12.10.2009

KRIMINALITÄTSchwester ohne Gnade

Aus Nigeria ist eine neue Art der Zuhälterei in deutsche Rotlichtviertel eingesickert: Frauen werden mit Voodoo, dem Glauben an die Macht der Götter und Geister, zur Prostitution gezwungen.
Das Bahnhofsviertel in Frankfurt am Main an einem Dienstag Ende September: Autos kreisen um den Straßenstrich, die Fahrer suchen schnellen Sex, manche haben sich nicht mal die Mühe gemacht, den Kindersitz aus dem Fond ihrer Familienkutsche zu nehmen. Bulgarische Zuhälter, neu im Revier, sitzen auf den Stühlen der Straßencafés und warten darauf, dass ihre Huren einen Freier finden.
Hauptkommissar Markus Steiner, 40, prägt sich ihre Gesichter ein, für später. Heute hat er ein anderes Ziel. Er marschiert in die Elbestraße, wo die großen Bordelle sich feinmachen für die Nacht. Die Internationale Automobilausstellung hat viele Fremde in die Stadt gelockt. Die Steigen sind voll.
Mit seinen Kollegen marschiert Steiner in den "Leierkasten". Sie kontrollieren Prostituierte aus Thailand, der Türkei, der Dominikanischen Republik. Deren Dokumente sind in Ordnung, viele Frauen mit Deutschen verheiratet - zumindest auf dem Papier. Zwei dunkelhäutige Frauen hingegen zeigen spanische Aufenthaltsausweise im Scheckkartenformat.
Sie heißen Mary und Miriam. Sie stammen aus Nigeria. Steiner fragt nach. Mary hat ihren Pass angeblich gerade erst verloren, Miriam sieht dem Foto in dem spanischen Dokument kaum ähnlich. "Packen Sie Ihre Sachen, wir nehmen Sie mit", sagt Steiner.
Zehn Minuten später sitzen Mary und Miriam auf einer Bank im dritten Stock des 4. Polizeireviers an der Gutleutstraße. Hier hat die Arbeitsgruppe "Laterne" ihre Büros. Während Mary leise vor sich hinjammert, wirkt Miriam entspannt. Sie komme aus Benin-Stadt im Süden Nigerias, erzählt sie, ihre Familie sei sehr arm. Für 1500 Euro habe ein Schleuser sie nach Europa gebracht, erst per Lastwagen durch die Sahara bis an die mauretanische Küste und von dort mit einem Boot nach Spanien. Das Bordellzimmer habe sie im Internet gefunden, sie arbeite allein, nur für sich.
Hauptkommissar Steiner hat diese Geschichte schon so oft gehört. Sie klingt plausibel. Aber sie stimmt fast nie.
Immer häufiger stößt die Polizei im Milieu auf Prostituierte aus Nigeria. Anfangs wurde in solchen Fällen allein wegen illegalen Aufenthalts ermittelt. Inzwischen wissen Beamte wie Steiner aber mehr: Die Frauen sind oft Opfer von Menschenhändlern besonderer Art.
Es sind keine breitschultrigen Männer, die ihre Opfer mit physischer Gewalt auf den Strich jagen, sondern elegante Damen, die den Glauben an Geister und Zauberkräfte nutzen, um die Mädchen psychisch unter Druck zu setzen. Sie nennen sich Madam, ihre Macht heißt Voodoo.
Im ursprünglichen Sinn ist Voodoo eine Heilsreligion aus dem westafrikanischen Benin. Bis zu zehn Jahre dauert die Ausbildung zum Voodoo-Priester, der nicht nur alles über die Götter und die 256 Figuren des Fa-Orakels wissen muss, das aus Muscheln und Schnüren besteht. Er kennt sich auch mit Krankheiten und Wirkstoffen von Pflanzen aus. In den unterentwickelten Ländern des Schwarzen Kontinents ist er Geistlicher, Heiler und Richter in einer Person.
Der westafrikanische Urglaube beruht auf einer Wechselbeziehung zwischen der hiesigen Welt und dem Reich der Götter und Verstorbenen. Geister werden als real existierende Wesen wahrgenommen, die Gutes belohnen und Böses bestrafen. "Die Mädchen glauben so fest an den Geisterkult, dass manche von ihnen tatsächlich sterben", sagt Gabriele Lademann-Priemer, Sektenbeauftragte der Nordelbischen Kirche. Vom "psychogenen Tod" spricht der Okkultismusforscher Walter von Lucadou von der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg.
In Deutschland wurde die Polizei mit dem Phänomen Voodoo erstmals zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 konfrontiert. Unter Federführung des Bundeskriminalamts (BKA) deckte die Operation "Sommermärchen" einige Fälle auf.
Doch obwohl das BKA eigens Ermittler schulte für den Umgang mit den verhexten Frauen, ist an die Menschenhändler kaum heranzukommen. Aus Angst vor den Geistern schweigen die meisten Prostituierten beharrlich.
