14.12.2009

RUSSLAND„Eine impulsive Reaktion“

Der Außenamtschef der Russisch-Orthodoxen Kirche, Erzbischof Ilarion, über den Abbruch des Dialogs mit der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Beziehungen zu Papst Benedikt XVI.
Ilarion, 43, Erzbischof von Wolokolamsk, ist Vorsitzender der Abteilung für Auswärtige Beziehungen des Moskauer Patriarchats und engster Vertrauter von Kirchenoberhaupt Kirill.
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SPIEGEL: Exzellenz, Ihre Kirche hat den Dialog mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) abgebrochen, aus einem einzigen Grund: weil mit Bischöfin Margot Käßmann nun eine Frau an deren Spitze steht. Warum wollen Sie nicht mit ihr sprechen?
Ilarion: So haben es einige Medien dargestellt. Ich habe lediglich festgestellt, dass wir den theologischen Dialog nicht in der Form fortsetzen können, wie er in den letzten 50 Jahren existierte.
SPIEGEL: Das läuft doch auf dasselbe hinaus: Sie wollen Frau Käßmann nicht als Gesprächspartnerin.
Ilarion: Ungeachtet dessen, dass wir die evangelische Kirche nicht als Kirche in unserem Sinne anerkennen, gab es bisher sehr wohl Zusammenkünfte zwischen unserem Patriarchen und dem Ratsvorsitzenden der EKD. Das ist nun künftig unmöglich: Der Patriarch kann sich mit keiner Bischöfin treffen.
SPIEGEL: Das stößt in Deutschland auf großes Unverständnis. Ihre Kirche steht als ultrakonservativ da.
Ilarion: Das nehmen wir in Kauf. Die Auswahl des Ratsvorsitzenden ist eine innere Angelegenheit der EKD, wir respektieren die Wahlfreiheit jener, die für Frau Käßmann gestimmt haben. Wir Orthodoxe haben aber ebenfalls unsere Rechte, und dazu gehört, die Form des Dialogs neu zu bestimmen, wenn sich die Umstände geändert haben.
SPIEGEL: Erklären Sie uns, warum Sie den Dialog mit einem weiblichen Bischof für unvorstellbar halten?
Ilarion: Das ist keine Frage des Geschlechts, sondern des Blicks auf die christliche Tradition. Frauen können nicht in der Nachfolge der Jünger Jesu, der Apostel, stehen, wie das bei orthodoxen und auch katholischen Bischöfen der Fall ist. Zudem würde ein Treffen von Patriarch Kirill mit Frau Käßmann den Anschein erwecken, dass unsere Kirche das Priestertum der Frau anerkennt. Unsere Gläubigen würden das nicht verstehen. Wir aber müssen sehr gefühlvoll auf deren Stimme hören, sie sind nach unserem Verständnis Hüter des orthodoxen Glaubens.
SPIEGEL: Besteht der Sinn der Ökumene nicht gerade darin, "unterschiedliche Kirchen- und Amtsverständnisse zu akzeptieren", wie Frau Käßmann sagt? Wie können Sie da Frauen vom Dialog ausschließen?
Ilarion: Am Gespräch zwischen beiden Kirchen waren auch Frauen beteiligt. Allerdings als Pastorinnen, nicht als Bischöfin. Im November und Dezember wollten wir feierlich den 50. Jahrestag unseres Dialogs begehen, in Moskau und in Berlin. Nach der Wahl von Frau Käßmann habe ich vorgeschlagen, dass wir die Moskauer Feier wie geplant durchführen und Bischof Huber aus diesem Anlass zu uns kommt.
SPIEGEL: Der frühere EKD-Vorsitzende.
Ilarion: Für mich allerdings war die Fahrt nach Berlin nun schwierig geworden, ich wollte deswegen meinen Stellvertreter schicken. Daraufhin hat die EKD die Feierlichkeiten in beiden Ländern abgesagt. Sie hat es nicht mal für nötig gehalten, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Ich bedaure das sehr, man hätte so nicht reagieren dürfen.
SPIEGEL: Wir können die Reaktion nachvollziehen: Der Stellvertreter wurde als Affront empfunden.
Ilarion: Das mag sein. Eine solch impulsive Reaktion entspricht aber nicht dem bisherigen Niveau unserer Beziehungen. Wir wollen den Dialog nicht abbrechen, sondern ihn ausbauen. Ich bin zu einem Treffen mit Führern der evangelischen Kirche bereit, um die künftige Form der Kooperation zu erörtern.
SPIEGEL: Aber eben nicht mit Frau Käßmann.
Ilarion: Mit meinem Gegenüber bei der EKD.
SPIEGEL: Das ist ein Mann.
Ilarion: Glücklicherweise. Bischof Martin Schindehütte.
SPIEGEL: Bischöfin Käßmann und Bischof Schindehütte haben den Patriarchen in einem Brief um seine Stellungnahme gebeten. Gibt es schon eine Antwort?
Ilarion: Es wird eine geben, die die Unterschrift des Patriarchen trägt oder meine.
SPIEGEL: Sie haben erwähnt, dass die evangelische Kirche für Sie keine wirkliche Kirche ist. Was unterscheidet sie von der orthodoxen und der katholischen Kirche?
Ilarion: Orthodoxe und katholische Kirche trennen lediglich einige theologische Unterschiede und der Kirchenaufbau. So lehnen wir den Primat des Papstes über andere Kirchen ab. Die Gegensätze sind aber nicht grundsätzlicher Natur. Wir erkennen die Sakramente der katholischen Kirche wie zum Beispiel die Taufe an, und wenn ein katholischer Priester zum orthodoxen Glauben übertritt, darf er Priester bleiben. Ebenso wie im umgekehrten Fall. Die protestantischen Kirchen dagegen erkennen wir nicht als Kirchen an, wir sehen in ihnen nur Gemeinschaften von Christen. Zwischen uns bestehen radikale Unterschiede in theologischen und ethischen Fragen.
SPIEGEL: Welche meinen Sie?
Ilarion: Viele protestantische Kirchen haben in den letzten Jahrzehnten ihre Moralvorstellungen liberalisiert, sie rechtfertigen vom theologischen Standpunkt Homosexualität, ja segnen gar Ehen zwischen Homosexuellen. Manche halten Abtreibung für keine Sünde. Und anders als wir und die katholische Kirche weihen Protestanten Frauen zu Priestern.
SPIEGEL: Auch die Beziehungen Ihrer Kirche zu den Katholiken waren in den letzten Jahren alles andere als entspannt. Die katholische Kirche hatte vier Diözesen in Russland errichtet, woraufhin Sie ihr die Abwerbung von Gläubigen vorwarfen. Diese Differenzen sind jetzt ausgeräumt?
Ilarion: Differenzen gab es und gibt es weiterhin. Die Spannungen entstanden nach dem Zerfall der Sowjetunion, als uns von der griechisch-katholischen Kirche in der West-Ukraine mit Gewalt Hunderte Kirchen weggenommen wurden; Tausende orthodoxe Gläubige wurden auf die Straße gesetzt. Es heißt, die griechisch-katholische Kirche sei autonom, doch sie gehört wohl eher zu Rom, und Rom sollte dort seinen Einfluss geltend machen.
SPIEGEL: Seit Jahren wird spekuliert, wann es endlich zu einem Treffen zwischen dem russischen Patriarchen und dem römischen Papst kommt. Vor wenigen Tagen haben Moskau und der Vatikan den Austausch von Botschaftern vereinbart - folgt nun die Begegnung beider Kirchenoberhäupter?
Ilarion: Wir schließen eine solche Begegnung nicht aus und hoffen sehr, dass sie stattfindet. Papst Benedikt XVI. versteht die Probleme gut, er dringt nicht auf ein voreiliges Treffen mit dem Patriarchen, schon gar nicht auf eine Reise nach Russland, wie es sein Vorgänger tat. Dafür sind wir ihm dankbar, wir verfolgen seine Aussagen und unterstützen ihn, wenn er für traditionelle christliche Werte eintritt. Eine Begegnung, die sich nur auf ein Händeschütteln vor den Fernsehkameras beschränkt, interessiert uns nicht.
SPIEGEL: Worum geht es Ihnen?
Ilarion: Wir wollen einen Durchbruch in unseren Beziehungen. Wenn sich die Lage in der West-Ukraine radikal verbessert, wenn Katholiken und Orthodoxe erklären, dass sie keine Konkurrenten sind, die einander Gläubige abspenstig machen, werden sich der Patriarch und der Papst treffen können. Wir sind Bündnispartner und stehen vor der gleichen Herausforderung: einem aggressiven Säkularismus.
SPIEGEL: Der aus Ihrer Sicht eher im Westen anzutreffen ist. Oder auch in Russland?
Ilarion: Im Westen. In Russland ist dieser aggressive Säkularismus keine Staatsideologie. Es gibt ihn, aber unsere Gläubigen widerstehen ihm, sie treten für traditionelle Werte wie Familie, Mutterschaft und den Wert des Lebens ein.
SPIEGEL: Woran stoßen Sie sich denn am meisten, wenn Sie an den Westen denken?
Ilarion: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg beispielsweise will verbieten, in italienischen Schulräumen das Kruzifix aufzuhängen. Da werden traditionelle christliche Werte mit Füßen getreten.
SPIEGEL: Es geht um Gleichberechtigung. Dann muss ein muslimisches Mädchen auch mit dem Kopftuch zur Schule kommen dürfen.
Ilarion: Warum nicht? Es gibt aber etwas, was wir die Religion der Mehrheit nennen. In Saudi-Arabien ist das der Islam, in Russland die Orthodoxie. In Kursk haben kürzlich 60 000 Menschen die Rückführung einer wundertätigen Gottesmutter-Ikone aus dem Ausland gefeiert. Und am 4. November, dem Tag der nationalen Einheit in Russland, haben wir mit Vertretern anderer Religionen eine Prozession auf dem Roten Platz in Moskau veranstaltet. Der Patriarch ging in der ersten Reihe, die Spitzen des Islam, der jüdischen Gemeinde und der Buddhisten in der zweiten. Das war als sichtbares Symbol gedacht: Russland ist eine multikonfessionelle Gesellschaft, der Patriarch aber Oberhaupt der vorherrschenden Religion. Er eint unsere Gläubigen und fördert die Zusammenarbeit der Religionsgemeinschaften. Der Patriarch muss der geistige Führer des ganzen Volkes sein, nicht nur der orthodoxen Gläubigen.
SPIEGEL: Der neue Patriarch Kirill ist neben Präsident Dmitrij Medwedew und Premierminister Wladimir Putin zur mächtigsten Figur Russlands aufgestiegen. Das bedroht die Trennung von Kirche und Staat.
Ilarion: Nein. Wir mischen uns nicht in die Politik ein und geben keine Wahlempfehlungen. Die Kirche ist offen für Menschen verschiedener politischer Überzeugungen.
SPIEGEL: In Russland wird gegenwärtig heftig über die Rolle Stalins diskutiert. Wie bewertet Ihre Kirche diese Debatte?
Ilarion: Wir müssen der historischen Wahrheit ins Auge blicken. Die Beweise für die Massenrepressionen unter Stalin sind erdrückend. Die genaue Zahl der Opfer werden wir wohl nie feststellen können, aber es waren Millionen: Menschen, die erschossen wurden, denen ihr Eigentum weggenommen wurde, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Das war ein Unterdrückungsregime, welches das eigene Volk vernichtete.
SPIEGEL: Immer wieder ist das Argument zu hören, Stalin hätte seine Verdienste gehabt.
Ilarion: Die Verbrechen, die ich aufgezählt habe, können dadurch nicht aufgewogen werden. Auch der Sieg im Zweiten Weltkrieg reicht dafür nicht. Den Sieg hat nicht Stalin errungen, sondern das Volk.
INTERVIEW: MARTIN DOERRY,
CHRISTIAN NEEF, MATTHIAS SCHEPP
Von Martin Doerry, Christian Neef und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 51/2009
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