07.12.2009

Opfer gehören zum Kalkül

Nr. 49/2009, Titel: Wann dürfen Deutsche töten? Die Bundeswehr, Afghanistan und der Krieg im 21. Jahrhundert
Sie machen überzeugend deutlich, dass eine Neuformulierung des Völkerrechts aufgrund der zeitlich unabsehbaren Bedrohung durch den Terrorismus überfällig ist. Es bleibt die Frage, warum diese Diskussion gerade in Deutschland so schwer zu führen ist und so viel Wut und Empörung auslöst.
GÜTERSLOH (NRDRH.-WESTF.) DR. HANS-JOACHIM EBERHARD
Opfer in der eigenen Bevölkerung gehören zum Kalkül jedes Partisanenkriegs, um das Volk gegen die "Ungläubigen" einzunehmen. Deshalb haben die Taliban Schuld am Tod möglicherweise Unschuldiger bei Kundus und nicht die Isaf-Soldaten. Solange sich die politischen Schreibtischkrieger nicht über die Rechtsgrundlagen des afghanischen Bürgerkriegs einigen, haben die Bundeswehrsoldaten dort im Extrem zwei Möglichkeiten: entweder erschossen zu werden oder vor einem deutschen Gericht zu stehen.
PRIEN AM CHIEMSEE (BAYERN) BRUNO MELLINGER
Die Verteidigungsminister und Präsidenten kommen und gehen - die Toten bleiben. Völker- und Menschenrechte werden in diesem Krieg nach Belieben einfach außer Kraft gesetzt. Die Bundeswehr ist im Afghanistankrieg längst eine von vielen Hilfstruppen der USA - einer Weltmacht, die seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 nach Lust und Laune Krieg führt wie ein selbsternannter Welt-Sheriff, der ab und an den Colt für ein Duell zieht.
WERNIGERODE (SACHS.-ANH.) ALBERT ALTEN
Wann darf ein Staat Menschen ums Leben bringen? Die Antwort muss lauten: nie. Genau wie wir die Todesstrafe und das Nichthinterfragen der Legitimation von Kriegen überwunden haben, muss der nächste Schritt der moralischen Evolution der Mut zu konsequenter Gewaltlosigkeit sein. Auch wenn es die große ideologische Herausforderung des Jahrhunderts werden mag, sich den Konflikten der Zukunft ohne scharfe Munition zu stellen: Das Gewissen des Einzelnen verpflichtet ihn zur Moral - Selbiges muss auch für das Gewissen der Entität Staat gelten.
HANNOVER DAVID ESRA JOHN
Wenn zwei Tanklaster, die jederzeit zu Bomben umfunktioniert werden können, nachts in einem Flussbett liegen, kilometerweit vom nächsten Dorf entfernt, kann der Kommandeur davon ausgehen, dass er es lediglich mit den Tanklastern und deren Entführern zu tun hat, und ist berechtigt, diese Gefahr für seine Leute auszuschalten. Es kann nicht sein, dass Soldaten erst einen Angriff abwarten oder in Todesgefahr geraten müssen, bevor sie sich wehren können. Als Mutter eines bald einsatzbereiten Soldaten erwarte ich, dass das Leben meines Sohnes wie das aller anderen Soldaten geschützt wird, und zwar auch dann, wenn menschliche Irrtümer bedauerlicherweise nicht ausgeschlossen werden können.
STUTTGART ELEONORE LINDMAYER-HEPP
Sie schreiben sinngemäß, dass die Regierung alles darangesetzt habe, das Image der Deutschen so wenig wie möglich zu beschädigen. Das Gegenteil ist der Fall. Ehrlichkeit, eine Entschuldigung für den begangenen Fehler und Hilfe für die Opfer und Hinterbliebenen hätten dem Image gutgetan.
KIEL ULF BLENDER
Ihre Frage hat mich als Schülerin schockiert. Leben soll erhalten und nicht vernichtet werden! Eine sogenannte Verteidigung darf kein Freifahrtschein zum Töten sein! Das ist auch keine Frage der Nation, sondern für mich ein internationaler Grundsatz.
HERDECKE (NRDRH.-WESTF.) BIBIANA GÖRIG

DER SPIEGEL 50/2009
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