16.11.2009

LIBERALEGott ist gelb

Im Bundestag wächst die Gruppe der „Christen in der FDP“. Sie wollen die Partei sozialer machen - und der Union die Anhänger abluchsen.
Der Bundestag war gerade neu gewählt, da bekam jeder Abgeordnete der FDP himmlische Post: eine Holz-Ikone zum Aufklappen, walnussgroß, mit Bildern von Jesus und Maria. Das "kleine ökumenische Geschenk" diene "als Inspiration und Offenbarung zugleich", stand im Begleitbrief. Die Post kam nicht etwa von den christlichen Kirchen, sondern aus den eigenen Reihen. Der Absender: Patrick Meinhardt, FDP.
Seit 2005 sitzt Meinhardt für die Liberalen im Bundestag. Er stammt aus Mittelbaden und ist Mitglied der evangelischen Gemeinde. Wann immer es geht, hört er nachmittags im Zisterzienserkloster von Baden-Baden den Nonnen beim Singen zu. Meinhardt sagt, er wolle "einen lebensfrohen Glauben im Alltag leben". Das heißt für ihn: auch in der Politik.
Er sprach mit seinen Fraktionskollegen, vielen ging es ähnlich. Gemeinsam mit 20 anderen FDP-Abgeordneten gründete er im Mai die Gruppe "Christen in der FDP-Bundestagsfraktion" und wurde ihr Sprecher. "Wir wollten unseren Glauben endlich auch im Parlament offen vertreten", sagt Meinhardt. Dann erreichten die Gelben das beste Bundestagswahlergebnis ihrer Geschichte, und Meinhardt verschickte seine Holz-Ikonen, Stückpreis fünf Euro. Es hat sich gelohnt. Inzwischen zählt die liberale Christengruppe schon 40 Mitglieder, fast die Hälfte der Fraktion.
FDP und Christentum - bislang passte das ungefähr so gut zusammen wie Teufel und Weihwasser. Jahrelang ging die FDP nicht mit christlicher Nächstenliebe, sondern mit radikalem Marktliberalismus auf Stimmenfang. Es galt das Motto: Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.
Zu den Kirchen pflegte die FDP traditionell ein Nichtverhältnis. In den fünfziger Jahren ging man auf Abstand, um sich innerhalb des bürgerlichen Lagers von den christlichen Volksparteien abzugrenzen. 1974 verabschiedete der FDP-Bundesparteitag ein Papier, in dem eine stärkere Trennung von Staat und Kirche gefordert wurde, inklusive Abschaffung der Kirchensteuer. Der Wesenskern der Liberalen ist kirchenkritisch und antiklerikal. Warum also feiert die Religion nun ausgerechnet in der FDP einen Siegeszug?
"Wir waren elf Jahre in der Opposition, da stellt man sich Sinnfragen", sagt der 43-jährige Meinhardt. Er steht im Andachtsraum des Bundestags, einer steinernen Halle, die ihre Besucher in dumpfe Stille hüllt. Auf die fünf Stuhlreihen und den Granitaltar fällt mattes Licht. Meinhardt kommt oft her, er sagt, er finde hier Ruhe und Kraft. Neulich gab es in diesem Raum erstmals eine Andacht nur für FDP-Abgeordnete. "So voll", sagt Meinhardt, "war es hier noch nie!"
Es kamen Haushaltspolitiker wie Otto Fricke und Bundestagsneulinge wie Pascal Kober, ein Pfarrer aus Reutlingen. Wenn man sie fragt, wie das denn zusammenpasse, der Neoliberalismus und die Neofrömmigkeit, dann klingt es, als wären die Lehren immer schon ein Zwillingspaar gewesen.
"Die Freiheit und der Einzelne spielen in der Bibel eine große Rolle, Gott ist auch ein Liberaler", sagt Fricke. "Und die Behauptung, Marktwirtschaft sei unchristlich, ist falsch. Es steht ja nirgendwo: Du sollst kein Geld verdienen."
Leute wie Fricke, der selbst der EKD-Synode angehört, treiben die Annäherung der FDP an die Kirchen voran. 2008 hatte die Partei zum ersten Mal einen Stand auf dem Katholikentag. In diesem Jahr besuchte Parteichef Westerwelle den FDP-Stand auf dem evangelischen Kirchentag in Bremen. "Ich bin aus Glauben und Überzeugung in der Kirche", sagt er. Es passt ins Bild, dass Philipp Rösler, der junge Hoffnungsträger der Liberalen, Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken ist.
Dass die Christen in der FDP gerade jetzt so offensiv auftreten, hängt auch mit der Schwäche der Union zusammen. Offiziell wehren sich Meinhardt, Fricke und die anderen gegen den Vorwurf, ihren Glauben zu instrumentalisieren. Man wolle über Wertefragen diskutieren, mehr nicht. Nur Bijan Djir-Sarai, auch Mitglied der Gruppe, bekennt sich offen: "Unser Auftritt soll auch ein Signal an die Wähler sein, die sich in der Union nicht mehr zu Hause fühlen."
Viele Wertkonservative sind von CDU und CSU enttäuscht, sie finden das "C" in der Union von Angela Merkel nicht mehr wieder. Bei der Bundestagswahl machten 1,1 Millionen frühere Unionswähler ihr Kreuz bei der FDP. Die wollen die Liberalen mindestens halten.
Doch nicht alle Protagonisten der Partei sind von der neuen Linie angetan. Granden wie der Linksliberale Burkhard Hirsch gucken irritiert, wenn sie von den Aktivitäten der Christengruppe hören. "Das ist für eine liberale Fraktion etwas merkwürdig", sagt er. Und auch jüngere Abgeordnete wie Marco Buschmann, selbst katholisch getauft, reagieren eher befremdet: "Ich halte es da mit unserem Gründungsvater Thomas Dehler", sagt Buschmann: "Religion ist Privatsache."
Tatsächlich sind Zielkonflikte bei den Christen in der FDP programmiert, denn in einem wesentlichen Punkt unterscheiden sich die Denkschulen: Im Liberalismus gibt es keine letztgültige Wahrheit. Im Christentum schon, sie heißt Gott.
Es wird spannend sein zu beobachten, wo sich die Gruppe positioniert, wenn die Parteilinie von der christlichen Lehre abweicht, wie die FDP-Christen entscheiden werden bei Fragen der Sterbehilfe, der Stammzellforschung, dem Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare.
In einem Punkt sind sie sich schon einig: Die Kirchensteuer abschaffen wollen sie nicht. MERLIND THEILE
Von Merlind Theile

DER SPIEGEL 47/2009
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