23.11.2009

KIRCHEKredit im Namen des Herrn

Ein Pfarrer betrog Frauen um große Teile ihres Vermögens und bezahlte damit seine Schulden bei der Kirche. Die Opfer fordern von der Erzdiözese Freiburg Wiedergutmachung.
Sie kann großzügig sein, die katholische Kirche, vor allem gegenüber ihren eigenen Priestern. So stellte die Erzdiözese Freiburg ihren Kleriker Frank B. vor sechs Jahren von allen sonstigen Pflichten frei, damit dieser eine Dissertation über politische Ethik schreiben kann.
Doch nicht immer wird die Generosität gedankt. Frank B. stand der Sinn mehr nach Dolce Vita als nach akademischen Meriten. Der Geistliche legte sich mehrere Geliebte und einen aufwendigen Lebensstil zu. Um den zu finanzieren, erschwindelte er sich hohe Kredite von seiner Kirche, insgesamt 120 000 Euro - unter dem Vorwand, die teure Behandlung seines behinderten Bruders bezahlen zu müssen.
In Wahrheit verprasste er das Geld für sich. Mal schenkte er einer Freundin einen teuren Audi, mal gönnte er sich selbst für über 70 000 Euro einen Mercedes-Benz, mal ließ er sein Apartment mit teuren Möbeln ausstatten. Um sein Studium kümmerte sich der sündige Gottesmann nur am Rande. "Während sechs Jahren der Beschäftigung mit seinem Dissertationsthema", stellte das Landgericht Freiburg fest, "gelang es ihm nicht, viel mehr als die Gliederung zu erstellen."
Eine der Frauen, Gudrun Eigner, ließ den Priester schließlich auffliegen. Im vergangenen Jahr wurde Frank B. wegen Betrugs in elf Fällen sowie wegen Körperverletzung in vier Fällen zu insgesamt 20 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt; die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.
Der für die Erzdiözese Freiburg so unappetitliche Vorgang schien damit abgeschlossen - bis die Affäre um den vorläufig suspendierten Kirchendiener vor einigen Wochen erneut Schlagzeilen machte: Denn Frank B., vor Gericht zunächst geständig und reuig, hat sein Geständnis widerrufen und betreibt die Wiederaufnahme seines Prozesses - zunächst beschränkt auf die Körperverletzung. Und die Ex-Geliebte Gudrun Eigner und ihre Tante fordern vom Bistum jenes Geld zurück, das Frank B. ihnen abgeluchst hat, um seine Schulden bei der Kirche zu begleichen.
Nun sorgt sich die Erzdiözese gleich doppelt - um ihre Finanzen und um ihr Image. Schließlich soll Pfarrer B. nicht zimperlich im Umgang mit Eigner gewesen sein. Er schlug schon mal mit dem Ledergürtel oder mit der bloßen Hand zu und trat auch einmal mit seinen Birkenstock-Sandalen auf die am Boden Liegende ein. So steht es im Urteil des Landgerichts Freiburg.
Zunächst hatte der fromme Doktorand von seinem Dienstherrn, dem Erzbistum Freiburg, 35 000 Euro Kredit ergaunert, in- dem er vorgab, er erwarte einen Scheck der "Aktion Mensch" für seinen maladen Bruder. Als der nach drei Monaten immer noch nicht eingetroffen war, behielt die Kirche vorsorglich einen Teil seines monatlichen Salärs ein.
Doch kaum ein halbes Jahr später überwies die Erzdiözese weitere 85 000 Euro als Darlehen an den Pfarrer für eine weitere angebliche Operation seines Bruders. Als Sicherheit reichte Frank B. eine Grundschuld nach, die Gudrun Eigner auf eine ihr gehörende Immobilie eintragen ließ; angeblich auf massiven psychischen und physischen Druck, was Pfarrer B. bestreitet. Beim Notar war ein Ordinariatsvertreter der Abteilung Immobilien und Bau mit dabei.
Eigners Rechtsanwalt Robert Phleps wirft der Kirche Fahrlässigkeit vor: "Sie trägt eine moralische Mitverantwortung. Es hätten doch sämtliche Alarmglocken klingeln müssen, als der Pfarrer eine Frau zur finanziellen Absicherung benutzte. Die Kirche hat nur deswegen durch ihren Pfarrer keinen Schaden erlitten, weil Frau Eigner den Schaden abbekommen hat."
