07.12.2009

BAUWERKEDas unsterbliche Schloss

Es ist ein deutsches Streitobjekt, das Berliner Schloss, das so auferstehen soll, wie es einmal aussah. Es ging um Gut gegen Böse, Ost gegen West, Moderne gegen Tradition. Nun musste ein Gericht entscheiden, ob das Ganze als Architektenposse endet. Von Jochen-Martin Gutsch und Juan Moreno
Außer Hans Kollhoff und Franco Stella sind eigentlich alle gekommen. Ein paar ältere Herren, die sagen, sie seien Schloss-Fans, die Beobachter, die das Bundesbauministerium geschickt hat, die sechs Anwälte, angereist aus Frankfurt, Berlin und Italien.
Kurz vor zwölf kommen Richter Heinz-Peter Dicks und seine zwei Kollegen in Raum A01. Die Journalisten, die Anwälte, alle erwarten, dass dies der Anfang einer langen Verhandlung wird. Irgendwann im kommenden Jahr soll dann die Frage geklärt sein, ob die Vergabe des Bauauftrags für das Berliner Stadtschloss an den Architekten Franco Stella rechtmäßig war. Richter Dicks scheint aber keine Lust auf eine lange Verhandlung zu haben. Er will die Sache heute klären. Er will ein Urteil verkünden, das einen ewigen Streit beendet.
Seit fast 20 Jahren geht es in Berlin um das Schloss. Mit den Jahren wuchs der Streit. Es gab Feuilleton-Debatten, Politiker-Debatten, Experten-Debatten, Volks-Debatten. Aus Ja gegen Nein wurde Gut gegen Böse, Ost gegen West, Links gegen Rechts, Moderne gegen Tradition. Vielleicht sind jetzt alle ein bisschen müde. Die Kampfzonen jedenfalls sind sehr klein geworden, fast bizarr. Im Moment geht es um zwei Architekten. Um Anstellungsverhältnisse. Um Bürogrößen. Um Sozialversicherungsbeiträge. Was ein Beweis dafür ist, dass der Streit in seinen Feinheiten nur noch schwer zu durchdringen ist.
Außer vielleicht für Wilhelm von Boddien. Er ist so etwas wie der letzte große Schloss-Kämpfer. Mittlerweile ist er 67 Jahre alt, er sitzt auf der Couch einer Charlottenburger Neubauwohnung, die er als Büro nutzt. Er hat die Beine übereinandergeschlagen, er sitzt zurückgelehnt wie nach einem guten Essen, aber man ahnt, dass er nur blufft. Er sagt: "Ich sehe der Verhandlung mit großer Gelassenheit entgegen."
Eigentlich verrät die Wand schon den ganzen Bluff. Die Wand hinter der Couch. Sie ist vollgehängt, zugedeckt, Zentimeter um Zentimeter mit über 20 Stichen und Bildern des Berliner Stadtschlosses. Es ist die Wand eines Fans, eines Liebenden, eines Schloss-Verrückten. "Hier", sagt Boddien und zeigt auf den gerahmten Stich direkt über seinem Kopf. "Das ist die älteste, weitgehend korrekte Architekturüberlieferung vom Berliner Schloss. Paul Decker, um 1704."
Es klingt fast zärtlich.
Wird das Schloss denn irgendwann gebaut, Herr Boddien? "Ja, natürlich", sagt er mit Entschlossenheit. "Natürlich."
An jenem regnerischen Novembernachmittag in Berlin konnte er noch nicht wissen, wie das Gericht in Düsseldorf entscheidet. Boddien konnte nicht mehr viel tun. Dabei hat er am meisten zu verlieren. Sein Lebenswerk.
Eigentlich ist es längst Boddiens Schloss. Ohne ihn wäre die Sache nie ins Rollen gekommen. Er ist der Pate, er ist der Ursprung.
Das Schloss war tot. Erst zur Ruine gebombt im Zweiten Weltkrieg, dann 1950 in die Luft gesprengt von Walter Ulbricht. Später ließ Erich Honecker den Palast der Republik errichten, seit 1976 stand er dort, wo zuvor das Schloss gestanden hatte. Anfang der neunziger Jahre kam dann Wilhelm von Boddien in die Stadt, ein Landmaschinenhändler aus Bargteheide bei Hamburg. Die siebziger und achtziger Jahre hindurch hatte sich Boddien mit dem alten Schloss beschäftigt. "Jeder Mensch braucht ein Hobby", sagt Boddien. "Und für das Schloss hat sich niemand interessiert. Also hatte ich ein Hobby nur für mich allein." Als dann in Berlin die Mauer fiel, tat sich plötzlich eine Chance auf. Boddien betrat eine deutsche Zwischenzeit. Berlin war formbar, ein zittriger Ort für alle möglichen Träume und Projektionen. Für die einen sollte Berlin wie New York werden. Oder wie Moskau. Oder Istanbul. Boddien wollte ein Schloss.
Er suchte Verbündete und fand sie vor allem im Westen der Stadt, bei den Wohlhabenden, den Herren und Damen in Zehlendorf und Grunewald, bei konservativen Intellektuellen und unter christdemokratischen Politikern. 1993 ließ Boddien eine Schloss-Attrappe errichten, neben dem Palast der Republik. Das war der erste Erfolg. Das Schloss bestand nur aus Metallgerüsten und bemaltem Stoff, aber man konnte es sehen. Sogar berühren. Das Schloss war fast da.
Boddien hat, gestählt durch 20 Jahre Schloss-Kampf, eigentlich mit allem gerechnet. Aber nicht damit, dass ihm mit dem Architekten Hans Kollhoff ein alter Verbündeter in den Rücken fallen könnte. Auf der Zielgeraden, gewissermaßen.
"Ein Jahrhundertbau", sagt Kollhoff über das Schloss. "Das einzige Bauwerk in Deutschland, das im gleichen Atemzug mit Versailles genannt werden kann." Im Sommer dieses Jahres rief Hans Kollhoff seine Anwälte an. Sie sorgten dafür, dass der Streit um das Schloss ein neues Kapitel bekam, ein juristisches.
Kollhoff hatte sich am internationalen Wettbewerb um den Bau des Schlosses beteiligt. Der damalige Bauminister, Wolfgang Tiefensee, hatte ihn ausgerufen. Die besten Architekten der Welt sollten Entwürfe vorlegen. Das alte Schloss war 200 Meter lang gewesen, 120 breit und mit Kuppel 70 Meter hoch. Das neue sollte genauso mächtig werden. Über 1200 Räume hatte das alte Schloss. Buckingham Palace hat gut 770.
Sie bewarben sich reihenweise.
Christoph Mäckler aus Frankfurt am Main, Eccheli e Campagnola aus Verona, Gerkan, Marg und Partner aus Hamburg, Kollhoff aus Berlin. Über 150 Entwürfe wurden eingereicht. Der Bundestag hatte einige Vorgaben gemacht. Drei barocke Außenfassaden sollten rekonstruiert werden. Dazu drei Barockfassaden des Schlüterhofs. Es klang streng, aber die Vorgaben ließen genug Platz, um sich als Architekt ein Denkmal zu setzen.
Ein Jahr lief der Wettbewerb. Kollhoff beteiligte sich an Diskussionen, moderierte Symposien, schrieb Artikel. Ende 2008 fiel die Entscheidung. Endlich war klar, wer das Schloss der preußischen Könige bauen würde.
Wer würde es sein?
Nicht Kollhoff.
Der Mann lehrt in Zürich Architektur und Konstruktion, er hat in New York unterrichtet, er hat ein Atelier am Zuger See und ein Büro in Rotterdam. Er hat in Berlin das Auswärtige Amt gebaut, das Europäische Haus am Pariser Platz, den Kollhoff-Tower am Potsdamer Platz, das Bankhaus Delbrück in der Französischen Straße. Berlin sähe anders aus ohne Hans Kollhoff.
Er wurde Dritter. Ein zweiter Platz wurde nicht vergeben. Der Sieger hieß Franco Stella, ein wenig bekannter Architekturprofessor aus Vicenza. Kollhoff hat schon Wettbewerbe verloren, er kennt das Gefühl. Aber er kennt es nicht so gut wie Franco Stella.
Das Auswärtige Amt, die Grimm-Bibliothek der Humboldt-Universität, das Kongresszentrum in Regensburg, eine Bibliothek in Stockholm, ein Bau am Pont Neuf - es lief immer ähnlich ab. Stella meldete sich zum Wettbewerb an, reichte einen Entwurf ein und verlor. Er versuchte sogar, das Oberstufenzentrum Bautechnik II/Holztechnik in Berlin-Weißensee zu bauen. Er kam nicht mal in die Schlussrunde.
In über 35 Berufsjahren hat Franco Stella vergleichsweise wenig fertiggestellt, Einfamilienhäuser, ein Bürogebäude. Dann gab es noch einen Erweiterungsbau für die Messe in Padua, sieben Jahre ist das jetzt her. Aber den machte er nicht allein. Es ist nicht viel, was Stella vorzuweisen hat, verglichen mit Hans Kollhoff ist es nichts.
"Mir geht es nicht darum zu sagen, ich will das Schloss machen", sagt Kollhoff. "Der Zug ist abgefahren. Das akzeptiere ich, aber es ist eine Frage der Fairness."
Kollhoff sitzt in seinem Büro in der Reinhardtstraße, Berlin-Mitte. Zwei Damen am Empfang, schwere, geschmackvolle Einrichtung, die Stühle sind von Josef Frank, einem jüdischen Designer aus den dreißiger Jahren und kosten ein Vermögen.
Hans Kollhoff erklärt, warum er die Anwälte eingeschaltet hat.
Als Bauminister Wolfgang Tiefensee den großen Wettbewerb auslobte, gab es einige Bedingungen, die man als Architekt erfüllen musste, um teilnehmen zu dürfen. Eine lautete: Für den Zeitraum von 2004 bis 2006 durchschnittlich mindestens 300 000 Euro Jahresumsatz. Oder alternativ: drei festangestellte Architekten. Es war ein wichtiger Bau, er würde mindestens eine halbe Milliarde Euro kosten. Es sollten nur die teilnehmen, die den Bau auch bewältigen können. Die Mehrheit der deutschen Architekturbüros war somit wohl nicht teilnahmeberechtigt. "Mindestens 85 Prozent", glaubt Kollhoff.
Kurz nachdem Stella gewonnen hatte, kam der Verdacht auf, dass der Professor aus Italien die Bedingungen nicht erfüllt habe. Es hieß, dass Stella nur einen Mitarbeiter hat, einen freundlichen Mann, der auf den hübschen Namen Michelangelo Zucchini hört. Kollhoffs Anwälte riefen das Kartellamt an, es war zuständig, prüfte und gab Kollhoff recht. Dagegen klagte das Bauministerium, so landete das Schloss vor dem Gericht in Düsseldorf.
Es gebe sehr gute Architekten in Italien, sagt Kollhoff, aber die finde man nicht an der Universität. Italienische Professoren seien in den fünfziger, sechziger Jahren stehengeblieben. "Für diesen Entwurf braucht es einen, der Erfahrung hat. Da braucht es einen, der einen erfahrenen Mitarbeiterstab hat. Und da braucht es einen, der eine architektonische Kraft entwickeln kann."
Hans Kollhoff hat Erfahrung. Er hat einen Mitarbeiterstab. Und er kann architektonische Kraft entwickeln.
Wilhelm von Boddien hatte Kollhoff angerufen, nachdem der sich ans Kartellamt gewendet hatte. "Ich habe ihn gefragt, ob ich vielleicht vermitteln könnte." Boddien wollte die Dinge hinter den Kulissen regeln. Geräuschlos und effektiv. So wie immer. "Aber Kollhoff sagte nur: 'Warum? Was gibt es da zu vermitteln?' Weitere Äußerungen von ihm will ich jetzt nicht wiederholen. Ich kenne ihn gut. Wir sind ja eigentlich auch freundschaftlich verbunden."
2016 soll das Schloss fertig sein und das Humboldt-Forum entstehen. Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin soll ihre Bücher zu Tanz, Bühne, Kunst und Musik ausstellen. Die Humboldt-Universität will Veranstaltungen organisieren und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ihre Sammlungen außereuropäischer Kunst und Kultur aus dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst einbringen. Ein Preußenschloss, das für Weltoffenheit, Toleranz und Spaß steht. So überzeugt man am Ende fast alle - die Konservativen, die Linken, die Zweifler. Das ist der Trick, auch deshalb hat es Boddiens Traum vom Schloss so weit gebracht.
