07.12.2009

GEWERKSCHAFTENRevolution von oben

Damit die IG Metall nicht immer weiter ausblutet, will ihr Vorsitzender Berthold Huber die Organisation drastisch umbauen.
Normalerweise plätschern die allwöchentlichen Vorstandssitzungen der IG Metall (IGM) in der Frankfurter Zentrale eher lau dahin. Für eruptive Temperamentsausbrüche ist niemand der sieben Mitglieder in der Führungsriege der Gewerkschaft bekannt.
Das dürfte sich bald ändern. Bereits in dieser Woche steht beim montäglichen Vorstandstreffen nichts Geringeres auf der Tagesordnung als die Zukunft der IG Metall - und die der Vorstandsposten.
Wenn es nach dem Willen der beiden IGM-Vorsitzenden Berthold Huber und Detlef Wetzel geht, soll der Vorstand mehr als halbiert, seine Kompetenzen sollen drastisch beschnitten werden. Die Basis in den mehr als 160 Verwaltungsstellen dagegen soll an Einfluss und finanziellen Mitteln gewinnen. So steht es in einem internen Strategiepapier.
Ziel dieser Revolution von oben: Aus einer "Betreuungsgewerkschaft" wollen Huber und Wetzel eine "Erschließungsgewerkschaft" machen, deren Hauptziel es ist, neue Mitglieder zu rekrutieren. Selbst die bisherige Beziehung zum Dachverband DGB dürfte nach der geplanten Neuordnung nicht wiederzuerkennen sein.
Schon lange gilt das Verhältnis der IG Metall zum DGB als angespannt. Am liebsten würden die Metaller die Interessenvertretung in Berlin in Eigenregie übernehmen, der bisher zuständige DGB bekäme nur noch eine koordinierende Funktion, der Mitgliedsbeitrag an den Dachverband würde in der Folge deutlich sinken. Es gibt zwar zwei weitere Optionen für das künftige Verhältnis zum DGB, doch Huber lässt keinen Zweifel daran, dass ihm die erste Variante die liebste wäre. Darüber, so heißt es in dem Papier, müsse schnellstens eine politische Entscheidung gefällt werden.
Doch Huber sieht nicht nur die Dachorganisation der Gewerkschaften kritisch. Auch seine Analyse des Zustandes der größten Gewerkschaft Europas fällt ziemlich schonungslos aus.
Die IG Metall, so steht es in der Vorstandsvorlage, habe in den vergangenen 20 Jahren ihr Mitgliederpotential zunehmend weniger ausgeschöpft, der Organisationsgrad in den Betrieben habe mit 26,8 Prozent einen historischen Tiefstand erreicht. In ihrem Kernbereich, der Metall- und Elektroindustrie, betreut die Gewerkschaft nur noch etwas mehr als die Hälfte aller Betriebe. Nicht einmal 4000 Unternehmen mit über 50 Beschäftigten sind noch Mitglied in Tarifverbänden. In anderen Bereichen wie der Textil- und Holzindustrie oder dem Handwerk sieht es noch finsterer aus.
Daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Allein im Zeitraum 2007 bis 2012 wird die IGM nach eigener Einschätzung aufgrund der Altersstruktur rund 300 000 Mitglieder in den Betrieben und damit Beitragseinnahmen in Höhe von 230 Millionen Euro verlieren. Die aktuelle Krise könnte diese Entwicklung weiter verschärfen.
Wenn diese Trends anhalten, "wäre die IG Metall eine wesentlich kleinere Gewerkschaft, die nur noch auf bestimmte Branchen und einzelne gut organisierte Betriebe konzentriert ist", heißt es in dem Papier. Der Anspruch, alle Arbeitnehmer zu vertreten, müsste aufgegeben werden, die Macht, flächendeckend zu agieren, wäre dahin.
So weit wollen es Huber und Wetzel nicht kommen lassen. In einem ersten Schritt müsse, so das Führungsduo, "der Vorstand auf weniger geschäftsführende Vorstandsmitglieder verkleinert werden". Drei Vorstände würden vollkommen reichen, da es bisher zu viel Doppelstrukturen und sich überschneidende Aufgabenbereiche gebe.
Im Gegenzug sollen die Verwaltungsstellen vor Ort gestärkt werden. Nur dort könnten neue Mitglieder rekrutiert werden. Dafür gebe es bisher aber zu wenig Anreize, da ein zu großer Teil der Beitragseinnahmen durch Neuwerbungen an die Frankfurter Zentrale abgeführt werden müsse. Künftig sollen die Verwaltungsstellen einen größeren Anteil selbst behalten dürfen. Das geht nur, wenn beim Vorstand in Frankfurt gespart wird.
Doch der Vorstand soll nicht nur verkleinert, sondern auch deutlich verjüngt werden. Fast alle seiner Mitglieder sind etwa im gleichen Alter. Die Konsequenz: Würden sich alle beim kommenden Gewerkschaftstag in zwei Jahren in Karlsruhe wieder zur Wahl stellen, müsste spätestens in sechs Jahren fast der komplette Vorstand aus Altersgründen abtreten - ohne dass zuvor neue Führungskräfte aufgebaut worden wären.
Huber muss nun das Kunststück vollbringen, den gesamten Vorstand davon zu überzeugen, 2011 nicht wieder anzutreten; die eine Hälfte, weil das Gremium in seiner Zahl halbiert werden soll, die andere Hälfte, damit jüngere IG Metaller deren Nachfolge antreten können. Der Ärger in der Frankfurter Zentrale scheint programmiert.
"Auch wenn jetzt die stillen Tage beginnen", sagt ein hoher IG-Metall-Funktionär mit Blick auf Weihnachten, "bei uns wird es sicher umso lauter." JANKO TIETZ
Von Janko Tietz

DER SPIEGEL 50/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GEWERKSCHAFTEN:
Revolution von oben

  • Eklat im Weißen Haus: Pelosi bricht Treffen mit Trump ab
  • Beeindruckendes Unterwasservideo: Taucher filmt Riesentintenfisch-Ei
  • Rennen in Australien: Solarfahrzeug brennt lichterloh
  • Walforschung per Drohne: "Wir sehen, wie diese Tiere ihre Beute manipulieren"