12.10.2009

ZEITUNGENDas Versprechen

Wie ein Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ in einer Oktobernacht 1989 versuchte, mit einem einzigen Wort ein ganzes Land vor dem Untergang zu bewahren / Von Alexander Osang
Die Pappeln stehen wie eine grüne Wand um den hohen, grauen Neubauturm auf der Fischerinsel, wo Fritz Wengler wohnt, der mir vor 20 Jahren ein Versprechen gab, das er nicht halten konnte. Die Bäume rascheln im Herbstwind, und es kommt mir vor, als hätten sie ihre Blätter damals früher verloren als heute. Wengler lebt seit 40 Jahren in einer Wohnung im zweiten Stock, die langsam zugewachsen ist wie ein Dornröschenschloss. Ich könnte ihn ruhen lassen, denke ich noch einmal, als ich vor dem Eingang stehe. Die Versuchung ist groß, denn letztlich bedeutet es, mich in Ruhe zu lassen und auch diese Zeitung, zu deren Geschichte wir gehören.
Ich habe es 20 Jahre lang geschafft. Die letzten 20 Jahre, in denen lebendige und tote Erinnerungen miteinander kämpften, wie mir mal ein Mitarbeiter der Birthler-Behörde erzählt hat. Die lebendigen Erinnerungen werden schwächer. In den letzten Tagen hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen reflexartig seine Wendefilme ausgestrahlt wie früher den "Tiger von Eschnapur" oder "Die Lederstrumpferzählungen" zur Weihnachtszeit. Die Revolutionsfilme zeigen eine dunkle Welt, die spärlich beleuchtet wird vom warmen Licht der Revolutionskerzen und vom kalten der Neonröhren auf den langen, linoleumbelegten Fluren der Staatssicherheit. Die Fernsehfilmwelt ist bevölkert von Guten und Bösen wie ein Märchenwald, man muss sich nur einordnen. Heino Ferch als Tunnelgräber oder als Stasi-Offizier, einmal mit Perücke, einmal ohne. Täter oder Opfer, Löwe und Lamm, schwarz oder weiß. Die Bilder schieben sich über die Erinnerungen, Florian Henckel von Donnersmarck hat alle rötlichen Töne aus seinem Film "Das Leben der Anderen" gefiltert, um das richtige trostlose DDR-Licht zu kreieren. Ich bin inzwischen überzeugt, dass es im ostdeutschen Herbst zeitiger dunkel geworden ist als heute.
Bevor es ganz dunkel wird, habe ich jetzt Fritz Wengler angerufen und ihn gefragt, ob er mit mir reden will.
Worüber, hat er gefragt.
Ich will herausfinden, wer ich war, hab ich gesagt.
Ach so, sagte er, und ich habe mir vorgestellt, wie er dort, am anderen Ende der Leitung, lächelte. Über den naiven Ansatz.
Vor 20 Jahren war Fritz Wengler erster stellvertretender Chefredakteur der "Berliner Zeitung", und weil der Chefredakteur Probleme mit dem Herzen hatte, regierte Wengler die Zeitung durch den Revolutionsherbst. Ich war damals Mitte zwanzig und Jugendredakteur. Wir hatten nie viel miteinander zu tun, aber in der Nacht zum 7. Oktober 1989 kreuzten sich unsere Leben.
Ich sollte für die "Berliner Zeitung" über den Fackelzug der FDJ berichten, der am Vorabend des 40. Jahrestags der DDR durch die Innenstadt zog. Meiner Erinnerung nach lief ich vom Alexanderplatz aus durch ein tiefschwarzes Scheunenviertel zur Neuen Wache, wo die Tribüne der Pressebeobachter aufgebaut worden war. Im Dunkel knisterten die Anoraks der Staatssicherheit, ich wurde mindestens viermal kontrolliert, bis ich Unter den Linden ankam. Ich hatte das Gefühl, auf der letzten Insel gelandet zu sein, einem kleinen Streifen Land, auf dem man noch ungestört Republikgeburtstag feiern konnte. Die Republik ging gerade unter, der Fackelzug war die Bordkapelle auf der "Titanic". Er marschierte scheppernd aus dem Dunkel, ich rannte hinein und fragte die Leute, was sie hier eigentlich machten. Die meisten kamen von weit her und fanden es einfach gut, in Berlin zu sein, einige wollten Gorbatschow sehen, einige waren sich bewusst, dass sie mit dem Land dort draußen nicht mehr viel zu tun hatten, andere wollten ein Zeichen setzen, für das Land in ihrem Herzen.
Sie riefen "DDR, unser Vaterland!" und "Gorbi!" und schwenkten ihre Fackeln und Fahnen und rumpelten zurück in die Dunkelheit.
Als ich am übernächsten Tag in die Redaktion zurückkehrte, warteten im Foyer Dutzende Männer in Ziviluniform auf einen Einsatz. Vielleicht erwarteten sie, dass das Volk die Redaktion stürmte, was ja durchaus sinnvoll gewesen wäre. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und schrieb einen Text, der mit vielen Fragen begann. Sind Fackelzüge noch zeitgemäß?, war die erste. Ich schrieb keine Antwort hinter die Fragen, denn mein Mut reichte nicht für ein Nein. Mir zitterten schon so die Hände. Ich war seit zwei Jahren Redakteur der "Berliner Zeitung", vorher war ich vier Jahre lang Journalistikstudent in Leipzig gewesen. In all den Jahren hatte ich gelernt, dass es auch auf schwierige Fragen eine eindeutige Antwort gab, wenn man sie nur aus dem richtigen Blickwinkel betrachtete.
Ich zitierte ein paar Leute aus dem Zug. Ein Mädchen sagte, dass es traurig sei, weil seine Freundin in den Westen ging. Es habe sehr wohl geweint, sagte es, nachdem Honecker ein paar Tage vorher den Flüchtlingen hatte hinterherrufen lassen: Wir weinen euch keine Träne nach. Gorbatschow kam bei mir vor, Daniel Ortega auch, aber nicht Honecker. Ich gab den Text nach unten in die 4. Etage, wo die Chefredaktion saß, und wartete. Irgendwann klingelte mein Telefon, und Fritz Wengler bestellte mich. Er saß am Schreibtisch des Großraums und starrte auf das Manuskript.
Vor ein paar Monaten hatte er mir einen Text über eine unzufriedene Mädchenbrigade aus dem Kosmetikkombinat noch mit den Worten zurückgegeben: "Ick vasteh dit janze Ding nich, Alexander." Er hatte mich angesehen, eine Pause gemacht und gesagt: "Aber ick bin mir sicher, du kriegst dit hin." Ich war zurückgefahren zu der Mädchenbrigade und hatte sie nach den Dingen gefragt, mit denen sie zufrieden sind, bei ihrer Arbeit, in ihrem Land. Sie hatten ein bisschen überlegt und mir all die positiven Dinge zusammengekratzt, die ihnen einfielen. Die hatte ich in den Text geschrieben, den auch Fritz Wengler verstand. Die jungen Frauen hatten nichts dagegen. Sie wussten, was von mir erwartet wurde.
Ich wollte eigentlich Sportreporter werden, aber die staatliche Absolventenlenkungskommission hatte mich für drei Jahre in die Wirtschaftsredaktion der "Berliner Zeitung" geschickt. Noch ein Jahr warten, das war nicht viel in einem Land, in dem man immer auf irgendwas wartete. Und verlassen wollte ich dieses Land nicht, denn ich war überzeugt davon, im besseren Teil der Welt zu leben oder wenigstens im perspektivreicheren. Ich schrieb also über den neuen Drei-Temperaturzonen-Kühlschrank des Berliner VEB Kühlautomat, bei dem es immer Probleme mit einer Temperaturzone gab, und über den ersten Kassettenrekorder mit abnehmbaren Boxen aus dem Elektro-Apparate-Werk Treptow, bei dem die Boxen nicht abgingen, wenn es drauf ankam, und über eine automatische Tankstelle in Berlin-Weißensee, aus der auch Benzin lief, wenn man es nicht wollte. Nichts funktionierte, aber es würde irgendwann funktionieren. Das war die Haltung. Ich schrieb über die Messe der Meister von Morgen, das Pfingsttreffen der FDJ und die Weltfestspiele der Jugend und Studenten. Es ging immer voran. Die Zeitung funktionierte wie eine Kapsel mit einem eigenen Wertesystem. Niemand von meinen Freunden und Verwandten in der richtigen Welt nahm ernst, was in den Texten stand, die ich schrieb. Kritik und Anerkennung wurden in der Redaktion verteilt wie in einer dieser Glaskugeln, in denen es schneit, wenn man sie schüttelt. Ich freute mich trotzdem, wenn ich gelobt wurde. Es war eine Wunschwelt, die beschrieben wur- de, mit Menschen drin, die ständig nach konstruktiven Lösungen suchten, und Kühlschränken, bei denen alle Temperaturzonen funktionierten. Es gab kaum Kontakt zur richtigen Welt dort draußen. Nur einmal, als ich eine neuartige Rauchgasentschweflungsanlage im Rummelsburger Kraftwerk vorstellte, schrieb mir eine Frau, ich solle mal zu ihr auf den Balkon kommen und mir ihre Wäsche anschauen, die schwarz sei von all dem Ruß. Ich schrieb ihr einen freundlichen Brief, und sie schrieb freundlich zurück, überrascht, dass ich geantwortet hatte. Vielleicht sogar überrascht, dass es mich wirklich gab.
