14.12.2009

ESSAYHOLOCAUST ALS KARRIERE

VÖLKERMORD: „DUCH“, EICHMANN UND DIE BANALITÄT DES BÖSEN
Die Weltgemeinschaft und das kambodschanische Volk gegen Kaing Guek Eav, 67, genannt "Duch", den Funktionär der Roten Khmer und Leiter des ehemals schlimmsten Foltergefängnisses von Phnom Penh: Die Schlussplädoyers wurden Ende November gehalten, das Urteil in diesem spektakulären Prozess dürfte bald fallen - auf jahrzehntelange Haft werden die Richter in Phnom Penh wohl entscheiden. Recht vollzogen. Der Täter weggesperrt. Ein Kapitel geschlossen. Aber ist der Völkermord, dem in den Zeiten des Grauens von April 1975 bis Januar 1979 fast ein Viertel der Bevölkerung Kambodschas zum Opfer fiel, damit wirklich sinnvoll aufgearbeitet? Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Männern, die Genozide anordnen, einen Kern des absolut Bösen, den man herausschälen kann aus ihren Charakteren und Karrieren - lässt sich mithin das Verbrechen gegen die Menschlichkeit sezieren, einordnen, auf diese Weise seine Wiederholung vermeiden?
Der Angeklagte Duch, der da in Phnom Penh mal unterwürfig, mal provozierend Rede und Antwort steht und dabei so deprimierend durchschnittlich wirkt - er ist bei näherem Hinsehen jedenfalls eines nicht: einmalig. Er gleicht einem NS-Schergen, dem Anfang der sechziger Jahre der Prozess gemacht wurde - wegen seiner Mitschuld am Tod von sechs Millionen Juden. Kaing Guek Eav alias Duch ist so etwas wie ein zweiter Adolf Eichmann. Der Lebensweg des Rote-Khmer-Funktionärs, seine methodisch und ohne Anflüge von Mitleid durchgeführten Taten, sein Lavieren beim Prozess zwischen grundsätzlichem Bedauern für die Opfer und weggeschobener Verantwortung als "Rädchen im Getriebe" - all das erinnert stark an den Nazi-Funktionär. Und ähnlich wie das Gerichtsverfahren 1961 gegen den SS-Obersturmbannführer in Jerusalem trotz bester Absichten der Ankläger, trotz starker Anteilnahme Betroffener zu einer verpassten historischen Chance wurde, droht nun auch der Prozess von Phnom Penh im Spätherbst 2009 zu scheitern.
Kaing Guek Eav, Sohn eines Bauern, war zeitlebens ein Musterschüler. Einer, der auf Präzision und Logik Wert legte und deshalb die Mathematik als Lieblingsfach wählte. Einer, dem die klare Trennung der Rote-Khmer-Ideologen in nützliches Leben und zu vernichtendes Leben sehr einleuchtete. So wie eine Generation zuvor Adolf Eichmann. Der Sohn eines Buchhalters aus Solingen war keine intellektuelle Leuchte, schmiss Schule und Lehre. Er war aber bauernschlau genug, um zu begreifen, dass sein Aufstieg an einer Institution hing, die sich um ihn kümmerte und der er sich im Gegenzug bedingungslos verschrieb: "seiner" NSDAP. Die beiden haben ihre Führer nie persönlich kennengelernt: Duch traf nicht Pol Pot, den "Bruder Nummer eins"; Eichmann nicht Hitler. Sie haben sich in verantwortungsvolle Positionen hineingedient: Der Khmer stieg über subalterne Verwaltungstätigkeiten zum Kommandanten von Tuol Sleng auf, dem ab 1975 wichtigsten KZ; der Deutsche über den Sachbearbeiter für jüdische Angelegenheiten zum Protokollführer bei der Wannseekonferenz 1942 und dann zum technischen Organisator der "Endlösung" in Ungarn. Nirgendwo in ihren akribischen Aufzeichnungen findet sich ein Hinweis auf Zweifel. Sie taten, glaubten sie, ihre Pflicht.
Seltsame Parallelen, auch als beider Welt zusammenbrach. Sie handelten weiter so, wie sie vorher den Massenmord betrieben hatten: kühl bis ins Herz, systematisch abwägend, kaltblütig. Duch schafft im Januar 1979, als die Vietnamesen dem grausamen Spuk der Roten Khmer durch ihre Invasion in Kambodscha ein Ende machen, im letzten Moment den Absprung. Er taucht unter und konvertiert zum Christentum. Dass es ihm wirklich ernst ist mit dem neuen Glauben, dürfte unwahrscheinlich sein; dass er mögliche weltliche Richter mit Weihrauch zu benebeln trachtete, schon plausibler. Jedenfalls hat Duch nie daran gedacht, sich zu stellen. 1999 wird der Ex-Kommandant durch Zufall von einem Journalisten entdeckt. Konfrontiert mit Beweisen aus seiner Vergangenheit, weiß er, dass sein Spiel aus ist - und legt sich noch in den Minuten seiner Enttarnung die Verteidigungsstrategie zurecht: "Ich wollte nichts anderes sein als ein guter Kommunist." Duch wird zum Musterhäftling, wie immer ein Vorgesetztentraum. Noch fast ein Jahrzehnt sollte es dann dauern, bis Premier Hun Sen, selbst ein ehemaliger Roter Khmer, den Weg zu einem von der Uno mitbestimmten Prozess frei machte.
Eichmann entkommt 1945 aus einem amerikanischen Internierungslager, arbeitet unter falschem Namen als Holzfäller in der Lüneburger Heide. Ihm gelingt mit Hilfe katholischer Geistlicher die Flucht entlang der "Rattenlinie" nach Argentinien - kein Zweifel übrigens, dass der Vatikan wusste, wem er da half. Allein schon der Gedanke, sich zu stellen, muss ihm absurd vorgekommen sein. In Buenos Aires, wo der SS-Mann als Schweißer bei Mercedes-Benz arbeitet, wird er schließlich von israelischen Agenten aufgespürt und 1960 in einem abenteuerlichen Kommando-Unternehmen nach Israel verschleppt.
Wie man sich einen beruflich geprägten Abend Eichmanns 1944 zu denken hat, schildert der Endlöser selbst: "Man aß ein bescheidenes Abendbrot, trank ein Glas ungarischen Weines dazu, und im Laufe des Gesprächs teilte ich mit, dass Himmler es gerne sehen würde, wenn die Juden in Budapest ghettoisiert und dann nach Auschwitz verbracht würden." Wie man sich einen privaten Abend bei Eichmanns im Exil vorstellen muss, wissen wir dank der Observierung durch die israelischen Spione. Der Mann, der Hunderttausende per Federstrich in den Tod schickte, ist noch einmal Vater geworden, Kind vier war ein Sohn, den er offensichtlich sehr verwöhnte. "Er hob den kleinen Jungen hoch, wirbelte ihn herum, kroch neben ihm auf allen vieren. Beide lachten", erzählt Mossad-Agent Peter Malkin. Eichmann konnte Dinge präzise voneinander trennen. Fürsorglicher Familienmensch in der einen Stunde sein, funktionierende Judenvernichtungsmaschine in der nächsten.
Auch Duch hat vier Kinder, seine jüngste Tochter wird 1978 geboren, als ihr Erzeuger die letzten der etwa 14 000 Tuol-Sleng-Häftlinge auf den Killing Fields liquidieren lässt - die Kleinkinder werden mit dem Kopf voran gegen einen Baum geschleudert, die Erwachsenen mit Eisenstangen totgeschlagen; Duch will Kugeln sparen. Sein Berufsalltag ist dem von Eichmann vergleichbar: Der Kambodschaner ist allerdings direkter mit den Opfern konfrontiert, muss die Fenster schließen, wenn er die Schreie der Gefolterten nicht hören will. Beruflich ist bei ihm wie im Job des Obersturmbannführers vor allem Papierkram zu erledigen, die Katalogisierung der Todgeweihten, der ewig gleiche Eintrag in Rot, am Rand der Gefangenenakte: "Auslöschen". Wie waren Duchs Abende im Familienkreis? Eines Tages ließ er Nhem En, den KZ-Fotografen, zu einem privaten Termin abkommandieren; der Boss wollte unbedingt die Fröhlichkeit der Familie nach der Geburt der Tochter dokumentiert haben. Duchs Frau arbeitete in einem Hospital nahe dem Folterlager; ihre Aufgabe: Menschenleben retten. Ihr Gatte, der Folterchef, sollte Menschen vernichten. Gemeinsam schauten sie abends nach den Kindern, glaubt man dem Duch-Intimus. Gespenstisch gemütlich.
