07.12.2009

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDas Dorf im Schrank

Wie eine Sammlung von Asterix-Figuren Unglück brachte
Volker Pallapies ist etwas nervös, als er die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnet, voller Vorfreude und misstrauisch zugleich. Er hat eine Leidenschaft, ein Geheimnis, das er lange Zeit sorgsam gehütet hat.
Bis vor ein paar Wochen. Damals wurde Pallapies für einen Moment unvorsichtig, zum ersten Mal. Er weihte jemanden in sein Geheimnis ein, einen Reporter von der Mindener Lokalzeitung. Es dauerte nicht lange, bis er diesen Entschluss bereute.
Männer lieben Geheimnisse, verborgene Leidenschaften, die sie stark machen und unabhängig. Leidenschaften sind Träume. Wer etwas sammelt, beispielsweise, der träumt von Vollständigkeit. Am wichtigsten für einen Sammler sei "die Möglichkeit, komplett zu werden", sagt Pallapies.
Er sammelt Asterix-Figuren. In seinem Arbeitszimmer steht ein großer Schrank, in den Regalen sind kleine Plastikfiguren aufgereiht: Asterix, der listige Gallier; sein starker Freund Obelix; Idefix, Obelix' Hund.
Die Figuren sind in Reihen geordnet. Zehn Asterixe stehen akkurat hintereinander und noch einmal so viele Obelixe, etwa hundert Figuren auf einem Regalbrett, annähernd tausend in diesem Schrank.
"Dies ist natürlich nur ein Bruchteil", sagt Pallapies, läuft in den Flur und öffnet einen mannshohen Kleiderschrank, in dem der Rest seines Besitzes in Schubkartons lagert, insgesamt etwa 10 000 Figuren, Schlüsselanhänger und Schneekugeln. Pallapies besitzt, vermutlich, die größte Asterix-Sammlung Deutschlands, wenn nicht der Welt.
Pallapies ist 44 Jahre alt, verheiratet, Vater zweier Kinder. Sein Wohnzimmer ist einfach eingerichtet, es sieht aus, als sei ihm das nie so wichtig gewesen. Pallapies arbeitet in Minden bei der Bahn, als Controller.
Schon sein Vater war Eisenbahner. Es war der perfekte Beruf für Männer, die sich einen Kindertraum erfüllen wollten. Seit ein paar Jahren wandelt sich die Bahn. Die Schalter hießen eines Tages "ServicePoints", die Schaffner wurden Zugbegleiter und begrüßen ihre Passagiere mittlerweile in eigenwilligem Englisch. Die Bahn wollte modern sein, effizient. Leute wie Volker Pallapies übernahmen das Kommando. In seinem Job dreht sich alles um betriebliche Prozesse, Steuergrößen, Wirtschaftlichkeit.
Wenn er nach Hause kommt, sitzt er manchmal zwei Stunden vor dem Computer und sucht nach Figuren, die er noch nicht besitzt. Manche kosten 200 Euro oder mehr. So gesehen ist das Sammeln von Asterix-Figuren das genaue Gegenteil von Wirtschaftlichkeit.
Der Schrank ist Pallapies' Rückzugsort, sein gallisches Dorf.
In den Asterix-Geschichten wird dieses Dorf von ein paar sympathischen Sonderlingen bevölkert. Sie zanken und schlagen sich, um sich am Ende bei einem großen Wildschweinessen wieder zu versöhnen. Nichts verändert sich, das Dorf steht für Unveränderlichkeit.
Pallapies hat schon als Kind gesammelt, Briefmarken, Alu-Laschen von Cola-Dosen, Kronkorken. Damals legten die Firmen ihren Produkten häufig Gimmicks bei, um die Kunden zu Markentreue zu erziehen: In Schokoladentafeln steckten Fußballbilder, beim Tanken gab es Münzen dazu.
Später entdeckte Pallapies die Asterix-Hefte, mit deren Hilfe er die Welt erkundete: Asterix bei den Belgiern, Asterix bei den Schweizern, Asterix und die Normannen. Er sammelte weiter, Zigarettenschachteln zunächst oder Zinnbecher, aber er war nur mit halbem Herzen dabei. Er suchte eine Sammlung, die zu ihm passte.
Bis er Anfang der neunziger Jahre auf einem Flohmarkt Asterix-Figuren entdeckte, aus Überraschungseiern. Sie waren herrlich bunt, handbemalt mit glänzenden, satten Farben, sie fühlten sich gut an. Außerdem erinnerten sie ihn an seine Kindheit. Pallapies sah die Chance, endlich komplett zu werden.
Aber er sammelte im Verborgenen. Vielleicht fürchtete er, dass andere seine Leidenschaft belächeln könnten. Dass sie über einen Erwachsenen spotten würden, der seine Freizeit damit verbringt, Kinderfiguren zu sortieren.
Jahrelang wuchs die Sammlung, ohne dass irgendjemand davon erfuhr. Aber weil sich jeder Sammler irgendwann nach Anerkennung sehnt, ließ Pallapies eines Tages die Lokalzeitung in seine Welt. Asterix feierte den 50. Geburtstag, Pallapies wollte seinen Teil beitragen. Er führte den Reporter durch das kleine gallische Dorf in seiner Wohnung. Ließ sich fotografieren, zwei Figuren auf der flachen Hand, und erzählte nebenbei, dass sogar seine Hochzeitstorte mit Asterix-Figuren verziert gewesen sei.
Die Geschichte veränderte alles. Andere Zeitungen meldeten sich. Pallapies musste auf einmal Fragen beantworten, auf die es keine Antworten gibt. Was will ein erwachsener Mann mit 10 000 Asterix-Figuren? Was sagen die Kollegen dazu? Was die Ehefrau? Freunde stocherten in seinem Hobby herum, fragten nach dem Sinn.
Irgendwann rief RTL an. Sie wollten ihn besuchen, sich die Sammlung zeigen lassen, vor allem aber wollten sie ein Interview mit Pallapies' Frau. Sie hatten die Geschichte mit der Hochzeitstorte gelesen, offenbar witterten die Fernsehleute Konfliktpotential.
Pallapies lehnte ab. Er wollte sein gallisches Dorf schützen, jedenfalls das, was noch davon übrig war. HAUKE GOOS
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 50/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:
Das Dorf im Schrank

  • Der Chart-Stürmer: Rechter Rapper "Chris Ares"
  • Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht
  • Trump über Grönland-Absage: "So redet man nicht mit den USA"
  • Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"