26.09.2009

Der rücksichtsvolle Riese

Architekturkritik: Spektakuläres Design des neuen Frankfurter „OpernTurms“
Wer baut, will bleiben. Wer in die Höhe baut, will mehr: sich zeigen als einen, der wichtig ist und beherrschen kann.
Diese schlichte Psychologie hat Jahrhunderte funktioniert, vom Kirchturm des Mittelalters bis zum glitzernden Wolkenkratzer der Moderne. Sie hat den großen Städten von Chicago bis Singapur, von Frankfurt bis Shanghai, immer neue, immer höhere Obelisken der Warenwelt in ihre Zentren gepflanzt. Bis zum 11. September 2001: Der grausige Zusammenbruch der Türme des New Yorker World Trade Center hat die alte Gleichsetzung von stolzer Gebäudehöhe und Wirtschaftsmacht gründlich beschädigt.
Doch der Terroranschlag hat es nicht geschafft, diese irrationale Gleichung ad absurdum zu führen. Es wurden und werden neue Hochhäuser geplant und gebaut, auch die jüngste Wirtschaftskrise hat das archaische Turm-Fieber nur gesenkt, nicht verscheucht.
Beispiel Frankfurt am Main: Dort will die Europäische Zentralbank im kommenden Jahr mit dem Neubau des Skytower beginnen, eines ziemlich schrägen, gläsern schimmernden Doppelturms. Und dort wird in diesem Winter ein neuer steinerner Riese bezogen, das spektakulärste deutsche Bürohochhaus seit Jahren: der 170 Meter und 42 Stockwerke hohe OpernTurm des Frankfurter Architekten Christoph Mäckler. Der Bauherr, der US-Immobilienriese Tishman & Speyer, spendierte für dieses Gebäude so viel, wie auch der Skytower kosten soll: 500 Millionen Euro.
Um 15 Meter überragt der OpernTurm seinen bislang schärfsten Rivalen in der Frankfurter Skyline-Konkurrenz: die spiegelverglasten Zwillingsriesen der Deutschen Bank; sie stehen gleich nebenan und fehlen seit 1984 auf keiner Abbildung der Frankfurter Hochhausfamilie. Kann der OpernTurm, der seinen Namen der nahen Alten Oper verdankt, architektonisch der größten deutschen Privatbank Paroli bieten? Er kann. Als die Doppelturm-Anlage der Deutschen Bank vor einem Vierteljahrhundert fertig wurde, feierte die Kritik die Abkehr vom Standarddesign der hochgestellten Kiste - der Grundriss besteht aus zwei stumpfnasigen Dreiecken; die gewaltigen gläsernen Wände tragen miteinander, mit den Wolken und der Stadt diverse Spiegelspiele aus, vom Innenleben der Anlage aber geben sie kaum etwas preis. Das hieß: ja zur gläsernen Leichtigkeit im Höhenrausch der Wolkenkratzer-Moderne, aber nein zum kubischen Bauhaus-Dogma und zur Ideologie schrankenloser Transparenz.
Der von Christoph Mäckler, 58, entworfene OpernTurm geht diesen formgeschichtlichen Weg weiter, obwohl er zunächst wie ein Dementi des Nachbargebäudes wirkt: dort die glatte, hautartige Glasfassade, hier die kraftvoll modellierte Skulptur aus portugiesischem Sandstein, die sich klar zum Unterschied von Wand und Fenster sowie zum Dreiklang aus Sockel, Schaft und Krone bekennt.
Die verglasten Türme verbeugen sich vor ihrer Umgebung nur, indem sie sie spiegeln. Doch der Hüne aus Stein mildert seine Dominanz gegenüber der Alten Oper auf mehrfache Weise: Er zitiert den hellgelben Sandsteinton ihrer Fassade und wiederholt deren klassizistische Anmutung, etwa in den Arkaden des sechsgeschossigen Sockelgebäudes. Er reckt zwar keck vier eng aneinandergefügte, rechteckige Finger in den Himmel, gibt aber der Westkante des Opernplatzes ihre ursprüngliche Geschlossenheit zurück. Das Turm-Ensemble des Vorgängerbaus ließ den Platzraum unruhig ausfransen.
Was fast genauso wichtig ist: Weil der OpernTurm seine 66 000 Quadratmeter Mietfläche so konzentriert um sich versammelt und in die Höhe stemmt, konnte der Rothschildpark dahinter 5500 Quadratmeter zurückgewinnen; sie waren bisher bebaut oder versiegelt.
Mäcklers Hochhaus nimmt rundherum deutlich mehr auf den historischen Ort Rücksicht als die Deutsche Bank. Bliebe der Einwand, die traditionelle Natursteinfassade passe schlecht in eine Zeit, die am liebsten mit Stahl, Beton, Glas und Kunststoff brilliert. Mäckler wurde denn auch schon als altmodischer "Steinhansel" bespöttelt. Indes: Die Steinfassade ist erstens schön und zweitens energiepolitisch fortschrittlich. Im Vergleich zur reinen Glashaut spart sie 20 Prozent Energie für die Kühlung der Büros. Die Klimaanlage kann an frischeren Tagen ganz ausgeschaltet werden, alle Fenster lassen sich öffnen. Es grüßt die Öko-Moderne.
Ihr Naturstein-Credo, das auch das 18 Meter hohe Foyer beherrscht, suggeriert Wärme, Erdverbundenheit, was dann aber durch die strenge Symmetrie des Ganzen, etwa bei den tiefen vertikalen Einschnitten in den Mitten der Fassaden, vergeistigt wird. "Wenn ich Stein sage, meine ich Stadt, Qualität, Prestige", sagt der Architekt. Sein Vorbild ist Italien: Dort zielt die Steinfassade selten auf Protz und Schwere, sondern auf rhythmisierte Erde, auf geometrische Eleganz mit Bodenhaftung, auf den vom landschaftlich Wogenden klar getrennten Stadtraum.
Mäckler, Schüler von Oswald Mathias Ungers, möchte den abstrakten Konstruktivismus der Moderne zur ewigen Körperlichkeit des Hauses zurückführen: Sockel, Wand, Dach, Eingang, Augenfenster. Er will, wie er sagt, "das Selbstverständliche bauen". Beim OpernTurm ist das gelungen. Wer ihn zum ersten Mal sieht, fühlt sich, als träfe er einen alten Bekannten.
MATHIAS SCHREIBER
Von Mathias Schreiber

DER SPIEGEL 40/2009
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