07.12.2009

FERNSEHENBiber und Bücher

Es dominierte einmal die Qualität auf dem Bildschirm, aber heute: o weh, o ach, Klagen allenthalben über den Verfall der TV-Kultur. Fernsehen verblödet? Man kann noch immer Tolles finden. Zum Beispiel die historischen Porträts der Brüder Grimm im Südwestrundfunk aus Anlass des 150. Todestags von Wilhelm Grimm. Vergangene Woche räumte Harold Woetzel auf mit den Klischees von den volksbewegten Märchensammlern, die sich in Stall, Scheune und Köhlerhütte von wunderlichen Hutzelweibern Geschichten erzählen ließen, die sie nur aufzuschreiben brauchten. Grimms Fundus war aber, so zeigte der Film, vielmehr das Werk von gebildeten hugenottischen Erzählerinnen - in Frankreich hatte es schon frühere Märchensammlungen gegeben. Die Brüder, romantisch gesinnte Jungrevoluzzer mit unendlichem wissenschaftlichem Sammlereifer, eroberten mit ihren Bildern und Parabeln die Phantasiewelten von Japan bis Hollywood, von Walt Disney bis Hitchcock. Die Grimms, die in ihrer Jugend gar keine Märchen erzählt bekommen hatten, erhoben die Gattung zur Weltliteratur und zum Exportschlager - feenomenal. Nach dem stürmischen Märchensammlerfilm folgt an diesem Donnerstag (23.00 Uhr) im Dritten des SWR der Grimm-Eloge zweiter Teil. Artem Demenok stellt die Brüder als Verfasser des Deutschen Wörterbuchs vor. Stimmung: majestoso. Federn kratzen übers Papier, Gebirge von Karteikästen werden von der Kamera andächtig abgefahren, den Brüder-Helden sieht man auf Daguerreotypien beim Ergrauen zu, heutige Dichter wie Durs Grünbein und Adolf Muschg singen das Hohelied vom "Eichenwälder"-Sound der Worterklärungen. Wie die Biber hätten sich Wilhelm und Jacob zwischen ihren Büchern bewegt, notierte ein zeitgenössischer Besucher. Was auch im übertragenen Sinne stimmt: als hätten die beiden, erschreckt durch Französische Revolution und napoleonischen Kulturimperialismus, einen Damm gegen das Vergessen der deutschen Wurzeln gebaut. Das alles wird ohne tümelndes Pathos erzählt. Ehrfurcht vor solchen geistigen Vorfahren stellt sich trotzdem beim Zuschauer ein. So war es einmal.

DER SPIEGEL 50/2009
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