26.09.2009

MUSIK„Vielleicht siegt die Moderne ja doch“

Alex Ross, 41, US-Musikkritiker und Autor von „The Rest Is Noise. Das 20. Jahrhundert hören“ (Piper Verlag; 29,95 Euro), über den schlechten Ruf moderner E-Musik
SPIEGEL: Mr. Ross, in allen Künsten hat die Moderne gewonnen, nur in der klassischen Musik nicht. Warum liebt jeder die abstrakten Bilder Mark Rothkos und hat Angst vor den dissonanten Klängen Karlheinz Stockhausens?
Ross: Das ist kein neues Phänomen. Die Liebe des Publikums zur Musik der Vergangenheit beginnt schon im 19. Jahrhundert. Bald nach ihrem Tod fangen Mozart und Beethoven an, Spielpläne zu dominieren. Es ist also kein Wunder, dass man zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem Neuen gegenüber skeptisch ist. Das Alte war schon damals beliebter. Das ist in Literatur und Malerei anders. Außerdem gibt es den Aufstieg von Jazz, der für viele Menschen seit den Zwanzigern Modernismus verkörpert. Im Wettbewerb mit Jazz und später Rock und Pop unterliegen die meisten modernen Komponisten, die sich in der klassischen Tradition sehen.
SPIEGEL: Das Gehör ist ein direkter Sinn.
Ross: Das spielt sicher eine Rolle. Wir sehen ganz anders, als wir hören. Dissonanzen, die man in der Musik als die Entsprechung zur Abstraktion in der Malerei verstehen kann, gehen direkter unter die Haut als etwa monochrome Farbflächen.
SPIEGEL: Die Orchestermusik des 20. Jahrhunderts gilt als kompliziert. Hat sie ein Imageproblem?
Ross: Auch. Denn ihre Stilmittel tauchen überall auf: in Soundtracks, in der populären Musik. Da stört sich niemand an Atonalität und Ähnlichem. Allerdings rücken immer mehr Werke des vergangenen Jahrhunderts in den Orchesterkanon ein. Vielleicht siegt die Moderne ja doch noch.

DER SPIEGEL 40/2009
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