23.11.2009

FILMDie letzte große Liebe

In der Toskana wird das Buch „Das Ende ist mein Anfang“ über Leben und Tod des Journalisten Tiziano Terzani verfilmt - mit Bruno Ganz in der Titelrolle. Von Dieter Wild
Wild, 78, leitete von 1965 bis 1990 das Auslandsressort des SPIEGEL, zu dessen Reportern der Italiener Tiziano Terzani gehörte, und war von 1994 bis 1998 stellvertretender Chefredakteur.
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Alle in Orsigna und in Pracchia wissen es, das Provinzblatt "Il Tirreno" hat es verkündet: "Dank der Deutschen lebt Terzani wieder in Orsigna."
Tiziano Terzani, der unermüdlich Reisende und bis zur Erschöpfung Schreibende, der SPIEGEL-Mann in Asien, der den Fernen Osten laut "FAZ" "so gut kannte wie keiner seiner Kollegen".
Tiziano, der Freund, ist am 28. Juli 2004, 65 Jahre alt, gestorben. Und er ist in diesen Herbsttagen wieder da, weil Bruno Ganz ihn in der Verfilmung des letzten und erfolgreichsten aller Terzani-Bücher, "Das Ende ist mein Anfang", wiederauferstehen lässt.
Wie kann der Hitler-Ganz, weltberühmt spätestens seit dem Film "Der Untergang", der Terzani-Ganz werden?
Gegen einige, vor allem deutsche Kritiker, denen zufolge Ganz im "Untergang" den deutschen Unhold zu menschlich gespielt habe, hatte der britische Hitler-Kenner Ian Kershaw befunden, Ganz sei in seiner Darstellung sehr nahe an den wirklichen Hitler herangekommen, auch wenn sich der Diktator zum Nudelessen niederließ.
Danach empfand Ganz, dass ihm "dieses Ding lange anhängen würde". Und so machte er sich einige Zeit als Schauspieler rar - er kämpfte, sagt er, gegen die moralische Last, Hitler gewesen zu sein. Mit der Tragikomödie "Copacabana" 2008 und erst recht mit "Terzani" befreit er sich davon. Dies ist Tiziano, es spielt ihn ein großer Bruno Ganz.
Das SPIEGEL-Buch "Das Ende ist mein Anfang" zu einem Kinofilm zu machen ist ein waghalsiges Unternehmen - für den Produzenten Ulrich Limmer, den Regisseur Jo Baier und gewiss für Ganz. Denn es besteht vor allem aus Monologen, in denen Terzani drei Monate lang bis zu seinem Krebstod auf Fragen seines Sohnes Folco, gespielt von Elio Germano, sein Leben zu Protokoll gibt. Er reflektiert über das geliebte Asien, den Sinn des Lebens, das sinnlose Streben, die Welt ändern zu wollen, und über den Tod.
Ein Buch weitgehend ohne Handlung, nur an einem einzigen Ort, Terzanis Refugium Orsigna - gut. Aber ein Film weitgehend ohne Handlung an nur einem einzigen Ort spielend, wie soll das gehen?
Es geht, weil die Drehbuchautoren Ulrich Limmer und Folco Terzani die Monologe gelockert haben - und es geht vor allem dank der schauspielerischen Kraft von Bruno Ganz. Zwei Jahre lang ließ er sich einen wuchernden Terzani-Bart wachsen; jede Perücke oder jedes Toupet, um Terzanis gewaltigen Schopf zu kopieren, lehnte er ab: zu behindernd für seine Mimik. Und seltsam: Diese Unähnlichkeit tut der Authentizität des kranken, dann todkranken Ganz/Terzani gut. Die mitunter minutenlangen Monologe erfordern schauspielerische Höchstleistung an Konzentration und Disziplin, wie sie von Ganz bisher zwar auf der Bühne, etwa in Peter Steins "Faust", aber in keinem seiner zahlreichen Filme verlangt wurde - eine Herausforderung, die Ganz lockte, nach einigem Zögern die Rolle anzunehmen.
So erzählt er denn Terzanis Leben, das eines Journalisten, der, Abenteurer und Intellektueller in einem, sieben Sprachen sprechend, darunter natürlich Chinesisch, von 1972 bis 1997 als Asien-Korrespondent des SPIEGEL den riesigen Kontinent durchstreifte, immer auf Tuchfühlung mit den Menschen: in Vietnam, Kambodscha, China, Japan und Indien, immer getrieben von der Suche "nach einer Alternative für die westliche Welt".
Im Gesicht von Bruno Ganz wird Terzanis anfängliche Begeisterung für Mao Zedong ebenso glaubhaft wie seine spätere Enttäuschung darüber, dass der Verehrte "ein großer Dichter war, ein großer Stratege und ein großer Mörder". Er gibt zu, langsam zur Kenntnis nehmen zu müssen, "dass es unmöglich war, einen neuen Menschen zu schaffen ... dass diese Idee selbst eigentlich ein Frevel ist".
In Saigon 1975, als er erlebt, wie die siegreichen Vietcong einziehen, bricht er vor Freude "in Tränen aus". Aber in Kambodscha bestrafen die mörderischen Roten Khmer seinen Abenteuerdrang, "diese Lust, auszubrechen und wegzulaufen, die ... eine Konstante in meinem Leben war". Er wird an die Wand gestellt, ein Khmer-Rouge-Jugendlicher drückt ihm stundenlang die Pistole ins Gesicht. Er soll bekennen, ein CIA-Mann zu sein. Ein Chinese rettet ihn.
Dass die vormals so spirituell geprägten Länder Asiens scheinbar unentrinnbar der technischen Zivilisation und dem Materialismus des Westens anheimfallen, stürzt Terzani in tiefe Depression und schließlich in Fluchten, in pantheistische Phantasien, wenn der Todkranke flüstert: "Ich spüre, wie mein Leben entweicht und doch nicht entweicht, denn es ist Teil des Lebens all dieser Bäume, des Lebens an sich. Wunderbar, sich im Leben dieses Kosmos aufzulösen." So meint der Journalist schließlich, nicht mehr Tiziano Terzani zu sein: "Vieles bin ich gewesen, doch am Ende bin ich nichts." Oder aber etwas Winziges: "Eines Morgens habe ich einen Marienkäfer gesehen und hatte plötzlich das Gefühl, dieser Marienkäfer zu sein."
Und gegen den ewig quälenden Schmerz soll helfen: "Man konzentriert sich ganz auf ihn. Man fragt sich, ist er eckig, ist er rund, ist er rot, ist er gelb ..."
Bruno Ganz versucht, sich einigen dieser Phantasien zu entziehen, indem er die im Drehbuch vorgegebenen Passagen abkürzt - gegen den Protest des östlicher Spiritualität zugeneigten Sohnes Folco.
Der weltreisende Abenteurer Terzani kehrt schließlich heim nach Orsigna, "um hier zu sterben ... Irgendwie hatte ich geahnt, dass nach all den Ländern Asiens, die ich so geliebt habe - Vietnam, Kambodscha, China und dann Indien -, Orsigna meine letzte große Liebe sein würde. Hier fühle ich mich zu Hause, glücklich in der Umarmung dieser reinen Natur ... Mein Tod - pah! Zum Lachen".
In unzähligen Haarnadelkurven windet sich die Straße von Pistoia in den toskanischen Apennin. Sie endet in totaler Einsamkeit oberhalb von Orsigna, wo einmal 2000 Menschen wohnten, Hirten und Bauern, die von Käse und Kastanien lebten. 61 sind übrig geblieben. Nahezu jedes Jahr seit seiner Kindheit kehrte Tiziano hier ein.
In diese abgeschiedene kleine Welt, eigentlich das Ende der Welt, ist für 26 Drehtage die deutsche Filmindustrie eingebrochen, Produzent Limmer und Regisseur Baier mit einem Team von 49 Personen, an die 20 Autos; Scheinwerfer, Kabel, Mikros, Kameras überwuchern das enge Terzani-Haus. Baumwipfel, die den Blick talwärts auf Orsigna behindern, werden gekappt, eine zu weiße Hauswand im Tal erhält roten Stoffbezug.
Eines Tages flattern Raben vor dem Haus durch die Luft, von zwei "Dompteuren" aus Tschechien herbeigeschafft. Die benötigte große Regenmaschine kommt aus Berlin. Schließlich dröhnt ein Hubschrauber im Pendelverkehr zum 1800 Meter hohen Uccelliera-Gipfel, da hinauf muss das Team nach dem Willen von Jo Baier. So kostet dieser Film ohne Handlung denn doch drei Millionen Euro.
Die 61 Orsignaner haben die deutschen Invasoren freundlich aufgenommen, nicht nur, weil diese der Ökonomie des armen Fleckens guttun. Deutsch-italienische Verbrüderung, die ja nicht allerorten anzutreffen ist, bricht sich ungehindert Bahn.
Gleich zu Anfang luden die Deutschen die ganze Bevölkerung von Orsigna zum Mahl auf die kleine Piazza vor dem Krämerladen von Elisabetta Venturi ein. Elisabetta: "Sie sind ja so gastlich. Dabei müssten wir das doch sein." Sie sind es gleichfalls: Am 26. Oktober lud das Hotel Melini im etwas tiefer gelegenen Pracchia das germanische Filmvolk zum Abendessen ein.
Einen Tag später stirbt Terzani/Ganz in seiner "Gompa", einer rot ausgemalten, nur ein paar Quadratmeter großen tibetanischen Gebetshütte neben seinem Haus, um ein großes Bett herum gebaut, in die sich Terzani in den letzten Jahren zur Meditation zurückgezogen hatte. Um sie nicht zu entweihen, haben die Filmleute eine solide Gompa-Kopie errichtet. Sie wird nach den Dreharbeiten nicht abgerissen.
"Bringt mich in meine Gompa!", haucht der Sterbende mit versagender Stimme, eine bewegende Szene von einer keineswegs traurigen, sanften Poesie. Angela Terzani, wunderbar gespielt von der Österreicherin Erika Pluhar, und Tochter Saskia (Andrea Osvàrt) tragen ihn mehr, als dass sie ihn führen.
"Das Ende ist mein Anfang" ist ein Kultbuch geworden. 600 000 verkaufte Exemplare in Italien, 220 000 in Deutschland, Übersetzungen in neun Sprachen, darunter Chinesisch und Koreanisch. Die Deutschen in Orsigna glauben, dass ihr Film das Buch übertreffen könnte.
Dass das idyllische Orsigna dann nicht zum Wallfahrtsziel Tausender Terzani-Fans wird, darüber scheinen zwei Augen zu wachen, zwei Plastikaugen aus Indien. Tiziano hat sie am Stamm einer mächtigen alten Kastanie neben dem Haus befestigt. Tiziano zu Folco: "Schau. Für meine Enkelkinder. Jetzt hat der Baum ein Gesicht. Wie ein Mensch. Damit sie begreifen, dass alles um sie herum lebt. Auch dieser Baum." Das Drehbuch vermerkt, dass der Baum "mit den beiden Augen versehen tatsächlich mit einem Mal das Gesicht eines alten Menschen hat".
Unter der Kastanie ist die Urne mit der Asche von Tiziano Terzani beigesetzt.
Von Dieter Wild

DER SPIEGEL 48/2009
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