07.12.2009

LITERATURBedrohtes Glück

Der Brite Edward St Aubyn, 49, ist ein mutiger Autor. Die Darstellung von Sex und Gewalt kümmert ihn nicht, er widmet sich lieber moralischen Selbstquälereien und den Irrwegen des Zartgefühls - höhnische Reflexionen inbegriffen. Das Schicksal der fiktiven britischen Upper-class-Familie Melrose beschäftigt ihn nun schon im vierten Roman, und es bleibt bei der gewohnten Mischung aus Delikatesse, Empathie und stilistischer Brillanz, vergleichbar nur John Updikes "Rabbit"-Romanen und "Maples"-Geschichten. Hier wie da spielt es keine Rolle, an welcher Stelle der Leser sich in den Fluss der Erzählung begibt: Er wird mitgerissen, auch ohne Kenntnis der Vorgeschichten, hineingetragen in das Leben der Figuren, nimmt an deren Freuden und Nöten Anteil, an dem, was ihnen zustößt, und mehr noch an dem, was sie sich dabei denken.
In "Muttermilch", St Aubyns aktuellem "Melrose"-Roman, beginnt die Handlung im südfranzösischen Domizil der Familie, das, dem Willen der Großmutter gemäß, als "Transpersonale Stiftung" fungiert. Saint-Nazaire bietet außer im Ferienmonat August rund ums Jahr Schamanen-Grundkurse und Ähnliches für all jene an, die die Suche nach ihrem Selbst, einer früheren Identität, der Kraft der Quellen und dergleichen mit etwa so viel Geld bezahlen können, wie im unweit entfernten Saint-Tropez für Strandmode, Cocktails und andere Vergnügungen der Selbstvergessenheit investiert wird.
Patrick Melrose, der ungeliebte und faktisch enterbte Sohn, kämpft gegen Enttäuschung und Rachsucht an, während seine Frau Mary, an ihre kleinen Kinder und die selbstlose Versorgung derselben gebunden wie eine Kuh an ihren Pflock, sein Abgleiten in Alkoholismus und Depression aus stiller Ferne beobachtet. Die Kinder, vollwertige Protagonisten im Romankosmos St Aubyns, gehen indessen ihren eigenen, vorödipalen Geschäften nach und füttern die Krise der Eltern mit ihrem bedrohten Glück. Für den diskreten Wahnsinn bürgerlicher Empfindsamkeit findet niemand derzeit klügere und elegantere Sätze als dieser Meister des Sittenromans und seine Übersetzer.
Edward St Aubyn: "Muttermilch". Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. DuMont Buchverlag, Köln; 320 Seiten; 19,95 Euro.

DER SPIEGEL 50/2009
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