Gudrun Eigner verkaufte ihr Haus auf Drängen von B. wenig später - und überwies aus dem Erlös mehr als 80 000 Euro an die Erzdiözese. Da damit aber noch nicht sämtliche Schulden getilgt werden konnten, hatte sich der Pfarrer bereits an die vermögende Tante Eigners herangemacht. Bei ihr wurde er, in voller geistlicher Montur, vorstellig und gaukelte ihr in Briefen und Telefonaten vor, ihre Nichte sei in großen finanziellen Schwierigkeiten. Sie könne nicht mit Geld umgehen und habe sich hoch verschuldet. Darum habe er es sich als Pfarrer zur Aufgabe gemacht, deren Vermögensverhältnisse zu ordnen.
Um ihrer Nichte aus der angeblichen Not zu helfen, gewährte die Tante ihr ein zinsloses Darlehen von 83 000 Euro. Das Geld kam bei ihr nicht an, sondern landete gleich auf dem Konto des Pfarrers, der damit den noch offenen Posten bei der Kirche bezahlte. Den Rest verwendete er für sich selbst.
Gudrun Eigner ging schließlich zur Polizei und zeigte ihren Liebhaber an. Im Prozess stellte sich heraus, dass der Pfarrer auch andere Frauen um Geld geprellt hatte, wenn auch um kleinere Beträge.
Doch der geistliche Galan kam glimpflich davon: Das Gericht hielt ihm zugute, dass er gestand und sich bei der Geschädigten Eigner wortreich entschuldigte. Außerdem verpflichtete er sich, dieser ihr Kapital zurückzuerstatten.
Erneut sprang die Kirche ihrem Priester bei, gewährte ihm einen weiteren Kredit über 40 000 Euro und überwies die Summe direkt an Gudrun Eigner. Den Rest muss B. in monatlichen Raten abstottern.
Für die geprellte Tante fühlt sich das Erzbistum indes "nicht zuständig", ließ Erzbischof Robert Zollitsch, im Nebenamt Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, über seinen Sprecher mitteilen. Juristisch hat die Frau keine Chance gegen die Kirche. Denn formal hat sie den Kredit ihrer Nichte gegeben.
In einem Brief appellierte die Tante an "Moral und Anstand" des Oberhirten, "das von uns erpresste Geld, das Ihnen zugeflossen ist, zurückzuerstatten. Damit könnten Sie das Sprichwort ,Der Hehler ist nicht besser als der Stehler' außer Kraft setzen." Zumal sie auf die 83 000 Euro als Alterssicherung angewiesen sei. Zollitsch antwortete nicht. Einen Domkapitular ließ er zwei Monate später zurückschreiben, es sei eine Ungeheuerlichkeit, das Erzbistum Freiburg auf eine Stufe mit Kriminellen zu stellen.
Generell hält sich der Erzbischof vornehm aus der Causa heraus. Er verweigerte Eigner ein "seelsorgliches Gespräch", um das ihn die Ex-Geliebte seines Priesters mehrfach gebeten hatte - und bot ihr lediglich an, mit einem "unbefangenen" Geistlichen zu reden.
Auf Anraten ihrer Psychotherapeutin hat Gudrun Eigner ihre Leidensgeschichte mit dem katholischen Kleriker aufgeschrieben - gemeinsam mit dem Journalisten Franz-Josef Trost. Doch bislang ist das Buch (Titel: "Bischof, wo bist Du?") nicht zu kaufen. Pfarrer B. hat dessen Erscheinen per einstweiliger Verfügung vorläufig verhindert.
Wie es mit dem verurteilten Priester beruflich weitergeht, ist offen. Gegen ihn läuft ein kirchliches Gerichtsverfahren, das über seinen Verbleib im Dienst befinden soll. Anfang Dezember soll die Ex-Geliebte Eigner als Zeugin vernommen werden.
Dem ehemaligen Jesuiten Trost dauert das alles viel zu lange. Der beurlaubte Pfarrer, empörte er sich in einem Brief an Zollitsch, werde vom Kirchensteuerzahler mit monatlich 1600 Euro versorgt. Warum, so fragt er, "kommt Herr B. nicht in die Obhut eines Klosters?" ULRICH SCHWARZ,
PETER WENSIERSKI
Von Ulrich Schwarz und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 48/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KIRCHE:
Kredit im Namen des Herrn

  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt