14.12.2009

Titel„Gleich fallen die Bomben“

Sie haben Angehörige verloren, sie leiden an ihren Verletzungen - die Überlebenden und Hinterbliebenen des Tanklasterangriffs warten auf Entschädigung. Politiker aus der Region finden jedoch, dass damit nur die Taliban finanziert würden. Von Susanne Koelbl
Alle stellen diese Frage, immer wieder diese eine Frage, warum Abdul Gafur am 4. September in den ersten Tagesstunden dort war, wo das Feuer vom Himmel fiel. Was hatte er dort zu suchen um kurz vor zwei Uhr? Im Dorf Yaqob Bai liegt die Antwort. Hier liegen auch 30 Tote aus jener Nacht.
Abdul Gafur lebt, und manchmal glaubt er, es wäre besser, auch er läge dort oben auf dem grauen Hochplateau über den Baumspitzen der Siedlung, neben Abdul Salam, seinem Bruder, wo die grünen und weißen Fahnen über den Reihen der frisch aufgeschütteten Gräber im Wind wehen.
Jetzt sitzt Gafur in einer Teestube in der Stadt Kunduz und erzählt von der Nacht zum 4. September. Er rudert mit den Armen, als wenn er damit alles loswerden könnte, die Flammen und den Regen aus Glut und Asche. Das Flugzeug fliegt direkt in seinen Kopf, sagt er, so kommt es ihm vor.
Gafur ist 23 Jahre, ein junger Bauer mit dünnem Flaum auf Kinn und Wangen, um den Hals hat er ein Tuch gewickelt, gegen die Kälte. Der Arzt hat ihm eine Medizin verschrieben und gesagt, dass sein Bruder Abdul Salam an Ort und Stelle verbrannt ist und sofort starb am Fluss, dass aber auch er schwere Verletzungen habe, die man nicht sehen kann und die einen nachts anfallen wie ein Hund.
Es war Ramadan, ein warmer Septemberabend. Nach Iftar, dem Fastenbrechen, trafen sich die Männer von Yaqob Bai unter den alten grünen Ahornplatanen vor der Moschee. Ihre Frauen hatten das Nachtessen bereitet, Weintrauben, Rosinen-Reis und gebratenes Lammfleisch, über 70 Männer saßen dort in langen Reihen.
In Yaqob Bai sind die Taliban seit zwei Jahren die heimliche Macht im Ort. Ganz langsam bauten sie ihre Basis auf, nur zwölf Kilometer südwestlich von Kunduz-Stadt und sechs Kilometer entfernt vom deutschen Wiederaufbauteam.
Sie schlüpften bei ausgesuchten Kontaktpersonen unter, bei Verwandten, bezahlten Unterstützern, bei Brüdern im Geist, manche waren alles zusammen. Vor allem junge Männer ließen sich anstecken von den Reden der Bärtigen, die mit dem Koran in der einen und der Kalaschnikow in der anderen Hand Stärke ausstrahlten. Die Mehrheit, vor allem die Älteren, erinnert sich jedoch gut an die Gräueltaten ihrer Vorgänger.
Die Straße Richtung Yaqob Bai ist frisch geteert, das ist der Wiederaufbau, an dem auch die Deutschen in der Region maßgeblich mitwirken. Aber die Polizei von Kunduz patrouilliert hier schon lange nicht mehr. Die Wege durch das fruchtbare Tal am Fluss sind gesäumt von versteckten Taliban-Posten, und wenn die Ordnungshüter auf offenen Pick-ups vorbeifahren, aktivieren sie Straßenbomben und feuern ihre Panzerfäuste ab. Hamid Karzais Regierung existiert hier nicht, in Yaqob Bai.
Als die Taliban schließlich den Sohn des Dorfältesten töteten, weil er als Tagelöhner bei einem von der Karzai-Regierung geförderten Straßenprojekt arbeitete, gaben auch die Alten in Yaqob Bai den Widerstand gegen die Radikalen auf. Es hatte keinen Sinn.
An jenem Donnerstagabend im September kidnappten mehrere Dutzend Taliban auf der Straße zwischen Kunduz und Baghlan zwei Laster, die Lkw hatten Tausende Liter Benzin für das amerikanische Militär geladen. Unter den Entführern war auch der Bruder von Maulawi Naim, dem Taliban-Führer im Dorf von Yaqob Bai.
Kurz darauf steckten sie mit der kostbaren Fracht jedoch im Südwesten der Stadt auf einer Sandbank im Kunduz-Fluss fest. Das alles geschah nur drei Kilometer entfernt vom Dorf Yaqob Bai, wo die Männer noch immer unter den Bäumen beim Abendmahl saßen.
Vor vier Monaten hatte die Zentrale des afghanischen Geheimdienstes Generalmajor Mohammed Daud Ibrahimi nach Kunduz geschickt. Er stammt aus Kunduz und diente schon als führender Geheimdienstmann unter dem legendären Militärstrategen Ahmed Schah Massud, was unter Kriegern durchaus eine Empfehlung ist.
Kunduz ist zum Problem geworden für ganz Afghanistan. Es ist das strategische Zentrum der Taliban im Norden, und die Extremisten flanierten dort bereits im Zentrum über die Basare. "Die Leute, gegen die wir nachts kämpfen, sind tagsüber brave Farmer, ihre Gewehre verstecken sie im Schrank", sagt der runde Mann und zeigt auf einer großen Landkarte den Ort, an dem die Bomben fielen. So sei es auch an jenem 4. September gewesen - Taliban, unbewaffnet und in Zivil.
Wer also genau ist ein Talib? Siqadullah stammt aus Omar Khel, wo 18 Bombenopfer auf dem Friedhof begraben liegen sollen. Den Besuch aus dem Westen zieht Siqadullah rasch hinter einen Mauervorsprung. Er will auf keinen Fall gesehen werden. Der Paschtune trägt ein samtenes Käppchen, er ist erst 14 Jahre alt, aber er kennt die Strafen der Taliban dafür, sich mit Fremden einzulassen: "Wenn die Polizei kommt, verstecken sich die Taliban in unserem Haus, sie haben Waffen, wir müssen ihnen folgen", flüstert er.
In einem geheimen Bericht des Chefs der Kriminalpolizei in Afghanistan, der nach einer aufwendigen Untersuchung im Auftrag des Präsidenten Hamid Karzai erstellt wurde, sind die Namen derer notiert, die damals getötet und verletzt wurden. Dahinter steht, aus welchem Dorf sie kommen, ob sie Taliban waren, ob bewaffnet, welche Funktion sie in der Taliban-Hierarchie besetzten. Danach starben 140 Menschen, 43 davon seien bewaffnet gewesen, eine große Zahl der Unbewaffneten wird darin ebenfalls den Taliban zugeordnet.
24 sind Namen von Bewohnern aus Yaqob Bai, alle werden als Taliban geführt: "Wir kennen sie, mit Namen, mit Adresse, das sind keine Unschuldigen", sagt General Daud.
Bereits um 21.30 Uhr geriet der Bauer Abdul Gafur aus Yaqob Bai zur Flussschleife. Er und sein kleiner Bruder Abdul Salam hatten einen großen gelben Kanister dabei.
Die Taliban waren zu den Männern in die Moschee gekommen und hatten sie aufgefordert, ihre Traktoren zu bringen und die Tanker herauszuziehen, dafür dürfe sich jeder kostenlos Benzin abzapfen. Über hundert Männer und Jugendliche aus Yaqob Bai eilten sofort los, sie stolperten durch die Nacht, beladen mit Fässern und Tonnen.
Die Bürger von Yaqob Bai sind fast alle Pachtbauern, die ihre schmale Ernte mit einem Landlord teilen müssen. Gafurs Nachbar, ein Vater von vier Jungen und zwei Mädchen, war Arbeiter. Wenn es gut lief, machte er am Tag zwei Dollar. Die Gelegenheit, vor dem Winter kostenlos an Brennstoff zu kommen, wollte er sich nicht entgehen lassen. "Hätte ich ihm sagen sollen, geh nicht, das ist gestohlenes Benzin, lieber frieren wir im Winter?", fragt später seine Witwe Bidri Jamala.
Am Fluss drängten sich bereits Hunderte Menschen um die beiden Tanker, und Abdul Gafur schaffte es in drei Stunden nicht, seinen Kanister zu füllen. Der kleine Salam aber war schnell und ganz vorn.
Oben in der Luft bewegten sich zwei Flugzeuge, das sah Gafur, denn er hatte sich einen Moment ins Gras gesetzt. "Die Deutschen", dachte er, "die sehen uns, die tun uns doch nichts."
Mit ohrenbetäubendem Zischen und Donner explodierten plötzlich Bomben in der Nacht, und die Menschen am Fluss wurden meterhoch in die Luft geschleudert. Aus der Erde und dem Fluss schlugen Flammen hoch. Die Druckwelle spülte Abdul Gafur ins Wasser, und er schaffte es irgendwie, auf die andere Flussseite zu kommen. "Salam ist tot, ich wusste es sofort."
Sie fanden ihn am Ufer. Sein Gesicht war das Einzige, was nicht verbrannt war. Abdul Salam war erst 15 Jahre alt.
Jetzt suchten Hunderte mit Taschenlampen und Petroleumleuchten zwischen den Trümmern der Tanker nach Verwandten. Denn die Taliban hatten im Umkreis von zehn Kilometern etwa ein halbes Dutzend Dörfer informiert, in denen sie Unterstützer und Verwandte haben. "Alle sind tot, nur ich und ein paar andere haben überlebt", rief Abdul Gafur der Nachbarin Bidri Jamala zu, die ihm auf dem Nachhauseweg entgegenlief. Die 30-Jährige hat am Fluss ihren Mann Mohammed Ali und das älteste ihrer sechs Kinder verloren, einen Sohn. Auch der Bruder des Mannes starb, der sie hätte notfalls mit ernähren können.
Seit 30 Jahren lebt der Anwalt Karim Popal nicht mehr in Afghanistan. Er hat eine Kanzlei in Bremen, und der Fall von Kunduz machte ihn über Nacht weltbekannt. Er fordert von der Bundesregierung eine Entschädigung wegen des Traumas von Abdul Gafur und des Todes von dessen Bruder Salam, er will, dass Bidri Jamala eine Rente bekommt und für die zehnfache Mutter Balkiza aus dem Dorf Isa Khel, die ihren Mann, den Bauarbeiter Abdul Bashir, verlor, Geld erstreiten, damit ihre Kinder eine Zukunft haben.
Popal ist selbst in Kunduz gewesen, vor ein paar Wochen holte er bei bisher 70 betroffenen Familien Vollmachten für eine mögliche Sammelklage ein, insgesamt seien es jedoch viel mehr, 173 Fälle, alles Zivilisten, behauptet Popal.
Nun ist zwischen Deutschland und Afghanistan ein bizarrer Streit ausgebrochen über Entschädigungen bei Kriegstoten und die Frage, wer eigentlich ein Opfer ist und wer nicht. Wie viel ist ein Menschenleben wert?
2000 Dollar zahlte die afghanische Regierung bisher an 30 Hinterbliebene, deren getötete Angehörige nach ihren Maßstäben eindeutig als Zivilisten deklariert wurden, an 9 weitere Afghanen, die bei dem Luftschlag verletzt wurden, bezahlte sie je 1000 Dollar. Der Gouverneur von Kunduz, Mohammed Omar, ist strikt dagegen, weitere Zahlungen zu leisten: "Wollt ihr die Taliban jetzt auch noch finanzieren?"
