07.12.2009

„Ich schoss auf seine Brust“

Nach dem Attentat schilderten Rudi Dutschke und Josef Bachmann den Tathergang - Auszüge aus den Polizeiprotokollen.
Rudi Dutschke: Ich sah einen jungen Mann ein Stück des Mittelstreifens entlanggehen. Dann verlor ich diesen Mann aus den Augen, weil sich ein Stau gebildet hatte. Durch diesen war dieser junge Mann offensichtlich gehindert, zu mir auf die Straßenseite zu gelangen ... Ich machte mir Gedanken darüber, was dieser Mann, der mich eindringlich angesehen hatte, von mir wollte. Ich überlegte, ob es sich um einen unserer Genossen vom SDS handelte. Ich kam zu der Erkenntnis, dass ich den Mann nicht kannte. Als der Stau sich auflöste, ging dieser Mann über die Fahrbahn und betrat vor meinem Fahrrad den Bürgersteig. Er kam bis zu einen Meter etwa an mich heran und fragte mich: "Sind Sie Rudi Dutschke?" Ich antwortete mit einem "Ja".
Daraufhin zog er plötzlich einen Revolver hervor und feuerte einen Schuss auf mich ab, der mich in meine rechte Wange traf. Ich verspürte in diesem Augenblick eigenartigerweise gar keinen Schmerz. Ich riss unwillkürlich meine Arme hoch. Das Fahrrad fiel um. Der Täter wich etwas nach hinten zurück. Was nun kam, weiß ich nicht. Ich habe es nicht wahrgenommen, dass ich weitere Schussverletzungen erhielt. Mein Erinnerungsvermögen setzt wieder kurz ein, als ich auf einer Bank saß und Passanten sich um mich kümmerten ... Außer Vater und Mutter konnte ich nichts sagen; ich wollte weitersprechen, es kamen aber nur diese beiden Worte aus mir heraus. Ich hatte ein ständiges Sausen im Ohr, dann hörte und sah ich überhaupt nichts mehr.
Josef Bachmann: Ich bin über die Straße gegangen. Auf der Fahrbahn lief ich gegen einen Pkw, dessen Rückblickspiegel hierdurch zerbrochen ist. Das Fahrzeug hielt, und der Fahrer forderte Schadensersatz. Dutschke muss diesen Unfall bemerkt haben, denn ich hatte den Eindruck, als sei er stehengeblieben und habe zu mir herübergeguckt.
Nachdem ich mich mit dem Fahrer geeinigt hatte, ging ich zu Dutschke, der noch immer mit seinem Fahrrad am Fahrbahnrand stand. Ich fragte ihn: "Sind Sie Rudi Dutschke?" Und er sagte: "Ja." Dann habe ich den Revolver gezogen und schoss auf seine Brust. Dutschke kam dann auf mich zu, ohne etwas zu sagen. Als er ungefähr einen Meter von mir entfernt war, habe ich ein zweites Mal, und zwar wieder auf seine Brust, geschossen. Nach diesem zweiten Schuss fiel Dutschke zu Boden, und ich habe einen dritten Schuss gezielt auf seinen Kopf abgegeben.

DER SPIEGEL 50/2009
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