07.12.2009

KONZERNEDrückende Last

Die US-Währung verliert seit Jahren an Wert, die deutsche Industrie zieht die Notbremse: Sie verlagert Produktion und Arbeitsplätze in den Dollar-Raum.
Der Mercedes-Benz-Arbeiter in Sindelfingen neigt nicht zur Revolution. Er ist stolz auf seinen Job und stolz auf die Autos, die er baut. Am vergangenen Mittwoch aber waren die Beschäftigten nur noch sauer.
Nachdem ihre Meister sie um kurz vor zehn Uhr informiert hatten, dass die nächste Generation der C-Klasse nicht mehr in Sindelfingen gebaut wird, strömten sie aus den Werkhallen hinaus und liefen zu Bau 1, in dem die Werkleitung sitzt. Der Werkleiter traute sich nicht vor seine Belegschaft. Und auch Daimler-Boss Dieter Zetsche erklärte ihr nicht persönlich, warum die Montage der C-Klasse ins US-Werk nach Tuscaloosa verlagert wird.
So blieb die Belegschaft allein mit ihrer Wut und Ohnmacht. Zweimal schon hatte sie in der Vergangenheit die Verlagerung der Produktion verhindert, indem sie auf Pausen und Zusatzleistungen verzichtete und so die Arbeitskosten senkte. Diesmal hatte der Vorstand gar nicht erst über Einsparungen am Standort Deutschland verhandelt. Es war klar: Auf so viel Geld kann die Belegschaft gar nicht verzichten, um den Verfall des Dollar auszugleichen.
Der Kurs der amerikanischen Währung macht der gesamten deutschen Exportwirtschaft schwer zu schaffen. Neben der Autoindustrie können auch Airbus, ThyssenKrupp und die Maschinenbauer ihre Produkte immer schlechter in den USA verkaufen. Sie können die Preise nicht erhöhen, um den Kursverlust auszugleichen. Ihre Waren wären dann zu teuer. Sie können die Preise aber auch nicht beibehalten. Sie würden dann mit Verlusten verkaufen.
Lange Zeit versuchten die Unternehmen, sich mit Kurssicherungsgeschäften vor dem Fall der US-Währung zu schützen. Dabei sichern sie sich für eine Gebühr ein garantiertes Umtauschverhältnis zwischen Dollar und Euro. Diese Verträge laufen meist ein oder zwei Jahre. Sie helfen bei einem kurzfristigen Einbruch der Währung. Gegen einen dauerhaften Absturz aber schützen die Devisengeschäfte nicht.
Deshalb bietet sich deutschen Autoherstellern, Stahlkonzernen oder Maschinenbauern nur ein Ausweg: Sie verlagern Teile ihrer Fertigung in den Dollar-Raum.
Dieser Prozess läuft bereits seit vielen Jahren. Daimler, BMW, Maschinenbauer und Zulieferer hatten schon Mitte der neunziger Jahre eigene Fabriken in den USA errichtet. Bislang kostete dies keine Jobs in Deutschland. In den USA wurden zusätzliche Modelle gefertigt. Doch das war nur der erste Schritt. Nun bauen BMW und Daimler ihre Werke in den Vereinigten Staaten aus. Und jetzt werden Arbeitsplätze aus Europa dorthin verlagert. Das ist die neue, die bedrohliche Qualität dieser Entwicklung.
BMW hat bereits entschieden, dass der Geländewagen X3 künftig in den USA montiert wird. Bei den Münchnern gab es nur deshalb keine großen Proteste, weil dieses Modell bislang nicht in einem deutschen BMW-Werk, sondern beim Zulieferer Magna in Graz produziert wird.
Für die Mercedes-Belegschaft ist der Verlust der C-Klasse in Sindelfingen dagegen schwer zu verkraften.
So wird der schwache Dollar-Kurs den Abbau von Industriearbeitsplätzen in Deutschland verstärken - nicht nur in der Autoindustrie. Auch andere Konzerne verlagern ihre Produktion in die USA, ThyssenKrupp beispielsweise.
Mit den Produktionsstätten im Ruhrgebiet, so hatte dessen Chef Ekkehard Schulz analysiert, werde der Konzern auf Dauer nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Der attraktive US-Markt würde für sein Unternehmen mit Exporten aus Deutschland immer schwieriger zu bedienen sein.
Knapp sieben Milliarden Euro investierte ThyssenKrupp deshalb in zwei neue Stahlwerke, die in den nächsten Monaten ihren Betrieb aufnehmen sollen. Eines davon liegt in Brasilien, das andere im Süden der USA. Dort sollen Spezialstähle für die Automobilindustrie verarbeitet werden - unter anderem für die Fabriken von Mercedes-Benz und BMW in den USA.
