14.12.2009

VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATEGipfel des Größenwahns

Dubai im Höhenrausch: Bald wird der größte Wolkenkratzer der Welt eingeweiht - vor dem Hintergrund einer dramatischen Finanzkrise. Ende der Hybris im Übermorgenland?
Die Sicht ist klar, die Luft ist weich und seidig, den Himmel und das Meer trennt nur ein dünner roter Streifen beim Sonnenuntergang. Die Grenze zwischen Erhabenheit und Kitsch verschwimmt hier oben auf halber Höhe des Burj Dubai, des höchsten Turms der Welt.
Es riecht nach Lack, Lasur und frischen Ledergarnituren, die Schritte der Besucherinnen hallen vornehm, wenn sie über Parkett und Marmor laufen, und sind plötzlich wie verschluckt, wenn sie mit ihren Pumps in weichen Teppichen versinken. Im Südwesten ist eine künstliche Insel in Palmenform auszumachen, weiter nördlich ein Archipel, der wie eine Weltkarte aussieht.
Doch nur die Möbel, nur die Teppiche, nur die Gerüche und Geräusche stimmen, der Rest ist Illusion. Der Besucher schaut nicht aus 400 Meter Höhe auf den Persischen Golf hinunter, er steht zu ebener Erde am Fuße eines hermetisch abgeriegelten Gebäudes. In einem Musterapartment, vor dessen Panoramafenster eine riesige Wandtapete aufgezogen ist.
Es präsentiert sich das Verkaufszentrum von Emaar, der Firma, die diesen Turmbau zu Dubai errichtet, die sich aber schwer übernommen hat und ihre Apartments inzwischen zum halben Listenpreis verkauft. Es ist eine Firma, deren Aktienkurs in den letzten zwei Wochen erst um 32 Prozent sank und am vergangenen Donnerstag wieder um 15 Punkte stieg, die - wie die ganze Stadt - an einem Abgrund steht und nun so tut, als wäre nichts.
Dubai steht wie kein anderer Ort für die Globalisierung, für "Innovation" und "erstaunlichen Fortschritt", wie US-Präsident Barack Obama in seiner Kairoer Rede an die Muslime lobte - aber auch für unglaubliche Exzesse. In Dubai sind Utopien mitunter Wirklichkeit, und die Realität ist manchmal nur eine Fata Morgana.
Der Turm ist Wirklichkeit. 818 Meter und 160 bewohnbare Etagen hoch ragt er in den Himmel, die Touristen mit ihren Kameras gehen in die Knie vor ihm, um Sockel und Spitze gleichzeitig aufs Bild zu kriegen.
Und er ist so hoch, dass ihn die Beduinen in ihren Oasen noch 100 Kilometer landeinwärts und die Matrosen auf ihren Supertankern draußen im Golf aus 50 Seemeilen Entfernung sehen können - an den paar Wintertagen zumindest, wenn die Luft so klar ist wie auf der Wandtapete vor dem Panoramafenster.
Er ist so riesig, dass die Luft an seiner Spitze bis zu acht Grad kühler ist als an der Basis. Sollte je einer auf die Idee kommen, unten und oben eine Tür und dazwischen die Luftschleusen zu öffnen, würde ein Sturm durch das klimatisierte Gebäude rasen, der außer den schweren Marmorplatten in den Luxusapartments nicht viel von der Innenarchitektur übrigließe. "Kamineffekt" heißt dieses Phänomen.
Ein Heer von Gastarbeitern aus Indien, Pakistan und Bangladesch hat den Burj gebaut, sie stellen rund 80 Prozent der Einwohner in Dubai; nur jeder fünfte mit Wohn- und Arbeitssitz ist ein "Local" mit Anrecht auf einen Pass der Vereinigten Arabischen Emirate. Ein Heer von Marketing-Strategen sorgt dafür, dass keiner am silbernen Firnis des Wunderwerks kratzt.
Wer der Baustelle zu nahe kommt, dem erklären Sicherheitsleute die Bedeutung des Wortes "unbefugt". Alle, die zur Besichtigung geladen sind - und sei es nur der äußeren Anlagen -, haben sich zur Geheimhaltung zu verpflichten, und zwar, wie im Vordruck steht, "letztgültig, unwiderruflich und bedingungslos". Gerichtsstand ist Dubai.
Gut zwei Wochen gilt das noch, bis zum 4. Januar 2010, dem mehrfach verschobenen Eröffnungstermin, zu dem der Turm seine ganze Wirkung entfalten soll - als Magnet eines zwei Quadratkilometer großen Neubauviertels, an dessen Stelle vor fünf Jahren der Wind noch leere Plastiktüten über den Wüstensand blies. Und als vorläufig letztes Großprojekt einer Stadt, die hoch gestiegen ist und nun tief zu fallen droht.
Allein am Dienstag voriger Woche sackten die Kurse an der Börse von Dubai um durchschnittlich sechs Prozent ab, Anleihen der Baufirma Nakheel standen zuletzt bei 52 Cent gegenüber dem Nominalwert von einem Dollar. Sechs andere Staatsfirmen stufte die Rating-Agentur Moody's so tief herab, dass Börsianer ihnen nur mehr den "junk status" zubilligen: Ramschware. Dass Dubai World, die größte der Staats-Holdings, ihre 26 Milliarden Dollar Schulden wie versprochen binnen sechs Monaten refinanzieren kann, hält kaum mehr jemand für realistisch. Der Umschuldungsbedarf von Dubai-Staatsunternehmen wird sich nach Erkenntnissen der US-Bank Morgan Stanley sogar noch einmal dramatisch erhöhen - auf fast das Doppelte, knapp 47 Milliarden Dollar.
"Dubai wurde innerhalb eines Jahres vom Grundstücksmarkt mit der besten Performance zu dem mit der schlechtesten auf der Welt", schreibt die "International Herald Tribune". Hat sich das als Übermorgenland gepriesene Emirat am Persischen Golf verzockt? Das Vorbild für ein zukunftsorientiertes Arabien, das Drehscheibe der Globalisierung zwischen Ost und West sein wollte, nicht weniger als ein Modell für die Zukunft - gescheitert?
Ausgerechnet das "Wall Street Journal", das Zentralorgan des westlich geprägten, konservativen Kapitalismus, warnt vor amerikanischer und europäischer Arroganz und der Tendenz, die Emporkömmlinge am Golf - und in der Dritten Welt generell - abschreiben zu wollen: "Die alten Finanzzentren sehen die Dubais, Shanghais und Rios mit Misstrauen und in der irrigen Überzeugung, deren Modelle seien nur auf Sand gebaut. Dabei waren es doch ihre eigenen Fundamente, die sich als schwach erwiesen haben. Darum sollten wir uns Sorgen machen, große Sorgen - aber nicht um Dubai."
Dass es zu früh ist, Dubai die Totenglocke zu läuten: Diesen Eindruck werden zumindest die Scheichs zu machen versuchen, wenn sie den Burj Dubai Anfang Januar eröffnen. Und es wäre in der Tat Snobismus zu bestreiten, dass der Turm ein eindrucksvolles, höchst elegantes Bauwerk ist, filigran geradezu im Vergleich zu den schlichten Quadern des Funktionalismus und den modernen Kitsch-Türmen von Kuala Lumpur und Taipeh.
Der dreilappige Grundriss des Turms, sagt sein Schöpfer, der US-Architekt Adrian Smith, sei der Blütenstruktur der Schönlilie nachempfunden, einer Form, die gleichzeitig mehr Sichtfläche schafft und den Winddruck verringert, der auf Gebäude dieser Höhe wirkt. Nach oben hin verjüngt es sich, indem etwa alle acht Etagen ein anderer der drei Lappen ein Stück nach hinten rückt - ein Effekt, der an ein islamisches Spiral-Minarett erinnert und den Turm mit 26 Terrassen ausstattet: Auf Etage 78 wird ein Freiluft-Pool entstehen, auf Etage 124 (Seehöhe 442 Meter) die dritthöchste Aussichtsplattform der Welt.
Der Bremer Uwe Hinrichs, 68, war bereits am Bau einer anderen Dubai-Ikone beteiligt, an der Errichtung des segelförmigen Burj-al-Arab-Hotels, als er Ende 2004 auf der Baustelle seines Lebens eintraf. Die Fundamentplatte war damals bereits betoniert, darunter: 850 Pfähle, bis zu 55 Meter tief in den Wüstenboden getrieben, um eine Last von heute 230 000 Kubikmetern Beton und 31 000 Tonnen Stahl zu tragen.
"Bautechnisch", sagt Hinrichs, "ist der Burj Dubai eine vergleichsweise einfache Konstruktion." Eine der größten Herausforderungen sei die Logistik gewesen: Fünf Jahre lang wurde rund um die Uhr gearbeitet, fünf Jahre lang mussten 24 Stunden täglich Menschen, Maschinen und Material an genau der richtigen Stelle sein. Dafür war Hinrichs verantwortlich, "Chief Coordinator" steht auf seiner Visitenkarte, und sein norddeutsch-entspanntes Naturell kam ihm dabei zugute, auch der Umstand, dass ihn seine Chefs zu einem Konzert im Wiener Musikverein oder einer Rembrandt-Ausstellung nach Muskat im Nachbarstaat Oman entwischen ließen.
Knapp 2000 Menschen fingen 2004 an, ein Stockwerk auf das andere zu schichten, im Schnitt eines pro Woche. 14 000 Mann waren es, als im Herbst 2009 der Innenausbau in seine letzte Phase trat, Menschen aus 45 Nationen, die 35 Sprachen sprechen, Ingenieure mit weißen, Sicherheitsleute mit roten und Arbeiter mit blauen Helmen - und trotzdem keine babylonische Sprachverwirrung; 95 Millionen Arbeitsstunden haben sie geleistet, viele von ihnen zu einem Hungerlohn: Nicht mehr als zwölf Euro am Tag verdiente ein ausgelernter Tischler, noch weniger ein Hilfsarbeiter.
Fassadenteile aus China, Marmorplatten aus Italien, Furniere aus Brasilien wurden herangeschafft, auch deutsche Firmen haben am Burj Dubai mitgebaut: Lopark aus Nordrhein-Westfalen lieferte Parkettboden, ganze Fußballfelder davon, Guardian aus Sachsen-Anhalt 174 000 Quadratmeter Sonnenschutzglas, Dorma aus Ennepetal Scharniere und Beschläge, Duravit rund 4000 Bidets und Toiletten, Miele 7650 Haushaltsgeräte, der größte Einzelauftrag in der Geschichte des Unternehmens. Dem bayerischen Porzellanhersteller Rosenthal kaufte der Designer Giorgio Armani für sein Hotel in den untersten acht Burj-Etagen 15 200 Teller und Tassen ab.
Entscheidend war der deutsche Anteil an der Grundsubstanz des Burj Dubai, dem Beton: Weil er bei Tagestemperaturen von über 40 Grad zu schnell trocknet, wurde nur nachts betoniert. Um ihn erst geschmeidig und nachher hart zu machen, entwickelte BASF eine besondere Chemikalie; um bis zur 160. Etage hinauf betonieren zu können, lieferte die Firma Putzmeister aus Aichtal Hochleistungspumpen.
Still und ereignislos, ganz nach Hinrichs Geschmack, wuchs der Turm Etage um Etage - bis zum 6. Juni 2007, als ihm der Wetterdienst des Flughafens eine Satellitenkarte mailte: Über dem Indischen Ozean hatte sich ein Wirbelsturm gebildet, der schwerste in dieser Region je registrierte, und bewegte sich geradewegs auf die Straße von Hormus zu. "Das war der einzige Tag in fünf Jahren", sagt Hinrichs, "an dem wir die Baustelle schließen mussten."
Der Turm Dubai hatte nun alle Superlative der Baugeschichte gebrochen, den "Taipeh 101"-Turm (509 Meter) als das höchste bewohnte Gebäude der Welt überholt, den CN-Tower (553 Meter) in Toronto als die höchste freistehende Baustruktur. Dubai war am bislang ehrgeizigsten seiner Ziele angekommen. Die Stadt, vor einem Menschenalter noch ein Dorf von Perlenfischern, hatte einen Weltrekord in den Nahen Osten zurückgeholt, den fast vier Jahrtausende lang die Große Pyramide von Giseh (138,8 Meter) gehalten hatte, bevor ihn im Jahre 1311 die Kathedrale von Lincoln in England (damals 160 Meter) übernahm.
Was sollte die Wirtschaftswunderstadt am Golf jetzt noch aus den Fugen heben? Ein Terroranschlag? Ein neuer Golfkrieg, diesmal gegen Iran? Noch ein Erdbeben, ein stärkeres womöglich als das vom 10. September 2008?
An jenem Tag des Wirbelsturms hatte aus 700 Meter Höhe ein Kranführer Hinrichs angerufen und gemeldet, bei ihm oben "wackelt es". Erdstöße hatten die iranische Hafenstadt Bandar Abbas erschüttert, in Dubai hatten das außer dem Kranführer nur wenige gemerkt.
Fünf Tage später wurde Dubai dann von einem Beben der anderen Art getroffen, nur lag dessen Epizentrum in New York, der anderen Stadt der Wolkenkratzer: Am 15. September 2008 leitete Lehman Brothers, die viertgrößte Investmentbank, das Insolvenzverfahren ein.
Nicht nur Dubai, auch der Westen hatte in den Jahren des Immobilienbooms an einem Turm gebaut - einem Schuldenturm, der jetzt krachend zusammenstürzte. Doch um wie viel größer auch die Summen waren, um die es im Westen ging, die Krise blieb und bleibt weitgehend ein seltsam abstraktes Phänomen. Dubai dagegen führt den Untergang so anschaulich vor wie keine andere Stadt der Welt.
"Der Größenwahn, die klassische Megalomanie, ist aus den Personen selbst ausgewandert. Heute können die Menschen nicht so verrückt sein wie das System", glaubt der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk. "Darum sind wir eigentlich vom Verlauf der Krise menschlich wahnsinnig enttäuscht. Es ist nicht eine einzige farbige Persönlichkeit aufgetreten, die die Krise interessant macht. Ich habe noch nie eine so große Verschwörung der Spießer beisammen gesehen wie im Augenblick."
Sloterdijk mag recht haben, was die Banker, Analysten und Finanzminister des Westens betrifft. Aber er hat offenbar noch nicht von Scheich Mohammed Bin Raschid Al Maktum, 60, gehört, dem Pferdezüchter und Poeten, dem PS-Freak, Falkenfreund und Milliardenjongleur. Dem Herrscher von Dubai und Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate. "Versprechen machen viele Führer", sagte er noch im Februar 2008, als ihm die Freie Universität Berlin die "Ehrenmedaille in Gold" verlieh: "Doch wir lösen sie ein."
"The Palm", "The World", "The Universe" hießen die Inselprojekte, die er vor seiner Stadt hatte aufschütten lassen. Nicht nur die FU, der ganze Westen war fasziniert von seiner Energie und seinem Optimismus. Wie die Vollblüter aus seinem Rennstall schickte er die fähigsten seiner Leutnants auf die Umlaufbahn der Globalisierung, auf dass sie immer neue Türme bauten, Häfen kauften, Flugzeuge um die Welt schickten.
Eine Immobilienfirma nach der anderen wurde gegründet, klingend die Namen - Dubai Holding, Dubai Properties, Tatweer, Meraas, Sama -, doch wer da eigentlich was baute und mit wessen Geld, wusste bald keiner mehr. Offenbar nicht einmal der Scheich selbst.
Noch vor gut einem Jahr traten sich auf der Immobilienmesse "CityScape Dubai" die Investoren auf die Füße. Michael Schumacher warb für einen Wolkenkratzer mit einer überdachten Yacht-Garage; Nakheel, die Pleitefirma dieser Tage, stellte allen Ernstes den Baubeginn für einen 1000-Meter-Turm in Aussicht; und auf der Palmeninsel Jumeirah feierte Dubai mit einem 20-Millionen-Dollar-Feuerwerk die Eröffnung des Märchenhotels Atlantis. "Krise?", schien die irre Stadt zu fragen: "Welche Krise?"
Ein Jahr später präsentierte einer von Scheich Mohammeds Paladinen dann die Rechnung: 80 Milliarden Dollar Schulden hatte Dubai aufgehäuft; 50 Milliarden, etwa zwei Drittel seines Bruttoinlandsprodukts, werden bis 2013 fällig sein.
Der Scheich verschwand plötzlich von der Bildfläche. Gerüchte machten die Runde, er sei krank, er sei "melancholisch". Er kam zurück und fing an, die Lage schönzureden: Dubai sei von der Krise nicht betroffen, Dubai habe die Krise überwunden, Dubai und sein reicher Nachbar Abu Dhabi seien brüderlich und untrennbar verbunden.
Doch die "Brüder" aus dem Nachbar-Scheichtum, mit denen zusammen die Dubaier den Hauptteil der "Vereinigten Arabischen Emirate" bilden, wollten bei den Exzessen Dubais nicht mehr mitmachen: Abu Dhabi hat sieben Prozent der weltweiten Erdölreserven, sein Emir Chalifa Bin Sajid al-Nahajan, 64, ist Präsident des gemeinsamen Staates, Scheich Mohammed nur der Premier - und Abu Dhabi beäugt die prestigeträchtigen Aktivitäten seines Verwandten im Nachbar-Emirat zunehmend misstrauisch und wohl auch eifersüchtig.
Anfang des Jahres hat Abu Dhabi Dubai noch mit einer 20-Milliarden-Dollar-Spritze aus den größten Schwierigkeiten befreit, jetzt scheint es dazu nicht mehr willens - trotz genügender Reserven in seinem 500-Milliarden-Dollar schweren Fonds-Vermögen. Die Scheichs von Abu Dhabi wollen ihr Geld lieber für solidere, nachhaltigere Projekte ausgeben, eine emissionsfreie Öko-Stadt namens Masdar beispielsweise, in der sie für das Zeitalter nach dem Öl forschen und arbeiten lassen wollen.
Wie ernst die Krise ist und wie nahe sie ihm geht, ließ der Scheich in den vergangenen vier Wochen erkennen, nicht immer freiwillig: Erst verlor der sonst stets beherrschte Scheich die Nerven und forderte die kritische West-Presse auf, die "Klappe zu halten", dann entließ er drei seiner engsten Vertrauten aus dem zentralen Finanzrat des Emirats - um kurz darauf die Krise poetisch zu umschreiben: "Es ist der Baum, der Früchte trägt, den die Steinewerfer zu ihrem Ziel machen."
Wahrlich, der Dichterfürst Mohammed Bin Raschid Al Maktum hat gute Gründe, sich auf den Tag zu freuen, an dem er den Burj Dubai eröffnet. Denn mit dem Schnitt durchs rote Band wird er den roten Faden eines großen Epos aufnehmen, einer Menschheitssaga, die über die Finanzprobleme eines verschuldeten Golf-Emirats weit hinausgeht. Schon einmal nämlich soll es einen so bahnbrechenden Turmbau im Morgenland gegeben haben, in Babylon, der Stadt im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris.
Archäologen haben bestätigt, dass ein solches Bauwerk im 3. vorchristlichen Jahrtausend wirklich existierte: Auf damals sagenhafte 90 Meter schätzen sie den antiken Wolkenkratzer, errichtet über einer 90 mal 90 Meter großen Plattform - das wäre immerhin ein Neuntel so hoch wie das neuzeitliche Weltwunder. Und nach den Worten der Bibel viel mehr als ein Bauwerk: eine Versuchung Gottes. "Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen" - was so frappant nach einem Motto der modernen Dubai-Herrscher klingt, sind Worte aus dem Alten Testament, dem Buch Genesis. Sein zu wollen wie Gott ist für viele Gläubige bis heute eine Anmaßung, die eine Strafe nach sich ziehen muss.
Und trotzdem scheint das exzessive Städte- und Türmebauen eine kulturunabhängige Konstante zu sein, ein Menschheitstraum und -alptraum, von den Babyloniern bis zu den Helden und Schurken der Gegenwart. Der Herrscher von Dubai ist nicht der Einzige, der sich in Stahlbeton und gleißenden Fassaden verwirklicht hat:
In Kasachstans neuer Hauptstadt Astana protzt Präsident Nursultan Nasarbajew mit monumentalen Achsen, Triumphbögen und Pyramiden; weißer Marmor kontrastiert mit Granit, gigantische Glaskuppeln wölben sich, und auf dem Bajterek-Turm kann jeder Untertan seine Hand in den goldenen Handabdruck des Präsidenten legen.
Im Dschungel Burmas ließen diktatorische Generäle eine absurde neue Hauptstadt aus dem Boden stampfen, Naypyidaw genannt, "Sitz der Könige". Und noch einen Schritt näher am Abgrund steht Yamoussoukro, Hauptstadt der Elfenbeinküste und Mahnmal des 1993 verstorbenen Gründer-Präsidenten Félix Houphouët-Boigny. Grandiose Bauten, aber kaum Menschen: Vom Aberwitz im Regenwald zeugt die Kathedrale Notre-Dame-de-la-Paix, die dem Petersdom in Rom nachempfunden ist, nur dass die Ausmaße des afrikanischen Sakralbaus noch gigantischer sind - es ist das weltgrößte Gotteshaus der Katholiken.
Es ist leicht, sich über die Größenwahnsinnigen lustig zu machen, ihre Hybris zu verspotten, über den Rekordwahn ihrer Potenzbauwerke zu lästern: Aufstieg und Phall der neureichen Herren.
Und doch: Sind nicht Brasília und Canberra, die südamerikanische und die australische Variante der künstlichen Musterstadt, beachtliche Erfolge? Hat nicht die Geschichte zumindest einigen Visionären recht gegeben, deren Errungenschaften wir bis heute bestaunen - den Schöpfern von Giseh am Nil, Machu Picchu in den Anden und Angkor in Südostasien sowie den Gründern von St. Petersburg?
Die Pyramiden der Pharaonen, die Bergfestung der Inkas, die sakralen Ruinen der Khmer werden heute als Teil des Weltkulturerbes bestaunt, es sind die Orte, die stolz auf die Menschheit machen. Sie sind das große, großartige Gestern. Und auch das Zentrum von St. Petersburg, vor etwas über 300 Jahren am Reißbrett entworfen wie jetzt Dubai, durchmessen die Menschen heute als Idealstadt, als Beispiel gelungener Urbanität.
Wo in den Emiraten Sand war, war an der Newa Sumpf. Auf Geheiß des Zaren entstand nicht einfach nur Russlands Fenster zum Westen, sondern ein Spiegelbild dessen, was die damalige Moderne an Utopien zu bieten hatte. "Rag, Peters Stadt, in hehrer Pracht, wie Russland stolz und unbezwungen! Bezähm der Elemente Macht, der du dein Leben abgerungen", dichtete Alexander Puschkin, der kongeniale poetische Gegenpart Peters des Großen - Hybris, in herrliche Verse gegossen.
Auch was heute in Dubai - oder in Shanghai, in Astana - passiert, geschieht in der Regel unter den Bedingungen eines autoritären Staatswesens. In Demokratien lassen sich Menschen nicht von ihrem Grund und Boden vertreiben, sondern klagen ihre Rechte mit Hilfe von Anwälten ein. In Demokratien sorgen mehr oder minder sinnvolle Bauvorschriften und Verordnungen sowie beglaubigte Gutachter dafür, dass Wildwuchs und Ungerechtigkeiten eingedämmt werden - aber eben auch Kreativität, Spontaneität, "positiver" Größenwahn. Alles nivelliert sich.
"Diese Gesellschaft ist mittelmäßig", hat der Dichter und scharfzüngige Zeitkritiker Hans Magnus Enzensberger einmal über die Wirklichkeit der Bundesrepublik geschrieben. "Mittelmäßig sind ihre Machthaber und ihre Kunstwerke, ihre Repräsentanten und ihr Geschmack, ihre Freuden, ihre Meinungen, ihre Architektur, ihre Medien, ihre Ängste, Laster, Leiden." Und dann fährt er in seinem Essay "Mittelmaß und Wahn" fort: "Diese Einsicht hat etwas Erlösendes."
Irgendwo zwischen westlichen Vorstädten und Yamoussoukro liegt Dubai. Ob es sein Burj, sein Turm, je zum Weltkulturerbe bringen wird, steht dahin; wie lange er das höchste Bauwerk der Welt bleibt, ist offen. Schon planen China, Saudi-Arabien und Kuwait Türme, die den Burj Dubai weit überragen sollen. Über 1000 Meter soll es hinausgehen.
Zum Sturz Babels heißt es in der Bibel, Buch Jesaja: "Und plötzlich wird dein Untergang kommen, an den du niemals gedacht hast." Mit Unterstützung von außen ist nach den alttestamentarischen Worten für die megalomanischen Turmbauer nicht zu rechnen: "So geht es all deinen Zauberern, um die du dich seit deiner Jugend bemüht hast. Sie machen sich alle davon, keiner will dir mehr helfen."
Billig ist der Burj Dubai nicht gewesen, vielleicht war er sogar unbezahlbar. Doch eine Tugend immerhin haben die Scheichs von Dubai ihre Zeitgenossen gelehrt: es einfach einmal zu probieren.
ERICH FOLLATH, BERNHARD ZAND
Von Erich Follath und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 51/2009
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