14.12.2009

NORDKOREADer Führer und die Nullen

Mit seiner Währungsreform will Diktator Kim Jong Il Autorität zurückgewinnen. Er würgt die Privatwirtschaft ab und feiert das als großen sozialistischen Sieg.
Wenigstens die Kinder können sich freuen. Früher als üblich haben für Grund- und Mittelschüler in diesem Jahr die Winterferien begonnen. Sie könnten so besser vor der Schweinegrippe geschützt werden, erklärten die nordkoreanischen Behörden. Den zweiten Grund nannten sie nicht: Vielen Schulen fehlen Kohle und Holz, um die Klassenzimmer zu beheizen. Läden und Märkte waren vorige Woche geschlossen, auch das staatliche Versorgungssystem ist erstarrt wie ein zugefrorener See.
Die bitterarme Atommacht im Fernen Osten krempelt derzeit ihre Wirtschaft um. Völlig überraschend verordnete der "Liebe Führer" Kim Jong Il, 67, eine Währungsreform: Er strich zwei Nullen, 1000 alte Won sind fortan nur noch 10 wert.
Es wäre ein rein mathematischer Schnitt gewesen, hätten Nordkoreas Regenten nicht verfügt, dass jeder Bürger nur 100 000 Won umtauschen darf, nach offiziellem Wechselkurs rund 592 Euro, auf dem Schwarzmarkt bekommt man dafür jedoch nicht mehr als 50 Euro.
100 000 Won, so viel kosteten vor der Aktion gerade mal 100 Kilogramm Reis auf einem privaten Markt. Im Schnitt verdienen die Koreaner 4000 Won monatlich.
Für Familien liegt die Umtauschgrenze bei 300 000 Won. Wer mehr altes Geld besitzt, kann es auf einer Bank deponieren. Es bleibt aber unklar, wie viele neue Won er dafür zurückbekommen wird, und vor allem: wann. Und völlig im Nebel liegt, was die Koreaner fürs neue Geld künftig kaufen können.
"Unter den Bürgern herrscht große Unsicherheit", sagt eine ausländische Bewohnerin Pjöngjangs. Hartnäckig halten sich Gerüchte, die Devisenläden könnten geschlossen werden. Um für Ruhe zu sorgen, preisen Lautsprecherwagen den dreisten Währungsschnitt, der viele Koreaner um ihr Erspartes bringt, als "große sozialistische Reform für die Arbeiter und Bauern".
Auf der neuen 5000-Won-Note strahlt Kim Il Sung, Nordkoreas 1994 gestorbener "Präsident auf Ewigkeit". Auch sein Sohn, der "Liebe Führer", ist erstmals auf einem Geldschein präsent, allerdings nicht mit seinem Porträt. Der 2000-Won-Schein zeigt stattdessen jene Hütte, in der er laut Parteilegende am 16. Februar 1942 schon "als großer Revolutionär" zur Welt gekommen sein soll.
Mit dem Griff in die Taschen der Bürger wollen Kim und seine Militärs die Inflation bekämpfen, denn die Preise auf den Märkten sind in letzter Zeit in die Höhe geschossen. Wer weniger Geld hat, so das Kalkül, kauft weniger Waren, und bei geringerer Nachfrage steigen die Preise nicht an. Nur so könne Nordkorea eine "starke, wohlhabende und mächtige Nation" werden, wie es der kränkelnde Herrscher bereits zum Jahr 2012 verspricht. Es ist eine der üblichen Utopien. 2008 erwirtschafteten die Nordkoreaner nur 2,7 Prozent von dem, was die Brüder und Schwestern im kapitalistischen Süden erreichten.
Immerhin wuchs die Wirtschaft des Landes nach einem Bericht der südkoreanischen Zentralbank voriges Jahr um 3,7 Prozent, sowohl Im- als auch Exporte zogen kräftig an. Der riesige Pyramidenbau des Ryugyong-Hotels in der Hauptstadt, jahrzehntelang eine Bauruine, glitzert in der Sonne: Bauarbeiter haben endlich die Fenster eingesetzt.
Hinter der Währungsreform steckt allerdings mehr als nur der Kampf gegen steigende Preise: Kim fürchtet, die Kontrolle über seine Untertanen zu verlieren.
Um die Menschen halbwegs ernähren zu können, hatte er ab 2002 die strenge Planwirtschaft gelockert. Auf Hinterhöfen, unter Brücken und an Straßenecken boten Bauern seither Reis, Eier, Obst und Gemüse feil. Chinesische Händler brachten Fahrräder ins Land, schicke Anoraks, sogar Autos. Auf dem offiziellen Pjöngjanger Tongil-Privatmarkt konnte man importierte Bananen und Mangos kaufen, zu horrenden Preisen.
Nordkoreaner eröffneten in ihren Wohnungen Imbissstuben, Schneidereien und Kneipen, und über die TV-Schirme flimmerte Reklame für das "Taedongfluss-Bier" - der "Stolz Pjöngjangs". Es "mindert den Stress und verbessert die Gesundheit", jubelten die Sprecher.
Plötzlich gab es Nordkoreaner mit bescheidenem und sogar weniger bescheidenem Vermögen - angehäuft durch eigenen Fleiß und Findigkeit. Die neuen Kleinunternehmer und Händlerinnen - Männer dürfen nichts verkaufen - drohten dem verordneten Kollektivismus zu entgleiten. "Mit der Währungsreform will Kim verlorene Autorität zurückgewinnen", sagt ein südkoreanischer Fachmann mit engen Kontakten zu Pjöngjangs Funktionären.
"Wir erreichen bald den höchsten Gipfel der Kim-Jong-Il-Ära, auf den wir uns schon so gefreut haben", schwurbelte vorige Woche Pjöngjangs staatlicher Radiosender - und traf damit ungewollt den Kern. Wenn auch die Währungsreform die meisten Bürger nicht betrifft, weil sie zu arm sind: Der im Volk ungeliebte Kim könnte tief von seinem heißersehnten Gipfel stürzen, nimmt er den Nordkoreanern nun selbst geringe Ersparnisse wieder weg.
Bisher haben offenbar nur Marktfrauen gegen die Entscheidung ihres Führers protestiert, andernorts sollen wütende Bürger altes Geld verbrannt haben. Der deutsche Nordkorea-Experte Rüdiger Frank von der Universität Wien aber prophezeit: "Die Währungsreform wird sich langfristig als destabilisierend herausstellen, selbst wenn man kurzfristig Unruhen vermeiden kann."
Die Erfahrung anderer sozialistischer Gesellschaften habe gezeigt, dass "Frustration und Unzufriedenheit sich still anhäufen", bis sie ein Niveau erreichten, das Lenin einst als "revolutionäre Situation" beschrieb. "Wenn einmal gewährte Freiheiten wieder entzogen werden", glaubt Frank, könnten eines Tages sogar die Nordkoreaner böse werden. ANDREAS LORENZ
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 51/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NORDKOREA:
Der Führer und die Nullen

  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor