19.10.2009

Bad Bank Germany

Eine Studie zeigt: Deutschlands Banken sind beim Abbau ihrer Schrottpapiere bislang kaum vorangekommen.
Es war Lothar Späth, der das brisante Papier jüngst Regierungsvertretern übergab. Baden-Württembergs früherer Ministerpräsident ist dieser Tage als Lobbyist der US-Bank Merrill Lynch unterwegs, die sich in einer Studie die deutsche Bankenlandschaft im Vergleich zu ausgewählten internationalen Instituten angesehen hat. Das Ergebnis ist alarmierend.
Die "derzeit als problematisch einzuschätzenden Aktiva der größten deutschen Banken belaufen sich auf etwa 650 Milliarden Euro", heißt es in der Studie lapidar, das entspreche 25 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts: "Deutsche Banken scheinen bei strukturierten Kreditportfolien noch beträchtlichen Nachholbedarf zu haben - sowohl im internationalen Vergleich als auch mit Hinblick auf derzeit erzielbare Werte."
Die Zahl könnte sogar noch höher ausfallen, denn in den Berechnungen sind neben den klassischen Ramschanleihen aus gebündelten Forderungen nur noch gewerbliche Immobilien- und Schiffsfinanzierungen sowie hochspekulative Kredite für Unternehmensübernahmen enthalten. "In Abhängigkeit der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung könnten weitere Aktiva als problematisch eingeschätzt werden", heißt es in der Studie. Kurz: Deutschlands Geldinstitute sind beim Abbau des gefährlichen Wertpapierschrotts in ihren Bilanzen kaum vorangekommen (siehe Grafik).
So hat die WestLB ihr toxisches Portfolio von mehr als 30 Milliarden Euro bislang erst um vier Prozent abgeschrieben - also nur um gut eine Milliarde Euro. Die Landesbank Baden-Württemberg hat noch immer 89 Prozent ihres Sammelsuriums an giftigen Wertpapieren im Bestand, die BayernLB 88 Prozent und die HSH Nordbank 82 Prozent. Selbst die Commerzbank, die mit 18 Milliarden Euro Kapital vom Bund gestützt werden musste, hat ihr Buch mit Schrottpapieren von ebenfalls über 30 Milliarden Euro erst auf 74 Prozent abgeschrieben. Viele ausländische Banken haben die Krise weit besser verdaut.
Entsprechend rechnen die Experten von Merrill Lynch bei den betroffenen Instituten mit einem akuten Wertberichtigungsbedarf von 60 Milliarden Euro. Dazu kommen weitere Risiken in Osteuropa. Vor allem die Commerzbank und die BayernLB haben sich dort engagiert - mit jeweils knapp 25 Milliarden. Der von Merrill geschätzte "mögliche Wertberichtigungsbedarf" würde bei dem Institut 13,6 Prozent des Eigenkapitals vernichten - bei der BayernLB gar 31,9 Prozent. Abschreibungen auf Unternehmenskredite könnten allein bei der Commerzbank weitere 2,5 Milliarden Euro Kapital erfordern.
Auf Anfrage stellten die betreffenden Institute die Aussagekraft der Studie in Frage. Das Urteil der Amerikaner sei zu pauschal, die Risikoklassen der Portfolien würden kaum berücksichtigt - zudem hätten einige der Banken Teile der Risiken ausgelagert.
Das Papier sorgt im Wirtschafts- und Finanzministerium sowie im Kanzleramt dennoch für Besorgnis. "Die haben die Lage nicht dramatisiert", sagt ein hochrangiger Beamter. "Stattdessen wollten sie uns offenbar mit einer sehr realistischen Einschätzung beeindrucken."
WOLFGANG REUTER, CHRISTOPH SCHWENNICKE
Von Wolfgang Reuter und Christoph Schwennicke

DER SPIEGEL 43/2009
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