07.12.2009

VEREINTE NATIONENMister Moon

Der Generalsekretär der Weltorganisation war ein Nobody, als er ins hohe Amt berufen wurde - und ist es bis heute geblieben. Nun muss die Kopenhagener Klimakonferenz einen Erfolg bringen, sonst hat Ban Ki Moon seinen eigenen Staatenverband blamiert. Von Marc Hujer
Die Reise nach Norwegen war lange geplant, und da war es besonders ärgerlich, dass kurz vor seiner Ankunft in den Zeitungen stand, dass ihn ausgerechnet die norwegische Uno-Botschafterin für einen Versager hält, einen Mann ohne Rückgrat, eine Null.
Ein Staatsbesuch in Norwegen gehört eigentlich zu den angenehmeren Reisen, denn in Norwegen, einer der Uno-Gründernationen, hält man viel von den Vereinten Nationen, und der Uno-Generalsekretär wird beinahe verehrt wie der König.
Aber nun warten im norwegischen Außenministerium 40 Journalisten auf Ban Ki Moon, die wissen wollen, wie der Uno-Generalsekretär reagiert, wenn man ihn so richtig beschimpft.
Der norwegische Außenminister stellt seinen Gast vor, dann dürfen die Journalisten fragen. "Man hat Ihnen vorgeworfen, dass Sie rückgratlos sind, dass Sie kein Charisma haben? Was sagen Sie dazu, Herr Generalsekretär?"
Ban ist berüchtigt für seine Maske konfuzianischer Höflichkeit, aber vielleicht zeigt er ja hier endlich mal ein Stück Leidenschaft, ein echtes Gefühl. Wird er sich einlassen auf die Frage? Sich wehren?
Ban macht eine Pause. Natürlich trifft ihn die Kritik, wen würden solche Worte nicht treffen? Er lächelt und wechselt das Thema: Norwegen sei ein unverzichtbares Mitglied der Vereinten Nationen, sagt Ban. Er könne sich auf das Land immer verlassen. Und im Saal schauen sie sich verzweifelt an, weil nichts bleibt, kein Zitat, keine Idee, nur Freundlichkeiten.
Seit knapp drei Jahren ist der Südkoreaner Ban nun Uno-Generalsekretär, wenn man so will Weltpräsident. Er ist der erste Asiate seit 1971, der wieder die Weltorganisation führt, aber er bleibt ein Phantom.
Seine Freunde verweisen gern auf seine Herkunft, auf die leisere asiatische Kultur, die so anders ist als der bollernde westliche Individualismus, aber auch die fernöstlichen Medien halten ihn für einen blassen Charakter. Er selbst erzählt die Geschichte, dass sie ihn zu Hause lange schon einen "schlüpfrigen Aal" nennen, weil man nichts, was er sagt, festhalten kann. "Ich bin bekannt als der unsichtbare Mann", sagt Ban und tut so, als könnte sich daraus eines Tages noch ein Vorteil ergeben.
Lange hielt sich auch bei der Weltgemeinschaft diese Hoffnung. Hatte man ihn unterschätzt, und hatte er die Uno bereits weiter vorangebracht als auf den ersten Blick sichtbar? Aber je länger seine Amtszeit dauert, desto länger wird die Liste seiner Fehltritte und Ungeschicklichkeiten.
Erst äußerte er sich positiv zur von seiner eigenen Organisation geächteten Todesstrafe, dann lobte er den Irak-Krieg des damaligen US-Präsidenten George W. Bush. Er reiste nach Burma und in den Sudan, hofierte dort die zweifelhaften Staatschefs und fuhr trotzdem ohne greifbare Erfolge nach Hause. In regionalen Konflikten, in denen sein Vorgänger erfolgreich war, versagte Ban, und so bleiben ihm nur noch die ganz großen Themen, vor allem der Klimaschutz. Aber kaum jemand bringt noch Geduld auf für Ban.
Als den "weltweit gefährlichsten Koreaner" bezeichnete der Kommentator Jacob Heilbrunn Ban Ki Moon im renommierten US-Magazin "Foreign Policy". Das ist eine böse Beleidigung, die eigentlich Nordkoreas Kim Jong Il verdient hätte, der unberechenbare Diktator mit der Atombombe. Aber sie ist auch eine Messlatte für die Enttäuschung, die inzwischen in Amerika herrscht. Heilbrunn befürchtet, dass die Uno unter Ban rapide an Bedeutung verliert. Bans einzige Leistung sei sein Posten, er sei ein "Nirgendwo-Mann".
In dieser Woche beginnt die Weltklimakonferenz in Kopenhagen, mehr als 70 Staats- und Regierungschefs haben sich angekündigt, darunter US-Präsident Barack Obama. Zwölf Tage wird verhandelt, es ist eine Konferenz der Superlative, die nicht ohne Ergebnis zu Ende gehen darf. Nicht für Ban. Sollte Kopenhagen scheitern, wäre das der endgültige Beweis für seine Unfähigkeit, die Staatengemeinschaft auf die Lösung gemeinsamer Probleme zu verpflichten.
Früher, als er noch an der Harvard-Universität studierte, lautete sein Standard-
scherz, er sei JFK - "just from Korea". Heute witzelt er: "Mein Name ist Ban, nicht James Ban." Aber die Stimmung gegen ihn ist nur noch schwer zu wenden.
Als Kofi Annan Uno-Generalsekretär war, nannte man ihn den "weltlichen Papst", weil er für eine bessere Welt zuständig war, für Entwicklungshilfe, für Blauhelm-Missionen, für den Kampf um die Menschenrechte. Für viele verkörpert das Amt Hoffnung, die Utopie von einem besseren Leben. Ban fehlt diese Aura. George W. Bushs ehemaliger Uno-Botschafter John Bolton gibt ihm gnädig die Note Eins plus für "effort", dafür, dass er sich bemüht.
Ein Generalsekretär lebt von der Geste, ein bisschen wie der deutsche Bundespräsident. Er hat keine große konstitutionelle Macht, aber moralische Kraft. James Traub, Biograf von Kofi Annan, sagt: "Wenn man Generalsekretär werden will, sollte man harmlos wirken. Aber ist man erst einmal Generalsekretär, kann man die Grenzen des Amtes testen." Man muss auffallen, um gehört zu werden. Aber Ban wollte nie auffallen in seinem Leben, er erledigte seinen Job, versuchte aber nie, ihn zu bestimmen.
Sein Privatleben hat er immer der Arbeit untergeordnet. "Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, bedauere ich, keine außerplanmäßigen Aktivitäten entwickelt zu haben", räumt Ban ein. Hobbys pflegt er nicht, außer Golfen, aber dazu kommt er nicht mehr, weniger als ein Dutzend Mal in den letzten drei Jahren. Er hat auch eine Familie, eine Frau und drei Kinder. Aber selbst seine Familie, sagt Ban, komme für ihn erst nach der Arbeit.
Sein Leben war immer eng verbunden mit der Uno, die Anfang der fünfziger Jahre Soldaten in den Korea-Krieg schickte. Ban war sechs Jahre alt, als der Krieg begann, seine Familie musste fliehen. Er lernte Elend und Hunger kennen. Drei Jahre dauerte der Krieg. Die Amerikaner, die in seiner Heimat stationiert waren, hat er als nette Kerle in Erinnerung, die Kekse, Kaugummis und Schokolade verteilten.
1962 reiste er erstmals nach Amerika, traf John F. Kennedy, weil er einen Sprachwettbewerb gewonnen hatte, wohnte acht Tage bei den Pattersons in San Francisco, einer amerikanischen Musterfamilie. Schon damals bewies er diplomatisches Geschick. Als seine Gastmutter Reis kochen wollte, wünschte er sich - sehr zu ihrer Freude - einen Hamburger.
2006, im Jahr seiner Nominierung für das Amt des Uno-Generalsekretärs, war er seit 35 Jahren Diplomat, Botschafter, Sicherheitsberater und zuletzt Außenminister unter dem damaligen Präsidenten Roh Moo Hyun. Nur einmal geriet seine Karriere ins Stocken, als er 2001 den größten, vielleicht einzigen taktischen Fehler seiner Laufbahn beging und in einem Brief an Russland den ABM-Vertrag lobend erwähnte, obwohl die Amerikaner gerade aussteigen wollten. Um die Vereinigten Staaten nicht zu verärgern, musste er gehen. Ban war arbeitslos. Aber nicht lange. Bald war er Außenminister und sechs Jahre später schon Uno-Generalsekretär.
Der letzte asiatische Generalsekretär war Sithu U Thant aus Burma, der 1971 aus dem Amt schied, es folgten Kurt Waldheim aus Österreich, Javier Pérez de Cuéllar aus Peru sowie die Afrikaner Boutros Boutros-Ghali und Kofi Annan. An einem Asiaten führte diesmal kein Weg vorbei.
Dass es Ban wurde, hat die Weltgemeinschaft zu einem großen Teil den Amerikanern zu verdanken. Sie wünschten sich einen ausgesprochen blassen Kandidaten, nachdem sie mit Kofi Annan im Irak-Krieg so viel Ärger hatten. Die "Washington Times", das Uno-kritische Hausblatt der konservativen Rechten in Amerika, nannte ihren Traumkandidaten einen "koffeinfreien Kofi". So gesehen war Ban, der Musterschüler, ein Wunschkandidat.
Lange wussten viele Regierungschefs noch nicht einmal, wen sie da vor sich hatten. Bei einem Besuch in Jerusalem nannte ihn der damalige israelische Ministerpräsident Ehud Olmert nicht Generalsekretär Ban, sondern "Sekretär Moon", und in Beirut begrüßte ihn der libanesische Ministerpräsident Fuad Siniora sogar mit "Mister Annan". Nach einer Umfrage aus diesem Jahr wissen 81 Prozent der Amerikaner immer noch nicht, wer er ist.
Im März 2008, als er schon länger als ein Jahr Generalsekretär war, rätselten die meisten Uno-Mitarbeiter noch, wie sie ihren Chef richtig anreden sollten, verdrehten Vor- und Nachnamen und nannten ihn wahlweise Mr. Ki-Moon oder Mr. Moon. Weil die Verwirrung anhielt, schickte sein Stabschef in "delikater Angelegenheit" einen Brief an alle Führungskräfte der Uno, in dem er mehr "Klarheit und Akkuratesse" bei der Namensnennung einforderte. Er empfahl, dass die Mitarbeiter Ban in Großbuchstaben schreiben sollten, um mehr Aufmerksamkeit auf seinen Nachnamen zu lenken, am besten so: "Generalsekretär BAN". Und "Ban", heißt es im Brief weiter, werde übrigens so ausgesprochen wie "Autobahn".
Im Büro ist er der Erste und der Letzte zugleich. Er ist überall, aber nirgendwo ganz. Schon als südkoreanischer Außenminister reiste er wie ein Wahnsinniger herum. Zwei Jahre und zehn Monate war er nur im Amt, besuchte aber 111 Länder und absolvierte 374 Treffen mit Amtskollegen. Stolz rechnete er vor, dass er allein in seinem zweiten Jahr als Uno-Generalsekretär knapp eine Million Flugkilometer absolviert habe.
Im September dieses Jahres ist er auf einer Polarreise unterwegs, besucht Spitzbergen, ein wahres Abenteuer für ihn: ein Hubschrauber, der wegen eines Sturms umdrehen muss, eine Nacht auf einem Eisbrecher, in der er kaum schlafen kann, weil brechendes Eis höllisch lärmt, und seine Frau sich übergibt, weil sie seekrank ist. Aber wenn er von der Reise erzählt, redet er immer nur im Jargon der Klimaexperten, in Zentimetern, Grad, Litern und Kilogramm, als wäre das Große nur die Summe des Kleinen, Mathematik, aber kein Gefühl.
Es ist offenbar seine Art, das Leben gefügig zu machen, berechenbar, wie Millimeterpapier. Aber am Ende bleibt nichts hängen von diesem Erlebnis, kein klares Bild, sondern nur ein Gewirr aus Details.
Und dann steht er oben auf dem Mount Zeppelin über Spitzbergen, eine kleine rote Gondel hat ihn auf den Gipfel gebracht, und nun ist es nicht mehr weit bis zur Aussichtsplattform mit dem besten Blick.
Zum ersten Mal fällt sein Blick hinunter ins Tal, und erschrocken schaut er sich nach seiner Frau um, die hinter ihm steht. Bleib hier, zischt er ihr zu, das ist nichts für dich.
Es ist kein gefährlicher Weg von der Gondelstation bis zum Aussichtspunkt, zehn Meter vielleicht, aber man muss schwindelfrei sein, weil der Blick vom Mount Zeppelin aus einen halben Kilometer nach unten fällt bis zum Ort Ny-Alesund und in die Täler hinein, in denen die sterbenden Gletscher liegen. Er könnte dieses Foto von hier oben gut gebrauchen, die mutige Geste, das mutige Bild. Doch auf dem Weg hat auch ihn der Schwindel gepackt.
Er besteigt das Plateau, als wäre es ein kenterndes Schiff, den Oberkörper nach vorn gebeugt. Er trägt professionelle wetterfeste Kleidung, wie sie die Wissenschaftler hier tragen. So soll die Welt ihn kennenlernen, als Retter der Umwelt und Kämpfer für ein besseres Klima.
Ban weiß nicht genau, was er sagen soll, und deswegen sagt er immer wieder, "Alarming, alarming" und schlägt dabei hilflos mit den Armen auf und ab, ihm fehlt sichtlich die Kraft für die große Geste. Lange sagt niemand etwas, dann aber bringt einer der Mitreisenden den Mut auf zu fragen, ob er denn keine Hilfe brauche auf seinem einsamen Posten. "Herr Generalsekretär, alles in Ordnung da oben?"
* Mit Silvio Berlusconi (Italien), Nicolas Sarkozy (Frankreich), Dmitrij Medwedew (Russland), Barack Obama (USA), Muammar al-Gaddafi (Libyen) und José Eduardo dos Santos (Angola) am 10. Juli im italienischen L'Aquila.
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 50/2009
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