Dass sich dieser Trend in absehbarer Zeit umkehrt, erwartet kaum jemand. Die Weltwährung Dollar wird schwerlich wieder zu alter Stärke finden. "Da sehe ich relativ schwarz", sagt Michael Burda, Wirtschaftsprofessor an der Humboldt-Universität in Berlin.
Das Vertrauen in die amerikanische Wirtschaftskraft ist nachhaltig gestört angesichts zweistelliger Arbeitslosenraten, eines angeschlagenen Bankensektors und einer sprunghaft wachsenden Staatsverschuldung. Da ist es nur folgerichtig, dass der Dollar abstürzt. Der Wert einer Währung spiegelt stets auch die Stärke - oder Schwäche - seiner Volkswirtschaft wider.
Zugleich aber ist der Verfall des Dollar auch Folge eines Anpassungsprozesses, den die Weltwirtschaft gerade durchläuft: Das alte symbiotische System - Amerika konsumiert, Fernost finanziert - ist seit der Finanzkrise erschüttert. Die globale Wirtschaft drängt in ein neues Gleichgewicht und nutzt dafür die Wechselkurse als Hebel.
Ein billiger Dollar helfe den Amerikanern, wieder mehr zu exportieren und weniger zu importieren und überhaupt zahlungsfähig zu bleiben, erklärt Burda: "Der schnellste Weg dahin geht über den Wechselkurs." Deshalb unternehmen die USA wenig, um den Fall des Dollar zu bremsen. Die Abwertung bietet den Vereinigten Staaten eine elegante Möglichkeit, sich ihrer Schulden zu entledigen.
Die Gekniffenen sind die Europäer: Ihre Währung gewinnt an Gewicht. Die Aufwertung wird zur drückenden Last für die Exportwirtschaft, besonders für das europäische Projekt schlechthin, den Luftfahrtkonzern EADS und dessen Tochter Airbus.
Flugzeuge werden in Dollar abgerechnet, die wichtigsten Produktionsstandorte liegen aber in Frankreich, Deutschland und Spanien. Das ist das Dilemma, in dem Airbus steckt. Verliert der Dollar gegenüber dem Euro zehn Cent, rechnet EADS-Chef Louis Gallois gern vor, kostet das den Konzern rund eine Milliarde Euro.
Um seine Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren, hat Airbus damit begonnen, Teile seiner Produktion und Entwicklung zu verlagern und Zulieferwerke in Billiglohnländern zu errichten. So werden Jets der Baureihe A320 seit Herbst 2008 auch in Tianjiin in China montiert. Ingenieurzentren betreibt das Unternehmen inzwischen in knapp einem Dutzend Ländern auch außerhalb Europas, darunter in Russland, Indien und den USA.
Der Exodus scheint derzeit unaufhaltsam. Viele Prognosen erwarten sogar einen weiteren Anstieg des Euro. Der Essener Ökonom Ansgar Belke sieht Anzeichen für einen "signifikanten Höhenflug", ein Wechselkursniveau von 1,70 Dollar sei durchaus realistisch.
Düstere Aussichten für den langjährigen Exportweltmeister Deutschland. Zwar gehen nur rund 13 Prozent der Ausfuhren in den Dollar-Raum, doch es sind die deutschen Schlüsselbranchen, deren Wettbewerbsfähigkeit leidet: der Maschinenbau, die Chemie, die Elektrotechnik und vor allem die Automobilindustrie.
Daimler-Boss Zetsche wird am Montag vor die Belegschaft treten und rund 15 000 Mitarbeitern in Sindelfingen erklären, warum er die Produktion in die USA verlagert. Es wird kein leichter Job für ihn, die Stimmung ist gereizt. Bei den Demonstrationen der vergangenen Woche hielten Mitarbeiter Plakate hoch, auf denen stand: "Zetsche raus". Manche wollen bereits Proteste in allen deutschen Daimler-Werken organisieren.
Die Betriebsräte fordern verbindliche Zusagen des Vorstands, wie er neue Beschäftigung in Sindelfingen schaffen will. Zetsche hat es versäumt, diese Frage vorab zu beantworten. Der Daimler-Boss hat zwar erklärt, das Werk solle zum Forschungs- und Entwicklungszentrum ausgebaut werden. Doch dies hilft wahrscheinlich den Mitarbeitern wenig, die bislang am Fließband die C-Klasse montierten. Sie können sich kaum umschulen lassen zu Spezialisten für Brennstoffzellen.
DINAH DECKSTEIN, FRANK DOHMEN,
DIETMAR HAWRANEK, ALEXANDER JUNG
Von Dinah Deckstein, Frank Dohmen, Dietmar Hawranek und Alexander Jung

DER SPIEGEL 50/2009
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