07.12.2009

WETTSKANDALSpuren in die Erste Liga

Im Ermittlungsverfahren der Bochumer Staatsanwaltschaft gegen eine Bande mutmaßlicher Wettbetrüger führen Spuren in die Erste Fußball-Bundesliga. Einer der Hauptbeschuldigten, der Kroate Marijo C., soll bis kurz vor seiner Verhaftung am 19. November eine enge Verbindung zu einem Profi aus Osteuropa gehabt haben, der jahrelang in der Ersten Bundesliga spielte. Der Fußballer, der noch immer aktiv ist, soll bei dem in Nürnberg ansässigen C., einem Betreiber mehrerer Wettbüros, 30 000 Euro Schulden gehabt haben. Diese Hinweise erhielten die Bochumer Kriminalpolizisten, die ihrer Ermittlungseinheit den Namen "Flankengott" gaben, als sie Telefongespräche des Beschuldigten C. abhörten - nach Ansicht der Beamten ein "Kopf des Netzwerks" mit "enormer krimineller Energie". Sowohl der 34-jährige C. als auch der osteuropäische Fußballprofi tauchten bereits in einem anderen Ermittlungsverfahren einer süddeutschen Staatsanwaltschaft aus dem Jahr 2006 auf. Damals wurde gegen C. wegen des Verdachts der "Bildung einer kriminellen Vereinigung" und des "gewerbsmäßigen Bandenbetrugs" ermittelt.
Schon damals habe der Verdacht bestanden, dass Spiele im deutschen Profifußball manipuliert und auf den Ausgang der Partien hohe Wetten platziert werden. Ins Visier der Ermittler war neben dem auch jetzt verdächtigen Profi aus Osteuropa damals ein weiterer Spieler geraten, der noch heute bei einem deutschen Erstligisten unter Vertrag ist: ein Mittelfeldmann vom Balkan.
Aus damals überwachten Telefonaten zwischen beiden Spielern ging hervor, dass die Lebensgefährtin des Profis vom Balkan bei einem Treffen in Zürich eine "Provision" erhalten sollte. Ob es zu dem Treffen kam und ob Geld überreicht wurde, konnte nicht aufgeklärt werden. Die Ermittlungen wurden 2006 knapp zwei Monate vor Beginn der Fußball-WM in Deutschland eingestellt - auf politischen Druck, wie Insider des Verfahrens noch heute vermuten.
Nach Erkenntnissen der Bochumer Fahnder hat Marijo C. offenbar noch am Abend vor seiner Verhaftung versucht, ein Spiel zu kaufen. Am 18. November hielt sich C. in Lugano auf, wo das U-21-Länderspiel Schweiz gegen Georgien stattfand. Dort soll er dem Schiedsrichter dieser Partie, dem Bosnier Novo Panic, 50 000 Euro übergeben haben. Panic wurde vorige Woche von Schweizer Beamten zu den Vorwürfen befragt. Er behauptete, C. nicht zu kennen, und bestritt, Geld entgegengenommen zu haben. Für den SPIEGEL war Panic nicht zu erreichen. Der Verteidiger Marijo C.s sagte auf Anfrage: "Zum derzeitigen Stand des Verfahrens will ich mich im Interesse meines Mandanten nicht äußern."
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bochum vermitteln eine Vorstellung davon, wie dreist im deutschen Fußballbetrieb offenbar manipuliert wird. Beim Spiel der Regionalliga Nord zwischen dem FC Oberneuland Bremen und dem FC St. Pauli II (0 : 2) am 19. September, so steht es in den Akten, habe "die gesamte Mannschaft" der Gastgeber "eigene Wetten auf den Gegner platziert". Die Geschäftsführerin des FC Oberneuland zeigte sich von den Ermittlungen wenig überrascht. Sie sagte, sie habe während des Spiels einen anonymen Anruf erhalten, dass die Partie verschoben sei. Zwei Tage später meldete sie den Verdacht beim Deutschen Fußball-Bund - dort hatte das Frühwarnsystem der Wettüberwacher keine Auffälligkeiten registriert. Daraufhin ließ sie jeden Spieler eine strafbewehrte eidesstattliche Versicherung unterschreiben, nicht auf diese Partie gewettet zu haben.
Derweil beschränkten sich manche der Hauptbeschuldigten offenbar nicht nur aufs Wettgeschäft. So betrieb nach Erkenntnissen der "EK Flankengott" der Türke Nürettin G., 34, auch ein illegales Spielcasino im Osnabrücker Bahnhofsviertel. In dem diskreten Spielclub, vor dem immer wieder Jaguars und Ferraris aus ganz Deutschland gesichtet wurden, herrschten offenbar rustikale Sitten: So soll G. mit Hilfe versteckter Kameras die Karten seiner Mitspieler ausgespäht haben, um diese beim Texas-Hold'em- oder Omaha-Poker zu betrügen. Die Bilder wurden den Ermittlungen zufolge in einen Nebenraum übertragen, in dem ein Komplize mit dem Spitznamen "Zocker-Toni" saß, der über Mini-Ohrhörer mit G. und einem weiteren Glücksspieler, genannt "Zigeuner-Michel", verbunden war. G.s Verteidiger Jens Meggers wollte sich zu den Falschspiel-Vorwürfen gegen seinen Mandanten zunächst nicht äußern. Der Jurist sagte, er wolle erst Akteneinsicht bei der Staatsanwaltschaft nehmen.

DER SPIEGEL 50/2009
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