26.10.2009

INSELNDer Unterwasser-Obama

Den Malediven steht das Wasser bis zum Hals. Schuld daran soll die globale Erwärmung sein. Also hat sich der neugewählte Präsident Mohamed Nasheed vorgenommen, das Weltklima zu verändern. Von Alexander Smoltczyk
Der Staatspräsident der Malediven ist 158 Zentimeter groß. Vielleicht war er einmal größer. Aber sie haben ihm damals im Gefängnis den Rücken ruiniert.
Er hat es ihnen verziehen. Er hat jetzt andere Sorgen. Sein Staatsgebiet ist an der höchsten Stelle kaum höher als er selbst und im Durchschnitt noch eine Handbreit niedriger. Ausgenommen natürlich der gewaltige, mit Plastikfetzen befleckte Bauschuttberg hinterm Kraftwerk von Male, aber der zählt nicht richtig. Zählen tut nur, dass der Indische Ozean bis zum Ende des Jahrhunderts um einen halben Meter ansteigen könnte. Gleichzeitig wächst ein Korallenatoll im Jahr um bis zu zehn Millimeter, sofern die Korallen in Ruhe gelassen werden und die Abfälle des Schuttbergs nicht einfach ins Meer gekippt ... Es ist alles nicht so einfach. Aber Politik verlangt einfache Botschaften.
Und deswegen paddelt Seine Exzellenz Mohamed Nasheed, Staatspräsident der Malediven, jetzt auch im reiseprospektklaren Wasser der Lagune von Girifushi, die Nase nur wenige Zentimeter über dem Meeresspiegel. Es war die erste Unterwasserkabinettssitzung der Geschichte. "Mr. President", ruft die indische Journalistin von Star TV und streckt ihm ein puscheliges Mikrofon entgegen wie eine Rettungsstange, "was passiert, wenn die Staaten sich bei der Klimakonferenz in Kopenhagen nicht auf verbindliche CO2-Werte einigen?" - "Dann werden wir alle sterben", sagt der Präsident. Da lachen alle. Gleich gibt es Curry und Fisch.
Sie haben auch gelacht, als Nasheed verkündete, er wolle Präsident der Malediven werden. Da war er 17. Sein Vater schickte ihn nach Liverpool, um Fischereiingenieur zu werden. Nasheed schrieb als Diplomarbeit einen Entwurf für ein öffentliches Personennahverkehrssystem für die Malediven. Ein Land, das zu 99,75 Prozent aus Wasser und zum Rest aus 26 Atollen mit 1192 Inseln besteht. Lächerlich.
Im Exil auf Sri Lanka gründete der damals 36-jährige Nasheed zusammen mit anderen Oppositionellen seine Partei, um den Inselherrscher Maumoon Abdul Gayoom abzusetzen, den dienstältesten Autokraten Asiens. Der lachte nicht, sondern ließ Nasheed einsperren, zwölf Mal, zusammen sechs Jahre lang, davon 18 Monate in Einzelhaft, mit Schlägen und Folter. Amnesty International setzte sich für ihn ein. Er überlebte einen merkwürdigen Autounfall.
Jetzt ist Mohamed Nasheed 42 Jahre alt und der erste demokratisch gewählte Präsident der Malediven. Der abgesetzte Herrscher hat ihm gratuliert. Und zwischen den Inseln pendelt die erste öffentliche Nahverkehrsfähre.
"Mr. President, was ist Ihre Botschaft an die Kinder der Welt?" Ein Klimaaktivist mit aufwendig tätowierten Unterarmen hat sich zu Nasheed herangearbeitet und hält ihm seine Videokamera ins Gesicht. Er habe extra seine Flitterwochen unterbrochen, um den Präsidenten zu sehen.
Nasheed ist in den letzten Monaten zu einer Art Dalai Lama der Klimaschutzbewegung geworden. Al Gore beruft sich auf ihn, wenn er vor Bevölkerungswanderungen infolge des Klimawandels warnt. Kürzlich wurde Nasheed vom "Time"-Magazin in die Liste der "Heroes of the Environment" aufgenommen. Die Queen hat ihn empfangen.
Und dann kam der 24. September 2009.
An diesem Nachmittag tagte in New York die Vollversammlung der Vereinten Nationen. Barack Obama hatte schon gesprochen und Muammar al-Gaddafi. Dann stand Mohamed Nasheed auf der Bühne. Ein schmächtiger, streng gescheitelter Mann ohne besondere Kennzeichen. Man konnte ihn sich vorstellen, wie er abends leise an den Tisch beim Italiener tritt und Rosen anbietet. Und dann, lächelnd, so lange stehen bleibt, bis er sie auch verkauft hat.
"Ich bin sehr glücklich, hier zu sein", fing er seine Rede an. Und das war nicht nur so gesagt. "Ich habe viele der vergangenen Vollversammlungen in einer heißen, feuchten, stickigen Zelle verbracht, in Handschellen und mit gefesselten Füßen."
Niemand klatschte Beifall. Nicht aus bösem Willen, sondern weil Uno-Delegierte selten an die Vorderkante ihres Sitzes rutschen, wenn ein Vertreter der Malediven das Wort ergreift. Das ist eher der Moment, wo man Kaffee trinken geht oder Akten abarbeitet. Das Plenum hatte einen hellblauen Farbton angenommen, als Nasheed redete, weil die meisten Sitze leer waren.
Er sah viel zu jung aus, wie ein 20-Jähriger. "Ich sichere Ihnen die volle Unterstützung und Mitarbeit meiner Delegation zu", sprach er die Weltgemeinschaft an. Seine Stimme ist keine angenehme, gepresst, gebrochen und ein wenig zu hoch, bei "Excellencies" entglitt sie ihm ein wenig und wurde zu Excellenciiiiieees.
Er sprach frei. Von den Werten der Demokratie, die man in Stein schreiben müsse, nicht in Sand. Und man sah, wie oft er sich die Reden des US-Präsidenten angeschaut hat. Das gehobene Kinn, die Pausen, die raschen Kopfbewegungen, das Schwenken des Kopfes vor dem Satzende.
"Jeder Strand hat der Flut ein Opfer gebracht, jedes Haus hat gelitten unter den zunehmenden Stürmen, jedem Riff haben die wärmeren Wasser etwas genommen." Das rief er lauter, und seine Aussprache wurde etwas weniger präzis. Es sei schwer, ein Land zu regieren, wenn die Fischbestände zurückgehen und die Tropenstürme stärker werden - "bis zu jenem Punkt, an dem wir in Erwägung ziehen müssen, unsere Heimat aufzugeben".
Die Weltgemeinschaft müsse sich im Dezember, beim Treffen von Kopenhagen, auf ein Klimaziel einigen. "Alles andere hieße, 300 000 Maledivern ein Todesurteil auszusprechen", rief er, und seine Stimme überschlug sich wieder. Die Malediven, versprach er, würden in zehn Jahren der erste CO2-neutrale Staat sein. Zum Schluss sagte Nasheed: "Wenn wir die Welt retten wollen, dann schlage ich vor, mit den Malediven zu beginnen. Das wäre ein sehr guter Anfangspunkt. Thank you, Mr. President."
Kaum sonst wo ist Lokalpolitik so sehr Globalpolitik wie auf den Malediven. Das Land (wenn man es so nennen will) ragt nicht aus dem Indischen Ozean heraus, sondern liegt eher wie eine Wasserrose auf den Wellen. Die Inseln sind nur eine Korallenriffkruste auf den Rändern erloschener und abgesunkener unterseeischer Vulkane, bedeckt mit Sand, bewachsen mit Kokospalmen und erstmals vor 4000 Jahren von Menschen besucht. Damals noch nicht in Badetücher gewickelt und mit Cocktails in der Hand.
Der Klimawandel ist nicht die Schuld der Malediven. Aber er ist ihr Problem. Deswegen hat Mohamed Nasheed sich vorgenommen, das Problem zu lösen. So wie das des öffentlichen Nahverkehr zwischen den Atollen seines Landes.
Nasheed ist kein Linker. Seine politische Heimat sind die britischen Tories. Aber er gehört zu einem neuen Typus von Politiker: ebenso glaubens- wie umweltbewusst, konservativ und marktliberal, aber im Zweifel fürs Soziale. Machtbewusst und dabei mit einer hohen Meinung von den res publicae. Nasheed hat einiges gemein mit Angela Merkel oder Václav Havel. Vielleicht auch mit dem Präsidenten der USA.
Denn vor allem hat dieser Mann verstanden, dass moderne Politik Bilder braucht, möglichst global lesbare Bilder, die in 15 Sekunden eine Botschaft vermitteln. Klar und deutlich und nicht etwa durch aufgewirbelten Korallensand verschleiert. "Das war unsere größte Sorge", sagt Major Ahmed Ghiyaz, der zuständige Offizier. "Die Minister haben zwar alle Tauchunterricht bekommen. Aber sie sind ungeübt und machen vielleicht unnötige Bewegungen mit den Flossen. Dann wäre alles umsonst gewesen."
Nasheed hatte die Idee gehabt, sein Kabinett in drei Meter Tiefe eine Erklärung "SOS von der Front" unterzeichnen zu lassen, rechtzeitig zum Weltaktionstag am 24. Oktober. Er hatte einen TV-Spot in Auftrag gegeben, wo drei Burschen übers Wetter plauderten, als säßen sie im Café und nicht drei Meter tief im Wasser. Der Film lief jede Stunde auf dem Staatskanal TVM.
"Wenn die Malediven nicht gerettet werden können", sagt er, "dann wird der Rest der Welt auch keine Chance haben. Was heute den Malediven passiert, wird später London und Manhattan passieren."
Die Aktion sollte nicht auf der Hauptinsel Male stattfinden, sondern in der Lagune von Girifushi, der Trainingsinsel der maledivischen Streitkräfte. Da konnte man lästige Haie aus der Lagune scheuchen, und es gab eine Sanitätsstation für den Notfall.
Um einen Strunk Korallen herum wurden in Hufeisenform Schulpulte mit Namensschildern aufgestellt, zwei Nationalflaggen zur Rechten und Linken des vorsitzenden Präsidenten in den Boden gerammt, eine Kamera zwischen den Korallen befestigt.
Die Minister saßen an den Pulten, hinter sich je einen Tauchlehrer, damit sie nicht unnötig Sand aufwirbelten. Es sah aus wie ein Bildschirmschoner. Papageifische schwebten zart vor die Kamera, dicke Blasen blubberten weiß auf, über der Schulter des Luftfahrtministers war kurz ein Stachelrochen zu sehen.
"Der Klimawandel ist bereits im Gang und bedroht die Rechte und die Sicherheit von jedem auf Erden. Wir müssen gemeinsam eine globale Anstrengung unternehmen, um einen weiteren Anstieg der Temperatur zu stoppen und die Kohlenstoffdioxidemissionen auf ein sicheres Niveau von 350 ppm, also Millionstel Teilen in der Erdatmosphäre, zu reduzieren. Angenommen vom Kabinett der Republik der Malediven am 17. Oktober 2009."
Die Botschaft ist draußen. An diesem Abend wird in allen wichtigen Nachrichten ein Mann im Taucheranzug zu sehen sein, der eine weiße Plastiktafel unterschreibt. Und vielleicht wird es jetzt in Kopenhagen auch einfacher, die reichen CO2-Sünder um Hilfsfonds anzugehen.
Nasheed denkt schon wieder an die nächsten Etappen.
"Wir haben natürliche Ressourcen im Überfluss, beispielsweise die Sonne, den Wind und die Wellen, den Wind, die Meeresströmungen und die Sonne. Wir brauchten keine fossilen Brennstoffe einzuführen", sagt er nach der Tauchaktion, klatschnass und erleichtert. "Wir brauchen intelligente Technologien, wir leben im 21. Jahrhundert ..."
Sagt er. Vor sich die Sintflut. Und hinter sich die Haie. Solche, die man nicht vertreiben kann. Weil sie immer da sind, wo es nach Macht riecht und nach Interessen. Unter den Ministern, die Mr. President jetzt so harmlos in ihren Taucheranzügen umpaddeln, könnte sich manch einer verbergen, der nur darauf wartet, dem Präsidenten den ersten Biss zu geben, um ihn untergehen zu sehen.
Nasheed hat keine Mehrheit im Parlament. Er verdankt seine Wahl einer unmöglichen Koalition aus Islamisten, Menschenrechtlern und Liberalen. Es war ein Bündnis gegen das alte Regime, ein Kaleidoskop politischer Interessen, das bei der erstbesten Erschütterung anders fallen kann.
Dem Minister für Islamische Angelegenheiten, Abdul Majeed Abdul Baaree, sind die globalen Initiativen seines Präsidenten ziemlich egal. Manche seiner Anhän-ger haben im Tsunami, im Dezember vor fünf Jahren, ohnehin die Strafe Allahs gesehen, für all die Buddhas und barbusigen Götzenbilder in den Thai-Restaurants der Hauptstadt Male. Schon einen Tag später wird der Mann mit Koalitionsbruch drohen, weil Nasheed vorsichtig Skepsis äußerte, ob man durch Amputation von Gliedmaßen die Diebstahlquote senken könnte. Es ist das Dilemma vieler Präsidenten gewesen. Global erfolgreich, lokal zu Fall gebracht von den Leuten und ihren Alltäglichkeiten. Konkret: Alle Pläne des Mohamed Nasheed können daran scheitern, dass er dem neuen Holiday-Inn-Hotel in Male die Erlaubnis geben möchte, Alkohol auszuschenken.
Die meisten Malediven-Touristen werden pauschal vom Flughafen auf ihre Resort-Inseln geschleust, ohne Male auch nur zu berühren. Das ist schade. Male ist eine der dichtestbesiedelten Städte der Welt, ein bis auf den letzten Quadratmeter mit hohen Verwaltungsgebäuden, Palästen, Computerläden und Schneidereien zugepacktes Eiland, auf dem 130 000 Menschen damit beschäftigt sind, auf Honda-Mopeds durch die heiße Luft zu knattern oder mit ihren Kleinlastwagen Gelbflossenthunfische vom Markt zu holen. Die Straßen sind von fettblättrigen Tropenbäumen beschattet, man hört Hämmern, Bohren, das Stimmengewusel von Südindern, Bengalen, Thais, Bangladeschern, Chinesen, Philippinern und natürlich Maledivern.
In diesem Gewirr muss Nasheed sich politisch über Wasser halten. Er hat die Folterzellen abreißen lassen und eine Kampagne gegen die Drogendealer gestartet. Doch von seinem Vorgänger hat er ein Haushaltsdefizit von 30 Prozent des Sozialprodukts geerbt. Die Kassen der Staatsbank sind so leer, dass niemandem derzeit mehr als 300 Dollar an Devisen ausgezahlt werden kann. Das trägt unter den Geschäftsleuten nicht zur Popularität der Regierungskoalition bei.
Das Viertel am Hafen, hinter den Öltanks des Dieselkraftwerks von Male, wird "Bosnia" genannt. Es steht in keinem Malediven-Reiseführer. Dennoch würde man es nicht als Geheimtipp bezeichnen wollen. Die gerade tonangebende Drogenbande heißt "Tsunami Aftermath", und in Bosnia liegt auch die höchste Geländeerhebung des Archipels, jener gut 15 Meter hohe Berg aus Bauschutt und Plastikmüll, der jede Flut, jeden Tsunami überleben wird.
Farud wohnt hier. Er habe irgendetwas mit der IT-Branche zu tun, sagt er, und: "Everything's going down." Damit meint Farud nicht die Wirtschaft und nicht die Sitten. "Ich werde hier nicht alt. Das Wasser steigt. Jeder hier macht sich große Sorgen." Er schaut hinüber aufs Meer jenseits der Tetraeder-Mole. "Es ist gut, was der neue Präsident macht. Die USA und Großbritannien müssen uns helfen. Sie verschmutzen am meisten." Nasheeds Botschaft ist offensichtlich bis nach Bosnia gekommen.
Hier scheint der Präsident auch ein Jahr nach seinem Wahlsieg noch populär zu sein. Es gefällt den Armen, dass er den mit goldenen Armaturen bestückten Protzpalast des alten Präsidenten nicht bezogen, sondern dem Obersten Gerichtshof übergeben hat. Der neue Präsident wohnt mit seiner Frau und den beiden Töchtern etwas bescheidener in einer Villa, die der letzte Sultan seinem Sohn bauen ließ. Es gefällt auch, dass der präsidiale Autokorso nur noch aus zwei Fahrzeugen besteht, die bei Rot an jeder Ampel halten. Dass Nasheed eine Kommission gegen die Korruption eingerichtet hat. Dass er auf CNN und BBC und al-Dschasira zu sehen war.
"Das bringt mehr Touristen zu uns. Die Leute sehen, wie schön die Malediven sind und dass sie bald untergehen, wenn nichts passiert." Faruds Fuß ruht auf dem Chrom-Trittbrett eines liebevoll aufgetunten Mazda6, an dem sein Bruder unter den Augen einiger Jugendlicher gerade eine Kühler-Lippe montiert. Es ist eine in Schwarz und Gelb lackierte Rennmaschine, mit grotesken Anbauten und vermutlich ähnlichen Abgaswerten.
Wozu braucht man auf einer komplett tiefergelegten Insel, wo die Gassen schon Tempo 30 unmöglich machen, über 200 PS mit Frontspoiler? "Das ist das Problem der Insel", sagt Farud. "Es gibt keinen Highway auf Male. Aber ein paar Inseln weiter haben wir eine 25 Kilometer lange Piste." Da soll der Wagen hingeschippert werden.
"Giddens' Paradox" nennt man das: die Unfähigkeit, sein Alltagsverhalten zu ändern, weil die Folgen des Klimawandels noch nicht zu spüren sind. Denn katastrophal ist eine Katastrophe erst, wenn sie eingetroffen ist. Farud ist nicht anders als der Rest der Menschheit, nur weil er seinen Wagen 50 Zentimeter über dem Meeresspiegel geparkt hat.
Es ist das alte Dilemma zwischen global und lokal, zwischen nah und fern. Zwischen gewiss und ungewiss.
Nicht allen Klimaexperten ist wohl bei Nasheeds Aktionen. Schon das Konzept "Meeresspiegel" hat wenig mit der Alltagserfahrung aus der Badewanne zu tun, sondern ist auch abhängig von Geotektonik. Einige Teile Südasiens oder auch der Karibik steigen auf, andere sinken. Nichts ist einfach. Jede Vorhersage ist nur eine in die Zukunft fortgeführte Modellrechnung. Das macht jede Aussage über den Klimawandel angreifbar und jeden Bericht zum Thema gespickt mit immunisierenden Wörtern.
"IPCC" heißt das internationale Expertengremium der Uno für den Klimawandel. Ein Orakel, zu dem alle pilgern, um sich Prophezeiungen zu holen. Das IPCC sagt, dass von Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts der Meeresspiegel "mit hoher Gewissheit" um 1,7 Millimeter jährlich angestiegen ist und dass dieser Trend sich zu verstärken scheint. Von 1961 bis 2003 stiegen die Ozeane um 1,8 Millimeter, seither um 3,1 Millimeter jährlich.
Das liegt teils daran, dass sich Wasser mit steigender Temperatur ausdehnt, teils sind die schmelzenden Gletscher und Eisplatten Grönlands dafür verantwortlich.
Bis zur Jahrhundertwende "könnte" der Meeresspiegel um 18 bis 59 Zentimeter ansteigen, je nach Modellannahmen und je nach Position auf der Erde.
Es ist ein Denken im Konjunktiv. In den Feuilletons bekämpfen sich Klimaskeptiker und Klimaforscher, Apokalyptiker und Nörgler, Querulanten, Leugner und Endzeithysteriker. Die Debatte um die Treibhausgase werde, so die einen, geführt wie ein Glaubenskrieg, das Weltklima sei zur säkularen Religion geworden, wo es um "Wahrheit" ginge statt um wissenschaftliche Wahrscheinlichkeit.
Mag sein, sagen die anderen. Aber wer angesichts schmelzender Arktisgletscher noch debattieren wolle, mache sich schuldig an den kommenden Generationen.
Das ist auch die Position von Mohamed Nasheed. Es sei wie mit Blaise Pascals Wette auf Gott: "Selbst wenn man dem Ansteigen des Meeresspiegels skeptisch gegenübersteht, ist es dennoch besser, sich abzusichern."
Die Malediven sind einer "Allianz kleiner Inselstaaten" beigetreten, aus 43 Mitgliedern, darunter allerdings auch Halb- und Viertelinseln wie Belize. Eine ihrer Forderungen ist präventives, klimatisches Asyl auf dem Festland. Die Südseeinselstaaten Tuvalu und Kiribati haben bereits entsprechende Anträge in Australien und Neuseeland gestellt. Dann könnten sie selbst entscheiden, wann die Bewohner ihre Inseln verlassen. Sie hätten ein Recht auf Arbeit und Aufenthalt.
Ende vergangenen Jahres kündigte Nasheed die Gründung eines Staatsfonds an, um Land in Australien zu erwerben. Als Rettungsboot quasi: Panikmache sei das, warfen Nasheeds politische Gegner ihm vor - und manche Freunde auch.
Aber die Kassen sind ohnehin leer, und Nasheed wird jeden Dollar brauchen, um die anderen Versprechen einzulösen. Von der CO2-Neutralität ist sein Staat noch ziemlich weit entfernt. Die Abfälle werden immer noch auf das Thilafushi-Eiland verfrachtet und dort verbrannt, meistens nachts.
Kaum eine Insel des Atolls verfügt über Kläranlagen. Im Halbstundentakt werden die Abwässer der Hauptinsel Male in den Ozean gepumpt, samt Chemikalien und Röntgenmüll. "Bluepeace", eine lokale Umweltinitiative, hat bereits erste Schäden an den Korallenbänken rund um Male festgestellt. Das wäre fatal. Denn die Korallen haben die Inseln am 26. Dezember 2004 besser vor der Wucht des Tsunamis geschützt als jede Tetraeder-Mole. Und sie wachsen weiter in die Höhe, wenn man sie nur in Ruhe lässt. Dazu gehört auch, dass der Ozean nicht saurer wird und sich seine Temperatur nicht deutlich verändert. Was wieder mit dem Treibhausgasen zu tun hat. Lokal ist global ist lokal.
Die Fischer auf den Malediven nannten ihr Archipel "Land des Auf- und Abtauchens". Weil die Strömungen fortwährend ganze Korallensandstrände von einem Rand der Bucht an den anderen schaufeln. Manche Atolle sind nach den Tsunamis durch Sandanspülungen besser geschützt als vorher. Es lässt sich wissenschaftlich nicht vorhersagen, wie die Malediven im Jahr 2100 aussehen werden. Und auch nicht, ob sie tatsächlich versunken sein werden.
Mohamed Nasheed würde dem kaum widersprechen. Er weiß, dass seine Tauchaktion keines der Probleme gelöst hat, weder lokal noch global. Aber er hat eine Botschaft vermittelt. Seit dem 17. Oktober wird niemand mehr bei "Malediven" nur an Flitterwochen-Hotels denken.
Während im milchigen Licht der Lagune von Girifushi noch zwei Nationalflaggen langsam in der Strömung wehen und nur noch ein Schwarm Papageifische sich um die Namensschilder auf den Kabinettstischen kümmert, versammeln sich auf dem Sportplatz hinter Bosnia einige tausend Schulkinder. Sie haben in den letzten Wochen beigebracht bekommen, was "Kopenhagen" ist, was ein "Treibhausgas" und was das mit ihrer Insel zu tun haben könnte.
Gut 4000 Kinder hocken sich auf den Boden, die Mädchen mit den schwarzen Kopftüchern am Rand, von den umliegenden Hochhäusern aus könnte man erkennen, dass sie eine Zahl bilden: 350. 350 parts per million Kohlendioxid in der Luft.
"Das ist das Ziel. Sonst gibt es ein Desaster." So sagt es Fathmah Nahula, zehn Jahre alt, von der Ishandar-Schule. Sie ist vielleicht nicht über den letzten Stand der Expertendebatte informiert, hat von "parts per million" und Modellalgorithmen womöglich nichts gehört. Aber Fathmah Nahula weiß, dass "350" ungefährlich ist und dass wir schon "390" haben.
Dann brüllen sie, Block für Block: "Three" brüllt die Dreiergruppe, "Five" die Fünfer, "Zero" kreischen die letzten.
"Wir haben versucht, ihnen zu erklären, was Erwärmung bedeutet. Es war erst schwierig. Manche Jungs freuten sich darauf, bald zur Schule schwimmen zu können", sagt Ramziya Usman, Lehrerin an der Thaajuddeen-Schule.
"Three - Five - Zero!"
"Natürlich habe ich Angst. Wir spüren es schon. Der Fisch ist teurer geworden. Das soll von der Erwärmung kommen. Wir essen mehr Gemüse. Und ich pflanze Bäume. Nein, nicht im Garten. Im Blumentopf", sagt die Studentin Mariyam Zaki.
"Three - Five - Zero!"
Mag sein, dass es nur eine von Nasheeds symbolischen Aktionen ist. "350" ist nur eine Zahl und keine Politik. Das Weltklima ist komplexer als ein Messwert. Aber diese Generation da auf dem Sportplatzrasen von Male wird ein Gefühl dafür haben, wie zerbrechlich ihre Inseln sind. Die Botschaft ist bei den Kindern angekommen, und wenn sie größer sind, werden sie vorbereitet sein. Denn sie werden wachsen, schneller als der Meeresspiegel.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 44/2009
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INSELN:
Der Unterwasser-Obama

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