Bislang gelang es Boddien, alle Hürden aus dem Weg zu räumen. Er hat den Palast der Republik besiegt und den Osten der Stadt, wo sie mit dem Schloss nie was anfangen konnten. Er hat die modernen Architekten vom Schlossplatz ferngehalten, und er hat die Angriffe von Philipp Oswalt überstanden, dem Chef des Bauhauses Dessau, mit dem er eine so innige Feindschaft pflegt, dass der "Tagesspiegel" schon mal die "Gegendarstellung zur Gegendarstellung" abdrucken musste. Selbst die Zweifel daran, ob seine Spendenakquise erfolgreich sein könnte, brachten ihn nicht aus der Ruhe. 80 Millionen Euro soll der Schloss-Verein um Boddien an Spenden sammeln, als finanziellen Beitrag zum Schloss-Bau.
Schafft er das? 80 Millionen Euro?
"Natürlich", sagt Boddien, "natürlich."
Bislang hat er, nach eigenen Angaben, allerdings erst 11,5 Millionen eingenommen Euro und 8,5 Millionen in Zusagen beisammen. Fehlen noch 60 Millionen. Das ist ein hübscher Batzen, der aber gleich viel handlicher wird, wenn man die Sache wie Boddien betrachtet. "In Deutschland leben 82 Millionen Menschen. Wenn nur 150 000 jeweils 400 Euro spenden, habe ich die 60 Millionen zusammen."
Kritiker wie Philipp Oswalt, der Bauhaus-Chef, sagen, dass Boddien zurzeit nicht mehr als drei Millionen Euro an Spenden zusammenhat.
So hat jeder seine Zahlen.
Fest steht, dass Boddien in all den Jahren die Politiker erfolgreich umgarnt hat. Er hat ihnen seinen Schloss-Traum aufgeschwatzt, so lange, bis sie im Bundestag für den Wiederaufbau stimmten, vielleicht weil sie irgendwann selbst daran glaubten, Berlin brauche unbedingt das Schloss. Sie vertrauten ihm die Mitte der Stadt an. Boddien, dem Landmaschinenhändler aus Bargteheide. "Ich habe nur die Mehrheiten organisiert", sagt Boddien und lächelt, "so funktioniert Demokratie."
Natürlich glaubt Boddien vor allem an eine Art Schloss-Demokratie. Sie funktioniert, anders als die herkömmliche Demokratie, nicht von unten nach oben. Sondern umgekehrt.
Boddien sitzt auf der Couch wie ein ergrauter Patriarch, die Stimme brummt, wenn er spricht, klingt er wie Dieter Thomas Heck. "Der Wiederaufbau einer Hohenzollern-Residenz im roten Berlin, das ist so ein hochpolitisches Thema. Da kommt man nur weiter, wenn man gleich oben anfängt", sagt Boddien. "Denn Treppen werden von oben gefegt. Versuchen Sie mal basisdemokratisch Treppen von unten nach oben zu fegen. Sie stehen nur im Dreck. Von jeder Treppe kommt ja neuer Dreck runter. Und oben stehen die wichtigen Leute und sehen nur Staubwolken. Die Arbeitsteilung war immer die: Der richtige Mann am richtigen Ort stellt die Beziehungen her. Ich habe dann die Beziehungen genutzt."
Wolfgang Thierse hat sich zum Beispiel um die SPD gekümmert, der es anfangs an Begeisterung fehlte. "Thierse ist ja Schloss-Liebhaber und hat dann die SPD-Fraktion im Bundestag bekehrt. Dreimal sprach er die Schloss-Frage an, und jedes Mal gab es mehr Überläufer. Ich hätte dort ja nicht mal Rederecht gehabt", sagt Boddien.
So zog er 20 Jahre lang die Fäden. Sieben Bundesbauminister beschäftigten sich bislang mit dem Schloss, und als mit Wolfgang Tiefensee der achte kam, gewann die Sache noch mal an Fahrt.
Tiefensee sitzt im Café Einstein, Unter den Linden, und beginnt, da er zwar kein Minister mehr ist, aber immer noch Politiker, mit seinen Erfolgen. Wie er ins Ministerium kam und dort das Schloss-Projekt vorfand. Ungeliebt, umstritten und viel zu teuer. Wie er all den Ballast aus dem Projekt warf, die Baukosten minimierte und das Schloss für die Politik verdaulich machte. Nur noch rund 500 Millionen Euro sollte es kosten. "Dann haben wir die Stiftung gegründet, die auch Geld einsammelt, wir haben einen Architektenwettbewerb durchgeführt mit einer 100-Prozent-Entscheidung. Das Einzige, was jetzt wirklich wacklig ist, ist die Geschichte Kollhoff/ Stella", sagt Wolfgang Tiefensee.
Mit Stella gewann ein Architekt, der keine Vision versprach, und das war gut, weil Tiefensee und die Politik keine Vision wünschten und Boddien schon gar nicht. Man wollte einfach so viel Schloss wie möglich. So originalgetreu wie möglich.
Aber hätte man Stellas Angaben nicht genauer überprüfen müssen? Bei einem Bauprojekt über eine halbe Milliarde Euro?
Tiefensee schüttelt den Kopf. "Wir hatten ja seine Unterschrift. Die Unterschrift eines Chefarchitekten ist für uns ein sehr hohes Gut. Wer von uns verlangt, dass wir das in der Zukunft überprüfen, der setzt die Regeln, die bisher in Deutschland galten, außer Kraft."
Eine Unterschrift als Gewähr.
Tiefensee schlüpft in seinen Mantel, das Handy klingelt, er muss weiter, man kann ihn nur noch fragen, was er denn vom Schloss hält, jetzt, wo er kein Bauminister mehr ist. "Ich bin persönlich eher skeptisch, was die Wiedererrichtung von historischen Gebäuden betrifft." Dann ist er weg.
Die Schloss-Frage lässt er zurück. Sie liegt jetzt in den Händen von Peter Ramsauer, dem neunten Bauminister, und einem kleinen Mann mit einer runden Brille, der in der Lobby des Savoy-Hotels in der Berliner Fasanenstraße steht und den Regen betrachtet. Es ist früher Abend. Franco Stella wendet den Blick von der Scheibe. Er hat jetzt Hunger.
"Ich möchte etwas Rotwein, 0,1 Liter, vielleicht ein bisschen mehr", sagt Stella.
"Natürlich, Professore Stella", sagt der Oberkellner. "Sie mögen Ihren Wein ja nicht so kräftig, ich würde Ihnen den Burgunder nahelegen."
Stella nickt angetan. Burgunder klingt gut. Stella bestellt Steinbeißerfilet à la Montignac. Das klingt auch gut. Überhaupt, sein ganzes Leben klingt gut, seit er den Wettbewerb gewonnen hat.
Franco Stella ist 66 Jahre alt, in Thiene, Vicenza, geboren, studierte in Venedig und unterrichtete zuletzt in Genua Architektur. Bis vor kurzem blickte er auf sein Leben und sah Vorlesungen, Wettbewerbsentwürfe, eine kurze Realisierungsliste und die Aussicht auf eine kleine Professorenpension. Jetzt sitzt er im Savoy, der Oberkellner kennt seinen Namen und seinen Rotweingeschmack, es gibt Steinbeißer, und er steht kurz davor, in die deutsche Architekturgeschichte einzugehen. Viel besser kann ein Leben nicht klingen.
Das Problem ist, dort draußen in der verregneten Stadt halten viele Franco Stella für unfähig. Der Pfuscher aus Vicenza. Sein Büro zu klein, seine Erfahrung zu dünn, sein Entwurf zu schlecht. Das sind die Vorwürfe.
"Ich verstehe diesen Streit kaum. Das Ministerium hat sich an alle Abläufe, an die normale Praxis gehalten", sagt Stella. Irgendwie ist er in diesen Streit hineingeraten. Vielleicht hat das Ministerium geprüft, vielleicht wollte es aber einfach nur noch anfangen, nach all den Jahren. Endlich baut das Ding einer. Und als Stella ankündigte, sich mit zwei großen deutschen Büros zusammenzutun, Hilmer & Sattler und Albrecht sowie gmp (von Gerkan, Marg und Partner), war man womöglich erleichtert, dass es nun bald losgeht.
Traut er sich zu, das Schloss zu bauen?
"Für die architektonische Qualität eines Wettbewerbsentwurfs sind die gelesenen Bücher vielleicht wichtiger als die Anzahl der helfenden Hände." Es wäre schön, jetzt das Gesicht von Hans Kollhoff zu sehen, der halb Berlin zugebaut hat.
"Als Andrea Palladio mit der Basilika in Vicenza oder Renzo Piano mit dem Centre Pompidou in Paris beauftragt wurden, hatten sie zu diesem Zeitpunkt vielleicht weniger gebaut als ich."
Aber warum hat er sich mit den Großbüros zusammengetan?
"Ich bin der Chefarchitekt. Ich habe mir Kontaktarchitekten gesucht. Das ist normal. Jedenfalls habe ich allein, als Wettbewerbssieger, den Vertrag mit der Bundesrepublik Deutschland unterschrieben."
Franco Stella liebt Deutschland. Vor allem liebt er, wie die Deutschen ihre Häuser bauen. Nicht die architektonische Seite, eher die administrative. "Den qualifizierten Weg zum Bauen", wie er sagt. In Italien, meint Stella, baue oft derjenige, der dem Bauherrn am besten gefällt, nicht, wer das beste Projekt habe. Stella ist kein guter Verkäufer, er ist ein Professor, der nicht möchte, dass man ihm den Auftrag seines Lebens wegnimmt. Wenn er eine Frage nicht mag, und eigentlich mag er in letzter Zeit überhaupt keine Frage, wird seine Stimme leise. Er fängt die Sätze an, schweift ab und endet nach langen Ausführungen bei der Renaissance oder bei der preußischen Geschichte und ihrer Beziehung zur Antike. Aber was ist mit den Vorwürfen?
"Ich habe dem Bauministerium die angeforderten Unterlagen vorgelegt", sagt Stella. Und außerdem: Wem habe er einen Platz weggenommen? Es hätten sich doch auch andere Architekten bewerben können. Es seien im Wettbewerb noch genügend Plätze frei gewesen. Wenn er über eine rote Ampel gehe, meint Stella, könne das auch jeder andere. Er habe gewonnen. Und dieses Schloss sei alles für ihn.
Franco Stella liebt die gründliche Art der Deutschen, die Transparenz, die er in Italien vermisste. Vielleicht hat er aber unterschätzt, wie transparent es die Deutschen mögen. Franco Stella ist ein ruhiger Herr, der in einem Land lebt, das seine Vorfahren im Grunde fertiggebaut haben. Jetzt sitzt er in Vicenza und arbeitet zusammen mit seinem treuen Mitarbeiter Michelangelo Zucchini am Berliner Schloss. Für Stella spielte es nie eine Rolle, ob er einen Mitarbeiter hat oder vier oder vierhundert. Es war ja nicht damit zu rechnen, dass er ausgerechnet diesen einen Wettbewerb gewinnen würde, dass ausgerechnet er das große Streitobjekt der Deutschen in die Finger kriegen könnte.
In Düsseldorf, am Oberlandesgericht, kommt Richter Dicks zurück in Raum A01. Die Sitzung war für eine Stunde unterbrochen, aber jetzt wird er seine Meinung zum Schloss und zum Streit sagen. Die einzige, die zählt. "Urteile werden eigentlich im Stehen verkündet", sagt Dicks. "Ich verkünde das hier mal im Sitzen."
Es ist irgendwie eine seltsame Entscheidung. Aber vielleicht passt sie zum Schloss. Der Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Franco Stella ist formell unwirksam. Deshalb muss er neu geschlossen werden. Inhaltlich ist die Vergabe aber okay.
Die Anwälte des Bauministeriums schauen sich an. Sie haben gewonnen. Tiefensee hat gewonnen. Boddien hat gewonnen. Und Stella, der Mann, der eigentlich sein Leben lang nur verloren hat, Franco Stella baut das Schloss.
Von Jochen-Martin Gutsch und Juan Moreno

DER SPIEGEL 50/2009
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BAUWERKE:
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