07.12.2009

Fachsimpler mit Scheuklappen

Nr. 48/2009, Bildung: Solidaritätsbekundungen für die protestierenden Studenten
Die Zustimmung, die wir erhalten, ist doch nur eine Form der Beschwichtigung! Was soll denn ein Student mit einer Bafög-Erhöhung oder der vermehrten Vergabe von Stipendien, wenn er beides gar nicht bezieht? Ich finde, allein die dafür vorgesehene Summe von 450 Millionen Euro zeigt, welche Priorität wir momentan haben und mit wie wenigen Mitteln wir ruhiggestellt werden sollen.
TRIER GINA OMNIS
Der Opportunismus von Politikern und die Anbiederei von Hochschulleitungen an die Proteste der Studentenschaft sind Eingeständnis eigenen Versagens, dazu das laute Schweigen der breiten Masse der Professoren. Diese drei Gruppen verantworten die Bildungsmisere an den Hochschulen, die Kritik am Bologna-Prozess ist nur die Spitze des Eisbergs. Die wahren Gründe für die Hochschulmisere liegen nicht im Bologna-Prozess, sondern in seit Jahren wachsender Inkompetenz, Frustration und falschen politischen Prioritäten.
KOSEL (SCHL.-HOLST.)
PROF. DR. H. EKKEHARD WOLFF
Bis hier in Österreich eine kompetente Lösung gefunden wird, wird es noch dauern. Bis dahin sitzen wir in überfüllten Hörsälen, bekommen keine Fixplätze in den Seminaren und zögern unseren Abschluss ungewollt immer weiter hinaus. Das Anmeldesystem gleicht einem Roulettespiel, wenn sich für ein Seminar mit 25 Fixplätzen 300 Leute anmelden. Es gibt kein Geld und keinen Platz für so viele Studenten. Es kann nicht sein, dass Österreich Auffangbecken für alle ist. Warum will Deutschland an Österreich keine Ausgleichszahlungen leisten? Das Bildungsproblem ist ein länderumfassendes, das gemeinsam gelöst werden muss. Wozu sind wir in der EU?
WIEN SIMONE ALLEX
Es gibt keine richtigen Ansprechpartner bei diesem Streik, und somit drohen auch die Ziele im Sande zu verlaufen. Pommesbudenbesitzer, Eltern und Kommilitonen spenden aus Solidarität große Essensmengen oder auch Geld an die Besetzer. Währenddessen spenden Dozenten, Rektoren und Politiker Beifall oder schweigen. Übrig bleibt die Hoffnung, dass der Atem der Protestierenden länger ist als der der abwartenden Verantwortlichen für das Bildungsdilemma, damit Deutschland in 20 Jahren nicht von studierten Fachsimplern mit Scheuklappen regiert wird, denen kein Raum zur Selbstentfaltung gelassen wurde.
KÖLN ANNA THELEN

DER SPIEGEL 50/2009
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