Elizabeth, 25, ist eine Ausnahme. Sie konnte sich aus ihrer psychischen Unterdrückung befreien - und ist bereit, über ihr Schicksal zu sprechen. Mit ihrer Mutter lebte Elizabeth in Benin-Stadt. Sie teilten sich ein Zimmer ohne Fenster und Toilette. Elizabeth war 13 Jahre alt, als sie eines Tages aus der Schule kam und das Zimmer voller wehklagender Frauen war. Sie standen um das Bett, auf dem die Mutter lag. Sie war tot.
Fortan war Elizabeth auf sich allein gestellt. "Ich suchte auf dem Markt nach essbaren Abfällen und schlief unter Brücken", erinnert sie sich. Bis sie irgendwann eine erkennbar wohlhabende, gepflegte Frau ansprach. "Sie trug schöne Kleider und hatte goldene Ringe an den Fingern", erinnert sich Elizabeth.
Die Frau nannte sich Joy und erzählte, dass sie einst auch arm gewesen sei - bis ihr jemand eine Schulausbildung und ein Studium in Europa ermöglicht habe. Jetzt wolle sie das Glück zurückgeben, das sie selbst erfahren habe.
Die elegante Frau nahm Elizabeth mit in ihr Haus. Es lag im besten Viertel der Stadt und war von allen das prächtigste. "Sie gab mir ein Zimmer mit eigenem Bad und Fernsehgerät. Sie schenkte mir schöne Kleider, und ich aß die besten Speisen, dreimal am Tag", so schildert es Elizabeth.
Nach ein paar Wochen sprach Madam Joy erstmals über Elizabeths Zukunft in Europa, händigte ihr einen sudanesischen Pass samt gültigem Visum aus. Elizabeth lernte die Daten auswendig: Name, Geburtstag, Geburtsort.
Dann fuhr sie mit vier weiteren Mädchen im Auto der Madam hinaus aufs Land. Sie trafen einen Voodoo-Priester in einem rot-weißen Gewand, der sie in ein dunkles Zimmer führte. Der Raum, so berichtet Elizabeth, war voll mit mystischen Figuren, Puppen, Bildern, Knochen, Flaschen, rostigen Macheten.
Die Mädchen tauschten ängstliche Blicke aus, doch die Madam und der Priester lachten. Dann schnitt der Voodoo-Mann ihnen ein paar Haare und Fingernägel ab. Er gab sie jeweils in ein Tütchen, die Mädchen schrieben ihren Namen drauf. Wer nicht schreiben konnte, steckte ein Foto dazu.
Die Zeremonie dauerte mehrere Stunden. Der Mann schrie und murmelte, er sang und trommelte. Er sprach mit einer Statue, die in dem Zimmer stand. Er sagte, die Statue könne alles sehen, Raum und Zeit überwinden. Sie werde sie überall finden. "Wir mussten schwören, dass wir alles machen, was die Madam sagt", erinnert sich Elizabeth. Wer nicht gehorche, drohte der Priester in unheilvollem Ton, werde sterben oder dem Wahnsinn verfallen.
Elizabeth flog nach Amsterdam. Ein Mann brachte sie in eine Duisburger Wohnung, gab ihr einen Slip und einen BH - ihre Arbeitskleidung. Elizabeth, inzwischen 14 Jahre alt, hatte vorher noch nie mit einem Mann geschlafen. Doch nun sollte sie jeden Tag so viele Freier wie möglich bedienen. Die Madam, die nach Deutschland hinterhergereist war, entpuppte sich als Schwester ohne Gnade.
Elizabeth hatte Glück. Nach ihrer Flucht aus einem Duisburger Bordell fand sie Hilfe bei der Frauenberatungsstelle Solwodi. Ihre Zuhälterin im feinen Gewand ist untergetaucht.
"Um den Madams auf die Spur zu kommen", sagt Kerstin Lotz von der Frankfurter Staatsanwaltschaft, "braucht es Zeugen." Die Opfer seien auf eine Festnahme aber präzise vorbereitet und wüssten genau, was sie sagen müssten.
Erst vor einigen Wochen hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen eine Madam Joyce und einen Mann, der sich Gods Power nennt, eröffnet. Vier Wohnungen der Beschuldigten in Berlin, Nürnberg, Düsseldorf und Neuss wurden durchsucht, zwei Opfer kamen ins Zeugenschutzprogramm, eine weitere Frau wird von der Polizei in London betreut. Für Staatsanwältin Lotz hat die Jagd nach den Zuhälterinnen Priorität: "Wir müssen verhindern, dass die Madams weitere Frauen holen."
Mary und Miriam aber sind für die Ermittler vorerst verloren. Nach der Razzia im Frankfurter Bahnhofsviertel beantragte die Staatsanwaltschaft nicht einmal einen Haftbefehl. Sie wurden lediglich aufgefordert, Deutschland zu verlassen. Ihre wahre Geschichte wird Hauptkommissar Steiner nie erfahren. ANDREAS ULRICH
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 42/2009
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