05.10.2009

FDPDer Ungemochte

Guido Westerwelle ist der Politiker der schrägen, schrillen Auftritte. Nun wird er mit seinen Entscheidungen in das Leben von Millionen eingreifen. Was hat ihn zu dem gemacht, der er ist?
Er muss sich jetzt beherrschen, er darf nicht breit lachen. Ein feines Lächeln, mehr gestattet sich Guido Westerwelle nicht, als er aus dem Sitzungssaal kommt. Eben hat ihn die Fraktion der FDP zum Vorsitzenden gewählt, einstimmig. Es ist ein weiterer Triumph, aber er will damit nicht protzen. Westerwelle will jetzt ein Staatsmann sein.
Er tritt vor die Presse und faltet die Hände, seine Krawatte schimmert mattgold. Zwei Tage zuvor, am Sonntag, hat die FDP bei der Bundestagswahl ihr bestes Ergebnis aller Zeiten geholt, gestern hat er sich mit Angela Merkel getroffen, seiner künftigen Koalitionspartnerin. Ob es bei dem Treffen Champagner gab, fragt eine Journalistin. Westerwelle schaut ernst und sagt: "Es gab Tee."
Er redet von der Verantwortung, der er sich bewusst sei. Die FDP wolle bei den Koalitionsverhandlungen "ruhig und beharrlich" auf ihr Programm setzen. Dann bricht er auf, jemand aus der Fraktion trägt ihm seinen Blumenstrauß hinterher. "Ach, meine Blümsche", sagt Westerwelle und rauscht davon. Als er mit seinen Leuten am Lift steht, weit weg von den Journalisten, hört man von dort schallendes Gelächter.
Es gibt derzeit keinen deutschen Politiker, der in der Öffentlichkeit ruhiger und seriöser auftreten will als Guido Westerwelle. Er wird Vizekanzler und voraussichtlich Außenminister der Bundesrepublik werden, und er tut gerade so, als sei niemand besser dafür qualifiziert als er, Westerwelle.
Er tut dies auch, weil er weiß, dass es Zweifel daran geben könnte, ob dies wirklich so ist. Weil er weiß, dass er mal als Spaßpolitiker verschrien war, dass er von einer Rolle in die nächste gewechselt ist. Alles Klischees, sagt Westerwelle dazu, aber er hat sie geprägt.
Wenn Guido Westerwelle sich gerade einmal nicht in Selbstzucht übt und frei daherredet, denkt man an einen Christbaum, der geschmückt ist mit Lametta und roten Äpfeln und in Flammen steht. Es zischt, knistert, glüht und leuchtet.
Das ist der Mann, auf dem gerade die Hoffnungen von fast 15 Prozent der Wähler ruhen. Er wird demnächst einer der wichtigsten Menschen dieses Landes sein und mit seinen Entscheidungen in das Leben von Millionen eingreifen. Vielen ist unbehaglich bei diesem Gedanken. Er ist noch immer eine Persönlichkeit, die einem schräg vorkommen kann. Was hat ihn dazu gemacht? Welches Leben hat er gelebt, dass er der wurde, der er ist? Und was ist deshalb von ihm zu erwarten?
Guido Westerwelle wird am 27. Dezember 1961 in Bad Honnef nahe Bonn geboren. Die Eltern trennen sich, als Guido neun ist. "Das waren schwierige Jahre", erzählt Westerwelle seinem Biografen Majid Sattar, "das ist nicht schön, wenn man in diesem empfindlichen Alter ist." Die Eltern streiten sich um das Sorgerecht, mal leben die Söhne hier, mal dort. Es dauert eine Weile, bis sich alle vier entschließen, beim Vater zu wohnen.
Guido wird ein dickliches Kind und sackt in der Schule ab. Im ersten Jahr scheitert er am Gymnasium und landet auf der Realschule. Die Atmosphäre dort sei familiär gewesen, sagt sein ehemaliger Mathematiklehrer Eberhard Brennecke, "und ziemlich liberal". Doch Guido eckt an.
Brennecke muss immer wieder Kollegen beschwichtigen, die mit dem neuen Schüler nicht klarkommen, weil er vorlaut ist und auf seinem Standpunkt herumreitet. Er diskutiert um Noten, für sich, aber auch für andere. "Er hatte eine große Klappe", sagt Brennecke, "die war vielen lästig."
In den Erzählungen des Politikers Westerwelle werden die Realschuljahre zunächst nicht vorkommen. Er, der Promovierte, empfindet sie als Manko. Schließlich findet er einen Weg, damit umzugehen: Er deutet die Zeit ins Positive um. Auf der Realschule, sagt Westerwelle heute, habe er Gott sei Dank Ruhe gehabt vor 68er-Lehrern und verwöhnten linken Akademikerkindern.
Die trifft er auf dem Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium in Bonn, auf das er nach der Realschule wechselt. Hier keimt seine Abneigung gegen das linke Establishment, die sich später zu Hass gegen Grüne und Sozialdemokraten auswächst. Westerwelle hat es schwer am Gymnasium. Als ehemaliger Realschüler muss er kämpfen um gute Schulleistungen und die Anerkennung der langjährigen Gymnasiasten, oft erfolglos. Bei der Wahl zum Stufensprecher landet er mit Abstand auf dem letzten Platz.
Viele Mitschüler verachten Westerwelle, der dauernd versucht, sich mit frechen Wortmeldungen in den Vordergrund zu drängen. Jede Bühne ist seine: die Theater-AG, das Amphitheater auf der Klassenfahrt, die Schülerzeitung "Ventil", deren Chefredakteur er wird. Unter den Mitschülern kursiert bald ein "Schwarzbuch Westerwelle", in dem seine nervigsten Sprüche gesammelt sind.
Er wird Popper, trägt bordeauxfarbene Jeans und Hemden, dazu einen Pilotenkoffer. Die Mitschüler, die ihr Zeugs in Jutetaschen verstauen, lästern über ihn. An der Uni in Bonn, wo er sich nach dem Abitur für Jura einschreibt, sucht er neuen Anschluss. Die Junge Union ist dem 18-Jährigen zu spießig, mit den kollektivistischen Ideen der Roten kann er nichts anfangen, die Grünen sind ihm schon habituell fremd.
Westerwelle, der Sohn selbständiger Anwälte, findet es ungerecht, dass Leute etwas fürs Nichtstun bekommen sollen. "Leistung muss sich lohnen" ist schon damals sein Mantra. Es führt ihn zu den Jungen Liberalen (Julis).
Seine politische Karriere beginnt mit Bäumen. Als Bonner Kreisverbandsvorsitzender der Julis verhindert er 1981 die Abholzung des Baumbestands an der Poppelsdorfer Allee. Im November reist Westerwelle zum Bundeskongress der Julis nach Mainz. Sein Kreisverband drängt ihn, für das Amt des stellvertretenden Bundesvorsitzenden zu kandidieren. Doch Westerwelle ist skeptisch. "Meint ihr wirklich, dass ich das kann?", fragt er im kleinen Kreis.
Die Delegierten verweigern ihm die Zustimmung. Zu altklug kommt er daher, und hinter vorgehaltener Hand stören sich manche an seiner sexuellen Neigung.
Mit seinem Schulfreund Werner Hümmrich hat er früh und offen über seine homosexuelle Neigung geredet, manchmal übernachten Jungs mit Westerwelle im Haus seines Vaters. Aber das gesellschaftliche Klima der Bundesrepublik ist zu Westerwelles Jugendzeit noch ziemlich vermieft. Er lernt, dass er sein Schwulsein besser verbirgt. Er will nicht wieder ausgegrenzt werden. Er will gemocht werden und Erfolg haben.
Als Westerwelle 1981 auf dem Juli-Bundeskongress im ersten Wahlgang nicht die erforderliche Mehrheit erzielt, will er aufgeben. "Ich kann das nicht", sagt er zu seinem Mentor Hartmut Knüppel, der das Amt des Vizevorsitzenden bis dahin bekleidet. "Du kandidierst noch mal", bestimmt Knüppel, der eine Brandrede für ihn hält. Westerwelle wird gewählt.
In der politischen Welt, die er sich ausgesucht hat, ist er meist der Jüngste, auch das macht ihn angreifbar und lässt ihn mitunter zaudern. Zwar lernt er, sich zu panzern, er entwickelt ein Außenselbst, das keck nach der Macht strebt. In seinem Inneren aber hinterlassen die frühen Misserfolge Spuren. Immer wieder zweifelt er, ob er der nächsten Aufgabe gewachsen ist.
Mit 21 Jahren wird Westerwelle Juli-Bundesvorsitzender. Drei Jahre später, 1987, will er in den Bundestag. Weil es in Bonn keinen Platz für ihn gibt, weicht er auf den Wahlkreis Bielefeld aus. Doch die Westfalen wittern Dünkel, Westerwelle bekommt einen schlechten Listenplatz und geht leer aus. Niederlagen wie diese machen ihn verbissener und ängstlicher. Immer wieder Ermunterung, immer wieder Zweifel. 1990 bewirbt er sich in Bonn um einen Direktwahlkreis und scheitert erneut, diesmal schon an der parteiinternen Gegenkandidatin.
"Er hatte keine Mentoren in der Partei", sagt sein Vertrauter Hartmut Knüppel. Westerwelle ist meistens auf sich allein gestellt, ausgeschlossen vom Machtkern der Partei. Er muss die Öffentlichkeit suchen, er kämpft dagegen, vergessen zu werden. Westerwelles Drang in die Medien hilft ihm, in den schwierigen Jahren nach 1990 im Gespräch zu bleiben.
Im Superwahljahr 1994 kommt er wieder ins Spiel. Zwar misslingt ihm zum dritten Mal der Einzug in den Bundestag, aber nach desaströsen Niederlagen bei Kommunal- und Landtagswahlen muss der damalige FDP-Parteivorsitzende Klaus Kinkel den Posten des Generalsekretärs neu besetzen. Auf dem turbulenten Parteitag von Gera wählen die Delegierten Westerwelle zum Generalsekretär. Ein Amt zum Krakeelen, er läuft zur Hochform auf.
Es beginnt die Guido-Schau. Der Presse gibt er, wonach sie vermeintlich giert: Homestorys, Privates. Westerwelle erzählt vom Lieblingsitaliener und dem Urlaub in Venedig. Seine Homosexualität erwähnt er nicht. Es ist ein seltsames Spiel, das er mit den Medien treibt. Er will sich darstellen und gleichzeitig verstecken. Eine Freundin habe er nicht, sagt Westerwelle. Er kokettiert damit, dass er noch zu haben sei. Zehn Jahre lang wird er mit dieser Schizophrenie leben.
Vor der Wahl 1998 hofft er, ins Bundeskabinett einzuziehen. Aber die Macht geht an Rot-Grün. Nach außen gibt Wester-welle weiter den Polterer. Innerlich verfällt er in Apathie. Seine Partei, die fast drei Jahrzehnte ununterbrochen mitregiert hat, liegt nach dem Machtverlust in einer Schockstarre. Westerwelle sucht nach Orientierung, nach neuen Ideen. Im Jahr 2000 holt sein parteiinterner Rivale Jürgen Möllemann mit einem verwegenen Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen fast zehn Prozent für die FDP. Westerwelle ist fasziniert.
Im Mai 2001 drängt er den FDP-Vorsitzenden Wolfgang Gerhardt aus seinem Amt. Westerwelle will die FDP zu einer Protestpartei der Mitte machen, gleich weit entfernt von Rot-Grün und der Union. Sein Vorbild ist der niederländische Rechtspopulist Pim Fortuyn. Dieser sorgt in seiner Heimat mit scharfen Angriffen gegen den Islam für Aufsehen und kann eine wachsende Zahl von Anhängern hinter sich scharen. Fortuyn, der ein Jahr später ermordet wird, war Homosexueller und begründete seine Ablehnung des Islam auch mit der Schwulenfeindlichkeit vieler Muslime.
Westerwelle interessiert die Idee, mit einer liberalen Begründung Ressentiments zu wecken und politisch zu nutzen. Er verbündet sich mit Möllemann. Der hat das "Projekt 18" ersonnen, ein damals größenwahnsinniger Anspruch, 18 Prozent der Stimmen für die FDP zu holen. Das Projekt hat viele alberne Ausprägungen wie das "Guidomobil", mit dem Westerwelle im Wahlkampf durchs Land reist. Es hat aber einen ernstgemeinten Kern. Die FDP soll eine mittelgroße Partei werden. Und es geht darum, Tabus zu brechen. Und wenige Dinge sind in der deutschen Politik so tabu wie der Antisemitismus.
Die beiden äußern sich nicht offen antisemitisch. Das hätte die FDP nicht zugelassen. Aber Möllemann bekundet Verständnis für palästinensische Selbstmordattentäter. Er will den wegen antisemitischer Äußerungen auffällig gewordenen Grünen-Politiker Jamal Karsli in die FDP locken. Und er wirft dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, vor, dieser trage mit seiner Art zum Antisemitismus bei.
Westerwelle sagt über Friedman, dieser habe "kein höheres moralisches Recht" in der Debatte. Auf die Frage über sein Verhältnis zur NS-Vergangenheit sagt er ausgerechnet bei einem Besuch in Israel: "Wir wollen Fragen anders stellen und Antworten anders geben." Was das heißen soll, lässt er offen.
Der frühere FDP-Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher hat bald genug und fordert ein Ende des populistischen Kurses. Möllemann ist im Parteivorstand zunehmend isoliert. Westerwelle muss sich von ihm distanzieren, um seine eigene Position zu retten. Das "Projekt 18" schleppt sich einige Monate dahin, bis es leise beendet wird. Möllemann nimmt sich im Juni 2003 bei einem Fallschirmsprung das Leben, das Hauptmotiv ist eine Spendenaffäre.
Westerwelles Freunde behaupten heute, Möllemann habe ihn mit Täuschungen auf das Gebiet des Widerlichen gelockt. Er hat diese Episode fast vergessen machen können, es ist nur noch der Spaßteil in Erinnerung, das "Guidomobil", der Auftritt bei "Big Brother", Fotos beim Beachvolleyball.
War das ein Rollenspiel oder ein Blick auf den echten Westerwelle? Sein Deutschlehrer Helmut Lennarz sagt, der "18 Prozent"-Westerwelle, der "Guidomobil"-Westerwelle, der sei ihm vertraut gewesen, der habe ihn an seinen Schüler erinnert.
In der zweiten Regierungszeit von Rot-Grün findet Westerwelle seine ideale Rolle und bedient den neoliberalen Zeitgeist, indem er lauthals den Sozial- und Steuerstaat bekämpft. Doch Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer verweigern ihm die Augenhöhe. Sie juxen und feixen auf der Regierungsbank, während Westerwelle im Bundestag redet. Es ist die hohe Zeit jenes "ranzigen Machismo", von dem Gustav Seibt jüngst in der "Süddeutschen Zeitung" geschrieben hat.
Angela Merkel leidet genauso darunter wie Westerwelle. Auch sie wird von den breitbeinigen Testosteron-Politikern Schröder und Fischer nicht ernst genommen, aber am Ende ist es CSU-Chef Edmund Stoiber, der das damalige Ressentiment gegen die beiden in ein Wort gießt. Er nennt sie "Leichtmatrosen".
"Die Ungeliebten" hätte es damals besser getroffen. Merkel und Westerwelle, die Kanzlerin und der kommende Vizekanzler haben frappierend ähnliche Lebensrollen gespielt. So wie Westerwelle seine Homosexualität lange verborgen hat, konnte Merkel ihrer inneren Distanz zum DDR-System keinen Ausdruck geben. Beide haben die Bewachung eines Kerns ihrer Persönlichkeit eingeübt. Und beide mussten lernen, damit zu leben, dass sie nicht gut ankommen in der Öffentlichkeit und einem größeren Teil ihrer Umgebung. Westerwelle wurde als Homosexueller diskriminiert und Merkel als kinderlose Ostfrau in der altmännlichen West-CDU. Zudem sind beide vertraut mit schmerzlichen Sätzen über Äußerlichkeiten. Es gibt unzählige böse Worte über ihre Gesichter.
Weder Merkel noch Westerwelle werden in ihren Parteien geliebt. Sie sind zum Erfolg verdammt, nach einer Niederlage würden sie abgestoßen. Wie soll einer sicher auftreten, wenn ihm nie Sicherheit gewährt wird? Das zeigt sich nun.
Der einen verrutschten oft die Worte und Gesichter, der andere findet schlecht den richtigen Ton und die richtige Lautstärke. Aber die beiden verstehen einander. Die gemeinsamen Erfahrungen schweißen zusammen.
Merkel hat als Kanzlerin die süße Erfahrung Beliebtheit gemacht und an Sicherheit gewonnen. Westerwelle will ihr nun in die Regierung folgen, doch damit sind auch die Wonnen der Opposition vorbei. Die Opposition ist der ideale Ort für das Rollenspiel. Opposition macht man mit Worten und Gesten, es ist ein Fabelreich, in dem sich alles fordern und behaupten lässt. Wer regiert, kann auch spielen, aber hin und wieder muss er handeln, muss er sich entscheiden und wird kenntlich dadurch.
Vor dieser Schwelle steht nun Westerwelle. Er hat hohe Erwartungen geweckt bei seiner Klientel, die der Staatseingriffe und der sozialen Abfederungen überdrüssig ist. Sie will, dass Westerwelle den Staat stutzt.
Bei den Koalitionsverhandlungen, die an diesem Montag beginnen, wird sich zeigen, ob er dazu in der Lage ist. Aber es ist eine andere Entscheidung, die wirklich viel über ihn aussagen wird. Es geht dabei um das Ministeramt, das er bekleiden will.
Wenn Guido Westerwelle ernst nimmt, wofür er in seiner politischen Karriere gekämpft hat, dann wird er Finanzminister. Es wäre die Position, auf der er die Rolle des Staats neu definieren könnte, die natürliche Rolle für Westerwelle.
Aber es heißt, er wolle Außenminister werden. Wie soll das gehen? In Deutschland wird eine neue Finanz- und Sozialpolitik gemacht, und Westerwelle weilt in Lima? In Deutschland protestieren die Gewerkschaften gegen Schwarz-Gelb, und Westerwelle tourt durch Afrika?
Er hätte jetzt die Chance, das Image des Rollenspielers und Spaßpolitikers endgültig abzulegen, die Tür zum Reich des schmerzlichen Ernstes steht offen. Nichts anderes ist das Finanzministerium. Ein Politiker wird nicht beliebt, wenn er einen harten Sparkurs fährt.
Ein Politiker wird beliebt als Außenminister: rote Teppiche in aller Welt, keine Entscheidungen, die den Bürgern wehtun. Das ist ein ungeheurer Reiz für den Ungemochten, den fast lebenslang Verunsicherten.
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Was für eine Versuchung. Westerwelles Leben spricht dafür, dass er ihr nicht wird widerstehen können. Sein Biograf Majid Sattar sagt: "Er hat immer Leute beneidet, die einen Raum betreten und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Leute, denen die Sympathien wie von selbst zufliegen."
Aber Westerwelle hat sich nie wirklich für die Außenpolitik interessiert. Es wäre die nächste Rolle, die er nur spielt.
Über Westerwelles Englischkenntnisse wurden in der vergangenen Woche viele Witze gerissen. Er hatte sich am Montag geweigert, einem englischen Reporter auf Englisch zu antworten. Viele fragten sich, ob der Außenminister in spe diese Sprache überhaupt kann. "Jetzt stehe ich gerne für Fragen in deutscher Sprache zur Verfügung", sagt er nach der Präsidiumssitzung am Donnerstag, er grinst, er will selbstironisch wirken. Ein Journalist stellt eine komplizierte Frage. "Das war zwar Deutsch, aber ich hab's nicht verstanden", sagt Westerwelle. "Ich kann die Frage auch auf Altgriechisch stellen", sagt der Journalist. "Dann antworte ich auf Latein", sagt Westerwelle, "das war nämlich mein erstes Abiturfach."
Die Journalisten lachen, Westerwelle freut sich, er hat einen Punkt gemacht. Aber er muss noch einen draufsetzen: "Und über Ihr Altgriechisch reden wir noch mal." Man könnte auch noch mal über Westerwelles Latein reden. In der Oberstufe war er in diesem Fach miserabel. Das Große Latinum verdankt er hauptsächlich der Gnade seiner Lehrerin.
SVEN BECKER, DIRK KURBJUWEIT, RALF NEUKIRCH,
MERLE SCHMALENBACH, MERLIND THEILE
* Links: vor einem Werk des Künstlers Norbert Bisky; rechts: mit seinem Lebensgefährten Michael Mronz, Kanzlerin Angela Merkel und deren Ehemann Joachim Sauer am 25. Juli 2008 in Bayreuth.
Von Sven Becker, Dirk Kurbjuweit, Ralf Neukirch, Merle Schmalenbach und Merlind Theile

DER SPIEGEL 41/2009
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