19.10.2009

Ganz dunkel

Ortstermin: Auf der Frankfurter Buchmesse belebt der Rollenreporter Günter Wallraff alte Kämpfe in neuer Zeit.
Günter Wallraff ist als Günter Wallraff gekommen. Man könnte sagen, in zivil. Hellblaues Hemd, dunkle Hose, Brille, ungeschminkt. Ein zurückhaltender, älterer Herr. 67 ist er vor zwei Wochen geworden. Er blickt in den Veranstaltungsraum "Exposé", den sein Verlag heute auf der Frankfurter Buchmesse gemietet hat. Zwei Dutzend Journalisten sitzen drin und warten. Wallraff geht an einem kleinen Büchertisch vorbei. Sein neues Buch liegt da. Neue Enthüllungen, neue Skandale, neue Ungerechtigkeiten. Es heißt: "Aus der schönen neuen Welt - Expeditionen ins Landesinnere". Am unteren Rand des Covers sieht man vier Passbilder. Wallraff als Büroangestellter, Wallraff als Industriebäcker, Wallraff als Obdachloser, Wallraff als Somalier. Schwarz geschminkt mit dunkler Perücke und gefärbtem Schnauzbart.
"Ich beschreibe keine Missstände, ich beschreibe sich ausbreitende Zustände", sagt Wallraff. Er schaut auf die Journalisten. Einige von ihnen blättern wohlwollend in seinem Buch.
Wallraffs erstes Buch erschien vor über 40 Jahren. Es handelte von den Schikanen, die deutsche Industriearbeiter Mitte der sechziger Jahre in Großbetrieben erdulden mussten. Er war damals Anfang zwanzig und hatte das Thema gefunden, über das er sein Leben lang schreiben sollte: die ganz unten gegen die ganz oben. Es ist eine sehr klare Welt, die Wallraff beschreibt. Gut und böse, schwarz und weiß, deutsch und ausländisch. Kontrastreich. Unten sind die Obdachlosen, die Hilfsarbeiter, die Ausländer. Oben die Unternehmen, die Bosse, die Mehrheitsgesellschaft.
Mit den Jahren ist Wallraff zu einer Marke geworden. Die Kanzler wechselten, das Land vereinigte sich, die SPD betrieb Sozialabbau, die Grünen wurden spießig, Jamaika regiert bald an der Saar, CDU und FDP haben gerade ausgemacht, Hartz-IV-Empfänger besserzustellen. Überzeugungen und Ideale sind verhandelbar. Wallraff blieb unverändert.
Er gehörte zur alten Bundesrepublik. Eine Konstante. Eduard Zimmermann kümmerte sich um Verbrecher, Heinz Schenk um Heimeligkeit, Günter Wallraff um Verlierer. Für die Deutschen war er der Mann, der sich verkleidet und für die Schwachen kämpft. Als Gastarbeiter Ali holte er sich eine chronische Bronchitis bei Thyssen, er infiltrierte die "Bild"-Zeitung als Reporter Hans Esser und den Versicherungskonzern Gerling als Bürobote. Er ist der Undercover-Journalist mit falschen Haaren, falscher Brille und den richtigen Überzeugungen - schon immer.
"Ich setze mich den Dingen aus, ich bin ein Tester", sagt Wallraff. Seit 40 Jahren testet Günter Wallraff Deutschland.
Acht Reportagen enthält das neue Buch. Einige wurden bereits veröffentlicht. Die spektakulärste ist vermutlich die über Kwami Ogonno. Wallraff schminkte sich sein Gesicht dunkel, zog eine Perücke mit dunklen Locken an und kaufte sich ein geschmackloses grellbuntes Hemd. Er sah aus wie ein angemalter Kölner kurz vor Weiberfastnacht. Es gibt einen Film darüber, der jetzt in die Kinos kommt und dem Wallraff den schönen Titel "Schwarz auf weiß" gegeben hat.
"Ich habe immer an Evolution geglaubt", sagt Wallraff, "an eine stetige Entwicklung hin zu mehr Menschlichkeit und mehr Gerechtigkeit, aber die deutsche Gesellschaft teilt sich zusehends in immer Ärmere und immer Reichere. Da ist was am Erodieren. Dieses Buch soll aufrütteln."
Eine Journalistin fragt, ob er daran glaubt.
Er sagt: "Na ja."
Eigentlich ist das immer das Ziel gewesen. Das Aufrütteln. Wallraff möchte, dass sich der Deutsche empört - wie schlecht McDonald's oder Starbucks seine Mitarbeiter bezahlt, wie unverschämt Callcenter arbeiten, wie schwer es Schwarze und Ausländer haben. Es ist etwas altmodisch, so zu sein. Wallraff ist ein altmodischer Mann, ein altmodischer Journalist, mit einer altmodischen Haltung, einer unzynischen Haltung. Es ist nicht schwer, sich über ihn lustig zu machen.
In der alten Bundesrepublik hatte er es leichter. Kohl, Pershing II, Nato-Doppelbeschluss. Grün war gegen Auslandseinsätze, Schwarz gegen Krippenplätze, Rot für mehr Sozialhilfe, und wenn Wallraff über ein Unternehmen schrieb, wehrten sich die Unternehmen. "Heute klagen die nicht mehr, aber ich fordere sie hiermit auf, das zu tun", sagt Wallraff.
Die Großbäckerei, in der er verdeckt recherchiert hat, zahlt den Mitarbeitern mehr Lohn. Die Stadt Hannover will die Obdachlosenheime, die Wallraff besucht hat, schließen. Starbucks hat nett geschrieben.
Es wird schwer für Wallraff. Im Kleinen erreicht er etwas, im Großen nicht. Die Deutschen haben sich verändert. Deutschland hat sich verändert. Mit der Zeit sind die Dinge weniger kontrastreich geworden, komplizierter. Manager-Boni. Eine Schweinerei, aber eine globale Sache, die man hier allein nicht bekämpfen kann, sagen die Politiker. Die Banken. Wollen von Demut nichts wissen. Aber ohne sie, heißt es, schafft es die Wirtschaft nicht aus der Krise. Afghanistan. Tote Soldaten, aber wenn die Bundeswehr das Land verlässt, leiden vor allem Frauen und Kinder darunter. Empörung ist komplexer geworden.
Nach 37 Minuten ist die Pressekonferenz vorbei. Die Journalisten klatschen. Das ist selten nach Pressekonferenzen. Sie beklatschen eine Legende, die aus der Zeit gefallen ist, die erwartbare, mäßig gut geschriebene Bücher herausbringt, die zur alten BRD gehört. Aber eine Legende.
JUAN MORENO
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 43/2009
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