14.12.2009

„Du bist in meinen Augen“

Global Village: Wie ein Koreaner türkischen Kurden ihre eigene Sprache näherbringt
Es ist später Nachmittag, kurz vor der Dämmerung, als Han Sang Jin auf der Mauer der alten römischen Befestigungsanlage steht. Nachdenklich blickt er auf die Stadt, in der er nun seit über fünf Jahren lebt, er sieht erschöpft aus und ein bisschen traurig, ein schmaler Mann mit Kinnbärtchen und Brille, die Hände tief im Wintermantel vergraben.
Fünf Jahre also schon. Und dann auch noch in Diyarbakir. Es dürfte fröhlichere Orte geben als die graue Kurden-Metropole am Tigris, in der sich in diesen Tagen Polizisten und PKK-Anhänger wieder einmal Straßenschlachten liefern und die Türkei einer neuen Eskalation im Kurden-Konflikt entgegenzusteuern scheint.
Es ist ein Ort, von dem man ahnt, dass es an ihm bald noch ungemütlicher zugehen könnte - jetzt, da alle mit einem Verbot der Kurden-Partei DTP rechnen, der wichtigsten Interessenvertretung der Kurden in der Türkei.
Aber natürlich hat es einen Sinn, dass das Schicksal ihn, den 43 Jahre alten Friedensaktivisten aus Südkorea, ausgerechnet hierher in den rückständigen Südosten der Türkei verschlagen hat. Er, der Soziologe, der in einem anderen Leben Software-Spezialist war, hat es so gewollt, er ist über die Jahre ein Teil dieser Welt geworden. Er spricht die Sprache der Kurden, und er hat hier Freunde gewonnen, sie laden ihn zum Opferfest ein und zu Newroz, dem kurdischen Neujahrsfest. Er war sogar mal in ein kurdisches Mädchen verliebt.
Das Problem ist, dass es im Moment wieder einmal besonders schlecht steht um den kurdischen Patienten. Und das, obwohl doch in diesem Jahr alles besser werden sollte, ja die türkische Regierung sogar versprochen hatte, das Kurden-Problem endlich lösen zu wollen. Nun treiben Gerüchte um Misshandlungen des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan erneut Zehntausende Kurden auf die Straßen. "Wie werden diese Leute erst auf ein Verbot der DTP reagieren, wann kommt der Südosten endlich zur Ruhe?", fragt Han Sang Jin.
"Das ist doch Herr Han", ruft ein Lehrer und reißt ihn aus seinen Gedanken. Eine Schulklasse hat ihn entdeckt, er ist hier eine lokale Berühmtheit, sie stürmen die alten Stadtmauern hinauf. "Leute, schaut mal, dieser Mann ist aus Korea, und er spricht besser Kurdisch als ihr!"
Ein kurdisch sprechender Koreaner! Das ist eine Sensation in einem Landstrich, in dem es kaum Ausländer gibt. Aber Han Sang Jin hat sich daran gewöhnt, ein Exot zu sein, er registriert die neugierigen Blicke kaum noch, auch die aufdringlichen Kinder im Viertel stören ihn nicht mehr. Er will nicht zu viel Aufhebens um sich machen. Es gehe nicht um ihn, sagt er, sondern um die Sache.
Es gehe um den Frieden.
"Wir Koreaner sind zu sehr mit unserem eigenen Konflikt beschäftigt", sagt er. "Ich habe immer gedacht, wenn sich alle südkoreanischen Friedensaktivisten auf die Versöhnung mit Nordkorea konzentrieren, sollte wenigstens ich mich mit dem Rest der Welt beschäftigen."
Als Mitglied einer internationalen Friedensgruppe flog Han Sang Jin 2003 nach Bagdad, aus Protest gegen Südkoreas Beteiligung am Irak-Krieg. Den Job bei einer Software-Firma hatte er zuvor an den Nagel gehängt und seine erschrockene Mutter daran erinnert, was sie ihm doch stets geraten habe: Tu das, wozu du dich berufen fühlst. Er fühlte sich berufen, Friedensaktivist im Nahen Osten zu sein.
Nach dem Sturz Saddam Husseins blieb er im Irak. Bis ein Südkoreaner von Islamisten entführt und enthauptet wurde. Bis seine Regierung allen Landsleuten davon abriet, sich im Irak aufzuhalten. Doch Han Sang Jin wollte nicht nach Hause. Er wollte in der Region bleiben. Er reiste in die Türkei, nach Diyarbakir.
Er wollte mehr über den Kurden-Konflikt erfahren, über ein Volk, von dem die meisten Koreaner nicht einmal wissen, dass es existiert. Dazu, so sagte er sich, müsse er erst Kurmandschi lernen, den wichtigsten Dialekt der türkischen Kurden, den sie auch in Diyarbakir sprechen. Ein raues Idiom, sagt Han Sang Jin. Aber voller Bilder, voller Metaphern.
"Sarçawan", sagen sie hier zur Begrüßung: "Du bist in meinen Augen." Die Gegrüßten erwidern darauf: "Mögen deine Augen nicht schmerzen."
Er brauchte drei Jahre, um sich die Sprache anzueignen. Er lernte Tag und Nacht, obwohl er nicht mal ein Wörterbuch besaß. Aber er hörte zu, er machte sich Notizen, er entwickelte sein eigenes System. Zum Schluss wurde er so gut, dass er sogar Taxifahrer zu korrigieren begann, wenn diese mal schlechtes Kurdisch sprachen. Freunde ermahnte er, reines Kurmandschi zu sprechen, ohne türkische Füllwörter. Irgendwann sprach sich herum, dass der seltsame Koreaner ein Gespür für Kurmandschi besitze. Man lud Han Sang Jin ins Rathaus ein, er sollte Plakate übersetzen, für den Internationalen Frauentag, schließlich gab er sogar privaten Sprachunterricht in seiner kleinen Dreizimmerwohnung.
Die Sprache, sagt Han Sang Jin, sei jetzt der eigentliche Grund für ihn, in Diyarbakir zu bleiben. Sie weiterzugeben sei seine Art von Friedensarbeit.
Mit Müside Kaya, einer guten Freundin, 75 Jahre alt, hat er darüber neulich wieder gesprochen. Sie erzählte ihm von jenen nicht allzu fernen Tagen, an denen sie noch auf offener Straße von Polizisten verprügelt wurde, nur weil sie es wagte, Kurdisch zu sprechen. Immerhin könne sie jetzt ungestört mit dem netten Ausländer plaudern, das sei doch schon ein Fortschritt.
Wie sonst solle er sich denn mit ihr unterhalten, antwortete Han Sang Jin. Er habe es in den fünf Jahren seines Türkei-Aufenthalts verpasst, auch noch Türkisch zu lernen. DANIEL STEINVORTH
Von Daniel Steinvorth

DER SPIEGEL 51/2009
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