07.12.2009

Meister der Verteidigung

Karl-Theodor zu Guttenberg bewertet den Luftschlag bei Kunduz neu und versucht von eigenen Fehlern abzulenken.
Er fühlt sich nicht wohl. Seine Stimme ist belegt, er muss loben, wo jedes Lob wie Heuchelei wirken kann. Es ist die wohl schwierigste Rede, die Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bislang halten musste.
Der Festsaal des Verteidigungsministeriums ist gefüllt mit Offizieren, sie wollen zwei Vorgesetzte verabschieden, Staatssekretär Peter Wichert und Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan. Guttenberg hat sie zum Rücktritt gezwungen. Nun sagt er, sie hätten "Marksteine" für die Bundeswehr gesetzt. Als er die "großen Verdienste und die bemerkenswerte Professionalität" erwähnt, geht ein Wispern durch den Raum.
Es ist klar, welche Frage sich gerade alle stellen: Warum müssen sie dann gehen?
Guttenberg ist der Meinung, dass sie ihm wichtige Dokumente über den Bombenabwurf nahe Kunduz verheimlicht hätten. Daher habe er den Befehl dazu auf einer Pressekonferenz am 6. November fälschlich für "militärisch angemessen" erklärt.
Inzwischen kennt er offenbar alle wichtigen Dokumente und hat sich am vergangenen Donnerstag korrigiert. Das Bombardement sei "aus heutiger Sicht militärisch nicht angemessen" gewesen, sagte der Minister im Bundestag. Er tat das so überzeugend, dass sich die grüne Abgeordnete Ute Koczy für seine Offenheit bedankte. Das Presseecho am folgenden Tag war kritisch, aber nicht böse. Es ist gut gelaufen für Guttenberg.
In Wahrheit lagen dem Minister schon vor vier Wochen genügend Informationen vor, die ihn hätten skeptisch machen müssen. Denn im Abschlussbericht der Nato stand alles, was gegen die Entscheidung des deutschen Obersts Georg Klein sprach.
Auszüge aus diesem Bericht, die der SPIEGEL einsah, zeigen, dass die Besatzung der amerikanischen F-15-Jagdbomber den Auftrag stärker hinterfragt hat, als bisher bekannt war.
So erzählt Oberstleutnant Lance "Gipper" Bunch, Kommandeur der 335th Fighter Squadron Unit, bei seiner Vernehmung, dass es während des Einsatzes Meinungsunterschiede über die Frage gegeben habe, wie viele Bomben abgeworfen werden sollten. Oberst Kleins Fliegerleitoffizier, Codename "Red Baron", habe sechs Bomben gefordert. Die Besatzung der F-15 widersprach ausdrücklich. "The crew told him that this was not going to happen" - dies werde nicht passieren. Es seien nur zwei Bomben nötig.
Darüber hinaus zeigen Auszüge des Funkverkehrs zwischen dem US-Piloten "Dude" und dem deutschen Fliegerleitoffizier, dass die Besatzung nicht nur ein- oder zweimal warnende Tiefflüge vorgeschlagen habe, sondern gleich fünfmal. Doch "Red Baron" antwortete: "Negativ. Das Ziel soll sofort angegriffen werden."
Ein Pilot gab zu Protokoll, sie hätten ihre zögerliche Haltung erst aufgegeben, als die Deutschen von einer akuten
Bedrohung sprachen. Die Amerikaner wussten nicht, dass es die nicht gab. "The guy on the ground, he has the full picture", gaben sie zu Protokoll - "Der Mann am Boden hat ein genaues Bild." Aber da irrten sie sich. Um 1.48 Uhr folgten die Amerikaner dem Befehl des "Red Baron": "Status HOT." Rund 140 Menschen starben.
Nach der Lektüre dieser Passagen hätten bei Guttenberg durchaus Zweifel aufkommen können, ob Oberst Klein am 4. September in Kunduz die richtige Entscheidung getroffen hat.
Aus dem Umfeld Schneiderhans ist zu hören, dass Guttenberg vom stellvertretenden Generalinspekteur Johann-Georg Dora noch vor seiner Pressekonferenz über Deutungsmöglichkeiten des Isaf-Berichts aufgeklärt worden war, auch über kritische. Guttenberg habe das nicht interessiert. Die "Angemessenheit" sei in diesem Gespräch kein Thema gewesen, heißt es dazu im Hause Guttenberg.
Insidern erscheint es zudem wenig plausibel, dass der Generalinspekteur dem Minister gezielt Informationen oder Berichte zu dem Luftangriff vorenthalten hat, um ihn über die Vorgänge im Unklaren zu lassen. "Melden macht frei", heißt es bei der Bundeswehr. Wissen wird mit dem Chef geteilt, um Verantwortung zu delegieren. Eine goldene Regel für Uniformträger.
Als der Minister seine Einschätzung in der vergangenen Woche vor dem Plenum zurücknahm, predigte er wie ein Pastor von seiner Kanzel. Die Stimme war erhoben, er klang wie berauscht von dem eigenen Bemühen um Aufklärung. Doch welche neuen Informationen ihn zu seiner Kehrtwende bewogen haben, hat er nicht erklärt. Deshalb bleiben Zweifel, ob die Kritik an Wicherts und Schneiderhans Versäumnissen nicht vorgeschoben ist. Vielmehr wollte Guttenberg womöglich von einer Einschätzung wegkommen, die unhaltbar ist.
Großes Interesse an Aufklärung scheint er nun nicht mehr zu haben. Mit seiner Kehrtwende hat Guttenberg nicht einmal bis zum 10. Dezember gewartet. Dann hätte ihm eine Arbeitsgruppe, die Kleins Verhalten bewerten sollte, ihre Ergebnisse präsentiert. Er hatte sie selbst eingesetzt. ULRIKE DEMMER, JOHN GOETZ
* Beim Zapfenstreich zum Abschied von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan (l.) und Staatssekretär Peter Wichert am 3. Dezember in Berlin.
Von Ulrike Demmer und John Goetz

DER SPIEGEL 50/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Meister der Verteidigung

  • Vor G7-Gipfel in Biarritz: "Die Stadt ist zu einer Festung geworden"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik