07.12.2009

Reden, nicht schreiben

Buchkritik: „Frau, gläubig, links“ - Bekenntnisse der SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles
Was für dieses Buch spricht, das spricht auch dagegen: Die Autorin hat es wohl tatsächlich selbst geschrieben.
Andrea Nahles, 39 Jahre alt und nunmehr die neue Generalsekretärin der SPD, ist seit über zwanzig Jahren mit Parteipolitik befasst und seit vielen Jahren mit kaum etwas anderem mehr. Sie gründete noch als Schülerin einen SPD-Ortsverein in ihrem Heimatort Weiler in der Eifel, studierte und stieg dann, wie sie vermutlich sagen würde, voll in ihr Kerngeschäft ein: Arbeits- und Sozialpolitik sowie Engagement an der Basis und im Machtapparat der Partei. Sie ist eine klassische Politikfunktionärin, und das hat verheerende Folgen für jenes Medium, in dem sie sich verständlich machen will - das Buch*.
Es ist nämlich in jener trostlos verbarrikadierten Politikersprache verfasst, in der beispielsweise "ein durch institutionalisierte Kooperation begründetes Vertrauensnetz" entsteht, in der "wesentliche Fixpunkte" und "Erzwingungsmöglichkeiten" in einem "vorläufigen Fazit" zu mehr "Zukunftsoptimismus" führen. Fertigsätze aus der Wahlkampf-Suppentüte wie "Gute Bildung gibt es nicht zum Nulltarif" werden flankiert von kreativen Verirrungen ("Es ist an der Zeit, mit der Mär aufzuräumen"). Und wenn es ernst wird, muss "das Thema auf den Tisch", selbstverständlich "im Klartext".
Was immer die Literaturwissenschaftlerin Andrea Nahles gelesen hat, um ihre Prüfung zum Magister Artium zu bestehen, es hat sich nicht glücklich ausgewirkt.
So weit, so trübe. Doch immerhin: Nahles muss ihr Buch selbst geschrieben haben. Ein Ghostwriter oder literarischer Feinschleifer, wie ihn so viele ihrer Kollegen für Bekenntnisse dieser Art in Anspruch nehmen, hätte sie daran erinnert, dass ein Publikum, das sein Leben außerhalb von Fraktionssitzungen und Bundestagsdebatten verbringt, in einer anderen
Sprache lebt. Paradoxerweise ist die gar nicht weit entfernt von dem Ton, in dem Nahles tatsächlich spricht: bei aller professionellen Kontrolle doch ziemlich lebendig, schlicht, prägnant und mit Humor. Vermutlich hat sie sich als Autorin aber gedacht, es müsste genügen, alles genau so aufzuschreiben, wie sie es von der Gremienarbeit in der Partei her gewohnt ist - was man eben so macht, wenn man Strategiepapiere, Diskussionsbeiträge und Programmentwürfe verfasst. Wenn man nach dem ersten Schock eher hinter als zwischen den Zeilen liest, möchte man ihr zurufen: "Reden, nicht schreiben!"
"Frau, gläubig, links" ist keine Autobiografie, sondern "eine Aufarbeitung des Gewesenen und gleichzeitig das Plädoyer für einen Neuanfang" - natürlich der SPD. Was Nahles von sich mitteilt, steht immer im Dienst der Sache.
Wie im klassischen Syllogismus - "alle Menschen sind sterblich, Sokrates ist ein Mensch, also ist Sokrates sterblich" -, seit Aristoteles die logische Formel schlechthin, läuft ihr Buch auf die Konklusion "Andrea Nahles gehört in die SPD" hinaus. Die Prämissen dazu lauten in etwa: Andrea Nahles ist ein katholisches weibliches Arbeiterkind vom Lande, verkörpert also vier soziale Handicaps, und: Die SPD ist die Partei für Menschen mit sozialen Handicaps. Also ...
Die SPD ist für sie die einzige Partei, die Hilfe für die Schwachen, Engagement für das große Ganze und Teilhabe aller an der Gesellschaft gewissermaßen natürwüchsig verbindet. Vielleicht hätte die katholische Soziallehre sie auch für sich gewinnen können, dann wäre sie heute CDU-Generalsekretärin, würde dort die Kältetechniker so fröhlich wie nachhaltig nerven und die Tradition der Herz-Jesu-Sozialisten im Geiste von Heiner Geißler und Norbert Blüm fortsetzen. Doch diese Möglichkeit beunruhigt sie nicht.
Die Kultivierung des Zweifels ist überhaupt keines ihrer Hobbys, auch wenn sie, als Verehrerin Willy Brandts, Zweifel wieder in den politischen Tugendkatalog aufnehmen will. Was man ihr aber, trotz ihrer abgedichteten Sprache, gern glaubt: dass sie, die katholische Arbeitertochter vom Lande, die es so weit gebracht hat und durchaus noch weiter bringen kann, anderen wirklich zuhört - Leuten, mit denen sie ohne Krampf auch Kaffee trinkt und Butterkuchen isst. Dass es sie aufrichtig interessiert, wie ein selbständiger Maurer in Dortmund, eine alleinerziehende Mutter in Regensburg, ein Langzeitarbeitsloser in Berlin ihr Leben zu meistern versuchen. Das kommt dem Ideal sozialdemokratischer Politik doch so nahe wie ein Dresdner Christstollen dem Weihnachtsfest.
Wie pragmatisch ihre Grundstimmung ist, wie unangefochten auch von all den Ambivalenzen ihrer Vorgängergeneration, den 68ern, zeigt sich an einem Detail: Den "Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer" erwähnt sie ohne den Zusatz "ermordet von der RAF". Keine formelhafte Erinnerung, keine eilfertige Abgrenzung, kein beteuerndes Trauern. Die ideologischen Kämpfe der westdeutschen Linken, die depressiven und terroristischen Bewegungen haben ihren Lebenslauf nicht mehr kontaminiert. Aber auch die spontihaften, lustigen Gewächse der außerparlamentarischen Politik sind ihr offenbar ziemlich fremd. Dafür hat sie Solaranlagen auf ihrem Hof in der Eifel. ELKE SCHMITTER
* Andrea Nahles: "Frau, gläubig, links. Was mir wichtig ist". Pattloch Verlag, München; 240 Seiten; 16,95 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 50/2009
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