28.09.2009

STIMMEN ZUR WAHL

Jaroslaw Kaczynski (Kaczyński), 60, polnischer Oppositionsführer, Chef der nationalkonservativen PiS
"Eine Koalition aus CDU/CSU/FDP - das ist keine neue Situation in der deutschen Geschichte. Solche Regierungen gab es schon zu Adenauers Zeiten und unter Helmut Kohl von 1982 bis 1998. Dieses Mal jedoch konnte die FDP eine stärkere Stellung erreichen als damals; die Christdemokraten können jetzt Dinge durchsetzen, die mit den Sozialdemokraten nicht machbar waren. Die Frage ist, wie sich das auf die Haltung der Bundesrepublik gegenüber Polen auswirkt. In der Politik der Vorgängerregierung war eine prorussische Tendenz zu erkennen, die von der Sozialdemokratie repräsentiert wurde."
Werner Faymann, 49,
österreichischer Bundeskanzler und Vorsitzender der SPÖ
"Die europäische Sozialdemokratie hat dann Chancen, von der Bevölkerung gewählt zu werden, wenn sie es schafft, sowohl für die Wirtschaft als auch für sozialen Ausgleich zu stehen. Die SPD konnte ihre Positionen im Wahlkampf erst sehr spät deutlich machen, Frank-Walter Steinmeier hatte zu wenig Zeit zu zeigen, was aus der Position der sozialen Gerechtigkeit heraus geleistet werden kann. Ich zolle der alten und neuen Regierungschefin, mit der mich auf europäischer Ebene gute Zusammenarbeit verbindet, große Anerkennung zu ihrem Wahlsieg."
Inge Feltrinelli, 78,
linke italienische Verlegerin
"Die Merkel ist eine tolle Kanzlerin. Zumal sie sich jetzt auch ihre Uniform zusammengebastelt hat und ganz appetitlich aussieht. Ich freue mich für diese Frau, aber es tut mir leid um die alte SPD. Es ist ein Jammer. Italien beneidet die Deutschen um rechtschaffene Politiker wie Merkel oder Steinmeier. Solche Leute gibt es hier nicht. Natürlich muss die SPD nun mit der Linkspartei zusammengehen."
Onur Öymen, 68,
Vizechef der türkischen Volkspartei und Ex-Botschafter in Deutschland
"Wir bedauern sehr, dass die SPD so viele Stimmen verloren hat, sie ist ein Freund der Türkei. Für die türkisch-deutschen Beziehungen bedeutet der Wahlausgang nichts Gutes, im schlimmsten Fall müssen wir eine neue Eiszeit erwarten. Ich befürchte auch, dass sich dieses Ergebnis negativ auf die Integrationsdebatte der Türken in Deutschland auswirken wird. Von Frau Merkel wissen wir, wie sie zu uns steht. Nun können wir nur hoffen, dass sich die FDP auf ihre liberale außenpolitische Tradition besinnt und der Türkei keine weiteren Steine in den Weg legt."
Jonathan Franzen, 50, amerikanischer Bestseller-Autor
"Es ist komisch, einen Rechtsruck in Deutschland zu erleben, kurz nachdem mein Land sich gerade in eine Richtung bewegt hat, die ich sympathischer finde - mehr nach links, hin zu mehr Staat. Das verwirrt mich. Ich habe nichts gegen Angela Merkel persönlich, aber ich habe Angst, dass die Devise für eine konservative Regierung lautet, der Wirtschaft alles zu geben, was sie will. Oder Umweltthemen zu vernachlässigen, die mir besonders am Herzen liegen. Es ist schön für einen Amerikaner, nach der Wahl Barack Obamas nicht mehr als Einwohner des unzivilisiertesten Landes der ganzen Welt dazustehen - aber ich hatte gehofft, dass die Europäer ein Jahr nach der Finanzkrise nicht einfach diese verrückte Fixierung auf immer mehr Wirtschaftswachstum übernehmen."
Karl Fürst zu Schwarzenberg, 71,
Außenminister Tschechiens bis Mai 2009
"Ein neuer Außenminister namens Guido Westerwelle ist eine große Unbekannte in der Gleichung. Steinmeier war eine verlässliche Größe, obwohl wir nicht in jeder Hinsicht einer Meinung waren. Seit Gerhard Schröder stand die SPD jedenfalls eher für eine Russland entgegenkommende Politik. Bei Westerwelle ist mir überhaupt nicht klar, welcher Meinung er in Bezug auf die Nachbarn und auf Moskau ist."
Pierre Lellouche, 58, Staatssekretär für Europa in der französischen Regierung
"Ich hoffe, dass die Kooperation zwischen Paris und Berlin nun leichter wird. Es gibt Bereiche, wo wir in Europa eine gemeinsame Politik brauchen, von der Atomwirtschaft bis zu erneuerbaren Energien. Die SPD zahlt heute den Preis für die Politik von Schröder. Das Paradoxe ist, dass die Sozialdemokraten als vielleicht Einzige in Europa Strukturreformen durchgesetzt haben, sich aber ideologisch nicht dazu bekannten."
Fjodor Lukjanow, 42, Chefredakteur von "Russia in Global Affairs", Russland
"Spätestens seit der Europawahl hat die Moskauer Elite mit einem schwarz-gelben Bündnis gerechnet. Russland hat mit den Regierungen Kohl/Genscher und Kohl/Kinkel gute Erfahrungen gemacht. Die neue Koalition mag rhetorisch näher an Washington rücken, nachdem die Amerika-skeptischen Sozialdemokraten in der Opposition sind. Aber mehr Soldaten nach Afghanistan wird auch sie nicht schicken wollen."

DER SPIEGEL 55/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 55/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

STIMMEN ZUR WAHL

  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor