07.12.2009

CHILEHistorische Schmach

Zum ersten Mal seit dem Ende der Pinochet-Diktatur kann die Rechte das Präsidentenamt erobern. Nur ein junger Außenseiter scheint in der Lage, den Machtwechsel zu verhindern.
Ein bunter Haufen zieht durch die Straßen von Santiago. Vorneweg laufen zwei jonglierende Clowns, sie unterhalten die Autofahrer mit kleinen Kunststücken. Hinter ihnen hecheln vier Hunde über die Alameda, den Prachtboulevard der chilenischen Hauptstadt.
Die Promenadenmischungen eskortieren eine Karawane verbeulter Kleinwagen, die sich hupend durch den Mittagsverkehr schieben. An Kreuzungen laufen Teenager zusammen und zücken ihr Fotohandy. Sie kreischen einem jungen Mann mit wallendem schwarzem Haar zu.
Marco Enríquez-Ominami, 36, winkt von der Pritsche eines Kleinlasters, er lässt sich feiern wie ein Popstar. Der jüngste Präsidentschaftskandidat der chilenischen Geschichte hat keine Partei hinter sich und kaum Geld, aber er ist die wahre Attraktion der Wahl am kommenden Sonntag. Der unabhängige Linke ist der Einzige, der womöglich eine Chance hat, den Favoriten Sebastián Piñera, 60, vom rechten Parteienbündnis "Koalition für den Wechsel" zu schlagen - wenn es denn zu einer Stichwahl im Januar kommt.
Noch liegt Enríquez-Ominami, ein Dissident der regierenden Mitte-links-Koalition Concertación, in Umfragen an dritter Stelle hinter Eduardo Frei, dem Präsidentschaftskandidaten der Regierung, einem Christdemokraten, der in den neunziger Jahren schon einmal Staatschef war. Doch der Abstand schmilzt. "Enríquez-Ominami hat die Concertación gespalten", sagt Marta Lagos, Leiterin des angesehenen Umfrageinstituts Latinobarómetro.
Fast 20 Jahre nach dem Ende der Pinochet-Diktatur bahnt sich in Chile eine Zeitenwende an. Die Concertación hat sich in internen Machtkämpfen aufgerieben. Sie hat alle Präsidenten seit 1990 gestellt, auch die regierende Sozialistin Michelle Bachelet gehört ihr an. Die Präsidentin ist die beliebteste Politikerin des Landes und genießt Zustimmungsraten von über 70 Prozent. Doch sie darf sich nicht noch einmal zur Wahl stellen. Ob ihre Popularität allein ausreicht, Frei ins Amt zu befördern, ist fraglich.
"Bachelet wird als Mutter der Nation verehrt, nicht als Parteipolitikerin", sagt Lagos. Die erste Staatschefin in der Geschichte Chiles hat es geschafft, die Macho-Gesellschaft des ultrakonservativen Andenlandes aufzubrechen. Für die Weltfinanzkrise war ihre Regierung bestens gerüstet: Während der Boomzeiten hatte sie eine Abgabe auf Kupfer erhoben, Chiles wichtigstes Ausfuhrprodukt. Das Geld legte die Regierung in sicheren Fonds außerhalb des Landes an. Als die Finanzkrise auch das Andenland erwischte, verfügte sie über ausreichend Reserven, um gegenzusteuern.
Bachelet ließ Sozialhilfe an Bedürftige auszahlen und erhöhte die Renten. Bei Empfängen verzichtet sie auf Pomp. Sie gilt als bürgernah, zu den politischen Parteien wahrt sie Distanz. "Unser Parteiensystem hat sich erschöpft", sagt Beobachterin Lagos.
Nur die Bosse der Concertación wollten das nicht wahrhaben. Sie kungelten den Nachfolgekandidaten für Bachelet unter sich aus - und verprellten damit den Sozialisten Enríquez-Ominami. "Die Regierungskoalition ist in der Hand einer kleinen Clique, die den Staat wie ihr Privateigentum behandelt", klagt er. Prompt startete der Sohn eines Ex-Guerilleros und Adoptivkind eines angesehenen Senators seine eigene Kampagne. Per Twitter, Facebook und E-Mail umwirbt er die Wähler.
Präsidentin Bachelet hat ihr gesamtes Kabinett für den Regierungskandidaten Frei mobilisiert, doch der spröde Ex-Präsident gilt als Mann der Vergangenheit. Seine Christdemokraten hatten den friedlichen Übergang von der Pinochet-Diktatur zur Demokratie garantiert, vermieden jedoch jeden Konflikt mit den Militärs.
Über 3000 Menschen sind unter der Pinochet-Herrschaft verschollen, die meisten wurden gefoltert, ermordet, ins Meer geworfen oder in Massengräbern verscharrt. Als Heereschef wachte der alternde Despot Pinochet auch nach dem Ende der Diktatur darüber, dass seinen Schergen nicht der Prozess gemacht wurde. "Die Aufarbeitung der Verbrechen ist gescheitert", sagt Lagos. "Das ist eine historische Schmach für unser Land." Selbst ein Prozess wegen Geldwäsche gegen die Familie und Helfer des Ex-Diktators kann nur aus dem Ausland heraus geführt werden.
Dies sind die ersten Präsidentschaftswahlen nach dem Tod Pinochets, aber sein Schatten liegt immer noch über dem Land. Linkskandidat Enríquez-Ominami hat sich bereits verpflichtet, "dass unter meiner Regierung alle Menschenrechtsverletzungen gerichtlich verfolgt werden".
Damit zielt er vor allem auf den Favoriten Piñera: Der smarte Geschäftsmann, mit einem geschätzten Vermögen von einer Milliarde Dollar einer der reichsten Männer Chiles, hat beste Kontakte zu ehemaligen Pinochet-Anhängern, er will das leidige Thema Menschenrechte möglichst schnell vergessen machen. Während des Wahlkampfs traf er sich mit Ex-Soldaten, die auf eine Verjährung der Verbrechen hoffen. "Piñera erwägt eine Amnestie für alle Menschenrechtsverletzungen", fürchtet Enríquez-Ominami.
Piñera bestreitet das, er gibt sich als Mann der Mitte. Der Milliardär gilt als hochintelligent. Er studierte Volkswissenschaft, seinen Doktor machte er an der Harvard-Universität. In den neunziger Jahren beteiligte er sich bei LAN Chile, innerhalb weniger Jahre stieg die Provinz-Airline zu einer der größten und erfolgreichsten Fluggesellschaften Lateinamerikas auf. Als Kandidat der Rechtspartei "Nationale Erneuerung" brachte er es bis zum Senator, doch sein Ziel war immer das Präsidentenamt. Ein erster Anlauf war 2006 gescheitert. Er verspricht, die Sozialpolitik der Regierung weiterzuführen. "Piñera ist ein politisches Chamäleon", sagt Beobachterin Lagos.
Zum Wahlkampfauftakt hat der Kandidat 5000 Anhänger in einen riesigen Speicher der Hafenstadt Valparaiso bringen lassen, Dutzende Busse warten auf dem Parkplatz. Seine millionenteure Kampagne ist am amerikanischen Vorbild orientiert: "Si, se puede", skandieren die Menschen in der zugigen Halle, die spanische Version des "Yes, we can" vom Wahlkampf-Superstar Barack Obama. Countrymusiker heizen den Zuschauern ein, auf riesigen Videowänden glitzern bunte Sterne, rhythmisch blitzt die Nationalflagge auf.
Ein Konfettiregen ergießt sich über den Kandidaten und seine Familie, als Piñera die Bühne hinaufsteigt. Mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen marschiert er auf einem Laufsteg mitten unters Publikum. Er kritisiert Kriminalität und Korruption, aber er vermeidet jedes böse Wort über Präsidentin Bachelet.
Spät am Abend rauscht der Mann mit der Silberlocke in einem Konvoi schwerer Geländewagen zurück in die hundert Kilometer entfernte Hauptstadt. Sein Gegner Enríquez-Ominami hat die Alameda längst geräumt, nur ein paar Flugblätter auf dem Straßenpflaster erinnern noch an seinen Autokorso.
In einem schäbigen ehemaligen Kino, das ihm als Wahlkampfzentrum dient, stellt sich der Jungstar der Presse. Besucher quetschen sich auf durchgesessene rote Plüschsessel, die Lautsprecheranlage versagt, aber die Stimmung ist bestens.
Wie erklärt der Kandidat seinen überraschenden Aufstieg? Enríquez-Ominami blickt um sich, trommelt seine wichtigsten Mitarbeiter zusammen und fragt der Reihe nach ihr Alter ab.
Keiner ist über 40.
JENS GLÜSING
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 50/2009
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