14.12.2009

STRAFJUSTIZ„Eine Vorzeigefamilie“

Wie kam es zur Tragödie von Eislingen? Das Landgericht Ulm sucht händeringend nach einem Motiv. Von Gisela Friedrichsen
Zu seinem 18. Geburtstag im vorigen Jahr bekam Andreas von seinem Vater eine Uhr. Mit so viel Großzügigkeit hatte der Junge gar nicht gerechnet, denn das Vater-Sohn-Verhältnis war nach seinem Gefühl nicht das beste. Stets fürchtete er, den Ansprüchen des Vaters nicht genügen zu können. Schon im Alter von neun oder zehn hatte er zu seiner Mutter gesagt, irgendwann mal werde er noch ausrasten und dem Vater etwas antun.
Die unverhoffte Uhr sollte nicht das einzige Geschenk für den Sohn sein. Nach dem Juwelier fuhr man ins Bordell.
In dem Etablissement schien der Vater kein Unbekannter zu sein. Dem entgeisterten Jungen erklärte er, Ehefrauen seien höchstens Kameraden. Für das "andere" bezahle man besser.
Andreas lehnte ab, nicht nur, weil er schon Freundinnen gehabt hatte. Das Angebot, auf Vaters Kosten ins Rotlichtmilieu eingeführt zu werden, widerte den Jungen an. Schweigend fuhren die beiden heim.
Bis dahin hatte Andreas geglaubt, die Eltern seien glücklich verheiratet und es herrsche bei aller Verschiedenheit letztlich doch Einverständnis und vor allem eine tiefe Zuneigung zwischen ihnen. Wie konnte der Vater dann in derart abfälligem Ton über seine Frau sprechen? Wie konnte er ihr Prostituierte vorziehen? Eine Welt brach für den Jungen zusammen.
Das Bild von der Familie, an dem Andreas zuvor gehangen hatte, war offenbar falsch. Das gerade vom Vater nach außen so hoch gehaltene Familienleben - jeder sollte sehen, wie musterhaft man zusammenhielt, wie die Freizeit gemeinsam verbracht wurde, wie Vaters Wort Gesetz war, an das sich alle gern hielten - nur Fassade?
Wenn der Junge mit dem Vater aneinandergeriet, stellte sich die Mutter jedes Mal hinter ihren Mann. Andreas fühlte zwar, dass er, der einzige Sohn, ihr Augenstern war. Aber er sah auch, wie die Mutter sich unterordnete und das oft unnachsichtige und uneinsichtige Diktat des Mannes widerspruchslos hinnahm. Die älteren Schwestern fügten sich ebenfalls.
Dass der Vater nicht alles lebte, was er predigte, spürte Andreas jedoch. Er litt nicht nur unter der bestimmenden und cholerischen Art des Vaters, der nie einen Fehler zugab. Als Kind hatte der Junge oft das Gefühl gehabt, gar nicht dazuzugehören. Er hatte sich in Phantasien verstiegen, ein adoptiertes Kind zu sein, vor allem, wenn sich der Jähzorn des Vaters wieder einmal an ihm entlud, und er nicht wusste, weshalb. Jetzt schämte er sich für diese Familie.
Innerfamiliäre Gewalt bedeutet nicht unbedingt Zuschlagen. Es gibt auch subkutanen Terror durch Heuchelei, durch rigide Denkverbote und aufgezwungene Verhaltensnormen, durch pathologisches Geltungsbedürfnis eines Familienmitglieds, das den anderen kaum Luft zum Atmen lässt. Psychiater sprechen dann von einer narzisstisch gestörten Familienstruktur.
Der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiater Michael Günter schreibt in einem Aufsatz über die "Narzisstische Selbsttäuschung - Lüge und Gewalt im Gewand der Rechtschaffenheit": "Die Lüge nach außen ist meist unverzichtbarer Bestandteil des Gewaltsystems in der Familie, wenn Eltern ihre Kinder misshandeln, ihnen auf alle erdenkliche Weise Gewalt antun, die Kindesbedürfnisse negieren und die Kinder für ihre eigenen Zwecke missbrauchen." Andreas fühlte sich missbraucht. Ebenso hielt er seine Mutter und die Schwestern, die gegen das System nicht aufbegehrten, für missbraucht, wenn auch in einem anderen als dem landläufigen Sinn.
Es muss in der Vorweihnachtszeit 2008 gewesen sein, also nach dem 18. Geburtstag von Andreas, als es zu einem Vorfall kam, der, für sich allein genommen, in jeder Familie passieren könnte und zunächst banal erscheint. Wahrscheinlich hatte es schon eine Unzahl ähnlicher Situationen gegeben. Dieses Mal aber verspürte Andreas erstmals einen geradezu übermächtigen Drang, den Vater umzubringen.
In der Familie wurde viel und oft und weit gewandert, manchmal bis zum Umfallen. Der Vater, immer trainiert, immer fit, kannte kein Pardon. Als Andreas noch Kind war, wurden zum Beispiel die Alpen zu Fuß überquert. Auch an den Wochenenden unternahm man stramme Märsche.
Ende vorigen Jahres ging es wieder einmal zu einem 1750 Meter hoch gelegenen Naturfreundehaus im Allgäu. Es schneite. Nebel zog auf, man sah nichts mehr. Nur einer der Wege war geräumt. Der Vater aber wählte eine steile Abkürzung durch den Tiefschnee - und verlor in der hereinbrechenden Dunkelheit prompt die Orientierung. Bald waren alle bis auf die Haut durchnässt und zitterten vor Kälte. Der Sohn begehrte gegen die Durchhalteparolen des Vaters auf: "Das ist kein Abenteuer! Es geht hier nicht weiter! Aber du weißt ja immer alles besser!"
Als nach Stunden die Hütte endlich erreicht war, machte Andreas dem Vater Vorhaltungen. Doch der stritt ab, wie immer, und die Mutter stimmte zu, auch wie immer. Selbst die Schwestern stellten sich nun gegen den Bruder: Es könnte so schön sein, wenn er nicht dauernd herummeckerte.
Andreas fühlte sich wieder einmal im Recht, gegenüber dem Vater aber als Verlierer. Er war der Störenfried, der in diese Familie nicht hineinpasste.
Damals konnte er kaum noch an sich halten, zu viel Enttäuschung und Wut hatten sich angestaut. Er stürzte hinaus, nahe daran, sich umzubringen. Währenddessen unterhielt sich die Familie in der Gaststube, dass Andreas offenbar nie lerne, erwachsen zu werden. Sein gleichaltriger Freund Frederik, der an dem Marsch teilgenommen hatte, fand ihn schließlich aufgelöst heulend im kalten Treppenhaus. Frederik war irritiert: Andreas hatte doch sonst immer jede Situation im Griff. Und nun dieser Ausbruch?
Mit wem auch immer Andreas und Frederik heute sprechen, sie kommen auf diesen Marsch durch den Tiefschnee. Bietet er eine Erklärung für das, was wenige Monate später geschah? Vordergründig wohl kaum, denn die beiden Freunde, 19 Jahre alt und Schüler eines Wirtschaftsgymnasiums, haben in der Nacht vom 9. auf den 10. April - Gründonnerstag auf Karfreitag - im schwäbischen Eislingen eine unfassbare Tat begangen. Sie haben laut Anklage erst Andreas' Schwestern, dann den Vater und schließlich auch die Mutter mit mehr als 30 Schüssen getötet.
Sie haben Andreas' Familie ausgelöscht, weggeräumt. Sie haben sich auf eine wahnwitzige Weise befreit und einen Schlussstrich gezogen.
Wer Andreas' Familie kannte, dem fiel die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn auf. Manche Menschen waren angetan vom Charme, von der Eloquenz und Umtriebigkeit der beiden. Andere sprechen von beider Sturköpfigkeit, von ihrer besserwisserischen und oft rechthaberischen Art. Aufmerksamen Menschen fiel das Aufgesetzte, Glatte auf, die Absicht, gut anzukommen, einen tollen Eindruck zu hinterlassen. Jugendpsychiater Günter: "Die Identifikation des Kindes mit der lügnerischen Struktur führt zu einer tiefen Verankerung von Täuschungsmanövern in der Psyche des Kindes. Es lernt, mit der Realität zu jonglieren, das einzusetzen, was gerade günstig erscheint. Dieses Lernen ist aus der Not geboren und dient dem psychischen Überleben in einer bedrohlich irrationalen Welt, in der Verlässlichkeiten nicht existieren."
Seit dem 12. Oktober befasst sich das Landgericht Ulm, die Erwachsenenschwurgerichtskammer mit dem Vorsitzenden Richter Gerd Gugenhan, mit der verstörenden und in ihrem Ablauf kaum nachvollziehbaren Tat. Laut Mitteilung der Kammer wird nach Jugendgerichtsgesetz verhandelt - nichtöffentlich einerseits, aber in Anwesenheit von neun ausgelosten Medienvertretern andererseits, falls die Verteidiger nicht beantragen, auch diese auszuschließen. Die Aussagen der beiden Angeklagten zur Tat etwa fanden bereits hinter komplett verschlossenen Türen statt.
Bekannt wurde mittlerweile, dass Frederik nach anfänglichem Bestreiten nun gestanden habe, der alleinige Schütze gewesen zu sein. Andreas habe hinter ihm oder neben ihm gestanden, er sei stets dabei gewesen. Selbst zu schießen, das hätte er wohl nicht über sich gebracht. Frederik habe nur geschossen, weil Andreas bei ihm gewesen sei. Allein hätte er es nicht getan.
Er, der nie einen Freund gehabt hatte bis dahin, tötete für den Freund.
Die Freundschaft zwischen Andreas und dem unauffälligen Frederik hatte im Lauf der Zeit offenbar Züge einer Art idealisierter Parallelwelt angenommen, in die sich beide Jungen in ihrer Enttäuschung und ihrem Leiden an der Erwachsenenwelt retteten. Nur zwischen ihnen galten die ihrer Auffassung nach wahren Werte: Aufrichtigkeit, Loyalität, Vertrauen. Beide glaubten, im Freund den einzigen Menschen gefunden zu haben, der ähnlich empfand und auf dessen Wort unbedingt Verlass war.
Im Überschwang dieser neu entdeckten Regungen liefen sie in ihrer gegenseitigen Wahrnehmung jedoch beide in die Irre. Andreas sah in dem seltsamen Frederik, den alle verlachten, eine starke Persönlichkeit, die ihre Emotionen stets im Griff hat. Zu Hause verhielt sich Frederik unauffällig, galt die Aufmerksamkeit dort doch dem schwierigen jüngeren Bruder. Tatsächlich aber finden sich bei Frederik offenkundig autistische Züge. Er hat kein Gefühl für andere. Ihm gefiel es in seiner Familie ebenso wenig wie Andreas. Doch der Freund gab diesem diffusen Unwohlsein ein Gesicht. Frederik ist nicht stark, sondern starr und verschlossen - "wie ein Opferstock", sagen Leute aus der Gegend.
So tritt er auch im Gerichtssaal auf. Kein Blick nach links, keiner nach rechts, wo seine Eltern jedem Verhandlungstag in ratloser Verzweiflung folgen. Er sitzt reglos da, spricht kaum, rührt sich nicht. Er sitzt da wie hinter einer gläsernen Wand.
Andreas wiederum beeindruckte die meisten Menschen, auch Frederik, durch seine Pfiffigkeit, seine Cleverness, seine rasche Auffassungsgabe. Er fand sich überall schnell zurecht. Dass vieles davon vielleicht nur Kulisse war, fiel nur wenigen auf, etwa einem kinderlosen Nachbarn, der sich oft mit Andreas beschäftigte und einen "im Kern unsicheren, introvertierten Jungen" in ihm sah. Etwas gespürt hat offenbar auch der ältere Halbbruder Frederiks, von Beruf Psychologe, und dessen Frau, auch sie Psychologin. Sie hätten, als sie Andreas erstmals begegneten, beide "ein diffuses Bauchgefühl" gehabt, sagten sie als Zeugen vor Gericht, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmte. Er habe "gar keine Kanten" gehabt und nur darauf geachtet, was gut ankommt. "Wir fragten uns, ob das nicht nur Schauspiel ist."
Seit 2007 begingen Andreas und Frederik Einbrüche. Frederik merkte bald, dass er das auch kann. Sie klauten, sie logen und freuten sich, dass man ihnen nicht auf die Schliche kam, wenn sie gesellschaftliche Regeln übertraten. Der eine überlegte, was man alles anstellen könnte - und der andere widersprach nicht. Im Oktober 2008 brachen sie ins Vereinsheim der Eislinger Schützengilde ein und stahlen einen ganzen Berg Waffen und Munition. Andreas war aktives Vereinsmitglied, er wusste, wo die Schlüssel waren und wie man an den Tresor kam. Später schossen sie im Wald herum, mit einer Hand, mit beiden. Sie schossen auf Tierschädel, quälten Katzen, massakrierten eine Gans. Sie fühlten sich als die allmächtigen Herren ihres kleinen "Zwischenreichs der Phantasie", wie Freud es nannte. Frederiks Eltern meinten, er hole endlich die Pubertät nach.
Hätte er Andreas nur einmal widersprochen! Hätte er an jenem Gründonnerstag, als die Schwestern abends allein zu Hause waren und Andreas' Eltern ein Lokal besuchten, gesagt: "Du spinnst wohl!" - der Freund hätte seine Tötungspläne wohl aufgegeben. Doch Frederik widersprach nicht. Es war doch nur Spaß.
Der endgültige Tatentschluss fiel offenbar erst, als Frederik tatsächlich abdrückte. Warum nur? Er hegte keinen Groll gegen seine Opfer. Doch es gab für ihn nun kein Zurück mehr. Auf die Frage, warum nicht nur der Vater getötet wurde, da er an dem doch weit mehr als an den anderen Familienmitgliedern gelitten habe, sagte Andreas einmal, der Rest der Familie hätte ihn dann nicht mehr akzeptiert.
Heute sagt er zu seinem Verteidiger Hans Steffan, das Schlimmste für ihn sei, dass der Vater nicht mehr lebe. Er fehle ihm so.
Die Staatsanwaltschaft hat Andreas und Frederik wegen vierfachen Mordes angeklagt. Als Motiv unterstellt sie Habgier. Denn Andreas wäre im Fall des Todes der Eltern und Geschwister, an dem er keine Schuld trüge, Alleinerbe eines Vermögens ungeklärter Herkunft in Höhe von 256 000 Euro geworden, das auf einem Schweizer Konto der Mutter liegt. Der bisherige Prozessverlauf bestätigt diesen Vorwurf der Staatsanwaltschaft nicht.
Die Angeklagten wurden von Peter Winckler, einem Erwachsenen-Psychiater aus Tübingen, begutachtet. Er fragt jeden Zeugen nach einem möglichen Motiv der Angeklagten. Es kommt nichts heraus dabei, wie auch? Es gibt kein rationales Motiv für eine irrationale Tat, die nur unreife, in ihrer Entwicklung gestörte, junge Leute begehen konnten.
Verteidiger Steffan fragt eine Zeugin, ob sie wisse, welchen Beruf der Vater ausübte, ehe er Heilpraktiker wurde, Ehrenämter übernahm, sich in der Kirche engagierte, der CDU beitrat und das achtbare Familienoberhaupt gab. Sie druckst herum. Man hält sich zurück, wenn es um die Opfer geht, es war doch "eine Vorzeigefamilie". Der Vorsitzende unterbindet die Frage. Dass der gelernte Bankkaufmann einen Sexshop betrieb, soll nicht thematisiert werden - aus "Pietätsgründen".
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 51/2009
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