26.09.2009

AUTORENMaxim und Modest

Henryk M. Broder über Maxim Billers Selbstporträtbuch „Der gebrauchte Jude“
Biller wurde 1960 als Kind russischer Juden in Prag geboren und kam mit zehn Jahren nach Deutschland. Er hat Romane, Erzählungen und Essays veröffentlicht, mit der Kolumne "100 Zeilen Hass" im Magazin "Tempo" erwarb er sich einen Ruf als Bullterrier des Feuilletons. Jetzt erscheint sein Buch "Der gebrauchte Jude", in dem er auch eine Begegnung mit SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder schildert*. Broder wurde 1946 in Kattowitz als Kind polnischer Juden geboren und war elf, als er nach Köln kam. Er lebte zehn Jahre in Jerusalem.
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Das Telefon klingelte, am anderen Ende der Leitung war eine weiche, melodische Männerstimme, die wie die Moldau unter der Karlsbrücke dahinfloss. "Ich bin in der Stadt, wollen wir uns treffen und zusammen etwas essen?" Das muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein, ich selbst war noch nicht lange in Jerusalem, gab aber gern mit meinen Ortskenntnissen an.
"'Philadelphia'", sagte ich, "es gibt nichts Besseres. Oder das 'Dolphin'". Beide Lokale lagen in Ostjerusalem. "Das ist mir zu gefährlich", sagte Maxim, "bleiben wir lieber im Westen." Der Westen der Stadt war damals kulinarisch noch nicht weit entwickelt, man ging entweder in das "Atara" oder zu "Fink's". Ich ging lieber in eine der Kaschemmen auf "Mahane Jehuda", dem Jerusalemer Markt, wo man gut und billig essen konnte, allerdings in einer recht anspruchslosen Umgebung. "Ich würde gern zu einem Italiener gehen", sagte Maxim.
Auf so eine Idee konnte nur ein Tourist kommen. Man musste entweder vollkommen ahnungslos oder ein fanatischer Zionist sein, der alles, was in Israel angerichtet wurde, automatisch gut fand, um in Jerusalem italienisch essen zu gehen. Außerdem gab es nur einen Italiener in der Stadt, das "Mamma Mia". Aber ich wollte nicht unnett sein und gab nach.
Ein paar Stunden später saßen wir im "Mamma Mia", Maxim, Itzig und ich. Itzig war mein Hund, ein Mischling, schlank, kurzhaarig, mittelgroß, den ich bei einem Spaziergang in einem arabischen Dorf gefunden und vor dem Tod durch Erhängen
gerettet hatte. Itzig war ein extrem lieber Hund, der nur eine Macke hatte. Er konnte Araber und orthodoxe Juden nicht ausstehen und bekam Tobsuchtsanfälle, wenn er in deren Nähe kam. Deswegen konnte ich ihn weder nach Ostjerusalem noch nach Mea Schearim mitnehmen, dem Viertel der frommen Juden. Aber "Mamma Mia" war in Ordnung, Itzig legte sich unter den Tisch und wartete ab.
Maxim bestellte Lasagne, ich schloss mich aus Solidarität an, obwohl ich wusste, dass eine gute Lasagne nicht koscher und eine koschere Lasagne nicht gut sein kann. Während wir auf das Essen warteten, erzählte Maxim, dass er für ein paar Tage nach Israel gekommen war, um Freunde zu besuchen. Er berichtete, wie sehr er München und vor allem das "Schumann's" vermisste und dass er sich nicht vorstellen konnte, unter Juden zu leben, das wäre so, als "wäre man den ganzen Tag mit seinen Eltern und Geschwistern zusammen", einfach unerträglich.
Ich versuchte ihm zu erklären, dass es umgekehrt sei. Für einen Juden aus der Diaspora sei Israel der einzige Ort, an dem er vergessen kann, dass er Jude ist, weil alle anderen es auch sind. Es sei gut für das Gemüt, nicht darüber nachdenken zu müssen, ob man den Antisemiten Auftrieb gibt, wenn man sich schlecht benimmt; gut, einfach nicht als Jude wahrgenommen zu werden, egal was man tut oder lässt.
Dann kam die Lasagne. Sie war, wie ich befürchtet hatte, ungenießbar.
Ich schnitt ein Stück ab, wartete, bis es abgekühlt war, schaufelte es vom Teller in die rechte Hand und summte die ersten Takte der "Hatikwa", der israelischen Hymne. Itzig kannte das Signal, richtete sich auf, seine lange Schnauze kam unter der Tischdecke zum Vorschein. Er beroch das kleine Stück Lasagne in meiner Hand und zog sich sofort wieder unter den Tisch zurück.
Maxim aber machte sich über die Lasagne her, als wäre er gerade aus einem Lager für "displaced persons" entlassen worden, und erzählte dabei, wie er sich freue, bald wieder in München zu sein, bei "Schumann's".
Unser Abendmahl kam mir wieder in den Sinn, nachdem ich Maxims neues Buch gelesen hatte, das jetzt erscheint: "Der gebrauchte Jude". Es ist ein "Selbstporträt", und wie bei jedem Selbstporträt entscheidet der Künstler, was der Zuschauer oder Leser zu sehen bekommt. In Billers Fall sind es Szenen aus seinem Leben - von den ersten Schritten als Literat bis zu den Begegnungen mit Autoritäten wie Marcel Reich-Ranicki, unterlegt mit Reflexionen über den Sinn und Unsinn des Lebens als Jude in Deutschland.
In der Erinnerung von Maxim Biller hat sich die Geschichte, wie er sie erzählt, freilich ganz anders abgespielt. Wir waren nicht bei "Mamma Mia" in Jerusalem, sondern in einem "polnischen Schnellrestaurant" in Tel Aviv, an dessen Wänden "Bilder von Menachem Begin und Ron Arad" hingen, während in der Suppe "viel zu kleine, blasse Fettaugen" schwammen. Und aus Itzig, der einer mittelgroßen Gazelle ähnelte, macht er einen "kleinen schwarzen Hund", der im Zickzack hinter mir rennt und immer wieder an mir hochspringt, was Itzig nie gemacht hätte, weil er dazu viel zu faul und zu vornehm war.
Auch die Sätze, die Maxim mir in den Mund legt ("Mein Hebräisch ist so gut wie das von Eichmann") sind frei erfunden. Aber das macht nichts, denn Maxim ist ein Literat, der in einer Welt lebt, die er sich selbst eingerichtet hat, einem Universum aus Weltschmerz, Wehmut und Wehleidigkeit. Zwar ist er nicht imstande, eine gute von einer koscheren Lasagne zu unterscheiden, dafür aber kann er wie ein Drei-Sterne-Koch schreiben. Wäre er 20 Jahre jünger, müsste sein Selbstporträt "Die Leiden des jungen Maxim" heißen; weil er aber auf die 50 zugeht, heißt es "Der gebrauchte Jude", was die Älteren unter seinen Lesern an Alain Finkielkrauts Buch "Der eingebildete Jude" erinnern wird.
Maxim Biller ist beides: gebraucht und eingebildet, im doppelten Sinne des Wortes. Gleich auf den ersten Seiten seines Buchs bringt er sich mit Thomas Mann, Woody Allen, Heinrich Böll, Peter Handke, Franz Kafka und Philip Roth in Verbindung. Er meint es mitnichten ironisch, diese Giganten sind nicht seine Vorbilder, sondern seine Verwandten. Sie sind wie er, er ist wie sie. Nur Lumpen sind bescheiden, und wer von seinen Eltern Maxim genannt wurde, kann der Vorsehung nicht aus dem Wege gehen. Ich weiß, wovon ich rede: Mein zweiter Vorname ist Modest.
Dabei schaut er nur mit einem Auge in die Welt hinaus: "Ich bin Jude und nichts als Jude, weil ich wie alle Juden nur an mich selbst glaube ... Ich bin Jude, weil ich kein Russe, Tscheche oder Deutscher sein will."
Aber Jude zu sein ist kein abendfüllendes Programm, und es waren vor allem Juden, die als "Kosmopoliten" und potentielle Verräter galten, weil sie multiple Identitäten lebten, lange bevor der Begriff "multikulti" erfunden wurde. Billers Herzenswunsch, "nichts als Jude" zu sein, ist nicht das Ticket, mit dem er auf einem Pferdewagen zurück in das Schtetl fahren möchte, wo es kein "Schumann's" und kein Kir Royal gab; es ist der Versuch, einen Grund für sein Leiden zu finden. Denn Biller leidet gern und ausgiebig. Und das ist in der Tat etwas sehr Jüdisches, das die Juden in der Diaspora von den Israelis unterscheidet, die begriffen haben, dass sie als Opfer auf das Mitleid der Welt rechnen können, aber als Täter die längere Lebenserwartung haben.
Biller ist in diesem Sinne der letzte Jude, zumindest in seiner Generation. Seine Lust am Leiden wäre unerträglich, wenn er nicht ein so unverschämt guter Schreiber wäre, obwohl ihm jede Selbstironie abgeht. "Im Zug nach München dachte ich nach. Draußen war Deutschland, und drinnen war ich." Für Sätze von solcher Klarheit verzeiht man ihm, dass er unbedingt wissen möchte, "wie es ist, nackt in einem Zug nach Osten zu stehen".
Das ist kokett, wohlfeil und unanständig, Trittbrettfahrerei zum Nulltarif. Diejenigen, die in den Osten verbracht wurden, hätten gern gewusst, wie es ist, in einem Armani-Anzug bei "Schumann's" an der Bar zu stehen. Biller dagegen ist "nie mit dem Tisch zufrieden, den man mir gibt", und er findet "es wichtig, besser Deutsch zu können als Deutsche, denn wenn es nicht so wäre, hätte ich einen schlimmen Außenseiterkomplex, aber den habe ich auch so".
Bekäme Biller den Literatur-Nobelpreis - womit er übrigens fest rechnet - würde das an seinem Komplex nichts ändern. Er käme sich weiter benachteiligt, zu kurz gekommen und verkannt vor, weil ihm der Preis viel zu spät verliehen worden wäre - wie Marcel Reich-Ranicki, der auch nach dem neunten Ehrendoktor nicht vergessen hat, dass er bei der "Zeit" nie zu einer Konferenz mitkommen durfte.
Ich habe Maxim immer ein wenig beneidet. Erstens weil er jünger, zweitens weil er größer, drittens weil er ein Literat ist, der seine Phantasie von der Leine lassen kann, während bei mir im SPIEGEL jedes Zitat von einer Dokumentarin überprüft wird. Vor allem aber, weil er eine Melancholie ausstrahlt, die Frauen unwiderstehlich finden. So etwas kann man sich nicht aneignen, so muss man auf die Welt kommen. Ich hätte auch gern Eltern wie er gehabt - gebildete und gesellige Menschen, mit denen man über alles reden konnte, und keine KZ-Krüppel, die schon ausrasteten, wenn ich mal eine Stunde zu spät nach Hause kam.
Und nun lese ich, wie unglücklich Maxim Biller mit seinem Leben ist, wie er mit sich und der Welt hadert. Und wird ihm alles zu viel, setzt er sich ans Klavier und singt ein Lied, dessen Refrain mit der Zeile endet: "I love my Leid".
Wir sind alle Kleindarsteller, die ein Spiel mit verteilten Rollen spielen. Untereinander verkracht und zerstritten, wie es sich für Juden gehört, mühen wir uns, den echten Deutschen zu beweisen, dass es ein Fehler war, uns aus der Geschichte zu entsorgen. Jeder von uns versucht auf seine Weise, der bessere Deutsche zu sein: Michel Friedman, die gegelte Nervensäge, Michael Wolffsohn, der sensible Patriot, Rafael Seligmann, der am liebsten deutsche Phantomschmerzen behandelt, Micha Brumlik, der Professor Unrat der Grünen, ich, der Pausenclown. Wir sind alle "jews on demand", jeder von uns hat sich in einer Nische eingerichtet und achtet darauf, sein Alleinstellungsmerkmal nicht zu verlieren. Ich habe es mit einer zehnjährigen Entziehungskur in Israel versucht, die bedingt erfolgreich war. Seitdem nehme ich mir jeden zweiten Monat vor, aus dem deutsch-jüdischen Zirkus auszusteigen, haue dann ab, nach Holland, Island oder noch weiter weg, nach New England oder in die Karibik.
Aber wenn ich dann lese, dass irgendein "Israel-Kritiker" sich darüber wundert, dass die Juden im Gegensatz zu den Deutschen nichts aus ihrer schrecklichen Geschichte gelernt haben, dann steige ich wieder in die Bütt, obwohl ich weiß, dass ich es ebenso gut lassen könnte. Es macht ja auch Spaß, und außerdem hab ich nichts anderes gelernt.
Ich bin sicher, Maxim Biller geht es genauso, nur dass er sich lieber zum Opfer der Umstände stilisiert, zum "gebrauchten" Juden. Das klingt ein wenig wie "missbraucht". Aber es ist nur ein literarischer Schmäh.
Maxim Biller hört es gern, wenn man ihm sagt, er sei der deutsche Philip Roth. Das ist er natürlich nicht. Aber wenn er einen Schritt zur Seite treten und sich selbst beobachten könnte, hätte er eine gute Chance, ein zweiter verzweifelter Portnoy zu werden.
* Maxim Biller: "Der gebrauchte Jude. Selbstporträt". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 174 Seiten; 16,95 Euro.

DER SPIEGEL 40/2009
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