12.10.2009

Letzte Sätze

Ortstermin: Bei der Bundespressekonferenz spricht Thomas Steg noch einmal für eine Regierung, die es eigentlich nicht mehr gibt.
Steg kommt als Letzter. Er nimmt Platz in der Mitte des Podiums, wie in all den Jahren zuvor. Er schaut in den Saal, er sieht eine ausländische Besuchergruppe, vielleicht 15 Journalisten, ansonsten ist der Saal der Bundespressekonferenz voller leerer Stühle. Anscheinend sind alle politischen Journalisten des Landes unterwegs zu den Koalitionsverhandlungen zwischen Union und FDP. Oder beschäftigen sich mit dem Unglück der SPD.
Steg selbst hätte auch gern auf den Termin verzichtet, aber am Ende blieb die Wahl, Kanzlerin Angela Merkel zum 60. Geburtstag des DGB zu begleiten oder die Regierungspressekonferenz zu übernehmen. Thomas Steg entschied sich für Letzteres. Es erschien ihm angemessener, denn einerseits ist er noch immer stellvertretender Regierungssprecher, andererseits wurde die alte Regierung ja gerade abgewählt, und Stegs Partei, die SPD, wird der neuen Regierung nicht mehr angehören. Es sind die letzten Tage. Für die Große Koalition und für Steg.
"Meine Damen und Herren", sagt Steg. "Ich habe einige Ankündigungen." Steg spricht über den Tod des Unternehmers Reinhard Mohn, ehemaliger Bertelsmann-Chef, denn Kanzlerin Merkel habe ihn, Steg, gebeten, "einige Worte der Würdigung zu finden". Anschließend informiert Steg über die USA-Reise der Kanzlerin Anfang November, und auf die einzige Frage, die an ihn gerichtet wird, erklärt Steg, dass "alle Ministerien für die laufenden Koalitionsverhandlungen alle Informationen zur Verfügung stellen, damit diese Koalitionsverhandlungen sachgerecht erfolgen können". Ein Satz für Übergangszeiten.
Nach 30 Minuten ist die Pressekonferenz beendet. Steg tritt auf die Straße, ein sonniger Tag in Berlin, Steg läuft schlendernd hinüber in sein Büro. Es sieht dort schon leer aus, aber die Sitzecke ist noch da. Zwei Ledercouchs in den Farben der Großen Koalition. Rot und Schwarz.
Im Juli hatte sich Steg beurlauben lassen, um Frank-Walter Steinmeier im Wahlkampf zu unterstützen. Seit der Wahlniederlage der SPD weiß Thomas Steg, dass er nicht Regierungssprecher bleiben wird. Trotzdem ist er am 1. Oktober zurückgekehrt. In sein Amt und sein Büro. Nicht alle hatten das erwartet. Aber Steg will die Amtsübergabe regeln, und vor allem will er Abschied nehmen. "Ich möchte ganz bewusst diese Wochen des Übergangs und der Abwicklung erleben", sagt Steg.
Vielleicht ist das keine schlechte Ausstiegsmethode nach fast 20 Jahren Politik. Ein langsames Ende. Steg war Sprecher der niedersächsischen SPD-Fraktion, stellvertretender Regierungssprecher erst unter Gerhard Schröder, dann stellvertretender Regierungssprecher unter Angela Merkel. Die Agenda-Jahre mit Schröder, die Große Koalition mit Merkel. Die Regierungen wechselten, Steg blieb.
Ein SPD-Sprecher unter einer CDU-Kanzlerin - das ist Stegs größtes Kunststück. Steg ist ein Schröder-Gefährte, aber er wurde auch zum Merkel-Vertrauten. Angelas Genosse. Wenn man so will, ist Thomas Steg damit das Sinnbild für die Große Koalition und dafür, wie sich die Unterschiede zwischen den Parteien immer weiter auflösen. Die SPD wurde wirtschaftsliberaler. Die CDU sozialdemokratischer.
Als im Sommer die Umfragewerte für die SPD nicht stiegen, galt Steg plötzlich als letzte Rettung für Frank-Walter Steinmeier. Steg war eine sozialdemokratische Konstante. Er war beliebt. Ein Sprecher, der zum Star wurde. Wahrscheinlich sagt das einiges aus über den Zustand der SPD.
Ein Regierungssprecher, sagt Steg, darf eine Meinung haben. Aber man darf sie nie spüren. "Verkünden ohne Unterton." Das ist die Regierungssprecher-Kunst.
In den letzten Tagen möchte Steg wenig in Erscheinung treten. "Bei offiziellen Anlässen noch die Bundeskanzlerin zu begleiten wäre ein komisches Bild", sagt Steg. Er ist im Moment so etwas wie die personifizierte politische Übergangsphase.
Steg weiß noch nicht, was kommt. Ansonsten sagt Steg, habe er sich Berge von Büchern bestellt. Er weiß nicht, ob er die Ruhe dafür findet. Womöglich ist Bücherbestellen ein Reflex, wie ihn auch Vorruheständler haben. Er bekämpft die Angst vor dem Loch. Politik ist ein Hochgeschwindigkeitsgeschäft. Ein sehr spezieller Kosmos. Womöglich führt er zu sehr speziellen menschlichen Formungen.
Bisher bekam Steg um 7.30 Uhr die Pressemappe zum Durcharbeiten, um 8.30 Uhr begann die "Morgenlage" im Bundespresseamt, am Vormittag folgte die Telefonkonferenz mit den Sprechern der Ministerien, anschließend folgten Kanzleramts- und Staatssekretärsrunden, Gespräche mit der Kanzlerin, Gespräche mit Journalisten, Hintergrundtreffen. Es war immer wenig Zeit da. Demnächst ist viel Zeit da.
Thomas Steg wird bald 50. Er hätte nach einem Posten in der Partei oder der Fraktion greifen können. Aber Steg fühlt sich müde. Er möchte erst mal raus. Er möchte sehen, was von Thomas Steg noch übrig bleibt außerhalb des Regierungsviertels. "Erlebte man Wertschätzung nur wegen der öffentlichen Rolle, die man hatte? Oder auch wegen der Person? Welche Kontakte, Freundschaften bleiben erhalten?"
Am Mittwoch saß Thomas Steg in der letzten, der 164. Kabinettssitzung der Großen Koalition. In ein paar Tagen räumt er dann sein Büro. "Ich muss mir mein Leben wieder neu aneignen", sagt er.
JOCHEN-MARTIN GUTSCH
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 42/2009
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