19.10.2009

CHINA„Wo steckst du, Metzger?“

Blogger wie Wu Gan bilden im Internet eine Gegenmacht zur Kommunistischen Partei. Sie machen auf Missstände aufmerksam, wollen aber keine Dissidenten sein.
Der Metzger trägt gern Schmuck. An jedem Handgelenk ein Armband, so sitzt er am Computer, glatzköpfig, das breite Gesicht gerahmt von einem kurzen Kinnbart. Er tippt nur mit zwei Fingern, aber was er tippt, macht Chinas Mächtigen Angst.
Der Mann, der mit dem Wort kämpft, heißt eigentlich Wu Gan, aber Hunderttausende Chinesen kennen ihn unter dem Pseudonym, das er im weltweiten Netz benutzt. Er wollte sich "tufu" nennen, das steht für Schlachter und für Henker, den niedrigsten Rang in der Gesellschaft, sagt er. Bloß keinen Heldennamen, dachte Wu und steigerte die Erniedrigung noch. Er wählte den Namen "Besonders vulgärer Metzger" und wurde zum Helden im Internet.
Über 338 Millionen Chinesen nutzen das Netz. Die meisten suchen Unterhaltung, sie hören Musik, lieben Online-Spiele. Doch längst ist das Internet auch zum Ort geworden, in dem sich eine chinesische Zivilgesellschaft herausbildet. Nichtregierungsorganisationen kämpfen mit Online-Unterschriften für mehr Umweltschutz. Bürger erzählen ihre Geschichte in Internetforen - über die Diskriminierung von Hepatitis-B-Infizierten, Diabetes-Kranken oder Homosexuellen. Und es gibt Menschen wie Wu Gan, 37. Sie übernehmen die Rolle von kritischen Journalisten.
Seit sechs Jahren bewegt Wu sich im Netz. Heute verbringt er zehn Stunden täglich vor dem silbernen Laptop, er nimmt ihn mit zum Esstisch, mit ins Bett, er gehört zu den bekanntesten Internetaktivisten Chinas. 80 bis 90 Leute gebe es im Land, sagt Wu, die berühmt seien durch ihre Online-Artikel und Blogs. Doch nur wenige fahren selbst hin zu den Menschen, um zu recherchieren, so wie er kürzlich bei einem Fall in Yancheng in der Provinz Jiangsu.
Dort wurde, so dokumentiert es Wu, ein Mann mehr als hundert Tage in einem Hotelzimmer eingesperrt, mit einer Eisenkette gefesselt, gefoltert. Die Täter: Beamte der lokalen Staatsanwaltschaft. Das Opfer: selbst ein Beamter, der Korruption verdächtig. Ein Unschuldiger, wie Wu glaubt, dem die Behörden nach den Misshandlungen auch noch 200 000 Yuan - umgerechnet rund 20 000 Euro - wegnahmen.
Wu rief bei der Staatsanwaltschaft an, die aber gab keine Auskunft. Also stellte er sich vor das Gerichtsgebäude, entrollte ein Plakat, ließ die Aktion fotografieren, und als der Pförtner nach zwei Minuten herbeieilte, erklärte Wu sich selbst zum Künstler, das Ganze zur Performance und ging einfach weg. Das Foto vom Plakat "Gebt mir mein durch Blut und Schweiß verdientes Geld zurück!" stellte er hinterher ins Internet und auch die Beweise: Aufnahmen von den blauschwarz verfärbten, geschwollenen Füßen des Mannes, von dem billigen Hotel mit den vergitterten Fenstern, von der Kette.
Für die Dramaturgie seiner Dokumentation im Netz aber überlegte Wu sich einen Kniff. Nicht mit den Wunden des Mannes begann er, sondern mit den Bildern vom Gerichtsgebäude, einem mehrstöckigen Klotz. Wu wollte zeigen, dass es hier um steingewordene Verschwendung von Steuergeldern geht. Das, sagt er, rege die Menschen wirklich auf, nur dann läsen sie weiter. Wu glaubt: Hätte er mit dem Opfer angefangen, dessen Beruf genannt - Abteilungsleiter im Ordnungsamt -, wer hätte dann Mitleid mit dem Mann gehabt? Kaum jemanden hassen die Menschen mehr als diese Beamten, die andere schikanieren.