Aber nun schien das Glas der Schüttelkugel zu brechen, und die richtige Welt schwappte ins Haus am Alexanderplatz. Zehntausende Menschen rannten aus dem Land und die, die dablieben, wagten sich langsam auf die Straße.
Fritz Wengler war angeschlagen, aber er hatte noch nicht aufgegeben. Er war nie laut, kein Schreihals wie andere, er versteckte seine Macht hinter einem Berliner Arbeiterakzent und einem Gesicht, das aussah, als hätte Loriot es gezeichnet. Aber er war hart. Wir kämpften um meinen kleinen, hasenmutigen Text bis spät in die Nacht wie die Löwen. Am Ende standen Honecker drin, der FDJ-Chef Eberhard Aurich und ein konstruktiver Schlusssatz, aber es gab auch noch das Mädchen, das seine Freundin beweinte, und die Fragen am Anfang, die ungewöhnlich waren in einer Zeitung, die bislang immer auf alles eine Antwort hatte.
Kurz vor Mitternacht kam der Andruck mit dem Text aus der Setzerei. Der Großraum war fast leer. Fritz Wengler und ich standen zusammen am Cheftisch und lasen ihn noch mal durch. So richtig zufrieden waren wir beide nicht, aber es war spät.
Versprich mir, dass es wenigstens so bleibt, Fritz, sagte ich, und er gab mir die Hand.
Dann fuhr ich mit dem 17 Jahre alten Polski Fiat, den mir mein Schwager vermacht hatte, bevor er in den Westen floh, in die dunkle, richtige Welt zurück, zu irgendeiner Party, wo nicht über Fackelzüge geredet wurde und schon gar nicht über Aurich, trank ein paar Bier, und als ich am nächsten Tag die Zeitung aufschlug, stand hinter meinen Fragen, auf die ich keine Antwort hatte, ein Ja.
Braucht die Jugend unserer Zeit Fahnenwälder und Hochrufe, um ihre Empfindungen auszudrücken?
Ja.
Ich hatte das Gefühl, der Boden unter mir öffnete sich. Wengler war nicht da. Ich rannte zum diensthabenden Chefredakteur Dr. Arnold und erzählte irgendwas von Urheberrecht. Karl-Heinz Arnold war der Snob der Redaktion, man nannte ihn den Doktor, er fuhr einen blauen Mazda, war humanistisch gebildet und näselte: "Was weißt du denn von Urheberrecht, Jüngelchen." Ein Kollege sagte mir, er würde verstehen, wenn ich kündigte, aber andererseits wäre das irgendwie schade, jetzt, da wir auch bald Glasnost bekämen. Wengler ließ mir später ausrichten, er habe kalte Füße bekommen.
Wir blieben beide bei der Zeitung. Ich machte Karriere, Wengler nicht. Er wurde nicht abgewählt oder beschimpft oder vor irgendwelche Ehrenkommissionen gestellt, er wurde aus der Zeitung herausgewaschen. Er blieb stellvertretender Chefredakteur, aber man gab ihm keine Aufgaben mehr. Der neue Chefredakteur schnitt ihn, vielleicht weil er ihn zu sehr an sich selbst erinnerte. Wengler kümmerte sich um den journalistischen Nachwuchs, um den ostdeutschen Mittelstand und um das Jagdwesen, weil einer seiner Freunde Jäger war. Am Ende sah ich ihn mit einem kleinen Leiterwagen über die Flure ziehen und Büromaterial verteilen. 1993 bot ihm der Herausgeber Erich Böhme eine Abfindung an. Er nahm sie und ging in den Ruhestand. In den letzten 16 Jahren habe ich ihn noch einmal auf der Beerdigung des Fotografen Wulf Olm gesehen. Ich habe nie mit ihm über die Oktobernacht geredet, über sein gebrochenes Versprechen.
