07.12.2009

HANDEL„Enormer Zeitdruck“

Versandhaus-Unternehmer Michael Otto über das schnelle Ende seines Erzkonkurrenten Quelle und die Zukunft der Traditionsmarke unter dem Dach der Otto-Gruppe
Otto, 66, leitet seit Herbst 2007 den Aufsichtsrat der weltweit tätigen Otto-Group. Zuvor führte er mehr als 20 Jahre lang das von seinem Vater gegründete Familienunternehmen.
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SPIEGEL: Nach dem Aus für Quelle ist die Otto-Gruppe auch in Deutschland klar die Nummer eins im Versandhandel. Was ist das für ein Gefühl, wenn der Erzrivale plötzlich verschwunden ist?
Otto: So ganz überraschend kam das Ende ja nicht. Dennoch berührt es mich schon, wenn ein so bekanntes Familienunternehmen vom Markt verschwindet. Quelle war für meinen Vater lange das große Vorbild, das wir erreichen wollten. Mitte der achtziger Jahre haben wir es dann ja auch geschafft. Seither ist die Otto-Gruppe Weltmarktführer im Versandhandel.
SPIEGEL: Was haben Sie besser gemacht?
Otto: Anders als Quelle haben wir schon früh mit der Internationalisierung begonnen, erst in Europa, dann in Nordamerika und Asien. Außerdem haben wir - zum Teil durch Zukäufe - das Geschäft diversifiziert und neue Kundengruppen erschlossen. Nicht zuletzt sind wir sehr früh im Internet aktiv geworden und dadurch heute nach Amazon weltweit die Nummer zwei im Online-Handel. Insbesondere im Internet zeigt sich, dass der Versandhandel noch lange auf Wachstum setzen kann.
SPIEGEL: Der Handel zeigt sich insgesamt sehr krisenfest. Profitieren Sie davon?
Otto: Ja, in Deutschland verzeichnen wir sogar wachsende Umsätze. In vielen europäischen Ländern wie England und Spanien, aber auch in Nordamerika, wo wir mit den Einrichtungsketten Crate & Barrel, CB2 sowie The Land of Nod vertreten sind, geht die schwierige Konsumstimmung allerdings nicht spurlos an uns vorbei.
SPIEGEL: Schossen die Bestellungen sprunghaft in die Höhe, als Quelle im Sommer wochenlang seine Kataloge nicht ausliefern konnte?
Otto: Ein Feuerwerk gab's nicht. Aber zumindest die sehr guten Umsätze mit Haushaltsgeräten führen wir zum Teil auf die Probleme in Fürth zurück. Ansonsten ist es schwierig, den Quelle-Effekt zu beziffern, denn die Kunden sagen uns ja nicht, wo sie vorher eingekauft haben, und wir hatten viele Aktionen zu unserem 60-jährigen Jubiläum gestartet.
SPIEGEL: Otto-Vorstandschef Hans-Otto Schrader hatte schon bei der Insolvenzanmeldung im Juni verkündet, Quelle sei nicht zu sanieren - und damit wahrscheinlich potentielle Investoren abgeschreckt. Sind Sie für das Quelle-Desaster mit verantwortlich?
Otto: Nein. Herr Schrader ist gefragt worden, ob wir Quelle übernehmen wollen, und er hat klar gesagt, dass wir kein Interesse haben. Wir wussten, dass Quelle nicht kurzfristig zu sanieren ist, und wollten keine falschen Hoffnungen wecken. Insofern war das nur eine ehrliche Antwort.
SPIEGEL: Auf Seiten des Insolvenzverwalters wurden die öffentlichen Äußerungen als böses Foul gewertet.
Otto: An Interessenten mangelte es doch nicht. Sie sind abgesprungen, nachdem sie in die Bücher geschaut hatten und feststellen mussten, dass unsere Einschätzung nicht ganz falsch war. Wahrscheinlich war unsere Beurteilung sogar noch zu optimistisch. Dass Quelle so schnell total zusammenbricht, hatten selbst wir nicht erwartet.
SPIEGEL: Nun haben Sie sich mit dem russischen Ableger nicht nur eine der wenigen Perlen aus dem Quelle-Reich herausgefischt, sondern auch sämtliche Rechte an der Traditionsmarke sowie deren Eigenmarken Privileg und Universum bekommen. Sind Sie der Krisengewinner?
Otto: Wir halten die Neuerwerbungen in der Tat für sehr vielversprechend; insbesondere in Russland, wo Otto bereits Marktführer ist, bieten sich damit nachhaltige Wachstumschancen. Deshalb bin ich froh, dass der Vorstand der Otto-Gruppe so exzellente Arbeit geleistet hat.
SPIEGEL: Für das ganze Paket zahlen Sie nur 65 Millionen Euro. Ein Schnäppchen?
Otto: Ich darf Sie daran erinnern: Nachdem kein Investor für die ganze Quelle gefunden wurde, haben wir diese Teile in einem fairen Bieterwettbewerb gewonnen. Wenn der Preis wirklich ein so tolles Schnäppchen ist, muss man sich fragen, warum andere nicht mehr geboten haben.
SPIEGEL: Was haben Sie mit Quelle vor?
Otto: Zurzeit arbeiten mehrere Projektgruppen mit Hochdruck daran, Konzepte zu entwickeln. Sicher ist: Wir werden den Namen Quelle und die entsprechenden Internet-Domains bestimmt nicht brachliegen lassen. Ich könnte mir vorstellen, dass Quelle eine ganz normale Marke im Otto-Verbund wird, wie jetzt schon Baur, Bonprix, Heine, Schwab oder Witt.
SPIEGEL: Kritiker behaupten, Otto habe gar kein echtes Interesse an Quelle gehabt, sondern wollte nur die Konkurrenz abschrecken - was Ihnen ja auch gelungen ist. Nachdem Otto die Markenrechte übernommen hat, sprangen auch in Österreich alle Interessenten ab, und Quelle musste dort ebenfalls Insolvenz anmelden.
Otto: Den Schuh ziehen wir uns nicht an. Quelle Österreich ist doch nicht an den Markenrechten gescheitert, sondern wie alle anderen Auslandstöchter in den Insolvenzstrudel der Mutter hineingeraten. Wir haben von Anfang an klargemacht, dass wir bereit sind, mit anderen sehr fair über die Nutzung der Marke Quelle zu sprechen. Daran sollte eine Übernahme nicht scheitern.
SPIEGEL: Was ist für Sie das größte Problem bei der Neuorientierung?
Otto: Der enorme Zeitdruck. Noch im Dezember wird das Quelle-Lager in Leipzig, das die russische Tochter beliefert, geschlossen. Mittelfristig gilt das auch für die IT-Infrastruktur. Beide Funktionen müssen dann von uns übernommen werden. Zudem müssen wir ein neues Sortiment für die Quelle-Kunden in Russland zusammenstellen, denn die sind im Schnitt älter und modisch konservativer als die Otto-Kunden. Das alles ist ein echter Kraftakt.
SPIEGEL: Ist Russland auch die Blaupause für die Umstellung in Deutschland?
Otto: Nein, hier übernehmen wir ja keine Quelle-Kunden, sondern versuchen, sie als Neukunden zu gewinnen. Deshalb müssen wir in Deutschland anders vorgehen.
SPIEGEL: Unter anderem werden sämtliche Quelle-Kunden Post von Otto bekommen, denn Sie haben jetzt Zugriff auf die komplette Adressdatenbank des Ex-Konkurrenten. Sehen Sie dann auch die vollständige Bestell-Historie jedes Kunden?
Otto: Nein, das ist datenschutzrechtlich gar nicht erlaubt. Wir dürfen nur die Adressen für ein Jahr exklusiv nutzen - und dieses gilt auch nur ein einziges Mal für jedes Unternehmen der Otto-Gruppe.
SPIEGEL: Wie wird das überprüft?
Otto: Wir bekommen die Daten ja gar nicht. Die Mail-Aktion wird von einem unabhängigen Broker durchgeführt. Nur wer daraufhin etwas bestellt, landet in unserer Adressdatei. Die Kundendaten verbleiben bei Quelle und sind dort geschützt.
SPIEGEL: Noch ist die Abwicklung in Fürth nicht abgeschlossen. Jetzt geht es um den Verkauf der meist rentablen Spezialversender wie Hess-Natur, Baby-Walz oder Madeleine. Wo bieten Sie da mit?
Otto: Im Moment passiert da gar nichts. Diese Ableger befinden sich nicht in der Hand des Insolvenzverwalters, sondern gehören dem Arcandor-Pensionsfonds. Da es keinen Zeitdruck gibt, will die Geschäftsführung der Pensionskasse erst wieder Ruhe am Markt einkehren lassen, bevor sie die Firmen verkauft. Wir haben natürlich unser Interesse angemeldet, aber, wie gesagt, es gibt keine Verhandlungen.
SPIEGEL: Auch an Karstadt sports haben Sie weiterhin Interesse?
Otto: Da hat sich nichts verändert. Einige Häuser wären eine gute Ergänzung für unser Konzernunternehmen Sport-Scheck.
SPIEGEL: Dennoch haben Sie dem Insolvenzverwalter noch kein Angebot unterbreitet. Fürchten Sie nicht, dass ein Konkurrent Ihnen die Beute wegschnappt?
Otto: Da der Insolvenzverwalter zunächst versucht, Karstadt als Ganzes zu verkaufen, können wir noch gar nicht mitbieten. Aber ich bin sicher: Die Sporthäuser werden nicht an Wert gewinnen, je länger der Verkaufsprozess dauert. Wenn wir am Ende nicht zum Zug kommen, können wir auch ohne Karstadt sports leben.
INTERVIEW: KLAUS-PETER KERBUSK,
ARMIN MAHLER
Von Klaus-Peter Kerbusk und Armin Mahler

DER SPIEGEL 50/2009
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