07.12.2009

Allein unter Muslimen

Global Village: Im Zentrum Kabuls lebt Zabolon Simentov, der letzte Synagogenbewohner der afghanischen Hauptstadt.
Nur ein Licht brennt noch in der letzten Synagoge Kabuls. Es leuchtet aus dem Zimmer von Zabolon, dem Juden. So nennen ihn die Einwohner der Stadt. Sein Nachbar klopft an die Tür. "Zabolon, Gäste!" Er schlurft nach unten, öffnet die Pforte, grüßt mit "Schalom". Ja, er sei es, sagt er, Zabolon Simentov, der einzige Jude Kabuls. Aber müsse man ihn deshalb beim Gebet stören? Er trägt eine schwarze Kippa, das jüdische Käppchen, und Shalwar Kameez, ein weites Hemd über der Hose. Er ist in Herat geboren, im Westen Afghanistans, spricht Dari im melodischen Akzent dieser Stadt, das ist seine Lebensversicherung unter den mehr als 28 Millionen Muslimen im Land. Fast jeder grüßt ihn, wenn er über den Basar geht. Er ist Afghane, einer von ihnen. Und doch wieder nicht.
In seinem kleinen Zimmer brennt eine Öllampe, auf der Fensterbank stapeln sich hebräische Gebetsbücher. Früher wurden sie alle benutzt, jetzt nur noch eines. Zu Tausenden waren Juden im 19. Jahrhundert aus Persien vor der muslimischen Unterdrückung geflohen, später kamen viele auf der Flucht vor Verfolgung in Russland oder in Zentralasien ins liberalere Afghanistan.
Als Israel gegründet wurde, vor 61 Jahren, zogen die meisten dorthin, und als vor 30 Jahren die sowjetische Armee einfiel, verließ ein Großteil der noch 300 Verbliebenen das Land. Schließlich kamen die Taliban an die Macht. Da gab es nur noch zwei Juden in Kabul, vielleicht sogar in ganz Afghanistan: Zabolon und Levi. Beide wohnten in der Synagoge. "Ich mochte Levi nicht", sagt Zabolon, "aber jetzt ist er tot; und was zwischen uns war, geht keinen mehr etwas an." Dann erzählt er es doch.
Die beiden redeten nicht miteinander, lebten in den entgegengesetzten Räumen der schlichten Synagoge. Der Grund für den Streit war ein wertvoller Besitz der Synagoge, der alle Zeiten, alle Abwanderungen überstanden hatte: die handgeschriebene Thorarolle aus Hirschleder, etwa 400 Jahre alt. "Levi wollte sie klauen und verkaufen", sagt Zabolon. Dasselbe soll Levi von Zabolon behauptet haben. Die beiden zeigten einander bei den Taliban an, um den Diebstahl zu verhindern. Levi warf Zabolon vor, ein israelischer Spion zu sein.
Zabolon erklärte, Levi wolle aus der Synagoge ein Bordell machen. Die Nachbarn sagen, er habe nur muslimischen Frauen die Zukunft gedeutet und Liebestränke verkauft. "Er war ein Jadugar", ein Zauberer, sagt Zabolon.
Die Taliban steckten sie ins Gefängnis, in eine Zelle, den damals etwa 40-jährigen Zabolon, den mehr als 30 Jahre älteren Levi. "Sie schlugen uns beide mit Kabeln und Gewehrkolben", sagt Zabolon, aber auch das brachte sie einander nicht näher. Sie beteten getrennt voneinander, ignorierten sich, soweit es ging, warfen sich beim Hofgang böse Blicke zu, und manchmal erwachten die Gefangenen in den Nachbarzellen durch ihren Zank. Nach drei Wochen ließen die Taliban Levi und ihn wieder frei.
Als sie nach Hause kamen, fehlte eines: die Thora. Die Taliban hatten sie mitgenommen. Bis heute ist sie verschollen. "Das ist mein letztes Ziel: die Thora wiederzufinden", sagt Zabolon. Erst soll sie im Innenministerium verwahrt worden sein, dann war sie auch dort verschwunden. Der Letzte, der etwas über ihren Aufenthalt wissen könnte, sagt Zabolon, ist Khirullah Khairkhwa, ein Talib im Militärgefängnis Guantanamo, Gefangenennummer 579. "Falls er freikommt, werde ich ihn fragen", sagt Zabolon und will nicht weiter darüber reden. Vielleicht glaubt er selbst nicht mehr daran, dass er die Thora wiedersehen wird.
Zabolon sagt, er lebe nicht schlecht jetzt in Afghanistan, keine Schikanen, er spricht nicht böse über die Regierung Karzai, nicht einmal über die Taliban: "Es war nicht deren Schuld, dass wir gefoltert wurden, sondern unsere eigene. Außerdem folterten die ja fast jeden."
Über niemanden spricht er schlecht, nicht einmal mehr über Levi. Der Streit mit ihm ist beendet. Im Januar 2005 fand er Levi auf dem Boden der Synagoge liegend, tot. Er führt zu dem kahlen Raum, in dem Levi gelebt hat, sagt: "Alles, was er besaß, habe ich in die Wüste gefahren und dort verbrannt."
Jetzt ist er allein in dem maroden Gebäude. Lebt von Spenden aus dem Ausland, betet dreimal am Tag, dazu steht er nach Jerusalem gewandt und hält das jüdische Gebetsbuch in der Hand, auf Hebräisch, obwohl er Hebräisch nicht lesen kann. Telefoniert manchmal mit seiner Tochter, die vor zehn Jahren mit Mutter und Schwester zusammen nach Israel ausgewandert ist, aber nach Israel möchte Zabolon nicht. Sein Platz sei hier, als letzter Jude Kabuls. Nach Israel will er erst, wenn er tot ist. So hielt es auch Levi.
In einer Ecke, unter den Fetzen der Gebetsteppiche, liegt ein geschwungenes Widderhorn, der Schofar. Zabolon streicht den Staub vom Mundstück.
Früher hat er das Instrument geblasen, sein Klang soll die Juden aufrütteln und an ihre Pflichten erinnern, so verlangt es die Tradition. Zabolon sagt: "Ich hatte fast vergessen, dass der Schofar hier liegt." Er hat ihn seit Jahren nicht gespielt.
Er nimmt ihn auf, er bläst, es kommt nur ein schwacher Ton. Er kann es nicht mehr. Am Neujahrsfest Rosch Haschana spielt man ihn, normalerweise, am Morgen des neuen Jahres. Aber feiern kann man Rosch Haschana in der Regel nur, wenn mindestens zehn Männer zusammenkommen. JONATHAN STOCK
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 50/2009
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