23.11.2009

EINSAMKEITVom Tod geschieden

Ein Unfall, eine Krankheit, ein Selbstmord - und plötzlich ist der Ehepartner allein. Jährlich erleben das 300 000 Deutsche. In Selbsthilfegruppen versuchen Witwer und Witwen mit dem einsamen Leben fertig zu werden, manchmal bleiben sie für immer gefangen in der Erinnerung. Von Antje Windmann
Die SMS ist vom 29. Oktober 2008, bis heute kann Ilka Reineke sie auf ihrem Handy lesen. Morgens hatte sie den Abschiedskuss vergessen, in der Mittagspause - um 13.55 Uhr - war deshalb ein kleiner Liebesgruß an ihren Mann Tobias gegangen, um 17 Uhr telefonierten beide miteinander, zwei Stunden später klingelte es an der Wohnungstür.
Zwei Polizisten standen vor der Tür.
Sind Sie Frau Reineke?
Ja, das bin ich.
Fährt Ihr Mann Motorrad, eine rotschwarze Augusta Brutale?
Ja.
Wissen Sie, ob Ihr Mann damit heute unterwegs ist?
Ja.
Es gab einen Unfall mit dieser Maschine.
Lebt er noch?
Das wissen wir nicht.
Ein Freund fuhr die 39-Jährige ins Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, dorthin hatten die Sanitäter Tobby, so nannte sie ihren Mann, gebracht. Im Eingang der Notaufnahme ein Schild am Boden, "Vorsicht, Rutschgefahr" stand darauf. Hoffentlich hat er nicht zu viel Blut verloren, habe sie in dem Moment gedacht. Dann kam schon ein Arzt auf sie zu, an seiner Seite eine Schwester, in der Hand hielt sie eine Beruhigungstablette. Frau Reineke, sagte er, Ihr Mann ist verstorben.
Sie habe sich kurz schreien gehört, sagt Ilka, dann sei sie ganz ruhig geworden.
Tobbys Körper war noch warm, als sie zu ihm durfte. Er war zu schnell gefahren, hatte die Kontrolle über die Maschine verloren, erfuhr sie später von der Polizei. Er war auf einen Kantstein gestürzt, zwei Rippen hatten sein Herz durchbohrt.
"Ich habe ihn geküsst", sagt Ilka, "ihn gefragt, was er für einen Scheiß macht." Er war ihr Freund, seit sie 17 war. "Ich hätte ihn im Rollstuhl, im Koma genommen, Hauptsache, ich hätte ihn behalten dürfen."
Erschüttert von Schmerz, Trauer und Einsamkeit blieb Ilka Reineke zurück, auch Theo Wisniewski, 66 Jahre alt, erging es so, als seine Frau starb, auch Johanna Baumgärtner, 65 Jahre alt, deren Lebensgefährte einen Treppensturz nicht überlebte, und auch Oliver Scheithe, der mit 31 Jahren plötzlich Witwer und allein erziehender Vater von drei kleinen Kindern war; seine Frau starb nach einem Kirmesbesuch.
Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland viel mehr Ehen vom Tod geschieden als durch das Gesetz: Das Statistische Bundesamt zählte 191 948 Scheidungen und 340 614 Verwitwete. Knapp sechs Millionen Menschen sind in Deutschland verwitwet.
Ilka Reineke, nun allein erziehende Mutter von Lukas, 15 Jahre alt, und David, 13, sitzt an dem dunklen Esstisch im Wohnzimmer ihrer Vierzimmerwohnung. Sie hat leuchtend blaue Augen, einen rosigen Teint, sie wirkt lebhaft. "Mein Problem ist, dass man mir meinen Kummer nicht ansieht", sagt sie. Deshalb würden viele Menschen denken, ihr gehe es wieder gut, mittlerweile. "Dabei bin ich innerlich tot", sagt Ilka, nein, sie ruft es fast. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt und schwarze Jeans, in der Hoffnung, wenigstens die Farbe ihrer Kleidung sei ein Signal für ihre Umwelt, ein Hinweis darauf, sie zu schonen, vorsichtig mit ihr umzugehen; am liebsten würde sie eine Trauerbinde anlegen.
Fast 23 Jahre lang waren sie ein Paar, zusammen waren sie erwachsen geworden. "Kein Mensch wird mich jemals wieder so gut kennen wie er", sagt Ilka. Noch auf der Abschlussfeier an ihrer Schule ging Tobby auf die Bühne, nahm das Mikro und fragte sie, ob sie ihn heiraten wolle. Lebensfroh, ein bisschen verrückt sei ihr Mann gewesen. "Seit er weg ist, habe ich kein Bild mehr von meiner Zukunft."
Ihre Finger umschließen fest ein Medaillon, das sie an einer langen Kette um den Hals trägt. Sie spielt während des Gesprächs damit, unbewusst, darin ist ein Foto von Tobby. Seinen Namen hat Ilka mit einer schwarzen Rose auf ihren linken Oberarm tätowieren lassen. "Er bleibt mein Mann, auch wenn er weg ist." Wären da nicht ihre Kinder, für die sie da sein muss, ihre Eltern und Freunde, die sie unterstützen, würde sie aufgeben, sagt Ilka.
Um Tobby nahe zu sein, allein, in aller Ruhe, steht Ilka jeden Sonntag früh auf und fährt auf den Friedhof. Oft trägt sie die hochhackigen Schnallenstiefel, die er ihr kurz vor seinem Tod geschenkt hatte. "Auf der Trauerfeier hatte ich eine schwarze lange Hose darüber gezogen, weil ich Angst hatte, die Leute könnten sie unpassend finden." Seit sie Witwe sei, würde sie sich ständig selbstkritisch beobachten, sagt Ilka.
Wie verhält sich eine Witwe? Wie sieht eine Witwe eigentlich aus? Manchmal glaubt sie, die Nachbarn hinter den Gardinen über sie reden zu hören, wenn sie den Mülleimer hinausbringt. Am meisten fühlt sich Ilka beobachtet, wenn sie lacht.
Die Witwen und Witwer in ihrer Selbsthilfegruppe kennen das, genau deshalb tut Ilka das Zusammensein mit ihnen so gut. Jeden ersten Sonntagmittag im Monat fährt Ilka Reineke zu dem Treffen im "Blauen Raum", es ist die Tagungsstätte der Selbsthilfeorganisation Kiss e.V. in Hamburg-Altona. Das helle Zimmer liegt im ersten Stock eines Altbaus, mal ist der Stuhlkreis darin größer, mal kleiner.
An diesem Sonntag sind sie zu siebt. Um ihre Anonymität zu wahren, sind ihre Namen zum Teil verändert, ihre Geschichten nicht. Sie erzählen von ihren Versuchen, wieder allein zurechtzukommen, im Alltag, im Leben. Kein Teil eines Paars mehr zu sein, das haben viele noch nicht verstanden. Die ausgebildete Trauerbegleiterin Ulla Engelhardt, 45, moderiert die Gruppe.
Sibylle, eine große, dunkelhaarige Frau um die fünfzig, braucht an diesem Tag viel Raum, sie weint fast während der ganzen zwei Stunden des Treffens. Ihr Mann starb vor 20 Monaten an Krebs, wenige Jahre zuvor hatten sie einen asiatischen Jungen adoptiert, das Kind sollte ihr Glück vollkommen machen. Nun ist Sibylle allein, überfordert von der Trauer, gedrückt von Sorgen: Ihr Mann hatte keine Lebensversicherung, seine Hinterbliebenenrente ist gering. Die große Witwen- beziehungsweise Witwerrente beträgt 55 oder 60 Prozent der Rente des Verstorbenen. Gewährt wird sie Hinterbliebenen, die das 45. Lebensjahr vollendet haben, ein waisenrentenberechtigtes, minderjähriges oder behindertes Kind erziehen oder vermindert erwerbsfähig sind. Wer diese Voraussetzungen nicht erfüllt, erhält die sogenannte kleine Witwen- beziehungsweise Witwerrente, sie beträgt 25 Prozent der Rente des Verstorbenen und ist in bestimmten Fällen auf zwei Jahre begrenzt.
Sibylle gegenüber sitzt Stephanie, 31 Jahre alt, glattes Haar rahmt ihr mädchenhaftes Gesicht. Stephanie empfiehlt Sibylle, Kontakt zu einer Stiftung aufzunehmen, von der auch sie finanziell unterstützt wird. Die gelernte Bürokauffrau hat ihren Mann im vergangenen Jahr verloren. Er starb innerhalb von zwölf Wochen an Darm- und Lungenkrebs, seitdem ist sie mit ihren Töchtern, drei Jahre und ein Jahr alt, allein. Sie hat den Glauben daran verloren, jemals wieder glücklich zu werden.
Gudrun, 45 Jahre alt, sitzt in der Runde, um Menschen wie Stephanie, Sibylle und Ilka Mut zu machen. Gudruns Mann starb vor fünf Jahren an einem Herzinfarkt, mittlerweile hat sie einen neuen Partner. "Ich bin der Beweis, dass man es schafft, den Verlust und die Trauer zu überleben", sagt sie.
Wilfried, 57 Jahre alt, ein großer, starker Mann mit grauem Vollbart, sitzt reglos da, er macht den Eindruck, als wolle er sich jeden Satz merken. Sein Mann Oliver starb vier Monate zuvor an Lymphdrüsenkrebs.
Bevor die Gruppe an diesem Tag auseinandergeht, fragt Wilfried vorsichtig in die Runde: "Wie lange darf ich euch abends eigentlich anrufen?"
"Verglichen mit dem Tod eines Kindes wird in der Öffentlichkeit der Verlust des Partners als nicht so groß angesehen", sagt Ulla Engelhardt, die Gruppenleiterin, nach dem Treffen. "Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass jeder Partner im Prinzip ersetzbar ist." Wenn jemand heiratet, wüssten alle, was zu tun ist, wenn jemand stirbt, nicht.
Verwitwete Menschen haben das Gefühl, mit ihrer Verzweiflung und Trauer eine Last für andere, für die Gesellschaft zu sein, deshalb ziehen sie sich oft zurück. Scheinbar ausweglos in ihrer Trauer gefangen sind Menschen, die nicht auf eine glückliche Ehe zurückschauen.
Sich ehrlich zu erinnern, auch an die Enttäuschungen und Verletzungen, die ihnen der Verstorbene möglicherweise zugefügt hat, wagen sie oft nur in geschützten Räumen, bei einem Therapeuten oder eben in einer Selbsthilfegruppe. Außerhalb gilt: Über Tote spricht man nicht schlecht. "Diese Menschen haben es oft schwer in der Trauerarbeit, weil sie sich Vorwürfe machen, die Beziehung nicht besser gelebt zu haben, und jetzt nicht mehr die Chance dazu haben", sagt Ulla Engelhardt.
Hat der Partner die Koordinaten im Leben vorgegeben, fühlen die Überlebenden fast kindliche Hilflosigkeit. Am schlimmsten ist der Verlust aber für die Menschen, die kein soziales Netzwerk haben, ihr Dasein nur auf den Partner ausgerichtet haben, jahrelang. So wie Johanna Baumgärtner aus Heidelberg, eine kleine, rundliche Frau, 65 Jahre alt, mit dunklem, kunstvoll aufgetürmtem Haar.
"Für die ganze Welt warst Du ein Jemand, für mich warst Du die ganze Welt". Diesen Spruch hatte sie, eine pensionierte Universitätsangestellte, die ihren echten Namen nicht preisgeben möchte, für die Todesanzeige ihres Lebensgefährten Georg ausgesucht. Der Altenpfleger, 61 Jahre alt, war spätabends die Treppe im Hausflur hinuntergestürzt, einen Tag später seinen Kopfverletzungen erlegen, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.
"Es quält mich, dass ich ihm nicht sagen konnte, wie dankbar ich ihm für alles bin", sagt sie. Bei Georg hatte Johanna ein Glück gefunden, das sie nicht kannte. Ihr geschiedener Mann war Alkoholiker, hatte sie geschlagen.
Zu Georgs Beerdigung am 19. Juli kamen keine Freunde, keine Nachbarn, keine Kollegen, nicht mal Johannas Sohn, sie haben kaum Kontakt. Etwas entfernt an Georgs Grab stand nur eine Mitschülerin aus seiner Grundschulzeit, die die Todesanzeige zufällig in der Tageszeitung gesehen hatte. Als der Pastor die erste Schaufel Erde auf Georgs Sarg schüttete, wankte Johanna.
30 Jahre lang hatten sich Johanna und Georg ausschließlich auf sich konzentriert, nach und nach alle Bekanntschaften abgebrochen. "Wir wollten diese Exklusivität, wir haben nichts vermisst", sagt sie. Jetzt sind Bett und Sessel neben ihr leer, der Mensch nicht mehr da, der auf das Tischchen zwischen ihnen Kekse und Marzipan stellte, sonntags, rechtzeitig bevor der "Tatort" im Fernsehen begann. Der ihre Hand hielt, mit dem sie gemeinsam rätselte, wenn "Wer wird Millionär?" lief. Der das Meer liebte, wie sie. Im nächsten Jahr wollten sie eine Kreuzfahrt machen.
Johanna sitzt an einem Tisch in einem italienischen Restaurant, streicht ständig das weiß gestärkte Tischtuch glatt, ein Treffen in ihrer Wohnung war ihr zu privat. In der Küche steht noch das Wasserglas, aus dem Georg getrunken hat, erzählt Johanna. Sie schaffe es nicht, es abzuwaschen.
Weil sie und Georg nicht verheiratet waren, ist Johanna vor dem Gesetz nicht seine Witwe. "Zu heiraten, das haben wir immer als Formalität betrachtet, die unsere Liebe nicht braucht", sagt Johanna.
Ihre größte Sorge: Wo ist Georgs Seele? Diese Frage lässt Johanna keine Ruhe. Sie sei immer ein rationaler, analytischer Mensch gewesen, sagt sie, doch seit Georgs Tod entdecke sie eine seltsame Spiritualität.
In ihrem Schlafzimmer habe sie einen Altar aufgebaut, erzählt Johanna. Auf einem Aktenschrank stehe in Augenhöhe ein Foto von Georg. Sie holt es aus derselben schwarzen Tasche, deren Griff sie auf Georgs Beerdigung so fest umklammert hielt. Johanna legt das Bild auf das Tischtuch. Es zeigt einen kräftigen Mann, er trägt ein kariertes Hemd, mit grauen, kurzen Haaren, der in die Kamera lacht. Neben diesem Foto stünden eine Kerze, dunkelrote Rosen, immer frisch, und sein Modellauto, ein roter Porsche 911.
Morgens und abends verharre sie vor dem Schrein, solange es die Arthrose in ihren Knien zulasse. Was sie dann sagt, klingt fast wie eine Beichte: "Manchmal spüre ich auch so seltsame Schwingungen, dann habe ich das Gefühl, dass er da ist. Kann das sein?"
Johanna ist zu einer Grenzgängerin zwischen dem Hier und dem Dort geworden, wie viele Trauernde. Eine Mehrheit der Deutschen glaubt an ein Leben nach dem Tod, behauptet eine Studie der Bertelsmann-Stiftung.
Ihr Blick ist verändert, als Johanna aufschaut. "Manchmal fürchte ich, verrückt zu werden", sagt sie.
Auch Theo Wisniewski kennt diese Angst. In vielen Zimmern seines Hauses hat der 66-Jährige ein Bild von seiner verstorbenen Frau aufgestellt. Verlässt der Rentner, der mal Unternehmer war, das Haus, sagt er "Tschüs, Margret", kommt er zurück, sagt er "Hallo, Margret". Beim Autofahren ertappt er sich manchmal dabei, dass er die Hand auf den Beifahrersitz legt und sich sagen hört: "Ja, Schätzchen, du hast recht, ich bin mal wieder viel zu schnell unterwegs." Hätte er die Gewissheit, dass seine Seele nach dem Tod zu ihrer gelangt, sie sich wiedersähen, würde er sich umbringen. "Ich würde alles dafür tun, sie noch einmal umarmen zu können", sagt Theo. Margret hatte sich vor ihrem Tod noch ein paar schöne Jahre für ihn gewünscht.
Sie stand mit geöffneter Hose vor ihm in der Küche, so sieht er sie heute noch vor sich. Er kochte gerade Kartoffelpüree mit Oliven. "Guck mal, Theo, ich kriege den Knopf nicht mehr zu", sagte Margret, 64 Jahre alt. Am nächsten Tag ging sie zum Arzt, 14 Monate später ließ Theo eine Urne mit ihrer Asche ins Meer, eine Violine spielte ein Solo.
Das Rotklinkerhaus steht etwas abseits der Dorfstraße in Haffkrug, Schleswig-Holstein. Im Sommer ist der Ostsee-Ort voll mit Menschen, die hier ihre Ferien verbringen. Theo und Margret Wisniewski waren aus Münster hergezogen, um das Leben, ihren Ruhestand, zu genießen, gemeinsam.
Sie waren 44 Jahre verheiratet. Weil in ihrer Familie die Menschen älter geworden waren als in seiner, sei er davon ausgegangen, dass er mal vor ihr sterben würde, sagt Theo. Darüber gesprochen hatten sie selten. Auch für Margret und Theo war der Tod etwas, das anderen passiert.
Auf dem Tisch, neben Theos Sofalehne, steht ein Porträt mit goldenem Rahmen, DIN-A4-Format. Die Frau auf dem Foto wirkt zart, sie hat blaue Augen, die freundlich schauen, trägt einen roten Pulli, um den Hals hat sie ein blaues Tuch geknotet. Nur ein geschultes Auge erkennt in den blonden, kinnlangen Haaren eine Perücke. Als der Friseur Margrets Haare abrasierte, damit diese besser hielt, musste Theo rausgehen.
Sie starb am 16. Mai 2009, einem Samstag, um 13.45 Uhr. Theo war bei ihr, hielt mit der linken Hand ihren Kopf, mit der rechten ihre Hand. Margret hatte Unterleibskrebs, ausgehend vom rechten Eierstock hatte ein Tumor in ihrem Bauch gewuchert, irgendwann war er so groß, dass sie den obersten Knopf ihrer Hose nicht mehr zubekam. Vier bis fünf Jahre hatte sich der Krebs in ihrem Körper ausgebreitet, unentdeckt. Trotz regelmäßiger Vorsorge, klagt Theo.
"Ich fühle mich wie ein Vogel, der nur noch einen Flügel hat", sagt Theo. Die Verzweiflung macht ihn rastlos, immer wieder steht er vom Sofa auf, holt etwas, zeigt etwas. Theo steuert auf ein Aquarell an der Wand zu. "Das ist die Scheune in Hiltrup, in der wir uns 1960 beim Tanzen kennengelernt haben", erzählt er. Margret war eine von fünf Bauerstöchtern. Am nächsten Tag seien sie spazieren gegangen. Fünf Jahre später heirateten sie, auf dem Hochzeitsfoto lehnen sie die Köpfe aneinander. Gab es mal Streit, vertrugen sie sich spätestens am nächsten Morgen.
Vor ihrem Tod erklärte Margret ihm die Waschmaschine.
Theo öffnet eine Holztruhe, Kunstblumen, Ostersträuße, Herbstlaub und kleine Weihnachtsanhänger liegen darin. "Margret hat vor den Feiertagen immer alles schön dekoriert", sagt Theo. Jetzt hat er Angst vor diesen Tagen.
Vier Wochen nach Margrets Tod traf Theo eine Nachbarin. "Wie geht's dir, Theo?", habe sie ihn gefragt. Beschissen, habe er geantwortet, ehrlich. Als hätte er "wunderbar" gerufen, reagierte die Frau seltsam erstaunt: "Mensch, Theo! Das Leben geht doch weiter!"
Warum musste der Partner sterben? Weil niemand darauf eine erschöpfende Antwort findet, beschäftigt die Hinterbliebenen oft die Frage der Schuld.
Theo macht Margrets Frauenärztin große Vorwürfe, dass sie den Krebs nicht entdeckt hat.
Ilka Reineke fragt sich, ob sie zu oft über ihr Glück mit Tobias geredet, dadurch das Unglück heraufbeschworen hat.
Johanna fragt sich, ob ihr Georg noch leben würde, hätte man ihn sofort nach dem Unfall auf dem Treppenabsatz gefunden.
Oliver Scheithe, ein dunkelhaariger, großer Mann, heute 42 Jahre alt, beschuldigte insgeheim sogar seine Nachbarn, für den Tod seiner Frau Kristin verantwortlich zu sein. Weil die Kinder der Scheithes ihnen zu laut waren, hätten sie tagsüber ständig geklingelt, seine Frau immer wieder unter Druck gesetzt. Als ihr Herz versagte, warum, das weiß niemand, machte der Bankangestellte alle Menschen verantwortlich, die sie gestresst hatten.
Kristin Scheithe, eine zarte Frau mit hellbraunem Haar, gerade 31 Jahre alt, starb an einem Sonntag im September 1998 nach einem Besuch auf der Bonner Kirmes "Pützchens Markt".
Oliver Scheithe sitzt im Erdgeschoss seines Kölner Reihenhauses. Er trägt Jeans und ein hellblaues T-Shirt, seine Hände umschließen eine Tasse Kaffee. Er spricht ruhig, bedächtig über den Tod seiner Frau.
Mit einem befreundeten Ehepaar und ihren Kindern Fabian, Mira und Annika, damals zehn, sechs und drei Jahre alt, waren Kristin und er auf die Kirmes gefahren. "Sie wollte unbedingt mit mir in die Affenschaukel", erzählt Oliver. In dem Fahrgeschäft stellen sich zwei Erwachsene hintereinander in einen Käfig, bringen ihn durch Gewichtsverlagerung in Bewegung, mit dem Ziel, einen Überschlag zu schaffen.
Sie hätten gerade Schwung genommen, als Kristin plötzlich in sich zusammensackte. "Ich dachte, sie sei ohnmächtig geworden", sagt Oliver. Menschen halfen, den Käfig anzuhalten, er, Oliver, trug Kristin hinaus, legte sie auf den Boden, jemand rief den Rettungswagen, die Sanitäter versuchten Kristin per Elektroschock wiederzubeleben, nach einer Stunde schlug ihr Herz wieder, drei Tage später diagnostizierten die Ärzte ihren Hirntod. Im Alter von 31 Jahren war Oliver plötzlich Witwer und allein erziehender Vater von drei Kindern. Als er sich von seiner Frau verabschiedete, versprach er, gut auf die Kleinen aufzupassen. Dann sei er nach Hause gefahren und habe Fabian, Mira und Annika gesagt, dass die Mama nicht wiederkomme. In der Nacht schliefen sie alle vier in einem Bett.
In den folgenden Tagen habe er nur Verzweiflung gespürt, sagt Oliver. Wie konnte es sein, dass seine Frau tot war und für alle anderen das Leben weiterging, als sei nichts geschehen? "Der Postbote trug weiter Briefe aus, der Bäcker backte weiter Brötchen, und ich war Witwer. Das ging nicht in meinen Kopf!", sagt Oliver. In den folgenden Monaten habe er jede Nacht von der Kirmes geträumt.
Drei Monate nach dem Tod seiner Frau ging er wieder arbeiten, Teilzeit. "Ich ahnte, dass die Menschen Schwierigkeiten haben würden, auf mich zuzugehen, deshalb bin ich auf sie zugegangen, habe ihnen die Hand gereicht und gesagt: Ich bin nicht krank und nicht ansteckend. Meine Frau ist gestorben, und ich brauche euch."
Tagsüber war Oliver abgelenkt, abends, wenn die Kinder schliefen, quälte ihn das Alleinsein. Im Internet suchte er nach Menschen in seiner Situation, anderen Verwitweten, um sich auszutauschen. "Doch da gab es nichts", sagt Oliver.
Irgendwann hatte er die Idee, "selbst etwas auf die Beine zu stellen", wie er es formuliert. Oliver gründete ein Online-Forum für Witwen und Witwer zwischen 20 und 55 Jahren. Nächtelang habe er vor dem Computer gesessen, dadurch wieder einen Sinn gespürt, darüber die Einsamkeit vergessen. Sechs Monate später ging die Homepage verwitwet.de online, mittlerweile zählt sie mehr als dreieinhalb Millionen Besucher.
Im Forum der Seite berichten die Betroffenen über kleine Brücken, die sie sich im Alltag bauen. So erzählt eine junge Mutter, wie sie versucht, mit einem Papa-Quiz, das sie sich ausgedacht hat, die Erinnerung der Kinder an den verstorbenen Vater aufrechtzuhalten, indem sie ihnen Fragen stellt wie: Welche Augenfarbe hatte Papa? An anderer Stelle erzählt ein Mann, wie er vor Sehnsucht nach seiner Frau ein Kissen genommen habe, damit getanzt und sich vorgestellt habe, sie wäre es, die er in seinen Armen hält.
Und wiederum andere berichten, fast schüchtern, dass sie sich neu verliebt haben.
Zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau lernte Oliver eine Psychologiestudentin kennen. Eva, heute 32, hatte sich im Rahmen ihres Studiums mit seiner Internetseite beschäftigt, ihm Fachliteratur empfohlen. Sie schrieben sich E-Mails, hin, her, beim ersten Treffen - sie brachte selbstgebackene Donauwellen mit - verliebten sie sich.
Auch Eva hat hellbraune Haare, wie Olivers verstorbene Frau, mehr Ähnlichkeit verbindet sie nicht. Mittlerweile sind Oliver und Eva verheiratet, haben neben seinen Kindern aus der ersten Ehe drei gemeinsame Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen, zwölf Wochen alt. Ihr Sohn Max, heute fünf, wurde an dem Tag geboren, an dem Olivers erste Frau Kristin Geburtstag hatte. Manchmal begleitet der Junge seinen Vater, wenn er auf den Friedhof geht.
Dass er eines Tages auch Eva an den Tod verlieren könnte, darüber denkt Oliver nicht nach. "Ich weiß, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass wir beide einmal am selben Tag sterben werden."
Dass es vor ihr schon mal eine andere Frau in Olivers Leben gab, empfindet Eva nicht als Bedrohung. "Auch wenn das hart klingt: Sie ist nicht mehr da", sagt sie.
Von Antje Windmann

DER SPIEGEL 48/2009
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