an, von seltenen oder gängigen Tieren. Die Testpersonen wählten am häufigsten die seltenen, obwohl Courchamp das Herunterladen absichtlich blockierte. "Naturschützer sollten vorsichtig sein, Rarität als Argument für den Artenschutz zu benutzen", resümiert der Forscher.
Der Österreicher Max Abensperg-Traun geht noch weiter. Er hält die gängige Cites-Praxis für "eine verlogene Artenschutz-Doktrin", die oft sowohl den Tieren als auch den Menschen in den Entwicklungsländern schade. Lange Jahre hat Abensperg-Traun als Nationalpark-Ranger in Afrika gearbeitet. Ein Tier nach dem anderen wurde auf den höchsten Anhang von Cites gesetzt. Meist aber profitierte nur eine korrupte Machtelite, die mit Wilderern gemeinsame Sache machte.
Heute führt Abensperg-Traun als Vertreter des Umweltministeriums in Wien die Verhandlungen darüber, welche Tierarten wie geschützt werden sollen. "Mächtige Artenschutzorganisationen sind da am Werk", sagt er. Nicht selten würden jene Arten besonders streng geschützt, die "kuschelig" aussähen. "Das versteht der Durchschnittsbürger. Und den wollen die Verbände mit ihren Kampagnen erreichen", klagt Abensperg-Traun.
In vielen Ländern Afrikas habe der klassische Artenschutz mit Hilfe der Listen versagt. "Erfolgreich waren allein nationale Schutzmaßnahmen", sagt der Experte. Dazu allerdings bedürfe es einer gewissen Form staatlicher Ordnung, damit Wilderei wirksam bekämpft werden könne.
Vor allem müsse die einfache Bevölkerung, um zu überleben, legalen Zugang zu den Tieren haben. Abensperg-Traun fordert, was viele Artenschützer für Ketzerei halten: "Die Menschen müssen geschützte Tiere auf nachhaltige Weise jagen dürfen." GERALD TRAUFETTER
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 40/2009
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