12.10.2009

NACHRUFReinhard Mohn

Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn ist tot, Nachrufe allerorten. Kein Zweifel: Hier starb ein Großer. Aber was heißt groß? Und wie misst man das?
In der Wirtschaft geben Zahlen die Antwort: Bertelsmann-Umsatz: 16 Milliarden Euro - noch. Beschäftigte: weltweit über 100 000 - auch noch. Gewinn? Dieses Jahr wird es wahrscheinlich eher ein Verlust, ausgerechnet im Todesjahr des gewinngewohnten Unternehmers.
Seinen Ruhm zu messen, das hätte Mohn gefallen. Eigentlich wollte er Ingenieur werden. Sein Vater aber bestimmte ihn zum Chef der zerbombten elterlichen Druckerei im westfälischen Gütersloh. Die kleine Firma verlegte überdies evangelische Traktate. Mohn machte sich an die Arbeit und aus der Gütersloher Klitsche ein Weltunternehmen der Kommunikationsbranche. Bücher, Schallplatten, Zeitschriften, Fernsehen, Dienstleistungen.
Mohns erste Gehversuche in die Welt der Informationsindustrie konnte ich miterleben, vor bald 40 Jahren, als Entwicklungschef beim Hamburger Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr (G+J).
Mohn hatte damals 25 Prozent des Unternehmens gekauft und besuchte eines Tages dessen damaligen Chef, Ernst Naumann. Der belehrte seine Geschäftsleitung: Nach einem höflichen Vorgespräch werde er sich mit Mohn zurückziehen und die publizistische Lage erörtern. Wir sollten dann mit Mohns Mann, Manfred Fischer, die Details besprechen.
Das Gespräch verlief schleppend. Mohn saß schon unruhig neben mir und zog aus einer Art Schultasche zwei DIN-A4-Seiten heraus, voller Stichworte. Bald fragte er: Können wir anfangen? Dann ging es los: Wann ist die Tiefdruckmaschine in Itzehoe abgeschrieben? Wie hoch sind die Rabatte der Grossisten? Wie steht es um die Ausstattung der Zeitschriften?
So ging es weiter, bis Mohn am Ende der zweiten Seite angekommen war. Naumann kam kaum zu Wort, das publizistische Gespräch fand nicht statt.
Dass dieser Mann rechnete, rechnen musste, war verständlich: Das Geld für den Kauf der G+J-Anteile hatte er sich von der Westdeutschen Landesbank geliehen, zu einem saftigen Zinssatz. Fortan mussten wir mit G+J mindestens so viel Gewinn machen, wie die WestLB jährlich kassierte. Damals war der Begriff Hedgefonds noch nicht so geläufig. Aber Mohn zahlte die Kaufsumme aus seinem Gewinnanteil.
Aber damit allein hätte er noch kein großes Geschäft erzielt. Das machte er mit einem System, genauer: mit dem dispositiven Faktor. Dieser sperrige Begriff stammte vom Nestor der deutschen Betriebswirtschaft, Erich Gutenberg. Und das System geht so: Neben den Faktoren Rohstoffe, Maschinen und Arbeitskräfte braucht es in einem Unternehmen einen vierten Faktor, den dispositiven. Der fasst alles zusammen und führt das Ganze. Man kann es auch simpel Management nennen.
Dies hatte Mohn verinnerlicht, ohne wahrscheinlich je etwas von Gutenberg gehört zu haben. Nur nutzt die ganze Leitung nichts, wenn sie nicht von begabten Managern ausgeübt wird. Auch dafür hatte der Patriarch sein System: das des Delegierens von Verantwortung. Ein Trauma aus dem Krieg hatte ihn darauf gebracht. Als 21-jähriger Leutnant unterstanden ihm 45 vorbestrafte Soldaten, Mohn musste für Disziplin sorgen. Einer seiner Untergebenen meldete sich einmal zu spät zurück. Mohn monierte das energisch. Der Soldat erschoss sich. Daraus hat Mohn gelernt: Disziplin ohne Eigenverantwortung ist unverantwortlich, bringt nichts.
Diejenigen, die disponieren, müssen Verantwortung auf die unteren Disponenten delegieren. Das gibt Kraft. Und macht Laune, wenn es dazu mit einer Beteiligung am Gewinn belohnt wird. Wenn dann noch die Gehälter in der Spitze sich eher an Wiedeking als an Westerwelle orientieren, hat man ein Rezept für Motivation - und Ruhe vor den Gewerkschaften.
So wuchs Bertelsmann und wuchs und wuchs. Nur Mohn blieb immer gleich, bescheiden, steckte den üppigen Gewinn immer ins Unternehmen. Und sein Röntgenauge für die Qualität von Menschen sorgte für erstklassige Manager. Die durften dann auch schon mal übertreiben. So wenn der langjährige oberste Disponent, Mark Wössner, auf einem Betriebsfest seinen Enthusiasmus ins Astronomische steigerte: Reinhard, wir holen dir nicht die Sterne vom Himmel, wir holen das ganze Firmament! Mohn war amused, und Wössner behielt fast recht.
So mancher Kollege tat und tut sich schwer, mit dem Verhältnis von Gütersloh zur Qualität seiner Produkte (etwa dem Programm des Bertelsmann-Senders RTL). Dazu eine kleine Legende, die typisch sein mag. Bertelsmann plante einen neuen Atlas. Er drohte sehr teuer zu werden, zu teuer. Eine kleine Insel im Pazifik lag umbruchtechnisch sehr ungünstig, weil abgelegen. Also ließ man sie einfach weg und sparte so eine Farbdoppelseite. In Gütersloh hat man das Inselchen wohl nicht so vermisst.
"Der gute Mensch von Gütersloh", so charakterisierte die Presse frei nach Brecht vielfach den westfälischen Citizen Mohn. Recht so. ADOLF THEOBALD
Theobald, 79, war unter anderem Chefredakteur von "twen", "Capital" und "Geo" sowie Geschäftsführer des SPIEGEL-Verlags. Er lebt heute als Publizist in Fuchstal.
Von Adolf Theobald

DER SPIEGEL 42/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 42/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NACHRUF:
Reinhard Mohn

  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor