28.09.2009

STIMMEN ZUR WAHL

Claus Peymann, 72,
Theaterintendant Berliner
Ensemble
"Ich habe am Wahltag Gedichte gelesen, aus Thomas Braschs Band 'Der schöne 27. September', darin gibt es einen Achtzeiler mit dem Titel 'Schlimmer Traum'. Er beginnt so: 'Die oben waren sind immer noch oben / Wer fällt wird aufgehoben / Die unten waren sind aufgestiegen / Wer unterliegen will muss siegen.' Das war auf eine andere Gesellschaft im Osten Deutschlands gemünzt, aber es trifft, finde ich, auch heute zu. Ich schwanke zwischen Resignation und Verzweiflung. Wir leben in einer ökonomischen Krise. Wir leben in einer zunehmend militarisierten Gesellschaft. Alles, wofür die 68er meiner Generation gekämpft haben, ist verlorengegangen. Eine Auseinandersetzung zwischen Künstlern und Politikern interessiert kein Aas mehr. Nun sollen Mutti Merkel und Schwiegersohn Westerwelle die von den Konzernen, von den globalen Raubtieren gemachte Krise beheben! Da lach ich mich kaputt. Ich bin ein alter Mann, ein 72-jähriger Aussteiger, aber wenn ich mir vorstelle, welche Hoffnungen meine Generation an ein anderes Europa, an eine andere Welt hatte, fühle ich mich nicht glücklich in den Händen dieser Leute. Das Gedicht von Thomas Brasch geht übrigens so weiter: 'Die schweigen wollen müssen reden / Keiner für sich Jeder für jeden / Die hassen wollen müssen lieben: / Alle ins Paradies vertrieben.'"
Nadeshda Brennicke, 36,
Schauspielerin
"Ein Traumergebnis. Ich bin ein riesiger Merkel-Fan. Wenn man sich noch mal vor Augen führt, wie sich diese Frau entwickelt hat, wie aus der grauen Maus aus dem Osten eine Weltpolitikerin geworden ist! Es gibt keinen anderen Politiker, der sich so stark verändert hat - und zwar stets zum Besseren. Deshalb verkörpert sie für mich das genaue Gegenteil von Stagnation, auch wenn ich ihre Politik nicht immer geteilt habe. Ihre Anbiederung an George W. Bush etwa fand ich zum Kotzen. Aber ihre bescheidene Art schätze ich sehr."
Katharina Wackernagel, 30, Schauspielerin
"Eine absolute Katastrophe. Ich fürchte, dass es mit Bildung, Umwelt und Frieden nicht weiter vorangehen wird. Was ich nicht verstehe, ist, dass die SPD von vornherein Rot-Rot abgeblockt hat."
Campino, 47, Sänger der Toten Hosen
"Ich trete heute, am Wahlabend, noch mit den Toten Hosen in Barcelona auf, und wissen Sie, was ich gerade mache? Ich arbeite an meinen Entschuldigungssätzen auf Spanisch, um den Spaniern zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass in Zukunft Guido Westerwelle zu ihnen gereist kommt und Deutschland vertreten wird! Wie viel muss man denn noch aushalten? Dem Mann steht die Falschheit seit Jahren im Gesicht. Aber suchen wir mal nach den positiven Dingen: Erstens, wahrscheinlich wird die Welt nach diesem Erfolg jetzt das erste ehrliche Lächeln von Westerwelle zu sehen bekommen. Zweitens habe ich endlich wieder ein klares Feindbild. Ich werde mich in Zukunft also doch wieder in Talkshows setzen müssen, und zwar mit Westerwelle, darauf freue ich mich jetzt schon. Und in der Zwischenzeit warte ich auf die historische Steuersenkung, die ja nun nächste Woche kommt."
Leander Haußmann, 50,
Film- und Theaterregisseur
"In gewisser Weise mag ich die FDP. Man darf das unter Kulturkollegen gar nicht sagen, wir leben da in einer unfreien Welt. Wenn man die FDP gut findet wie ich, kriegt man hämische SMS und wird angeschrien. Ich bin nicht der Botschafter von Herrn Westerwelle, aber ich höre dem Mann gern zu. Es klingt konkret, was er sagt. Er hat sich entwickelt und ist lockerer geworden. Die FDP ist für mich die Partei des ungeheuer hart kämpfenden Mittelstandes, des Imbissbudenbesitzers und der Boutiquenbesitzerin."
Jasmin Tabatabai, 42,
Schauspielerin
"Das Ergebnis macht mir schlechte Laune, vor allem deshalb, weil ich mich selbst gar nicht so richtig darüber ärgern kann. Doch dieser Mangel an Leidenschaft ist das Schlimmste. Ich bin in Iran geboren, und dort riskieren die Menschen ihr Leben, wenn sie für freie und demokratische Wahlen auf die Straße gehen. Bei uns sinkt die Wahlbeteiligung immer weiter. Ist das verwunderlich, wenn die Slogans von FDP und SPD fast gleich klingen? Welche Partei hatte denn gerade den jungen Leuten wirklich was zu bieten? Dieses Resultat ist genauso unsexy und langweilig wie der Wahlkampf, der dazu geführt hat. Ich kann nur hoffen, dass die Politik in Zukunft wieder an Profil gewinnt, weil es ein großes rechtes und ein großes linkes Lager gibt."