Als ich auf das verwirrend vollgestopfte Namensschild des Hochhauses auf der Fischerinsel schaue, springt ein kleiner, alter Mann heran und fragt im breiten Sächsisch, wen ich suche. Wengler, sage ich. Was wolln Sie denn von Fritz?, fragt der Mann. Er ist 70 oder 80, trägt eine lange, schmale Grillgabel in der Hand und sieht wild entschlossen aus. Ich will mit ihm reden, sage ich. Ach so, sagt der Mann. Kommen Sie mit, ich zeig Ihnen was. Er leitet mich zu den Briefkästen und führt vor, wie er mit der Grillgabel die Post aus jedem beliebigen Fach angeln kann. Bei den alten DDR-Briefkästen sei das nicht möglich gewesen. Und für diesen Scheiß müsse er als Mieter auch noch bezahlen, sagt der Mann. Er werde sich das nicht länger bieten lassen und die Verbrecher verklagen. Forbröschor!, schreit der Mann. Ich muss wirklich langsam los, sage ich. Ich bring Sie, sagt er. Es riecht nach Müllschlucker im 2. Stock, der alte Mann läuft schnaufend voraus und klingelt.
Fritz Wengler schaut uns interessiert an. Er ist 75 Jahre alt, hat sich aber kaum verändert, ein klares, freundliches Gesicht mit unergründlichen, dunklen Augen. Der kleine Mann brüllt los, bevor ich irgendetwas sagen kann. Er versucht in einer wütenden Rede, Wolfgang Schäuble, die internationale Finanzwelt und das Schicksal dieses Hochhauses an der Fischerinsel miteinander zu verknüpfen. Olles Forbröschor!, schreit der Mann. Aber damit ist jetzt Schluss, das Haus hat uns gehört, dem Volk. Und dahin wird es wieder zurücküberführt. Wir klagen, Fritz!, schreit er und fuchtelt mit der Grillgabel.
"Pass ma uff mit deiner Jabel, Rolf", sagt Wengler, bittet mich in die Wohnung und schließt die Tür.
"Dit iss ein anständjer Mann. Ingenieur. Leider bisken verwirrt, jetzt", sagt Fritz Wengler. Es ist der gleiche Ton, mit dem er einst meinen Abteilungsleiter verteidigte, nachdem der im Sommer '89 besoffen mit seinem Lada in ein Gartentor in Basdorf gedonnert war. Dit iss een juter Jenosse, sagte er. Wengler hat sich einmal auf einer großen Versammlung beim Berliner SED-Chef Günter Schabowski beklagt, dass es in den Kantinen des Berliner Verlags keine richtigen Bockwürste gab. Bockwürste?, hat Schabowski gefragt und gelacht. Wengler hat nicht verstanden, was daran lustig sollte. Wer den Sozialismus preiste, brauchte ordentliche Wurst. Er ist seit vielen Jahren Mieterverantwortlicher des Wohnblocks. Er führt mich in ein kleines, schattiges Zimmer, es gibt zwei Bücherregale und einen runden Tisch. Auf dem Tisch stehen eine Thermoskanne und zwei Tassen. Seine Frau stellt sich kurz vor, dann zieht sie sich zurück. Fritz Wengler schließt die Tür. Nur wir beide. Ein Gespräch unter Männern.
"So", sagt er, und ich erzähle ihm schnell, dass ich über den Fackelzugtext reden will.
"Ick weeß", sagt Fritz.
"Woher weißt du denn das?"
"Worüber denn sonst. Ein einziges Ja, mit dem ick allet umjedreht habe. In so 'ner Situation war ick auch noch nicht. Hab ick oft dran jedacht in den letzten Jahren", sagt er. "Zucker?"
Er sagt, dass er sich an den Tag minutiös erinnern kann. Er erzählt von den Anleitungen, in die er als Chefredakteur gehen musste. Anleitungen bei Joachim Herrmann, Agitationssekretär im Politbüro und früher Wenglers Chefredakteur bei der "Jungen Welt". Er taucht in die Kapillaren des Anleitungssystems. Sie kannten sich ja alle, sagt er. Es gab Anordnungen, die er nicht verstand, aber sie kamen nie aus dem Dunklen. Sie kamen von Leuten, die er seit Jahren kannte, Vertrauten sozusagen.
"Theoretisch begründet wurde es mit dem demokratischen Zentralismus, weeste ja allet", sagt er.
Ich nicke.
"Marx war als Chefredakteur ein Diktator", sagt Wengler und lächelt leicht. Marx. Er hat jetzt festen Boden unter den Füßen.
"Die Anordnung für die Feier zum Republikgeburtstag war: Wir lassen uns nicht in die Suppe spucken. Wir haben allen Grund, stolz uff uns zu sein. Und der Fackelzug ist dit Kernstück. Wir wussten ja, dass draußen allet in heller Uffregung war. Aber die Jugend der DDR sollte der Welt zeigen, wat wir geleistet haben, daran hat mich Achim Herrmann am Telefon immer wieder erinnert. Ick weeß nich, wie oft der mich an dem Abend anjerufen hat. Ununterbrochen, wirklich. Jeht doch allet klar mit dem Fackelzug, Fritz? Immer ditselbe. Ausm Palast muss der anjerufen haben. Und dann krieg ick dein Ding uff'n Tisch. Und ick wusste: So jeht es nicht."
Er macht eine Pause, trinkt einen Schluck Kaffee, dann sagt er: "Aus drei Gründen", und ich merke, wie er wächst, während ich langsam zum Jugendredakteur schrumpfe. Es waren immer drei Gründe, aus denen irgendetwas nicht ging.
"Also erst mal die Fragen. Dann die Gorbi-Rufe und Honecker, der nich vorkam, und schließlich die Mieke, die heult, weil ihre Freundin abjehaun war", sagt er. "Dit Mädel wollte ick drinbehalten, ick hab wirklich mit mir gerungen. Aber am Ende war ick mir nicht sicher. Deswegen hab ich das Ja reingeschrieben. Ick musste den Kopp hinhalten."
Aber du hast es mir doch versprochen?
"Es ging nicht um eine Meinungsäußerung von Osang. Es ging um die Haltung der Redaktion. Und ick bin mit einem schlechten Gewissen ins Bett gegangen in der Nacht, dit kannste mir glooben."
Mir gegenüber?
"Meiner Partei gegenüber. Meinem Land", sagt er und sieht mich ungerührt an. Ich bin ein Zahnrad, ein Teilchen einer Maschine. In diesem Moment ist Fritz Wengler meine lebendige Erinnerung. Mir fallen all die Momente ein, in denen ich ermahnt wurde, meine persönlichen Interessen mit den gesellschaftlichen in Übereinstimmung zu bringen. Es ging immer gleich um alles. Wenn man den Unterricht verschlief, war schnell der Weltfrieden in Gefahr. Und manchmal musste man die persönlichen Interessen töten, um sie in Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen zu bringen. Ein Versprechen zwischen zwei Männern ist unter diesen Bedingungen nicht viel wert. Es ist seltsam, wie das alles zurückkommt, hier in dem kleinen Zimmer. Vielleicht hilft es, dass man nur noch Bäume sieht, wenn man aus dem Fenster schaut.
Fritz Wengler trifft seine alten Kollegen nicht mehr, manchmal sieht er jemanden auf einer Demonstration, sagt er. In seinen Bücherregalen stehen historische Abhandlungen über die Habsburger, die Hohenzollern, die Hunnen und die Kelten, neben den Erinnerungen von Frank Schöbel, Eberhard Esche, Inge Keller, Gisela May und Gaby Seifert sowie den Jugendweihebüchern "Weltall Erde Mensch" und "Der Sozialismus - Deine Welt". Mein Individualismus muss ihm lächerlich vorkommen, selbstbezogen und weinerlich. Er sagt, dass er sich hinter niemandem verstecken will. Wenn man Papst werden will, muss man katholisch sein, sagt er. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Es ging ihm nicht um mich, es ging ihm nicht mal um die "Berliner Zeitung", sagt er, es ging ihm um die Existenz der DDR.
Hast du wirklich nicht einen Moment an mich gedacht, als du das Ja hingeschrieben hast?, frage ich und merke, dass ich gleich anfange zu heulen, wenn ich nicht aufpasse. Ich werde immer kleiner.
"Ach, komm. Es ist mir nicht egal gewesen, dass ich hier einem jungen Journalisten seinen Artikel versaue und möglicherweise auch seinen Ruf, aber ich hatte da eine Aufgabe zu lösen", sagt Fritz Wengler. "Ich hatte einen Auftrag meiner Partei. Und ick hab mich damit identifiziert. Ick war überzeugt, dass wir das Land halten können, wenn wir stark bleiben. Durch Konsens erreichste gar nischt."
Er erzählt, wie er als FDJ-Schüler am 17. Juni 1953 vorm Haus der Ministerien Stellung in der Leipziger Straße bezog, um die Aufständischen abzuwehren. Er redet von Krawallmachern und Truppenteilen und kitzlijen Situationen. Aber letztlich bekamen sie alles unter Kontrolle, und er konnte zurückgehen an die FDJ-Schule, wurde Jugendbrigadier im Kabelwerk Oberspree, wo er ein mitreißendes Brigadetagebuch schrieb, das ihn zur Bitterfelder Konferenz brachte und schließlich zur "Jungen Welt".
"Da hab ick so wat jemacht, wie du später bei der ,Berliner Zeitung'. Rausfahren, uffschreiben, wieder rausfahren. Ick war schneller als die andren und hatte immer einen besonderen Blick", sagt er. Er erzählt, wie er mit seinen Texten aneckte, wie er ständig die Möglichkeiten auslotete, um die Wirklichkeit einzufangen. Er holt mich ins Boot, denke ich. Vielleicht will er sagen, dass der 7. Oktober 1989 für mich so etwas hätte werden können wie für ihn der 17. Juni 1953. Eine Erfahrung, die mich härter, weiser, einsichtiger und vielleicht irgendwann zu einem ersten stellvertretenden Chefredakteur gemacht hätte, der einmal die Woche in die Agitationskommission des Zentralkomitees ging, wo er Anleitungen bekam, die er nicht immer verstand, aber dennoch umsetzte, weil sie nicht aus dem Dunkeln kamen, sondern von Menschen, die er kannte, Vertrauten sozusagen. Ein weiterer Stellvertreter einer Macht, die es gar nicht gab ohne ihn. Später bringt Wenglers Frau eine Schale mit Kartoffelchips, und wir knabbern ein bisschen wie alte Bekannte, Vertraute sozusagen.
"Jetzt ham wa vier Stunden über dit eine Ja jeredet", sagt Wengler.
Ich erzähle ihm, dass der Fackelzugartikel mir immer mal wieder um die Ohren fliegt. Wenn irgendjemand eine Rechnung mit mir offen hat, kopiert er ihn und schickt ihn durch die Gegend, um zu zeigen, was für ein Mensch ich war, damals.
"Dit willste nun aus der Welt räumen", sagt Fritz Wengler und lächelt mich mitleidig an.
Er sagt, dass er alles über die Französische Revolution gelesen hat, was es auf dem deutschen Büchermarkt gibt. Die Jakobiner haben 50 Jahre gebraucht, bis ihnen die Geschichtsschreiber einigermaßen Gerechtigkeit haben widerfahren lassen, sagt Fritz Wengler. 50 Jahre. Papier ist geduldig. Fritz, mein Chefredakteur, sitzt einfach da, liest in seinen historischen Büchern und wartet, dass ihm Recht geschieht. Er hat einst ein Versprechen gegeben, das größer war als das, das er mir in der Oktobernacht gab. Er hat das eine gehalten, indem er das andere brach. So sieht er das, und damit bin ich im Boot. Sein Ja steht in meinem Text für die Ewigkeit. Auch wenn die lebendige Erinnerung längst verloschen ist, hängen Fritz Wengler und ich immer noch zusammen in diesem Text in dieser Zeitung fest. Bestimmte Dinge sind nicht richtigzustellen.

Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR ihren 40. Jahrestag. Es war die Zeit, in der ihre Bürger aus dem Land flohen oder sich zu Demonstrationen auf den Straßen trafen. Die politische Führung jedoch inszenierte die gewohnten Jubelfeiern, unter anderem mit einem Fackelzug der FDJ am 6. Oktober durch Berlin. Mittendrin waren auch Vertreter der DDR-Medien, die bis dahin das System stabilisiert hatten. Seit dieser Nacht gingen Risse nicht nur durch das Volk der DDR, sondern auch durch seine Redaktionen. Alexander Osang, heute Reporter beim SPIEGEL, war damals 27 Jahre alt und Redakteur bei der "Berliner Zeitung", die ihn als Berichterstatter zum Fackelzug schickte. Er schrieb einen Text, der ihn bis heute verfolgt.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 42/2009
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