Wu geht es um die Lehre, um eine Mahnung auch an die Mächtigen, und die heißt: In einem Staat, in dem nicht das Recht regiert, kann jeder zum Opfer werden. Auch der, der gestern noch mächtig war. Allein das Recht schützt jeden.
Für die chinesische Regierung, die jahrzehntelang erfolgreich über die Massenmedien wachte, ist das Internet die neue Herausforderung. Der riesige Aufwand, den die KP betreibt, um die Herrschaft über verfügbares Wissen zu erhalten, spiegelt ihre große Sorge um ihr Meinungsmonopol im Einparteienstaat. Sie errichtete eine "Große Brandmauer", um den Informationsfluss zwischen der Welt und China zu kontrollieren. So kann sie den Zugang zu Websites blocken, die aus ihrer Sicht die soziale Ordnung und die nationale Sicherheit bedrohen. Zudem zwingt sie Betreiber von Internetcafés zur Zusammenarbeit, sie reagiert mit Zensur, Gesetzen und Cyber-Polizei.
Doch es gibt eben nicht nur die ausländischen Medien und Organisationen, die die KP argwöhnisch betrachtet. Da sind auch die chinesischen Blogger wie Wu Gan, die selbst Nachrichten produzieren und Informationen weitergeben, in rasender Geschwindigkeit. Die Menschen, die online zusammenfinden, könnten später offline demonstrieren - das Netz ist der KP zwangsläufig verdächtig.
Wu fühlt sich stark, denn alles, was er tue, das sagt er immer wieder, sei rechtmäßig. Doch er hält sich an eigene Regeln: Er recherchiert keine Fälle in seiner Heimatprovinz, um Freunde nicht zu gefährden. Er meidet Fälle in der Provinz, in der er heute lebt, aus Sorge um seine Tochter. Und auch von Peking hält er sich fern, weil dort alles noch schwieriger ist.
Wu nutzt die Öffentlichkeit, um anderen zu helfen, und er nutzt sie, um sich selbst zu schützen. Er hat eine Kopie seines Ausweises ins Internet gestellt, seinen Lebenslauf, seine Handy-Nummer und dazu noch die Daten seiner Tochter, den Namen ihrer Schule. Bevor er auf Reisen geht, schreibt er den anderen Usern, wohin er fährt, was er untersuchen will. Von unterwegs berichtet er täglich im Forum. Meldet er sich zwei Tage nicht, wird das Netz unruhig: "Wo steckst du, Metzger?"
Wenn er verschwinden würde, gäbe es Aufruhr im virtuellen China. Einen Aufruhr, wie er ihn selbst im Internet entfachte mit dem Fall von Deng Yujiao.
Die junge Frau hatte einen Funktionär erstochen, als der sie zum Sex zwingen wollte. Die Justiz wollte sie erst wegen Mordes anklagen, dann steckte man sie in die Psychiatrie. Wu fuhr nach Badong, um zu recherchieren. Er habe zum Klinikdirektor gesagt: "Ich bin ein Vertreter aller Internetbenutzer. Ich will Deng sehen." Sie ließen ihn zu ihr, er stellte ihr Foto ins Netz, und das Bild von dieser zarten, jungen Frau wurde zur nationalen Ikone: Deng, die Frau, die sich wehrt gegen die verhassten, korrupten Lokalkader. Deng, die Frau, die um ihre Ehre kämpft. "Ich habe geweint, als ich Deng gesehen habe", schrieben die Menschen im Internet.
Wu berichtete, als die Behörden den Fall verschleiern wollten. Er überzeugte Dengs Eltern, dass sie einen Anwalt engagieren sollten. Er arrangierte einen Besuch der Mutter in der Klinik. Er überreichte Dengs Eltern, denen das Internet fremd war, eine Spende der Web-User. Wu machte Deng berühmt, und Deng machte Wu berühmt, und nur zwei Wochen später holte ihn die Polizei aus dem Bett.
Noch im Polizeiauto schrieb er eine SMS an andere Blogger: "Sie haben mich mitgenommen. Bitte erzählt das weiter, schenkt meiner Situation Aufmerksamkeit." Die Beamten fragten ihn, ob er die Anwälte, die Deng verteidigten, schon früher gekannt habe. Nein, sagte er. Wieder und wieder fragten sie ihn, sie glaubten, dass hinter ihm eine ganze Organisation stünde. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ein Mensch allein so viel bewegt.
100 bis 200 SMS täglich bekam Wu von Fremden, die seine Einträge über Deng im Netz gelesen hatten. Sie boten ihm ihre Websites an, als die Behörden seinen Blog blockten. Sie schrieben ihm: "Metzger, du hast bei allen Leuten in diesem Land die Sehnsucht nach Wahrheit, Mitleid und Gerechtigkeit geweckt." Sie schrieben ihm: "Vielen Dank dafür, was du für China getan hast."
Vom Morgengrauen bis zum Nachmittag verhörte ihn die Polizei, dann ließ sie ihn gehen.
Die Regierung setzt nicht mehr nur auf Einschüchterung. Sie hat gelernt, das Internet für sich zu nutzen. Seit ein paar Jahren tauchen in den Foren plötzlich Kommentatoren auf, unter x-beliebigen UserNamen. Sie sollen die Diskussion gemäß den Leitlinien der Partei lenken oder auch nur Stimmung machen gegen Kritiker. "Du bist ein Lügner!" - "Du gehörst zur Anti-China-Gruppe!", so beschimpfen sie auch Wu. "Fünfzig-Cent-Partei" nennen die Blogger sie, zahlen ihnen die Behörden doch angeblich diese Summe für jeden Online-Beitrag.
Auch Wu hat gelernt, dass er geschmeidig bleiben muss im Netz. Früher stellte er seine Artikel immer wieder unter neuen User-Namen ins Web, und immer wieder sperrten die Behörden seine Seiten. Jetzt vermeidet er heikle Wörter wie "4. Juni", das Datum des Tiananmen-Massakers von 1989, oder die Namen von Premier Wen Jiabao und Staatschef Hu Jintao. Auch Begriffe wie "Tofu-Konstruktion" als Synonym für die Schulen, die beim Erdbeben in Sichuan zusammenbrachen, benutzt er nicht. Die Toleranz der Regierung hört spätestens bei den "drei T" auf: Tiananmen, Tibet, Taiwan.
Kritik an der Staatsmacht ist subtiler geworden und sarkastischer. Wus Name "Besonders vulgärer Metzger" ist auch ein ironischer Verweis auf eine Regierungskampagne mit dem Titel "Gegen ungesunde, pornografische und vulgäre Web-Seiten", die zur Schließung zahlreicher kritischer Foren führte. Viele Blogger schreiben zudem im Schutz der Masse. Wird ein Thema gerade heiß debattiert im Netz, kann sich auch der Einzelne gefahrloser äußern.
Wu spielt nur noch manchmal mit dem Risiko. Dann fotografiert er seine Beschatter und zeigt die Fotos im Netz. Dann geht er in der Hotellobby auf den Mann zu, der ihn mit dem Handy knipst, und sagt: "Ach, Sir, lass uns zusammen etwas essen." Mit "Sir" sprechen sie in Hongkong Polizisten an, und tatsächlich gingen Wu und seine Freunde mit dem Zivilbeamten ins Restaurant. Es sei ein fröhlicher Abend gewesen, schrieben sie später im Internet.
Wu ist ein Kritiker, kein Regimegegner. Er sagt: "Ich bin für das Land und für die Partei." Er sagt auch: "Wir helfen denen da oben, die da unten zu kontrollieren." Die da oben, das ist die Zentralregierung. Die da unten, das sind die Lokalregierungen. Aus seiner Sicht ist seine Arbeit eine "patriotische Aktivität". Er wünsche sich doch nur, dass sein Vaterland besser werde, noch besser. SANDRA SCHULZ
Von Sandra Schulz

DER SPIEGEL 43/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

CHINA:
„Wo steckst du, Metzger?“

  • Neues Start-Up: Elon Musk will Hirn und Rechner vernetzen
  • Sozialer Brennpunkt Folsterhöhe: Kinderarmut in "Saarbrooklyn"
  • Mexikanischer Drogenboss: Lebenslange Haft für "El Chapo"
  • Neue Bahnansagen: Eine Stimme für 20 Millionen Fahrgäste täglich