07.12.2009

FUSSBALLDie Zweifel des König Pep

Josep Guardiola wurde im Internat des FC Barcelona ausgebildet, er spielte für den Club als Profi, jetzt ist er dessen Trainer. In seiner ersten Saison hat er alle Titel gewonnen, die es zu gewinnen gab. Doch der Erfolgscoach fühlt sich mehr und mehr wie ein Getriebener.
Durch die Glasfront im Arbeitszimmer sieht man die Gipfel der Pyrenäen, draußen scheint die Sonne. Josep Guardiola, der Trainer des FC Barcelona, sitzt am Schreibtisch, Bücher stapeln sich um ihn herum. Er ist blass, unter seinen Augen hat er Schatten.
"Drei Jahre", sagt Guardiola, länger sei der Job kaum durchzuhalten. Sein Blick wandert durch den Raum. In den letzten zwölf Monaten ist ihm die Hälfte der Haare ausgefallen, den Rest trägt er nun kurz rasiert. Er sagt: "Sobald ich das Feuer nicht mehr spüre, gehe ich zum Präsidenten, um mich zu verabschieden, aber bis dahin lebe ich den Job kompromisslos."
Josep Guardiola, 38, ist seit eineinhalb Jahren Trainer des FC Barcelona. Er hat in seiner ersten Saison die spanische Meisterschaft, den Pokal, beide Supercups und die Champions League gewonnen, seine Mannschaft wird für ihr kreatives Spiel gerühmt, er für seinen Mut zum offensiven, schönen Fußball. Im Stadion merkt man ihm den Stolz auf seine Arbeit an. Als Spieler lief er für den Designer Antonio Miró über den Laufsteg, heute bewegt er sich an der Seitenlinie oft wie ein Model, den Blick leicht gehoben, die Brust rausgestreckt, selbst seine schmalen Schultern wirken dann deutlich breiter.
Aber hier in seinem Arbeitszimmer macht Guardiola den Eindruck, als ginge er an seinem Werk zugrunde.
Profifußball hat kein Gedächtnis, es ist ein Geschäft, das nie innehält, eine Entertainment-Maschine, die ständig neue Helden produziert und die alten vergehen lässt. Nach jedem Sieg zählt nur der nächste Erfolg. Niemand entkommt dieser Dynamik, schon gar nicht der Trainer des FC Barcelona, eines der berühmtesten Vereine der Welt.
Guardiola hat alle Erwartungen übertroffen, wird als König der Trainer gefeiert. Er selbst fühlt sich indes wie ein Getriebener seiner eigenen Leistungen: Es kann eigentlich nur abwärtsgehen. Wenn Barça dieses Jahr nicht wieder die Meisterschaft holen oder aus der Champions League ausscheiden sollte, würden Guardiolas errungene Titel ihn nicht schützen.
Als er vorigen Sommer das Amt übernahm, war das eine Sensation. Die weltbesten Trainer standen Schlange, Nachfolger Frank Rijkaards zu werden, darunter der Portugiese José Mourinho oder der Däne Michael Laudrup. Doch Barcelonas Präsident Joan Laporta entschied sich für Guardiola, der bis dahin gerade mal ein Jahr lang die B-Elf Barças trainiert hatte. Laporta wusste, dass niemand die Philosophie des Clubs besser würde transportieren können.
Josep Guardiola wurde in einem katalanischen Dorf, eine Stunde von Barcelona entfernt, geboren. Sein Vater arbeitete als Maurer und kandidierte für die Konservativen. Mit Fleiß, Leidenschaft und Stolz, so lernte der junge Pep zu Hause, könne man alles erreichen. "Und man darf nie vergessen, wo man herkommt", fügt Guardiola heute hinzu.
Neben dem Vereinsstadion Camp Nou, in der Avinguda Joan XXIII, steht ein altes Bauernhaus aus Sandstein. Das Gebäude wirkt wie eine Puppenstube im Schatten der 100 000 Zuschauer fassenden Arena. Es ist das Fußballinternat La Masia, das als Herzstück des FC Barcelona gilt. Hier werden die Barça-Helden ausgebildet. Lionel Messi, Carles Puyol, Andrés Iniesta und Xavi, Spieler, die das heutige Team prägen, haben in La Masia gewohnt und gelernt.
Über der Eingangstür thront eine heilige Maria aus Stein. Es ist Mittagszeit. Zwei Köchinnen mit weißen Schürzen und hellblauen Hauben auf den Köpfen flitzen um den langen Esstisch aus Holz. Es gibt Kopfsalat, Kartoffeln und Schweinefleisch. 46 Jungen aus Ländern wie Spanien, Griechenland, der Dominikanischen Republik, dem Senegal, Argentinien, Brasilien und Kamerun leben zurzeit in dem 610 Quadratmeter großen Haus. In den Schlafräumen stehen Hochbetten aus Stahl mit blauen Bezügen, es sieht aus wie in einer Jugendherberge.
Guardiola bezog das Internat mit 13 Jahren und begann in La Masia, das Selbstverständnis des Clubs zu inhalieren: Stellt das Kollektiv über den Einzelnen! Ordnet euch unter, ohne den Stolz zu verlieren! Er war ein Musterschüler, verstand das Spiel genauer zu lesen als manche seiner Ausbilder und lebte den Fußball besessener als die anderen. Stundenlang referierte er am Abend über Fehler im Training, erzählt ein ehemaliger Mitspieler. Irgendwann habe Pep niemand mehr zugehört bei seinen Monologen.
Sie nannten ihn "den Verrückten".
Sein erstes Ligaspiel im Profiteam bestritt Guardiola im Dezember 1990, der Trainer hieß Johan Cruyff. Als die Mannschaft eineinhalb Jahre später die Meisterschaft und den Europapokal der Landesmeister gewann, war der Mittelfeldspieler Guardiola bereits kreativer Kopf des Teams. Er hatte den speziellen Blick für den entscheidenden Pass. Und er wusste schon damals, "dass ich ein guter Trainer werden könnte", sagt Guardiola.
Cruyff war sein Mentor. Der Holländer kombinierte vor knapp 20 Jahren das Talent seines Regisseurs mit einer neuen Vorstellung von modernem Fußball. Cruyff ließ keine klassischen Flügelstürmer mehr Flanken schlagen, sondern stellte auf den Außenpositionen technisch hochbegabte Spieler wie den Bulgaren Christo Stoitschkow auf, die mit dem Ball am Fuß Richtung Tor dribbelten - so, wie es heute der Argentinier Messi macht. Für die Abwehr kaufte Cruyff den gelernten Mittelfeldspieler Ronald Koeman, der von hinten das Spiel eröffnete. So entstand ein verwirrendes Kurzpassspiel, das zunächst nur der außergewöhnliche Stil einer Mannschaft war. Bald wurde aus der Idee die Glaubensrichtung eines ganzen Vereins. Heute definiert sich der FC Barcelona über das Prinzip, das sie in Spanien "el cruyffismo" nennen.
"Ohne Cruyff würde ich nicht auf diesem Stuhl sitzen", sagt Guardiola. Er lernte von ihm, dass ein Trainer sich vor allem um die Atmosphäre im Team kümmern müsse. Dabei ist es Guardiola wichtig, auf jeden Spieler einzugehen. "Bei manchen helfen lange Gespräche, bei einigen kurze Anweisungen. Man muss verstehen, wie jeder Einzelne fühlt und denkt, um alle zu erreichen", sagt Guardiola. Gleichzeitig lässt er sich neue Methoden einfallen, um die Leidenschaft im Team zu erhalten.
Vor dem Hinspiel im Champions-League-Viertelfinale der vergangenen Saison gegen Bayern München spielte er der Mannschaft kurz vor dem Anpfiff in der Kabine ein Video vor. Man sah, wie Torwart Víctor Valdés schrie, der Mittelfeldspieler Seydou Keita betete, Stürmer Samuel Eto'o jubelte. Als Hintergrundmusik lief "Viva la Vida" von Coldplay.
"Das seid ihr", sagte Guardiola nach der Vorführung. Sonst nichts. Dann ging das Team aufs Spielfeld. Barcelona gewann 4:0.
Guardiola versteht sich als Baumeister, der am "großen Ganzen" arbeitet. Die Details überlässt er weitgehend seinem wichtigsten Mitarbeiter, Assistenztrainer Tito Vilanova. Sie lernten sich im Internat kennen. "Wir haben ein besonderes Verhältnis", sagt Vilanova, "man findet nicht oft jemanden, der Fußballspiele identisch liest."
Vilanova studiert die Gegner, schreibt Trainingspläne und entwirft Spielzüge. "Bei uns wird nicht improvisiert", sagt er. Auf dem Trainingsplatz steckt Vilanova die Laufwege mit orangefarbenen Hütchen ab und lässt die Spieler Aufgaben bis zu 50-mal wiederholen. "Auch Messi spielt die Varianten, die wir ihm vor dem Spiel immer wieder anhand von Videos und Zeichnungen erklären", sagt Vilanova. Dass Messi trotzdem ab und zu aus dem besprochenen Rhythmus ausbreche, gehöre zu den fünf Prozent der Unberechenbarkeit, die so ein Fußballspiel mit sich bringe.
Vilanova glaubt an Guardiola. Er stand auch hinter ihm, als der Trainer im Sommer eine spektakuläre Personalentscheidung traf. Im Moment des größten Triumphs, bepackt mit fünf Titeln, glaubte Guardiola ein Zeichen setzen zu müssen. Er tauschte den Stürmer Eto'o, Publikumsliebling und mit 36 Saisontoren maßgeblich am Erfolg beteiligt, gegen den Schweden Zlatan Ibrahimovic von Inter Mailand ein und legte noch 49 Millionen Euro drauf.
Der Verein erbebte. Die Fans fragten sich: Warum geht Guardiola ein solches Risiko ein? Es sei ihm schwergefallen, sich von Eto'o zu trennen. "Aber wenn ich kein Risiko eingehe, riskiere ich alles", sagt Guardiola. Er wippt mit seinem Bürostuhl.
"Am Ende der letzten Saison konnten die Gegner unser Spiel durchschauen, sie hatten uns bis ins kleinste Detail analysiert, wir mussten neue Varianten einstudieren", sagt Guardiola. Mit Ibrahimovic sei Barça wieder unberechenbar geworden. Vor einer Woche erzielte der Stürmer gegen Real Madrid den Treffer zum 1:0-Sieg. Guardiola hatte wieder mal alles richtig gemacht.
Es gibt nicht viele Menschen, die auf dem Höhepunkt ihres Schaffens einen neuen Weg einschlagen. Für Guardiola ist es typisch. Er duldet keinen Stillstand, denkt immer schon in der Zukunft. "Probleme muss man lösen, bevor sie da sind", so lautet einer seiner Kernsätze.
Schon als Spieler ging Guardiola ungewöhnliche Wege, um sich weiterzuentwickeln. So ließ er sich mit dem katalanischen Dichter Miquel Martí i Pol, der für den Nobelpreis vorgeschlagen war, bekannt machen. Die Nähe zu dem Schriftsteller, dachte Guardiola, würde seinen Horizont erweitern, ihn als Menschen und somit als Fußballer weiterbringen.
Zwischen den beiden entstand eine Freundschaft. An freien Tagen besuchte Guardiola den Schriftsteller regelmäßig in dessen Heimatdorf Roda de Ter, das eineinhalb Autostunden von Barcelona entfernt liegt. Sie redeten viel. Manchmal gab Martí i Pol Guardiola einen Poesieband mit ins Trainingslager.
Vor sechs Jahren verstarb der Dichter an den Folgen von Multipler Sklerose. Guardiola besucht nun manchmal die Witwe Montserrat Sans. Bei einem Treffen vergangenen Sommer, er hatte gerade die Champions League gewonnen, bat sie ihn, seinen Job als Trainer aufzugeben. Sie mache sich Sorgen um ihn. "Hör auf", sagte Señora Sans, "was willst du denn noch erreichen?" Damals hat Guardiola nur gelächelt.
Er schaut über den Tisch in seinem Arbeitszimmer und sagt, natürlich würde er weitermachen. Der FC Barcelona ist seine Heimat. Guardiola hat sein ganzes Leben auf das Ziel ausgerichtet, den Club, bei dem er aufwuchs, der ihn groß machte, auch als Trainer zu immer neuen Erfolgen zu führen. Er weiß, wie es geht. Er muss weiterhin in die Zukunft schauen und versuchen, Probleme zu beheben, bevor auch andere sie erkennen.
Aber manchmal stößt Guardiola an Grenzen. Neulich schenkte er Lionel Messi, der vergangene Woche zu Europas Fußballer des Jahres gewählt wurde, einen Roman. Er müsse mal an etwas anderes denken als an Fußball, erklärte Guardiola dem Argentinier.
Messi schüttelte nur den Kopf und sagte, er lese keine Bücher. CATHRIN GILBERT
Von Cathrin Gilbert

DER SPIEGEL 50/2009
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