Nichts ist entlarvender als das Verhalten der Herren Eichmann und Kaing vor Gericht. Beide geben nur zu, was nicht zu leugnen ist. Beide sehen ihre Schuld allenfalls peripher - lassen sich von ihren Anwälten als Schreibtischtäter verteidigen, als gezwungen durch einen Befehlsnotstand, der wie eine Art Naturgesetz über sie hereinbrach. Blut an den eigenen Händen konnten und wollten sie nicht sehen.
"Ich habe nie einen Juden getötet, auch keinen Nichtjuden, gar keinen Menschen ... Unsere Arbeit bestand ja nur aus Schreiberei ... Ich hatte zu gehorchen", sagt Eichmann 1961 beim Verhör in seinem Glaskasten im Jerusalemer Gericht und plädiert in allen Punkten der Anklage auf "nicht schuldig". In den Protokollen steht freilich auch, dass er in Minsk Exekutionen beiwohnte - und tatsächlich ein bisschen erschrak. Verarbeitet hat er das Erlebnis nicht. Der Mitmanager des Massenmords schob den Holocaust von sich weg, das hätten andere, die Oberen, zu verantworten. Er habe nur funktioniert. "Reue hat gar keinen Zweck, Reue ist etwas für kleine Kinder", sagt Eichmann beim Kreuzverhör. Sein Angebot an die Vernehmer, sich selbst öffentlich zu erhängen, "wenn es einen größeren Akt der Sühneleistung bedeutet", meinte er als makabre Pointe, als Show der Selbstaufopferung: Kabarett statt Katharsis. Damit keine Wallfahrtsstätte für Ewiggestrige entstehen kann, verstreuen die Israelis Eichmanns Asche am 1. Juni 1962 über dem Mittelmeer.
Nicht viel erhellender ist das Auftreten des Angeklagten Duch vor dem Phnom Penher Tribunal in diesen Tagen. Er bedauert "zutiefst" die Grausamkeiten des Regimes, wischt sich schon mal bei seiner "Bitte um Vergebung" Tränen aus dem Gesicht, biedert sich beim Zeugen Bou Meng an, einem der nicht einmal zehn Überlebenden von Tuol Sleng, dessen Frau zu den Ermordeten gehört: "Ich sende der Seele Ihrer Gattin meinen Respekt." Fast beiläufig lädt er die Angehörigen seiner Opfer dazu ein, ihn doch im Gefängnis zu besuchen, sein "wahres Ich" kennenzulernen - und ist sich offensichtlich noch nicht einmal bewusst, wie ungeheuerlich sein Ansinnen in den Ohren der Betroffenen klingen muss. Sie sollen ihm bestätigen, was er von sich selbst glaubt: dass er ein geläuterter Mensch geworden sei. "Ich erhielt Befehle, die Partei zu säubern - das Böse frisst eben das Böse", schwadroniert der Schreibtischtäter. Und findet dann eine Formulierung, die auch Eichmann, dem Mustermann des Mittelmaßes, gefallen hätte: "Ich war ein Instrument der Rote-Khmer-Führung, meinen Chefs so treu ergeben wie ein deutscher Schäferhund seinem Herrn." In seinem Schlusswort vor dem Gericht plädiert der Angeklagte auf Freilassung.
Was lässt einen Menschen so verrohen wie diesen Duch, der in seinem Tagebuch sieben Zeilen Bedauern über den ungewollten Tod einiger Hühner zu Papier bringt, aber das durch Folter forcierte Ende von 14 Gefangenen nur mit zwei Zeilen würdigt? Was hat einen Eichmann so unempfindlich gegenüber dem Leid seiner Mitmenschen gemacht? Gängige Erklärungsmuster greifen bei den beiden nicht. Sie wuchsen weder verwahrlost auf, noch hat sie die Gesellschaft in Jugendjahren mit Ungerechtigkeiten gebrandmarkt, die ihre Moralvorstellungen zusammenbrechen lassen mussten. Eichmann erhielt eine christliche Erziehung in einer Mittelklasseumgebung, Duch wurden von seinen einfachen, aber rechtschaffenen Eltern buddhistische Ideale wie Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe eingeimpft.
Die Wurzeln des Bösen: Gottesfürchtige Philosophen wie agnostische Wissenschaftler haben sie seit Menschengedenken zu ergründen versucht. Der Kirchenlehrer Augustinus formulierte bereits im vierten Jahrhundert die Idee, "das Böse" sei durch den freien Willen des Menschen in die Welt gekommen. In der Gegenwart suchen nun auch Neurowissenschaftler nach der Signatur des Bösen. Manche glauben, durch die bei manchen Gewalttätern gefundenen vergleichbaren Auffälligkeiten in den Gehirnen auf so etwas wie die Zwangsläufigkeit einer Verbrecherkarriere schließen zu können - der Mörder sozusagen genetisch entlastet.
Ob das generell Unsinn ist, sei dahingestellt: Bei Eichmann und Duch jedenfalls lässt sich die Unfähigkeit zur Mitmenschlichkeit, das Fehlen jeder Empathie und der Bruch jeder moralischen Norm sicher nicht auf einen angeborenen Schaden im Stirnlappen zurückführen. Sie haben sich eine herrschende Ideologie zu eigen gemacht - das Verdikt gegen die "Untermenschen" bei den Nazis, das Propagieren eines "neuen Menschen" bei den Roten Khmer. Dass sie sich anpassten wie so viele Nichthelden in diesen Zeiten, kann man ihnen kaum zum Vorwurf machen. Dass die Buchhalter des Todes aber alles dafür taten, dass die Mordmaschinerie durch sie besser funktionierte und ihnen damit Aufstiegschancen erstanden, ist unverzeihlich. Das Böse war für Adolf Eichmann und Kaing Guek Eav zuallererst - ein Erfolgsmodell. Der Holocaust - eine Karriere.
Und deshalb ist auch nichts dran an Duchs Argumentation im Gerichtssaal, er habe als Handlanger des Apparats gar keinen Handlungsspielraum gehabt. Duch wusste, dass die Partei überall "Regimegegner" witterte und von ihm Beweise dafür wollte. Hätte er viele der in Tuol Sleng eingelieferten Verdächtigen freigelassen, wäre er womöglich exekutiert worden. In vorauseilendem Gehorsam aber übererfüllte der Kosten-Nutzen-Rechner sein Plansoll und verfasste sogar einen Vorschlag an die Parteichefs, wie das "reinigende Blutbad" intensiviert werden sollte. "Der finale Plan" nannte er sein Pamphlet - unverkennbar schon die sprachliche Nähe zur "Endlösung".
Auch bei Eichmann zieht die Selbstverteidigung nicht, nur ein Rädchen im Getriebe der wirklich Mächtigen gewesen zu sein. Das Gericht in Jerusalem konnte ihm nachweisen, dass er die erhaltenen Befehle so weitgehend und grausam wie nur möglich interpretierte. Der Historiker Raul Hillberg beschreibt die besondere Rolle der Bürokraten für die Durchführung des nationalsozialistischen Genozids: "Nichts war so unabdingbar wie die Notwendigkeit, dass der einzelne Bürokrat in der Lage war, günstige Gelegenheiten und ,Erfordernisse' zu erkennen, Ideen und Initiativen zu entwickeln." Das trifft auf Eichmann wie auf Duch zu. Kadavergehorsam ist für einen Völkermord eine Grundvoraussetzung - aber es sollte in gehobenen Positionen schon ein kreativer Kadavergehorsam sein.
Bleibt also als Erklärungsmuster des Unfassbaren allenfalls die "Banalität des Bösen", wie Hannah Arendt formuliert hat?
Die Philosophin, die selbst nur knapp den Gaskammern entgangen war, prägte als Prozessberichterstatterin in Jerusalem damit eine der griffigsten, kontroversesten und am meisten missverstandenen Sprachwendungen der Geschichte. Israelische Politiker liefen unmittelbar nach der Veröffentlichung empört Sturm. Und gerade jetzt wieder wird die 1975 verstorbene Arendt als antisemitische Jüdin verunglimpft, auch die Nähe zu ihrem mit dem NS-Regime verstrickten Lehrer und Liebhaber Martin Heidegger dient dabei als Beleg. Manche wärmen die alten Vorwürfe auf, die Philosophin habe die Schoah verharmlosen wollen. Dabei hat sie mehr begriffen als ihre Kritiker - nämlich dass es ein Irrweg ist, den Judenmord als eine Art metaphysisches Geschehen zu deuten und Eichmann zu einem Dämon zu machen. Sie hat erkannt, dass man monströse Verbrechen begehen kann, ohne ein satanischer Übermensch zu sein. Und dass, weil dies so ist, auch das ungeheuerliche Verbrechen an den Juden einen politisch-historischen Kontext hat.
Opfer-Angehörige werden nur schwer akzeptieren können, wie erschreckend normale Menschen so erschreckend perverse Taten begehen können. Wenn ohne Begrenzung durch Moral, Glauben und Zivilisation grausamste Taten begangen werden, scheint alles seinen Sinn zu verlieren. Aber wer die totalitäre Herrschaft wie Arendt als Angriff auf das Wesen des Menschen begreift, wird nicht überrascht sein, dass sich die Schoah zwar nicht wiederholen, der Völkermord aber in immer neuen Variationen wieder auftreten kann. Dass der Tod nicht (nur) ein Meister aus Deutschland ist, entlastet uns nicht vom Erbe der Nazi-Zeit, und es relativiert nichts. Es könnte uns aber womöglich helfen, dem "Teuflischen mit kühlem Kopf zu begegnen", wie es der Dresdner Historiker Klaus-Dietmar Henke formuliert. Und Instrumentarien zu entwickeln, die Genozide verhindern helfen.
Eine Nation, die beanspruchte, Erbe der Opfer und gleichzeitig ihre Verkörperung zu sein, hätte sich nach Ansicht des ehemaligen Knesset-Sprechers Avraham Burg nicht zum Richter machen sollen. Eine internationale Gerichtsbarkeit wäre besser gewesen, war aber sicher illusorisch: "Der Staat Israel wollte Rache nehmen und als Erzieher der Welt auftreten ... Wir verstanden die Schoah als ausschließlich uns betreffend, nationalisierten, monopolisierten sie", formuliert er im Rückblick sehr hart. Aber auch Burg gibt zu, dass das Verfahren etwas Befreiendes hatte: "Zum ersten Mal konnten die Erwachsenen offen über das sprechen, was sie sonst nur in ihren Alpträumen immer wieder durchlebten."
Das heutige Kambodscha-Tribunal schließt die Todesstrafe aus und erhebt sich so schon moralisch über die Täter und deren Blutrausch. Doch die "Außerordentlichen Kammern" von Phnom Penh haben andere Nachteile. Korrupte Offizielle in Phnom Penh besetzen die Posten und versuchen, die Aufarbeitung der Geschichte auf wenige Fälle zu beschränken und damit davon abzulenken, dass ehemalige Rote Khmer noch immer Regierungsämter in Phnom Penh innehaben. Fraglich, ob es noch zu Verfahren gegen die greisen Rote-Khmer-Führer der ersten Garnitur kommt: gegen Nuon Chea, die ehemalige Nummer zwei des Regimes, gegen den Ex-Staatschef Khieu Samphan sowie die Minister Ieng Sary und Ieng Thirith.
Nach einer zögerlichen Anfangsphase hat das Volk begonnen, Anteil an dem Duch-Prozess zu nehmen. Mehr als 50 Zeugen wurden gehört, fast 25 000 Menschen verfolgten die Verhöre im Zuschauersaal des Tribunals; Millionen lauschten den Übertragungen im Radio. "Für mich war es schon ein Triumph, diesen einst so arroganten, allmächtigen Funktionär hilflos auf der Anklagebank zu sehen", sagt eine Kambodschanerin, die in der dunklen Zeit viele Verwandte verloren hat. Sie wünscht sich, dass Duch in der Haft "verrotten" und hinter Gittern sterben möge.
Letzteres ist nicht ganz sicher. Ein psychiatrisches Gutachten, das vom Gericht angefordert wurde und dem SPIEGEL vorliegt, kommt zu erstaunlichen Erkenntnissen. Duch sei für seine Taten zwar verantwortlich, er sei "penibel, gewissenhaft, kontrollorientiert" und habe es gleichwohl geschafft "sich in eigener Sache mächtige Verteidigungsmechanismen zurechtzulegen, besonders durch selektive Wahrnehmung von Fakten". Aber die Experten kommen zu einem verstörenden Urteil: Aus Sicht der Psychologen kann der Kommandant von Tuol Sleng eines Tages resozialisiert und wieder in die Gesellschaft integriert werden. Ob man ihn freilasse, "hängt natürlich auch von anderen als ärztlichen Überlegungen ab".
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 51/2009
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