14.12.2009

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTETöte und leide und töte

Wie ein Bauer zum Massenmörder wurde
Mokhairul Islam war nie ein Killer. Er brachte die Dinge nur zu Ende. Aber irgendwann waren die Dinge aus dem Ruder gelaufen.
Jetzt pilgern sie immer noch hin zu ihm, nach Defulia, in sein Dorf, Bauern aus der Umgebung, und geduldig warten sie vor seinem Haus, bis er sich aufrafft und nach draußen schleppt, um sie zu erzählen, die Story seines Lebens, denn er ist der Held für sie - obwohl, wie gern würde er alles vergessen.
Er ist oft erschöpft. Es kommt vor, dass er Tage auf seiner Schlafmatte verdämmert, kränklich, fiebernd; und seine Frau muss dann den Laden aufschließen, sie verkaufen Hühnerfutter an die Züchter in der Umgebung, und die Zwillinge, Sohanna und Mostafizur, müssen nach der Schule aufs Feld, während er nur daliegt, ein kräftiger, dunkler Mann mit dünnem Schnurrbart - Mokhairul Islam, 40 Jahre, Bauer, erlangte Berühmtheit, als er 83 450 Ratten abmurkste, in neun Monaten.
Die Zeremonie zu seinen Ehren fand in Dhaka statt, der Hauptstadt. Im Innenhof des "Bangladesh Agriculture Research Council" hatten sie eine Tribüne aufgebaut, rund 500 Gäste, ein Rednerpult stand schräg vor der Tribüne, Schautafeln, der Minister war da, Reden wurden gehalten, die Ratten seien ein auszumerzendes Übel und Mokhairul ein Vorbild, und zum Schluss überreichten sie ihm eine Urkunde und den Preis. Dann fuhr er heim. Über den Preis, einen 14-Zoll-Samsung-Farbfernseher, freute er sich; vor den Erinnerungen, die daheim auf ihn warteten, graute ihm.
Bangladesch steht auf dem Human-Development-Index weit hinten, Platz 146; auf einer Liste von Ländern, in denen man bitte nicht leben möchte, steht es eher höher. Zyklone, Überschwemmungen, Unterernährung, Epidemien, Rattenplagen. Aber in Bangladesch leben auch 156 Millionen Menschen, und Mokhairul Islam ist einer von ihnen, und es ist seine Heimat, er liebt sie, er hat keine andere.
Die Kampagne "Wer tötet die meisten Ratten?" gibt es seit 2004, jährlich neu ausgeschrieben vom Landwirtschaftsministerium in Dhaka. Der Sieger vom Vorjahr wurde schon gefeiert, mit etwas mehr als 40 000 erlegten Nagern. Mokhairul Islam wollte ihn gar nicht überbieten, es war kein Sport für ihn; es ergab sich nur, dass er eines Nachts zu rechnen anfing.
Jedes Rattenpaar, hatte Mokhairul Islam gehört, werfe in einem Jahr 500 Nachkommen: 500 Nachkommen, die pro Paar 500 Nachkommen zeugten, das ergäbe 125 000 Ratten, also über 60 000 Paare, die 500 Nachkommen zeugten - und am nächsten Morgen bestellte Mokhairul Islam die ersten Ladungen Gift der Marke Sanphos, ein Röhrchen mit 30 Tabletten.
Mokhairul Islam war es sein Leben lang vergleichsweise gut ergangen. Sein Hühnerfuttervertrieb läuft ordentlich, er baut Reis, Chili, Zwiebeln an, gilt allenthalben als fleißig und friedlich. Er ist Muslim. Allah hat jedes Wesen auf Erden geschaffen, damit es lebe, sagt er. Und dass der Mensch nicht das Recht habe, Leben zu nehmen.
Aber wenn sie alles wegfressen, die Ernte, die Saat? Wenn sie sich in die Käfige buddeln, die Hähne töten, das Junggeflügel reißen?
Mokhairul Islam stand nun zwei Stunden früher auf als ohnehin und zog mit einer Lampe los und beschickte die Nester mit Gift und legte Fallen aus. Das Gift wirkte sehr schnell. Am Nachmittag sammelte er die Kadaver ein, spätabends legte er wieder Gift aus und lauschte, wo es raschelte oder fiepte, und hielt Ausschau nach Nagespuren, nach neuen Nestern, und er gewöhnte sich bald daran, immer Gift bei sich zu haben, außerdem einen Spaten, falls eine Ratte noch zuckte.
Alte Ratten, junge Ratten, dicke, dünne, Weibchen, Männchen, Familien, Stämme, Dynastien - der Tod, sagt Mokhairul, macht alle gleich, und er teilte ihn aus, den Tod. Menschen und Ratten: Zwei Arten kämpften gegeneinander, die Fruchtbarkeit der Nager gegen die Entschlossenheit eines Mannes, es war Evolution auf die harte Tour.
Islam verbrannte die Kadaver; nicht ohne ihnen zuvor die Schwänze abgehackt zu haben. Er hob sie in Plastiktüten auf; einmal die Woche kam jemand vom Landwirtschaftsministerium zur Kontrolle, Islam lieferte die Schwänze ab, die jeweils aktuelle Zahl wurde nach Dhaka durchtelefoniert.
83 450 Ratten in neun Monaten. Durchschnittlich tötete Mokhairul Islam, falls die Zahlen stimmen, täglich 305 Tiere. Töten, sammeln, abhacken, töten, Kadaver sammeln, Schwänze abhacken, wie hält man das aus? Die verendenden Nager, die manchmal noch fiepten, krauchten, sich erbrachen, so erzählt er es, die steifen, pelzigen Körper, das ständige Gift - es sei schwer gewesen, sagt Islam, er meint wohl: Es war widerlich.
Aber er brachte die Dinge zu Ende. Töte, leide, töte.
Kurz vor Ablauf der Frist wurde er krank, womöglich depressiv; er konnte keine Ratten mehr sehen, beim Gedanken an sie wurde ihm übel. Möglich auch, dass er sich schleichend vergiftet hatte, über die Hände, die Schleimhäute. Als eine Delegation aus Dhaka bei ihm auftauchte und ihm erklärte, er habe einen neuen Rekord aufgestellt, da war Mokhairul Islam überrascht, er hatte das Zählen längst aufgegeben. RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 51/2009
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Töte und leide und töte

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