07.12.2009

PROMINENTEGott geht fremd

Golfprofi Tiger Woods ist der perfekte Superstar des Sports, dann baut er nach einem Ehekrach einen Autounfall. Was bleibt von seinem Image als Saubermann noch übrig?
Was genau geschah in jener Nacht, als Tiger Woods seinen Cadillac Escalade vor der Villa in Isleworth, Florida, gegen einen Baum setzte? Vieles liegt im Dunkeln, sicher ist nur: Es lief da etwas aus dem Ruder.
Es gibt zwei Versionen von dem Unfall, eine sehr kurze und eine längere. Die Kurze bestätigt nur den Crash und mündet im Satz von Woods: "Das ist eine Privatsache." Sie erscheint auf seiner Website, wird von seinem Agenten und seinem Anwalt verbreitet und seiner Ehefrau gestützt. Und sie ist so nichtssagend, dass sie neugierig auf Version zwei macht.
Derzufolge hatten Mrs. und Mr. Woods einen Ehekrach, weil Mr. Woods einer Frau, die nicht Mrs. Woods ist, sehr, sehr nahegekommen war. Der beste Golfer der Welt, der nicht der beste Ehemann der Welt ist, sprang in seinen Geländewagen, flüchtete aus der Einfahrt, streifte einen Hydranten und traf den Baum.
Unbestritten ist, dass Elin Nordegren, Woods' Frau und Mutter der zwei gemeinsamen Kinder, mit einem Golfschläger das Heckfenster zertrümmert hat, so berichtete sie es der Polizei. Nur: warum? Sie sagt, sie habe ihren Mann aus dem Wagen befreien wollen. Die hintere Scheibe als Rettungsluke für den vorn sitzenden Fahrer zu wählen ist allerdings keine wirklich überzeugende Idee.
Im Prinzip hat sich im Hause Woods das abgespielt, was bei Paaren so vorkommt: Man streitet sich, warum auch immer, etwas heftiger. Und weil in diesem Fall einer der beiden einen Beruf ausübt, der den Besitz von Golfschlägern erfordert, stehen davon welche herum. Sie greift zu, er haut ab.
Das ist ziemlich privat und liest niemand gern über sich in der Zeitung. Für Tiger Woods wird der Vorfall zum Desaster.
Woods ist der mit Abstand bestbezahlte Athlet auf Erden, ein Wirtschaftsfaktor. Etwa 100 Millionen Dollar verdient er im Jahr, 80 Millionen davon durch Werbeverträge; er gilt als der erste Sportler, der es zum Milliardär gebracht hat. Und Woods ist erst 33, Karrieren von Golfprofis können lange dauern. Ein US-Magazin hat hochgerechnet, dass er rund 6 Milliarden Dollar kassieren wird, bis er 65 ist, allein 4,6 Milliarden durch Werbung.
Diese Kalkulation ist vielleicht überholt. Sie basiert darauf, dass Woods der perfekte Saubermann bleibt, der er bislang zu sein schien. Der niemals auf den Rasen spuckt, weder trinkt noch raucht und die Straßenverkehrsordnung achtet. Und um Himmels willen nicht fremdgeht.
In Amerika geißeln Fernsehprediger außerehelichen Sex und schlafen heimlich mit Prostituierten und Geliebten. Präsident Bill Clinton verheddert sich dabei, wie er der Nation weiszumachen versucht, dass es kein Sex im strengen Sinne gewesen sei, was er da mit der Praktikantin angestellt hat, und wird fast des Amtes enthoben. Senator Larry Craig aus Idaho, ein konservativer Politiker, der gegen mehr Rechte für Homosexuelle eintritt, wird dabei erwischt, wie er die schnelle Nummer auf der Männertoilette sucht.
Amerika verehrt seine Anführer und Helden, aber wenn sie gegen die Moral verstoßen, verlangt es öffentlich Demut. Als Basketballstar Kobe Bryant eingestand, seine Frau mit einer Hotelangestellten betrogen zu haben, sagte er, er sei "wütend über mich selber und angewidert darüber, Ehebruch begangen zu haben". "Du bist ein Stück meines Herzens, die Luft, die ich atme", säuselte er seiner Gattin vor Kameras zu. Dabei hielt er ihre Hand, an der wenig später ein neuer Vier-Millionen-Dollar-Ring funkelte. Da verzieh Mrs. Bryant, die Nation tat's ihr nach.
Etwas in der Art wird Woods wohl auch aufführen müssen. In der Boulevardpresse prahlen gleich mehrere Frauen damit, ein Verhältnis mit dem Tiger zu haben, alle werden sie dem Berufsfeld Bar/Nachtclub zugeordnet. Woods selbst ist seit dem Unfall abgetaucht, aber auf der Homepage bekennt er seine Zerknirschtheit: "Ich bin meinen Werten und dem Verhalten, das meine Familie verdient, nicht treu gewesen." Die Rede ist von "persönlichen Sünden" und "Fehlern". Kein Wort darüber, worin die bestehen, das müssen sich seine Fans aus den Umständen zusammenreimen.
Der Apparat rund um den Superstar war auf so einen Fall nicht vorbereitet, bislang musste er ja immer nur Woods' Makellosigkeit verwalten. Die Statements lesen sich wolkig, als hätten Anwälte und PR-Berater tagelang darüber gebrütet, wie sie einen Schwall Reue formulieren. "Ich bin auch nur ein Mensch und nicht perfekt. Ich werde sicherstellen, dass so etwas nicht wieder passiert."
Es ist ein schöner Fluch, Tiger Woods zu sein. Von klein auf funktioniert er, wie von Vater Earl gewünscht. Der, ein Vietnam-Veteran, drillte den Sohn zum Wunderknaben und verpasste ihm den Kampfnamen. Als Tiger hat Eldrick Woods alle wichtigen Turniere der Welt gewonnen; beim Masters in Augusta haben sie den Platz in die Länge gestreckt, um Woods weiten Abschlägen zu genügen.
Seit über einem Jahrzehnt beherrscht er die Golfwelt, er hat das Spiel in jeder Hinsicht fortentwickelt, technisch, athletisch und finanziell. Als Woods 1996 Profi wurde, gewannen auf den großen Turnieren Männer mit Bauch und holten sich Siegerschecks mit übersichtlichen Summen ab. Seitdem haben sich die Preisgelder vervielfacht und die Spieler verschlankt.
Luxusuhren, ein Energiegetränk, Sportklamotten, Körperpflege - für all das und mehr wirbt Woods. Seine Frau Elin, 29, ist ein blondes Ex-Model aus Schweden. Ihre cinderellahafte Villa von Isleworth liegt abgeschottet in einem Prominentenviertel, in Weiß gehalten bis zur oberen Schornsteinkante. Woods ist wohltätig. Seine Stiftung kümmert sich um benachteiligte Kinder.
Woods hat afroamerikanische, indianische, asiatische und europäische Wurzeln; er ist einer für alle, darauf zielt die Vermarktung seiner Person ab. Also darf er nicht anecken. Er sei ein "Kontrollfreak", das sagt Woods selbst. Zu Beginn seiner Karriere hat er einem Magazin schmutzige Witze erzählt, heute äußert er sich abseits von Pressekonferenzen kaum noch, damit bloß nichts Unkorrektes herausrutscht.
Das Leben ist Sex, der moderne Mann muss und darf immer und überall - das predigt der ehemalige Basketballstar Dennis Rodman. Niemand schien so weit weg von dieser Einstellung wie Woods.
"Tiger ist der Auserwählte", prophezeite Vater Earl. "Er wird mehr als jeder andere in der Geschichte tun, um den Lauf der Menschheit zu ändern, mehr als Mandela, Gandhi oder Buddha." Und Basketballlegende Michael Jordan, ein Golffan, sagt: "Er wurde von Gott gesandt."
Kann man so ein Leben durchhalten?
Im Internet findet sich die Fan-Seite TigerWoodsIsGod.com, noch, denn der Betreiber kündigt an, sie zu schließen. "Ich persönlich bin fertig mit Tiger Woods", schreibt John Ziegler, 42, Katholik und Radiomoderator. Zehn Jahre lang hat Ziegler seine Seite gepflegt, durchaus mit Hang zur Ironie. Und nun? "Er ist ein feiger Lügner. Ich schätze, sein Charakter ist bisher nie wirklich getestet worden." In einem Fernsehinterview legt er nach: "Er hat sein einzigartiges Image enorm beschädigt." Erst bricht Gott die Ehe, dann redet er falsch Zeugnis wider seine Nächsten.
Das sind die Kriterien, nach denen über Woods geurteilt wird, sie sind sehr streng, strenger als das Gesetz. Woods ist keines Verbrechens schuldig, nach Lage der Dinge hat er niemanden vergewaltigt oder sonstwie verletzt. Der Unfall hat ihm ein Bußgeld von 164 Dollar wegen Unachtsamkeit eingebrockt, das ja, aber mehr lässt sich im juristischen Sinne nicht vorbringen.
Dass Tiger Woods schlecht Auto fährt, erweist sich als Lässlichste all seiner Sünden. DETLEF HACKE
Von Detlef Hacke

DER SPIEGEL 50/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PROMINENTE:
Gott geht fremd

  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • 23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven