07.12.2009

Mach's besser, Sam

Ortstermin: In Leipzig sorgen drei Vermögensverwalter für gutes, deutsches „bad banking“.
SAM hat seinen Sitz gegenüber dem Spielcasino und unter dem strengen Blick des Leipziger Neuen Rathauses. Das ist Zufall. Auch dass SAMs Namensschild zwischen denen anderer Finanzfirmen angeschraubt ist, hat nichts mit Briefkastenfirmen zu tun. SAM ist anders. SAM hat Laugenbrezeln auf den Tisch gestellt und sagt, dass "bad banking" gute Banker brauche: "Abwickeln kann nicht jeder. Da braucht man Leute, die das früher auch schon gemacht haben. Also uns."
SAM heißt "Sachsen Asset Management" und besteht an diesem Vormittag aus drei Vermögensverwaltern und einem Problem: "Was wir zu sagen haben ist hochspezifisch. Das lässt sich schlecht schreiben und erklären."
SAM ist eine private GmbH, die im Auftrag des sächsischen Freistaats eine Zweckgesellschaft in Dublin namens Sealink Funding überwacht.
Sealink ist die erste deutsche Bad Bank. Eine Art Wertstoffhof, auf dem aus faulen Krediten und "toxic papers", aus dem Restmüll und Portfolioschrott der sächsischen Landesbank, alles Verwertbare recycelt werden soll. Die Landesbank ist 2007 knapp an der Insolvenz vorbeigeschlittert und längst verkauft. Aber SAM stochert weiter auf den Halden des Finanz-Crashs. 17 Milliarden an mehr oder weniger kontaminierten Kredit-Altlasten müssen verramscht oder anders: "bis zur Rückzahlung oder dem Ausfall verwaltet werden", so sagt es Wolf-Dieter Ihle, SAMs Geschäftsführer. "Das ist eine Jahrzehntaufgabe." Gute Zeiten für Bad Banking.
In seiner Freizeit kreist Ihle mit 270 Stundenkilometern um den Nürburgring. Aber das sieht man ihm nicht an. Ihle tritt auf, als wolle er für einen Heimatfilm gecastet werden, als schwäbischer Honoratior. "Nehmen Sie noch eine Brezel." Bräzzel, sagt er.
Dann erzählen die drei Finanzexperten vom Sommer 2007. Herr Ihle und Dr. Torsten Oetting, der andere Geschäftsführer, und Sven Petersen, der damals für die Landesbank in Dublin saß. Damals, als etwas zusammengebrochen ist: der "Markt", das "Vertrauen", die "finanzmathematischen Modelle". Austauschbare Begriffe.
"Im Frühjahr 2007 waren die ersten Hypothekenbanken hopsgegangen. Alle Marktteilnehmer spürten die Nervosität." Sagt Petersen. "Aber bei den im Rating sehr hoch bewerteten Papieren der Sachsen LB Europe gab es nur minimale Preisreaktionen. Dann kam diese Meldung, und alles riss ab."
Jemand hatte der Nachrichtenagentur Reuters zugetragen, bei der Landesbank stehe eine Sonderprüfung für "außerbilanzielle Vehikel" an. "Ein Routinebesuch. Aber in der allgemeinen Nervosität brach die Refinanzierung ab. Die Sachsen LB bekam keine Dollar mehr."
Die drei Vermögensverwalter sitzen nebeneinander an der Längsseite des Tisches, jenseits des Brezelkorbs. Irgendwann einmal haben sie sich für diesen Beruf entschieden, weil er einträglich war und angesehen.
Refinanzierung bedeutet, dass alte Schulden mit neuen Schulden bezahlt werden. Das ist ein alltäglicher Vorgang für Banken. Aber im Sommer 2007 war kein Alltag mehr. Da war Panik. "Der Markt war dicht", sagt Oetting. Und Ihle: "Wie immer bei Blasen: Wenn der Absturz kommt, wollen alle gleichzeitig raus." Die Lüftung rauscht. Es ist besser, über die Zukunft zu sprechen.
"Es gibt quasi keine komplett toten Papiere", sagt Oetting. Ein Funken Leben steckt noch darin, vielleicht kann ein Schraubenfabrikant in Nevada, ein Student in Madrid derzeit nur seine Zinsen bezahlen, nicht mehr tilgen. Gut, aber das wird sich ändern.
Die faulen Kredite sind zu Pools zusammengefasst, in Matrizen abgebildet und mit Ausfallwahrscheinlichkeiten versehen. Das sieht dann schon anders aus. In diesem Jahr gebe es, sagt Ihle, Ausfälle von einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag: "Wir können nicht in die Zukunft sehen, sondern nur Szenarien annehmen und Prognosen abgeben." - "So ähnlich wie der Wetterbericht." Sagt Oetting.
In den USA arbeitet SAM im Auftrag des Freistaats mit Neuberger Berman zusammen, einer ehemaligen Tochter von Lehman Brothers. Es sind dieselben Leute wie vor dem Crash. "Der Asset-Management-Zweig von Lehman war immer profitabel", sagt Ihle.
Sealink, die Zweckgesellschaft in Dublin, ist nur ein Büro, über das Verkäufe abgewickelt werden. "Die Jurisdiktion in Dublin bringt eine gewisse Erleichterung", sagt Oetting. "Dublin", die Postadresse im Steuerparadies, ist wieder so ein Thema, das sich schwer vermitteln lässt. Aber wenn auf die knappen Brutto-Margen auch noch die international üblichen Ertragsteuern kämen, bliebe noch weniger übrig: "Wir machen den Job doch letztlich im Interesse des Steuerzahlers." Wir machen es für euch.
Da, wo SAM sein Büro hat, zogen vor 20 Jahren die "Wir sind das Volk"-Demonstrationen vorbei. Und jetzt haben Banker ein ähnliches Imageproblem wie damals die Genossen. Keiner glaubt ihnen mehr. Dabei kam Ihle erst zur Landesbank, als die Insolvenz schon abgewendet war. Aber SAM hat es schwer, als unbelastet durchzugehen. Die Grünen und die Linken sagen, man hätte den Bock zum Gärtner gemacht.
"Natürlich hätte man im Frühjahr 2007 rausgehen können", sagt Oetting. "Natürlich. Aber nur wenige sind schlauer als der Markt." Der Markt sind wir alle. Das ist das Problem.
Wir sind der Markt.
ALEXANDER SMOLTCZYK
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 50/2009
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