Deutsches Rechtsempfinden und afghanische Bräuche dürften im Fall von Kunduz nicht leicht in Übereinstimmung zu bringen sein. Traditionell bietet die Familie eines Täters dem geschädigten Clan nach dem Ehrenkodex der Paschtunen, dem Paschtunwali, ein Mädchen aus der eigenen Familie an. Als rechtlose Magd fristet dieses dann sein Leben im Haus des Opfers. Blutgeld ist aber auch eine durchaus angesehene Form des Ausgleichs, um einen Teufelskreis der Rache zu vermeiden. Nach dem Auftritt des Anwalts aus Deutschland in Kunduz glauben einige Betroffene jedoch, dass sie bald für immer ausgesorgt haben werden: "Millionen und Millionen" müssten die Deutschen für seinen Sohn Amanullah bezahlen, sagt der 50-jährige Bauer Abdul Feroz aus dem Dorf Isa Kehl, das ebenfalls als von den Taliban infiltriert gilt.
Während der Fall Klein in Deutschland fast eine Regierungskrise auslöste, war es um den Fall in Afghanistan schnell überraschend ruhig geworden. Nach ähnlichen Tragödien im Süden hatte es dagegen massive Proteste gegen die westlichen Truppen und die Regierung gegeben. Lediglich die Taliban schlachteten den Fall für sich aus: "Ihr habt den Beweis, die Deutschen sind nicht gekommen, um zu helfen, sondern um Muslime zu töten", sagte Taliban-Führer Maulawi Naim am Tag der Beerdigung in der Moschee von Yaqob Bai zu den Überlebenden. Fast jeder Zehnte ist in dem nur 400 Bewohner zählenden Dorf getötet worden.
Doch in einer Deutung des Korans gilt auch derjenige als Dieb, der einem Dieb nur hilft oder von dessen Diebesgut profitiert. Das beschämte gleichzeitig auch die Trauernden.
Die politischen Vorgänge in Deutschland, der Rücktritt des ehemaligen Verteidigungsministers, der Rausschmiss des Generalinspekteurs, lösen zumindest in der Regierung von Kunduz größte Verwunderung aus, vom Gouverneur bis zum Polizeichef loben sie den Mut des Obersts Klein: "Er hat das einzig Richtige getan."
Abdul Malek, der Fahrer eines der beiden gekaperten Trucks, hat überlebt. Rund drei Kilometer hinter dem Ortsausgang von Kunduz seien plötzlich 25 Bewaffnete aufgetaucht, die nicht mal Schuhe anhatten. "Sie bedrohten uns und sagten, sie seien so arm, deshalb wollten sie den Tanker in ihr Dorf bringen und das Benzin abzapfen", sagt er. Mit ihren Waffen zwangen sie die Fahrer, in Richtung Westen zu fahren, weg von der Hauptstraße. Einige der Taliban setzten sich ins Führerhaus, die anderen trotteten hinter den Lkw her. Als sie schließlich einen Fluss überqueren sollten, blieben die Lastwagen in einer Sandbank stecken. Wütend schlugen die Taliban auf die Fahrer ein. Maleks Kollegen in dem anderen Tanklaster töteten sie mit einem Kopfschuss.
Am Fluss sei Abdul Rahman erschienen, ein lokaler Taliban-Führer, aber er sei schon nach kurzer Zeit mit einem Polizeiwagen, den seine Kämpfer erbeutet hatten, wieder davongerauscht.
Malek berichtet, um die 200 Menschen seien bei den Lastern gewesen, rund 35 davon bewaffnete Taliban. Diese hätten die Laster bewacht und die Benzinabgabe an die Dörfler kontrolliert.
"Die Menschen waren ganz sicher normale Bauern aus den Dörfern", sagt Malek, "doch viele kannten die bewaffneten Taliban, begrüßten sie mit Namen und bedankten sich für das Benzin." Als die Flugzeuge in großer Höhe über den Tankern kreisten, hätten die Taliban die Dorfbewohner sogar gewarnt. "Sie schrien, die Menschen sollten weg von den Lastern, es würden gleich Bomben fallen", sagt Malek, "doch keiner wollte auf das Gratis-Benzin verzichten."
Mitarbeit: Matthias Gebauer
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 51/2009
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