Katrin Bauernfeind, 27, TV-Moderatorin
"Ihr Ziel sei erreicht, sagt Angela Merkel. Wenn der Freudentaumel nachlässt, sollte man allerdings mal kurz drüber nachdenken, dass die Wähler bei dieser Wahl auch zum Ausdruck gebracht haben, dass sie ein wenig unzufrieden sind, insgesamt, mit der CDU - und von der SPD gar nicht zu sprechen. Angela Merkel meint, dass nun die passende Regierung zusammen sei, um das Land noch entschlossener nach vorn zu bringen. Ich habe die Zuversicht, dass im Wahlkampf genug Energie gespart wurde, um jetzt richtig loszulegen."
Inga Humpe, 53, Sängerin
"Die relativ vielen Stimmen für die Piratenpartei sehe ich zwiespältig: Auf der einen Seite würde ich die nicht wählen, andererseits besser die, als zu Hause zu bleiben."
Hellmuth Karasek, 75, Journalist
"Natürlich wird man ein wenig wehmütig, den Niedergang der SPD, einer Volkspartei mit so stolzer Tradition, zu erleben. Aber wer weiß, vielleicht sind auch die Tage der CDU als Volkspartei gezählt? Vielleicht brauchen wir überhaupt keine."
Necla Kelek, 51, Sozialwissenschaftlerin
"Ich freue mich, dass mit der Wahl von Angela Merkel die Bürger-Gesellschaft weiter gestärkt wird. Ich hoffe auf ein klares Fordern und Fördern von Integration und Verantwortung der Migranten und Muslime sowie eine Verteidigung von Grundrechten unserer säkularen Gesellschaft."
Navid Kermani, 41, Schriftsteller
"Die Debatten im Wahlkampf haben sich praktisch nur darauf beschränkt, wer die Wirtschaft schneller zum Wachstum bringt. Bildung, Umwelt, Europa, Außenpolitik spielten keine Rolle, gesellschaftliche Entwürfe, eine Vorstellung davon, wie wir leben wollen, schon gar nicht. Von solcher Inhaltsarmut profitieren natürlich diejenigen Parteien, von denen man ohnehin keine Vision erwartet. Die Rechte kann ohne Utopien leben, die Linke nicht. Insofern ist das Ergebnis einer FDP, die nur noch für Marktliberalität steht und nicht mehr für eine liberale Gesellschaft, zugleich grotesk und folgerichtig. Wieder ist ein großes europäisches Land an die Rechte gefallen."
Ulrich Khuon, 58, Intendant des Deutschen Theaters Berlin
"Die Perspektive einer Großen Koalition, die offensichtlich viele als langweilig empfanden, würde ich anders interpretieren: als konstruktive Form, in einer großen Krise entscheidende Schritte zu gehen und dies dann ohne Konfrontation in den Wahlkampf zu tragen. Mich hat das überzeugt, und ich dachte, dass das möglicherweise auch eine Mehrheit so sieht, dass man in einer schwierigen Phase eine starke Mitte braucht. Jetzt werden wir eine Regierung haben, in der die linkeste Position wahrscheinlich die Kanzlerin selbst einnimmt."
Bodo Kirchhoff, 61, Schriftsteller
"Ich bin sicher, dass wir zu völlig anderen Ergebnissen kämen, wenn Wählen Pflicht wäre. Andererseits muss Wählen als Privileg verstanden werden, das man sich erst verdienen muss, indem man ein Minimum an politischer Kenntnis und Bildung nachweist. Dass jemand 18 Jahre alt ist, reicht da nicht aus. Als ich heute auf eine freie Wahlkabine wartete, rief von dort jemand: 'Was soll ich eigentlich machen?' Pflicht und Privileg: Es ist mir klar, dass darin ein Widerspruch liegt, und den kann ich auch nicht auflösen. Es ist ein Dilemma, und darüber müsste man reden."
Amélie Niermeyer, 43, Theaterintendantin in Düsseldorf
"Angela Merkel war in den vergangenen vier Jahren eine erstaunlich gute Kanzlerin. Für die Kultur ist eine konservative Regierung nicht schlecht, das weiß ich aus meiner Zeit in Freiburg und Frankfurt, wo ich als Kulturschaffende unter grünen Politikern gearbeitet habe. Aber man soll nicht bloß an den eigenen Vorgarten denken, für das Land hätte ich mir eine stärkere SPD gewünscht."
Richard David Precht, 44, Publizist
"Ich glaube, dass es in Deutschland keinen nennenswerten Politikwechsel geben wird. Die FDP kommt in genau dem Moment in die Regierung, wo sich ihr Versprechen von Steuersenkungen nicht einhalten lässt. Die nächsten vier Jahre werden vermutlich geprägt von höherer Arbeitslosigkeit und sinkenden Steuereinnahmen. Dazu kommt die Schuldenlast. Im Zweifelsfall wird man sagen, dass man das vorher alles nicht so schlimm vermutet hätte ..."
Frank Schätzing, 52, Bestsellerautor
"Jetzt fährt der Karren immerhin wieder in eine Richtung und nicht in zwei gleichzeitig. Ich hoffe nur, dass Frau Merkel und Herr Westerwelle in der Zukunft mehr in Forschung und Bildung investieren werden. Ansonsten können wir nämlich - wenn China und Indien weiter so performen - hier in zehn Jahren die Lichter ausknipsen. Good Luck, Angie."
Ingo Schulze, 46,
Schriftsteller
"Es kommt ja nicht überraschend. Trotzdem frage ich mich fassungslos, was eigentlich noch passieren muss, damit dieser neoliberale Kurs als falsch, als verhängnisvoll für die Gesellschaft und die Umwelt erkannt wird. Die nächsten vier Jahre werden dieses Land ökonomisch und sozial weiter polarisieren. Für diejenigen, die man als die sozial Schwachen bezeichnet, wird es bitter werden."
Ulrich Wickert, 67, Journalist
"Die SPD wird nicht inhaltlich, aber personell umrüsten. Sie wird sich der Linken gegenüber öffnen, um nach den Ländern auch im Bund eine rot-rot-grüne Perspektive zu ermöglichen. Die CDU ist endgültig in der Sozialdemokratie angelangt, was ein Erfolg von Rüttgers und Merkel ist. Sie hat damit auf der marktliberalen Seite Platz eingeräumt, wo nun die FDP zeigen kann, ob sie dort das Profil gewinnen kann, das ihr unter Kohl nicht ermöglicht wurde."
Sido, 28, Rapper
"Ich habe mich zuletzt extrem mit Politik beschäftigt, und je mehr ich das getan habe, desto wichtiger wurde mir die Wahl. Wenn Freunde mir mit Piratenpartei oder so kamen, wurde ich echt sauer. Was soll das denn? Mir war klar, dass das Rennen bei den großen Parteien gelaufen war. Wer hat denn noch an Steinmeier geglaubt? Verstehe ich nicht, wie man da jetzt enttäuscht sein kann. Nein, es ging um eine starke, aufmüpfige Opposition. Und die bisherigen Oppositionsparteien haben historische Höchstergebnisse. Das freut mich. Und die besten, die aggressivsten Zwischenrufe im Parlament kamen immer von der Linkspartei. Darum habe ich die gewählt. Es hat sich gelohnt. Für mich funktioniert Politik."
Annette Dasch, 33, Sopranistin
"Ich hatte gehofft, dass wir um Herrn Westerwelle als Außenminister herumkommen. Das schlechte Abschneiden der SPD führe ich darauf zurück, das es in dieser Partei zu wenig Menschen mit starkem Charakter gibt. Mir fehlen markante Typen wie Otto Schily oder Peter Struck, die dem neuen Bundestag nicht mehr angehören werden. Ich sehe im Moment niemanden nachwachsen."
Christoph Schlingensief, 48,
Regisseur
"'Mach mir nicht den Westerwelle.' Das sagen wir am Theater, wenn ein Schauspieler nicht authentisch ist. Westerwelle ist die unauthentischste Persönlichkeit, die mir je untergekommen ist. Nach diesem Abend graut es mir. Westerwelle demnächst in Israel? Der Mann, der mit Möllemann gemeinsame Sache gemacht hat? Ein Herumhüpfer. Mit ihm werden wir doch nicht ernst genommen. Wieso kann eine Partei, die Deregulierung propagiert, von so vielen Ahnungslosen gewählt werden? Das Land versucht die Finanzkrise und die dadurch entstehende Armut mit Sprüchen wie "Deutschland kann es besser!" zu übermalen. Um aber die, die durch so eine Wahlentscheidung demnächst aus der Gesellschaft herausfallen, zu schützen, muss die Kunst ab jetzt zu wesentlich radikaleren Maßnahmen greifen! Die Leute immer wieder zu fragen, was sie tatsächlich können, was sie sich selber zutrauen, dafür ist die Kultur da, nicht die FDP."
Thea Dorn, 39, Publizistin
"Ich bin doch überrascht. Wir haben jetzt wieder die Koalition, die in der Geschichte der Bundesrepublik bisher am längsten regiert hat. Es ist also nicht so, wie viele vorher prophezeit haben, dass die Zeit der zwei großen Lager vorbei ist: eines bürgerlichen und eines wie auch immer gearteten linken. Trotzdem ist die neue Koalition nur auf den ersten Blick eine Neuauflage. Die schwarz-gelbe Mehrheit wird, davon bin ich überzeugt, auch sozialdemokratische Vorstellungen vertreten. Deshalb glaube ich nicht, dass nun ein eiskalter neoliberaler Marktwind durchs Land brausen wird. Wichtig ist jetzt, dass auch im Bundesrat Verhältnisse herrschen, die die neue Regierung nicht blockieren."

DER SPIEGEL 55/2009
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