26.09.2009

POPDämonen eines Dandys

Seit mehr als 20 Jahren gilt Nick Cave als eine der großen Underground-Legenden der Rockmusik. Heute führt der ehemalige Junkie ein bürgerliches Leben in einem britischen Seebad und schreibt Romane.
Es ist ein Tag, mit dem der britische Sommer sonst geizt. Der Ärmelkanal vor Brighton leuchtet, Menschen mit Haut so weiß wie Mayonnaise hasten über die Promenade, um sich einen Platz an der Sonne zu erkämpfen. Nick Cave will von alldem nichts wissen. Er sitzt im Dunklen und wartet auf einen Einfall.
So geht das jeden Morgen. Cave zieht sich einen Anzug an, verabschiedet sich mit einem Kuss von seiner Frau und steigt die Treppen seines viktorianischen Prachthauses hinunter. Am Ende der Stufen ist sein Büro. Im Keller. Kein Meer, kein Himmel, keine Promenade. Nur ein vergittertes Fenster. Und eine graue Wand.
Cave, frischgebügelt, schwere goldene Ringe an den Fingern, hält sich an seinem Tisch fest wie an einer Waffe. Der Tisch sieht aus wie eine etwas pompös geratene Dekoration aus einem Spaghetti-Western. "Ein Tisch", sagt er, "war in meinem Leben stets wichtiger als ein Bett."
Eigentlich zieht es Menschen in den Rock'n'Roll, weil sie keine Lust haben zu arbeiten. Weil sie gut darauf verzichten können, früh aufzustehen. Weil sie es verrückt finden, von neun Uhr vormittags bis fünf Uhr nachmittags an einem Tisch zu sitzen.
Cave ist jetzt 52 Jahre alt und immer noch ein großartiger Sänger. Seine Haare färbt er immer noch schwarz, obwohl sie ihm ausgehen. Er mag Tische, er mag Arbeit, er mag das, was er seine Kunst nennt. "Ich habe da ein Gefühl der Pflicht", sagt er. Es nehme zu. Jedes Jahr.
Er kam Anfang der Achtziger aus Au-stralien nach Europa. Die Konzerte seiner damaligen Band Birthday Party waren wilde Teufelsaustreibungen, wütender Krach, der das Chaos feierte und die Ekstase. Cave schrie auf der Bühne, er fluchte, er raunte, die Musik war so laut, dass sie taub machte.
Er war ein Junkie damals, manchmal flüchtete er am Wochenende aus seinen Londoner und Berliner Drogenwelten nach Brighton, wo er für ein paar Tage das Heroin durch Whisky ersetzte. Später lernte er, seine Dämonen etwas zu ordnen, seine Konzerte waren nun düstere Messen, in denen er schwerblütige Songs sang, Lieder, in denen Herzen brechen oder für immer erkalten.
Seine Fans sehen in ihm einen Dandy des Undergrounds, einen Fürsten der Finsternis, der als Grenzgänger zwischen Leben und Tod auf einem schmalen Grat balanciert und die Angst vor den letzten Dingen dadurch bannt, dass er sie willkommen heißt.
Aber auch Nick Cave hat einen Körper aus Fleisch und Blut, der altert und dem er in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich viel zugemutet hat. Er nimmt kein Heroin mehr, sagt Cave. Er lebt immer noch davon, die Songs von damals zu singen und neue zu schreiben, auf Tournee zu gehen, CDs zu veröffentlichen. Aber er schreibt eben auch Romane, in den Stunden, in denen er sich früher vom Rausch erholen musste: im Bus, wenn er von Stadt zu Stadt reist, im Hotel oder backstage, wenn er auf seine Auftritte wartet, oder hier unten im Keller seines Hauses am Strand von Brighton, dort, wo er jeden Morgen hinuntersteigt, um den Dämonen der Vergangenheit zu begegnen.
"Der Tod des Bunny Munro" ist sein zweiter Roman*; er hat schon mal Ende der achtziger Jahre einen geschrieben, aber das war noch auf Droge. In seinem neuen Buch begibt er sich auf eine Odyssee durch die Wirklichkeit eines neuen Teils der englischen Arbeiterklasse. Menschen, die ihre Abende nicht mehr bei einem Pint und Quizspielen im Pub verbringen, sondern in den Einkaufszentren bei McDonald's und in billigen Klamottenläden, Menschen, die sich ausgeplündert fühlen: "Die Regierung, der Vermieter, die Lottogesellschaft, bei der man nie im Leben was gewinnt, die Stadtverwaltung, die Verflossenen, die vielen rotznasigen Blagen, die um sie herumrennen, weil sie einfach zu doof sind, sich ein bisschen zusammenzureißen, der ganze nutzlose Scheiß, den sie in der Glotze sehen."
Caves Erzähler ist ein Vertreter, der durch England fährt und seinen Kundinnen AntiFalten-Lotionen verkauft. Er macht sich keinerlei Illusionen über seinen sinnlosen Job, aber er fühlt sich als großer Verführer, der eine Zurückweisung nicht als Entmutigung versteht, sondern als Herausforderung an seine Männlichkeit. Er schläft mit geschiedenen Frauen und mit billigen Huren, er lässt keine Gelegenheit aus, und so gibt es schließlich eine lange Liste von Fast-Food-Lokalen, in denen er Hausverbot hat, weil dem Personal seine Annäherungsversuche missfielen. "Männer sind Berge von Fleisch, die durch die Straßen ziehen auf der Suche nach Sex", sagt Cave. "Sie haben keinen Sinn für Empathie, gleichzeitig aber sind sie voller Hass, Eifersucht, Scham und Schuld."
Der Roman ist eine Reise in die Hölle, Bunny wird erniedrigt, gedemütigt und zerstört, aber er bewahrt seine verzweifelte Coolness und rast seinem Ende entgegen, ohne nur darüber nachzudenken, den
Fuß vom Gas zu nehmen. Nicht einmal der Selbstmord seiner Ehefrau lässt ihn sein Leben ändern.
Es ist Mittagszeit in Brighton, aber die Sonnenstrahlen schaffen es nicht hinein in Caves Keller. "Bunny ist auf der Flucht vor Liebe, Intimität und Verantwortung", sagt er.
Man kann Caves Roman auch als bösartig lakonische Metapher auf eine verkommene Popkultur lesen, eine Welt der Aufputschmittel, der Drogen, öder Fernsehprogramme, schlimmer Frisuren und des schlechten Sex, in der nichts zählt - außer dem nächsten Kick. Es ist, als ob Cave den Scheinwerfer auf das Milieu richtet, das früher seine Heimat war.
Nick Cave sagt, der Lebensstil des Rock'n'Roll habe ihn schon nach ein paar Jahren gelangweilt. Als er nach England kam und sich bemerkbar machen wollte, sei Musik das Beste gewesen, was ihm passieren konnte. Mädchen fanden ihn attraktiv, einige sprachen ihn an. "Das hatte es vorher nicht gegeben", sagt Cave.
Cave, der Rimbaud und Baudelaire bewundert, packte die Furcht, dass er sterben könnte, ohne etwas Wichtiges vollbracht zu haben. "Ich trug immer eine riesige Portion Panik mit mir rum, das Gefühl, dass jeder Song, den ich schrieb, mein letzter sein könnte", erzählt Cave. "Rückblickend gesehen, war es keine besonders schlaue Art zu leben."
Immer wieder versuchte er damals, loszukommen vom Heroin. Vor elf Jahren, sagt er, gelang es ihm, seither habe er nichts mehr angerührt. Nicht einmal Alkohol.
Damals, als ihn die Droge fest im Griff hatte und sein Leben im Chaos versank, verfasste Cave die melancholischsten und aufgeräumtesten seiner Schauerballaden. So wie er heute darüber spricht, waren es Versuche, Ordnung und Orientierung in seinen Alltag zu bringen.
Seit seiner Abkehr vom Heroin und seiner Heirat vor zehn Jahren mit Susie Bick, einem Vivienne-Westwood-Model, hat Cave sich eine übersichtliche Welt samt antiken Spiegeln und goldenen Engeln geschaffen. Wenn er seinen Arbeitskeller betrete, so Cave, suche er eine Welt der "Exzesse, der hochgeladenen Emotionen und der Extreme".
Dort unten hängen gerahmte Bilder von Katzen, ein Künstler namens Louis Wain hat sie im 19. Jahrhundert gemalt. Wain erkrankte an Schizophrenie und starb in einer Klinik. Hinter Caves Schreibtisch sieht man eine Kinderzeichnung, ein Mond und ein paar Sterne sind darauf, mit schwarzem Filzstift gemalt, darunter zwei Särge, in denen Knochen liegen, in Rot. "Hat einer meiner Söhne gemalt", sagt Cave. "Der Apfel fällt nicht weit von Stamm."
Cave hat Zwillinge, die Söhne sind neun Jahre alt, es gibt Leute, die sagen, er achte sehr darauf, ein guter Vater zu sein. Aber das zeigt er nicht. Das wäre uncool, zu nett, zu harmlos, zu bürgerlich. Er lebt in Brighton, weil es seiner Frau hier gefällt, sagt Cave. Er könne es überall aushalten, solange es einen Tisch zum Arbeiten gebe. Vor kurzem hatte er zehnten Hochzeitstag. Es habe ihn überrascht und gerührt. Ein Mann wie er, verheiratet, so lange Zeit.
An dem Tag war er in London in einem Tonstudio. Er hat seiner Frau Blumen geschickt und einen Brief, obwohl Brighton nur eine Stunde mit dem Zug entfernt ist. "Ich weiß", sagt Cave, aber er lasse sich nicht gern von der Arbeit ablenken. Vor 20 Jahren habe er in Berlin zu tun gehabt, als sein Kollege Blixa Bargeld ins Studio gerannt kam und schrie: "Nick, komm schnell, die Mauer fällt."
Cave schüttelte damals den Kopf und sagte: "Hau ab, Blixa, ich muss den Song fertigschreiben." THOMAS HÜETLIN
* Nick Cave: "Der Tod des Bunny Munro". Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 320 Seiten; 19,95 Euro.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 40/2009
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