07.12.2009

FORSCHUNGSETHIK„Betreff: Streng vertraulich“

Zum Umweltgipfel in Kopenhagen plagt die Klimaforscher ein peinlicher Skandal um entwendete Mails. Deren Inhalt offenbart ihre fragwürdigen Praktiken und erschüttert die Glaubwürdigkeit der Gelehrten. Wissenschaftler rufen nach Reformen bis in den Weltklimarat.
Kaum jemand jongliert mit stärkeren Großrechnern als die Klimaforscher. Leistungsstark wie zigtausend Heim-PC, sagen diese das Weltklima der Zukunft vorher.
Doch ausgerechnet einige Zahlenakrobaten unter den Klimaforschern beherrschen offenbar grundlegende Regeln der Datensicherheit nicht. "Lasst kein Zeug auf euren Servern rumliegen", raunzte Phil Jones, der Chef der Climatic Research Unit (CRU) an der University of East Anglia, seine Kollegen in einer E-Mail an. "Wer weiß, wer darin herumschnüffelt."
Gefruchtet hat der Rüffel wenig: Am 23. Oktober um 22.58 Uhr verschickte einer von Jones' Mitarbeitern die Zugangsdaten zu den Instituts-Servern per E-Mail, und zwar unverschlüsselt: Username: steve, Passwort: tosser (zu deutsch: Wichser).
Leichtsinn wie dieser rächt sich: Hacker haben über 1000 E-Mails, Dokumente und geheime Daten von den CRU-Rechnern gestohlen. Am 17. November, pünktlich zum Kopenhagener Klimagipfel, wurde das digitale Diebesgut an die Öffentlichkeit gespielt, präsentiert auf anonymen Internetservern in Russland. Es ging den Tätern nicht um Erpressung, es ging ihnen um politische Wirkung.
Endlich scheint ihnen damit gelungen, wonach sie offenbar seit Monaten trachten: eine Lücke im Sicherheitsnetz der etablierten Klimainstitute zu finden. Der kanadische Forscher Andrew Weaver von der Universität in Victoria verzeichnete dieses Jahr bereits zwei Einbrüche und mehrere Hack-Versuche in das Computernetzwerk. Und auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (Pik) beklagt Angriffe: "Seit den letzten drei Wochen registrieren wir eine Häufung von unautorisierten Einwahlversuchen", sagt dessen Systembetreuer Karsten Kramer und vermutet, dass die Eindringlinge "Datendiebstahl oder Sabotage" im Schilde führten.
Der jüngste Datenklau offenbart, wie viel für die Institute dabei auf dem Spiel steht. Denn begierig stürzen sich nun Skeptiker, die seit langem den Klimawandel in Zweifel ziehen, auf die bekanntgewordenen E-Mails, um darin nach Hinweisen auf Fälschung oder Manipulation der Klimadaten zu fahnden. Das Datenleck gleicht damit einer auslaufenden Batterie, deren Flüssigkeit das Vertrauen in die ganze Zunft der Klimaforscher zersetzt. "Der Tote, der draußen auf der Straße liegt, ist die Glaubwürdigkeit", klagt der Hamburger Klimamodellierer Hans von Storch.
In Großbritannien sah sich Phil Jones bereits genötigt, sein Amt vorläufig niederzulegen; eine Untersuchungskommission wurde eingerichtet. Und Rajendra Pachauri, der Vorsitzende des Uno-Weltklimarates, beteuerte: "Wir wollen mit Sicherheit nichts unter den Teppich kehren", und kündigte eigene Untersuchungen an.
Zu einem gefährlichen Politikum entwickelt sich der geknackte Server aber vor allem in den USA. Jenen Kongressabgeordneten, die alle Gesetzesvorhaben der Obama-Administration zur Kohlendioxid-Einsparung zu torpedieren suchen, liefert der "Climategate"-Skandal neue Munition: "Das ist Wissenschaftsfaschismus", tönte etwa der Republikaner James Sensenbrenner auf einer eilends einberufenen Anhörung im Kongress.
In Deutschland empfinden viele Forscher die Debatte schlicht als lästig: Ein "Störmanöver" sei das Ganze, ärgert sich Pik-Direktor Hans Joachim Schellnhuber, der zu den prominentesten Warnern vor der Klimakatastrophe zählt.
Der Klimaberater der Bundeskanzlerin ignoriert dabei allerdings, dass der geklaute Datenschatz ein wenig schmeichelhaftes Sittengemälde seiner Zunft zeichnet. Indizien für Fälschungen enthalten die abertausend E-Mail-Zeilen zwar nicht. Wohl aber offenbaren sie, dass die Wortführer der Klimaforschung eine verschworene Gemeinschaft bilden, zu der auch Schellnhubers Institut zählt.
Regelmäßig setzen sie sich offenbar über ethische Regeln der Wissenschaft hinweg. "Nach diesem Skandal können wir nicht einfach weitermachen wie bisher", glaubt deshalb Klimatologe Storch und fordert: "Was wir jetzt brauchen, sind grundlegende Reformen sowohl beim Weltklimarat, aber auch in der Frage, wie wir mit den Rohdaten für unsere Klimastatistiken umgehen."
Selbst strenggläubige Umweltschützer staunen: "Ich bin aufgewühlt und zutiefst erschüttert über diese E-Mails", schreibt der bekannte britische Ökologe George Monbiot. Ihn empört zum Beispiel der Versuch, Daten zurückzuhalten, gar zu vernichten aus Angst, sie könnten Kritikern in die Hände fallen. Er solle "sämtliche E-Mails löschen", die er mit einem Kollegen ausgetauscht hat, so schrieb Phil Jones im Frühjahr 2008 an seinen Kollegen Michael Mann von der Pennsylvania State University. Offenbar trieb den Forscher die Sorge um, Kritiker könnten den Zugang zu seiner Korrespondenz gesetzlich erzwingen.
Auch wollte man offensichtlich unbequeme Herausgeber eines Fachblatts "zum Rücktritt" zwingen, so eine Mail vom Frühjahr 2003. Andere Wissenschaftskollegen sollten daran gehindert werden, ihre Ergebnisse in den "Geophysical Research Letters" zu publizieren. Gegen einen der Herausgeber versuchte die Klimatologen-Clique belastendes Material zu besorgen, das ihn als "Contrarian", als Klimaskeptiker desavouieren sollte.
Am schwersten wiegt der Verdacht, dass es Jones darum ging, unliebsame Publikationen aus dem Bericht des Uno-Weltklimarats IPCC zu drängen. Am 8. Juli 2003 ("Betreff: Streng vertraulich") schrieb er darüber an Michael Mann: "Kevin und ich werden sie irgendwie raushalten - auch wenn wir dafür neu definieren müssen, was begutachtete Publikation bedeutet." Storch fordert daher: "In Zukunft sollten Leitautoren des IPCC nicht mehr zu den dominanten Forschern eines Gebiets gehören, die dann den eigenen Veröffentlichungen und jenen ihrer Kumpels eine besonders starke Deutungskraft zuerkennen."
Auch Storch, Leiter des GKSS-Instituts für Küstenforschung bei Hamburg, ist betroffen. Gleich in Dutzenden E-Mails findet er sich erwähnt, auch weil er vor fünf Jahren die berühmte "Hockeyschläger-Kurve" seines Kollegen Mann in Frage gestellt und deren methodische Mängel offengelegt hatte. Anhand von Baumringen und anderen Indizien sollte die mannsche Kurve belegen, dass die Durchschnittstemperaturen der letzten tausend Jahre zunächst niedrig waren und mit der Industrialisierung hochschnellten.
Wenn aber Kritik an solchen Daten unterdrückt, wenn Kritiker verunglimpft wurden, wie viel Vertrauen ist den Ergebnissen der Klimaforscher dann noch zu schenken?
Auch andere Daten des IPPC stehen nun plötzlich unter Generalverdacht. Die derzeit gültige Rekonstruktion der Durchschnittstemperaturen von 1850 bis heute zum Beispiel beruht auch auf Berechnungen von Phil Jones. Nun aber musste die East Anglia Universität im Zuge des E-Mail-Skandals einräumen, dass in den achtziger Jahren ein Teil der Rohdaten auf Papier und Magnetbändern einfach weggeschmissen wurden.
Storch fordert, dass ein internationales Expertengremium die Temperaturkurve noch einmal nachrechnen sollte. "Nicht weil ich Überraschungen erwarte", sagt er. Doch nur durch systematische Überprüfung lasse sich die dringend benötigte Glaubwürdigkeit wiederherstellen.
Vor allem die Frage nach dem Zugang zu den Rohdaten stellt sich dabei. Aus Eitelkeit und Angst vor Konkurrenz hüten viele Forscher ihre Daten wie einen Schatz. Manch staatliches Institut verbietet gar die Weitergabe an Dritte. Dringend gelte es dieses Thema zu lösen, fordert der Kieler Klimaforscher Mojib Latif: "Was wir brauchen, ist maximale Transparenz. Sonst werden uns die Vorwürfe der Klimaskeptiker ewig begleiten." HILMAR SCHMUNDT, GERALD TRAUFETTER
* Wetterballon des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung.
Von Hilmar Schmundt und Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 50/2009
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